{"id":671,"date":"2016-04-09T14:20:11","date_gmt":"2016-04-09T12:20:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=671"},"modified":"2016-04-09T14:24:30","modified_gmt":"2016-04-09T12:24:30","slug":"perlen-des-nordens","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/04\/09\/perlen-des-nordens\/","title":{"rendered":"Perlen des Nordens"},"content":{"rendered":"<p>audite 92.651, 92. 579, 92.669, 92.670, 92.671<\/p>\n<p>EAN: 4 022143 926517, 4 022143 925794, 4 022143 926692, 4 022143 926708, 4 022143 926715<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/0040-1.jpg\" rel=\"attachment wp-att-674\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone  wp-image-674\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/0040-1-300x200.jpg\" alt=\"0040\" width=\"488\" height=\"325\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/0040-1-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/0040-1-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/0040-1-1024x683.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 488px) 100vw, 488px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>F\u00fcr audite spielt Eivind Aadland mit dem WDR Sinfonieorchester K\u00f6ln das gesamte symphonische Werk des gro\u00dfen norwegischen Nationalkomponisten Edvard Hagerup Grieg ein. Auf 5 CDs finden sich die Symphonischen T\u00e4nze Op. 64, die Peer Gynt-Suiten Op. 46 und 55, der Trauermarsch f\u00fcr Richard Nordraak, Zwei Elegische Melodien Op. 34, Aus Holbergs Zeit Op. 40, Zwei Melodien Op. 53 f\u00fcr Streichorchester, Zwei Nordische Melodien Op. 63, die Konzertouvert\u00fcre Im Herbst Op. 11, die Lyrische Suite Op. 54, Klokkeklang Op. 54 No. 6 (nicht in die viers\u00e4tzige Suite aufgenommen), Altnorwegische Romanze mit Variationen Op. 51, Drei Orchesterst\u00fccke aus &#8222;Sigurd Jorsalfar&#8220; Op. 56, die fr\u00fche Symphonie c-Moll, das Klavierkonzert a-Moll Op. 16, Musik zu Henrik Ibsens Peer Gynt Op. 23, sechs Orchesterlieder, zwei Lyrische St\u00fccke, Der Einsame (Den Bergtekne) Op. 32 und die von Hans Sitt orchestrierten Norwegische T\u00e4nze Op. 35 (von Grieg autorisiert). Nicht dabei sind die symphonischen Werke mit Chorbesetzung wie Landerkennung und Olav Trygvason sowie die B\u00fchnenmusik zu Peer Gynt in ihrer vollst\u00e4ndigen Form.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kaum ein anderer Komponist mag uns heute so unmittelbar zu verzaubern wie der gro\u00dfe Norweger Edvard Hagerup Grieg. Er trifft genau den Nerv unserer Zeit. Seine Schlichtheit, seine Nat\u00fcrlichkeit und seine Naturverbundenheit, unzertrennlich mit dem Gef\u00fchl von Freiheit und Sehnsucht geeint, sprechen den heutigen H\u00f6rer direkt an, und so geh\u00f6ren nicht zu Unrecht die Peer Gynt Suiten (vor allem die erste), das Klavierkonzert oder die Lyrischen St\u00fccke f\u00fcr Klavier zu den meistgespielten St\u00fccken \u00fcberhaupt. Zwar gab es eine Zeit, in der Grieg nur wenig rezipiert wurde, und es schrieb beispielsweise Klaus Wolters 1967 in seinem Handbuch der Klavierliteratur, Grieg sei von der alten Generation noch geliebt worden und nun als &#8222;Eintagsfliege&#8220; verschwunden, da seine Musik schlicht nicht mehr anspreche, doch: er kehrte wieder und das mit aller Macht. Immer mehr neue Einspielungen gibt es von seinem breiten \u0152uvre, Gesamtaufnahmen von Klavier-, Kammermusik-, Lied- oder Orchesterwerk, und in den Konzerts\u00e4len sind manche Werke absolute Dauerbrenner &#8211; und das, obwohl Grieg von sich selber sagte, er werde in 100 Jahren vollkommen vergessen sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch gibt es noch immer Vorurteile, die Grieg falsch interpretieren. So stellt man sich den Norweger heute meist nur als alten Mann mit Schnauzer und Hirtenstock vor, wie er gl\u00fccklich auf seinem Fjord sitzt und so sch\u00f6ne wie harmlose Miniaturen verfasst. Wahr ist an diesem Bild eigentlich nur der Schnauzbart, und der Komponist war ein Leben lang von schwerer Krankheit gezeichnet &#8211; fr\u00fch schon verlor er einen Lungenfl\u00fcgel und hatte bis zu seinem Tod st\u00e4ndige Atemn\u00f6te -, war gepr\u00e4gt von famili\u00e4ren Krisen (das lange Verbot der Eltern einer Heirat mit seiner Cousine Nina Hagerup, der Tod seiner Tochter Alexandra, kurz darauf der Tod beider Eltern, Probleme mit Nina und Ger\u00fcchte um Ehebruch von beiden Seiten aus bis hin zu einer l\u00e4ngeren Trennung des Paares, der Suizid seines Bruders etc.) und k\u00e4mpfte mit st\u00e4ndigen Selbstzweifeln und einem geradezu destruktiven Perfektionismus. Seine Werke \u00fcberarbeitete er teils unz\u00e4hlige Male, im Falle der Orchestration seines Klavierkonzerts sogar bis zu seinem Tod immer wieder aufs Neue, seine Symphonie zog er vor der Urauff\u00fchrung als Gesamtwerk zur\u00fcck und verbot jegliche Auff\u00fchrung, zu welcher es erst 1980 in Russland durch einen klassischen \u201eKulturraub\u201c kam. Und auch das Klischee eines Kleinmeisters ist letztlich nicht ausreichend, denn obgleich Grieg unz\u00e4hlige Klavierminiaturen und eine mit Schubert zu vergleichende Anzahl an Liedern schuf, gingen auch viele gro\u00dfe und bedeutende Werke aus seiner Feder hervor: F\u00fcnf grandiose Sonaten schuf er, besonders die drei f\u00fcr Violine und Klavier sind bemerkenswert, eine Ballade, die denen von Chopin in nichts nachsteht und diese gar hinsichtlich innerer Bez\u00fcge, L\u00e4nge, pianistischer Schwierigkeiten, Gesamtwirkung und Stringenz zu \u00fcberbieten versucht, die hier vorliegende Symphonie und das Klavierkonzert sowie ein \u00fcberw\u00e4ltigendes Streichquartett in g-Moll, quasi Schwesterwerk zur Ballade, um nur einige dieser Werke zu nennen. Nicht zuletzt wird Grieg vorgeworfen, zu abh\u00e4ngig den Traditionen verbunden geblieben zu sein ohne Sinn f\u00fcr Moderne und Fortschritt. Grieg war tats\u00e4chlich einigen Neuerern abgeneigt und sagte gar nach einer Auff\u00fchrung von Strauss&#8216; Salome, er habe zu lange gelebt und die Musik habe ihn \u00fcberholt, doch als Reaktion\u00e4r kann er deshalb keinesfalls bezeichnet werden. Ganz im Gegenteil, gerade in Bezug auf die Harmonik war er fortschrittlicher als die meisten wissen, so beginnt beispielsweise die &#8222;Illusion&#8220; mit einem \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Dreiklang-Akkord und in der Ballade wird ein Durseptakkord in zweiter Umkehrung gegen alle Regeln zehn Mal chromatisch nach oben ger\u00fcckt, \u00e4hnliches findet sich in der Flucht vor den Trollen in der Schauspielmusik zu Peer Gynt. So mag es nicht verwundern, dass Debussy immer wieder Griegbez\u00fcge aufweist (teils ganz deutliche wie zu Beginn seines Doktor Gradus Ad Parnassum, wo er unverkennbar auf den Beginn der Holberg-Suite anspielt) und Ravel gar sagte, in jedem seiner Werke stecke der Einfluss von Grieg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eivind Aadland geht dem Orchesterwerk dieses grandiosen Komponisten auf den Grund, gemeinsam mit dem WDR-Sinfonieorchester K\u00f6ln spielte er es auf f\u00fcnf CDs f\u00fcr audite ein. Das Orchester spielt klar und durchh\u00f6rbar, der Dirigent verzichtet auf alle unn\u00f6tigen Romantizismen und \u00fcberdehnte Tempi rubati. Man fasziniert mit \u00e4u\u00dferst wandelhaften Charakteren, so agiert man in der Barockgesten aufgreifenden und diese romantisierenden Suite Aus Holbergs Zeit Op. 40 recht nachdr\u00fccklich und mit angenehm bleibender H\u00e4rte, wogegen beispielsweise die Symphonischen T\u00e4nzen durchaus lyrisch und weich gestaltet sind. Es entstehen vielfarbige Schattierungen und das Ganze wird nicht wie viel zu h\u00e4ufig zu h\u00f6ren in einem einzigen monochromen &#8222;Grieg-Klang&#8220; verschmolzen. Bemerkenswert ist die Lebendigkeit aller Stimmen, also auch derer, die nicht im Vordergrund stehen, was besonders bei den Klavierst\u00fccktranskriptionen von Vorteil ist, aber auch in Symphonie und Klavierkonzert eine ungew\u00f6hnliche Plastizit\u00e4t und Vielschichtigkeit erwirkt. Alles in Allem entsteht so eine gewisse Sachlichkeit, die jedoch nicht ins Sterile abgleitet, sondern nur die Reflexion und das Bewusstsein \u00fcber das Werk zeigt anstelle von \u00dcberrumpelung durch klischeehafte Gef\u00fchlsausbr\u00fcche. Auch wird die Dynamik zu keiner Zeit kopflos ausgereizt in \u00fcberm\u00e4\u00dfig krachendes Fortissimo oder unh\u00f6rbares Pianissimo, wodurch das Zuh\u00f6ren sich sehr angenehm gestaltet und nicht in st\u00e4ndiges Lautst\u00e4rke-Nachpegeln ausartet. Die Aufnahmen sind von h\u00f6chster Qualit\u00e4t und k\u00f6nnen den ganzen Farbenreichtum Griegs dem H\u00f6rer authentisch vermitteln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herbert Schuch ist Solist im Klavierkonzert a-Moll, dem einzigen fertiggestellten Solokonzert Griegs, der zumindest noch drei weitere f\u00fcr Geige, Cello und erneut f\u00fcr Klavier geplant hatte. Ebenso objektiv wie das Orchester versteht er seinen Solopart und passt sich auf nat\u00fcrliche Weise in den Orchesterklang ein. Er spielt feingliedrig und lyrisch ohne Hektik oder \u00dcberst\u00fcrzung, pr\u00e4sentiert gediegene Sanftheit gleicherma\u00dfen wie anspringende Scherzhaftigkeit. Au\u00dfergew\u00f6hnlich ist sein Gef\u00fchl f\u00fcr gro\u00dfe Crescendi und Decrescendi, die in einer kaum erreichten Kontinuit\u00e4t anwachsen beziehungsweise ausblenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine der wohl sch\u00f6nsten Inspirationen darf Camilla Tilling mit ihrer vielseitigen Sopranstimme vortragen: Solveigs Lied &#8211; und f\u00fcnf weitere Orchesterlieder. Gerade in diesem Lied umf\u00e4ngt sie mit zwei offenkundig divergierenden Seiten ihrer Stimme, einer betr\u00fcbt zur\u00fcckgehaltenen im Textteil und einer hell strahlenden im Vokalisenteil. Und auch in den weiteren Liedern gelingt ihr die ganze Bandbreite vom gro\u00dfen Operngesang bis hin zur schubertischen Verinnerlichung. Ihr Vibrato ist durchaus vielseitig, dabei recht kontinuierlich eingesetzt, und nimmt verschiedenste F\u00e4rbungen ein, so dass auch hier einige Abwechslung entsteht. Auch sie setzt auf innere Gelassenheit und wohltuende Reflexion des Inhalts. Ebenso eine farbenreiche Stimme hat Ton Erik Lie, wenngleich er teilweise etwas im Orchester verloren zu sein scheint. Im Op. 32 vermittelt er ein starkes und glaubhaftes Gef\u00fchl von Einsamkeit. Das Vibrato ist ein wenig statisch, doch gleicht er dies durch dynamische Vielfalt aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne jeden Zweifel liegt hier eine wahrlich h\u00f6renswerte Gesamteinspielung des symphonischen Werkes von Edvard Grieg vor. Aadlands \u00d6konomie der Gestaltung merkt man die lange Besch\u00e4ftigung mit dem Komponisten an, er wei\u00df, worauf es ankommt in Griegs Musik. Jedem, der nur die \u201eHits\u201c wie die Peer Gynt-Suiten, Holberg-Suite oder das Klavierkonzert kennt und mag, sei w\u00e4rmstens empfohlen, sich auch mit dem restlichen Orchesterwerk auseinanderzusetzen. Hier (wie auch im Klavier- und Kammermusikbereich) warten bei Grieg phantastische Sch\u00e4tze, wahre Perlen des Nordens!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, M\u00e4rz 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>audite 92.651, 92. 579, 92.669, 92.670, 92.671 EAN: 4 022143 926517, 4 022143 925794, 4 022143 926692, 4 022143 926708, 4 022143 926715 F\u00fcr audite spielt Eivind Aadland mit dem WDR Sinfonieorchester K\u00f6ln das gesamte symphonische Werk des gro\u00dfen norwegischen Nationalkomponisten Edvard Hagerup Grieg ein. 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