{"id":6725,"date":"2024-07-31T22:42:12","date_gmt":"2024-07-31T20:42:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6725"},"modified":"2024-07-31T23:20:39","modified_gmt":"2024-07-31T21:20:39","slug":"begeisternde-einspielungen-von-george-antheils-violinsonaten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/07\/31\/begeisternde-einspielungen-von-george-antheils-violinsonaten\/","title":{"rendered":"Begeisternde Einspielungen von George Antheils Violinsonaten"},"content":{"rendered":"\n<p>Naxos 8.559937; EAN: 6 36943 99372 9<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Antheil-Violinsonaten-Yang-Rimmer-Naxos.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Antheil-Violinsonaten-Yang-Rimmer-Naxos-1024x1016.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6726\" width=\"489\" height=\"485\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Antheil-Violinsonaten-Yang-Rimmer-Naxos-1024x1016.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Antheil-Violinsonaten-Yang-Rimmer-Naxos-300x298.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Antheil-Violinsonaten-Yang-Rimmer-Naxos-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Antheil-Violinsonaten-Yang-Rimmer-Naxos-768x762.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Antheil-Violinsonaten-Yang-Rimmer-Naxos.jpg 1500w\" sizes=\"(max-width: 489px) 100vw, 489px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Als Co-Produktion mit Deutschlandfunk Kultur haben die Geigerin Tianwa Yang und der Pianist Nicholas Rimmer in Berlin die vier Violinsonaten des US-amerikanischen Komponisten George Antheil (1900\u20121959) f\u00fcr Naxos eingespielt. Die Ver\u00f6ffentlichung kann in allen Belangen \u00fcberzeugen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>George Antheil<\/em> war in den 1920er Jahren in der klassischen Musikszene Europas tats\u00e4chlich das <em>enfant terrible<\/em> schlechthin, bezeichnete sich nicht erst in seiner gleichnamigen Autobiographie (1945) ausdr\u00fccklich als <em>Bad Boy of Music<\/em>. Insbesondere durch rhythmisch \u00e4u\u00dferst aggressive, \u00fcber Strecken dabei mechanistisch unterk\u00fchlte Musik \u2013 allem voran sein <em>Ballet m\u00e9canique <\/em>(1926, rev. 1952) \u2013 wusste er stets geh\u00f6rig zu provozieren. Die dann auch immer vorhandenen Jazz-Einsprengsel taten ein \u00dcbriges. Genoss der Komponist in Europa seine Skandale, war ein Konzert in der New Yorker Carnegie Hall 1927 ein einziges Debakel. Als er 1933 zur\u00fcck in die USA ging, ab 1936 in Hollywood arbeitete \u2013 nicht nur f\u00fcr die Filmindustrie \u2013 wurde er zunehmend \u201ebraver\u201c, so dass er fortan kaum noch als Avantgardist wahrgenommen wurde und seine fr\u00fchen, f\u00fcr uns heute umso erfrischender wirkenden Glanzlichter lange in Vergessenheit gerieten. Eine echte Renaissance erlebt sein Werk erst wieder seit den sp\u00e4ten 1970ern.<\/p>\n\n\n\n<p>Antheils erste drei Violinsonaten entstanden 1923 und 1924, genau w\u00e4hrend seiner Experimente mit dem <em>Ballet m\u00e9canique. <\/em>Der Komponist war 1922 nach Europa gereist, traf in Berlin sein Idol Igor Strawinsky und folgte ihm 1923 nach Paris. In der viers\u00e4tzigen ersten Violinsonate erkennt man in den Ecks\u00e4tzen Strawinskys Einfluss sehr stark (<em>Les Noces<\/em>, <em>Histoire du soldat<\/em>). Aber gleichzeitig gibt es hier bereits in der Violinliteratur bislang unerh\u00f6rte, bewusst bis an die Grenze der Ertr\u00e4glichkeit sich wiederholende Barbareien, clusterartig klingendes, extremes Kratzen zwischen Steg und Saitenhalter, h\u00e4rteste irregul\u00e4re Akzente usw. Jedwede Formerwartungen an klassische Sonaten werden entt\u00e4uscht. Andererseits ist das 24-min\u00fctige Werk voller Exotismen und sch\u00f6ner Details, die den H\u00f6rer ebenso umwerfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die aus Peking stammende, mittlerweile mit Preisen gerade f\u00fcr ihre CD-Aufnahmen (Sarasate, Rihm, Brahms\u2026) \u00fcberh\u00e4ufte Violinistin <em>Tianwa Yang<\/em> ist bereits lange in Deutschland t\u00e4tig, seit 2018 Professorin in W\u00fcrzburg. Mit ihrem britischen Klavierpartner <em>Nicholas Rimmer<\/em> gelingt ihr schon hier eine Darbietung, die alle bisherigen Einspielungen weit in den Schatten stellt. W\u00e4hrend etwa Vera Beths und Reinbert de Leeuw einerseits die Bruitismen nicht bis an die Grenze ausloten, andererseits die Musik \u2013 sicherlich absichtsvoll \u2013 v\u00f6llig ohne innere Anteilnahme wie eine Maschine abspulen, atmet und lebt bei Yang\/Rimmer jeder Moment. Alles ist hier auch emotional nachvollziehbar und verst\u00e4ndlich. Der Klang beider Musiker \u2013wunderbar flexibel und farbig \u2013 l\u00e4sst niemals kalt, trotz haarstr\u00e4ubender Pr\u00e4zision. Selbst die barbarischsten Stellen klingen nat\u00fcrlich: zum Beispiel wie der Schrei eines Esels. Und der Schluss des Finales, nicht nur von den Bewegungsmustern her an den Schluss des ersten Teils von <em>Le Sacre du printemps <\/em>gemahnend, wirkt in seiner Raserei geradezu hinrei\u00dfend. Rimmers Geschmeidigkeit bei L\u00e4ufen ist staunenswert \u2013 das ganze St\u00fcck kommt so absolut gro\u00dfartig her\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>Genauso begeisternd spielen Yang und Rimmer die \u00fcbrigen Sonaten. Die Jazz-Einfl\u00fcsse der Sonaten Nr.\u00a02 und 3 sind (aber)witzig, haben Swing und wirken keinesfalls als Fremdk\u00f6rper wie bei Beths\/de Leeuw. Die vierte Sonate von 1947-48 beweist, dass der dann vermeintlich zahme Antheil nichts an Ausdrucksst\u00e4rke eingeb\u00fc\u00dft hat, alles andere als zahnlos oder gar ein Langweiler geworden ist. Erinnert der Kopfsatz \u2013 mit ein, zwei Beinahe-Zitaten \u2013 an die besten Momente von Kammermusik Prokofjews, erreicht die Passacaglia enormen Tiefgang. Das Toccata-Rondo ist ein wenig konventionell, dennoch ein brillanter Abschluss. Aufnahmetechnisch vermag die CD ebenfalls mit Transparenz und Dynamik v\u00f6llig zu \u00fcberzeugen. Die Ver\u00f6ffentlichung kann nicht hoch genug gelobt werden und geh\u00f6rt wirklich in jede Sammlung: ein echtes Kleinod f\u00fcr diese Besetzung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vergleichsaufnahme<\/strong>: Vera Beths, Reinbert de Leeuw (Auvidis Montaigne MO 782022, 1989)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, Juli 2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos 8.559937; EAN: 6 36943 99372 9 Als Co-Produktion mit Deutschlandfunk Kultur haben die Geigerin Tianwa Yang und der Pianist Nicholas Rimmer in Berlin die vier Violinsonaten des US-amerikanischen Komponisten George Antheil (1900\u20121959) f\u00fcr Naxos eingespielt. Die Ver\u00f6ffentlichung kann in allen Belangen \u00fcberzeugen. George Antheil war in den 1920er Jahren in der klassischen Musikszene Europas &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/07\/31\/begeisternde-einspielungen-von-george-antheils-violinsonaten\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Begeisternde Einspielungen von George Antheils Violinsonaten<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[2129,200,401,3098],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6725"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6725"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6725\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6733,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6725\/revisions\/6733"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6725"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6725"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6725"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}