{"id":6728,"date":"2024-08-03T01:56:00","date_gmt":"2024-08-02T23:56:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6728"},"modified":"2024-08-03T02:20:18","modified_gmt":"2024-08-03T00:20:18","slug":"ein-fulminantes-plaedoyer-fuer-martin-scherbers-metamorphosensinfonik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/08\/03\/ein-fulminantes-plaedoyer-fuer-martin-scherbers-metamorphosensinfonik\/","title":{"rendered":"Ein fulminantes Pl\u00e4doyer f\u00fcr Martin Scherbers Metamorphosensinfonik"},"content":{"rendered":"\n<p>Aldil\u00e0 Records, ARCD 012, EAN: 9 003643 980129<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Zodiac.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Zodiac.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6729\" width=\"514\" height=\"495\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Zodiac.jpg 996w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Zodiac-300x289.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Zodiac-768x741.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 514px) 100vw, 514px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Christoph Schl\u00fcren und das Orchestra Simf\u00f2nica Camera Musicae legen eine Ma\u00dfst\u00e4be setzende Neueinspielung (und gleichzeitig Urauff\u00fchrung) von Martin Scherbers Sinfonie Nr.&nbsp;3 vor. Erg\u00e4nzt wird das Programm durch Musik von Arvo P\u00e4rt und Alessandro Marcello.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist nie ganz leicht und vielleicht auch gar nicht immer \u00fcberhaupt m\u00f6glich, Entwicklungen auf dem Tontr\u00e4germarkt treffend auf einen Nenner zu bringen. Besch\u00e4ftigt man sich etwa mit Sinfonik des deutschen und deutschsprachigen Raums, so wird man unter anderem feststellen, dass in den vergangenen drei Dekaden eine ganze Reihe von Komponisten, die in der Schallplatten\u00e4ra noch ihre regelm\u00e4\u00dfigen Ver\u00f6ffentlichungen hatten, mittlerweile fast g\u00e4nzlich vom Radar verschwunden sind (exemplarisch sind hier sicherlich etliche Komponisten aus der ehemaligen DDR zu nennen, aber eben l\u00e4ngst nicht nur diese, sondern auch viele ihrer westlichen Generationskollegen). Andere dagegen, gerade aus der Romantik und solche, die im 20. Jahrhundert auf ihr aufbauten, haben eine gewisse Renaissance erlebt und sind heute wenigstens diskographisch relativ (oft sogar \u00fcberraschend) gut dokumentiert, selbst wenn es auch hier nach wie vor erkleckliche L\u00fccken gibt oder aber die vorhandenen Einspielungen deutlich Luft nach oben aufweisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter all diesen Neu- oder Wiederentdeckungen gibt es m.&nbsp;E. nur wenige, die in solchem Ma\u00dfe polarisiert haben bzw. oft genug derart harsche, negative Reaktionen hervorgerufen haben wie die Musik Martin Scherbers, speziell die Ersteinspielung seiner <em>Sinfonie Nr.&nbsp;3 h-moll<\/em> (1952\u201355) mit Elmar Lampson am Pult, erschienen im Jahre 2001. Auf die Gr\u00fcnde (und Hintergr\u00fcnde) wird noch einzugehen sein; in jedem Falle aber ist die vorliegende Neueinspielung dieses Werks durch das katalanische Orchestra Simf\u00f2nica Camera Musicae (bzw. seit 2021 Franz-Schubert-Philharmonie) unter der Leitung von Christoph Schl\u00fcren allein schon deshalb hochwillkommen, um all dies anhand einer zweiten Lesart auf den Pr\u00fcfstand stellen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Martin Scherber, 1907 in N\u00fcrnberg geboren und 1974 ebenda an den Sp\u00e4tfolgen eines Unfalls verstorben, war ein Sch\u00fcler von Gustav Geierhaas (dessen Schaffen \u00fcbrigens auch eine Renaissance zu w\u00fcnschen w\u00e4re) an der M\u00fcnchner Akademie der Tonkunst. Nachdem er anschlie\u00dfend f\u00fcr nur wenige Jahre im b\u00f6hmischen Aussig als Korrepetitor bzw. Kapellmeister gearbeitet hatte, kehrte er rasch nach N\u00fcrnberg zur\u00fcck und f\u00fchrte fortan ein zur\u00fcckgezogenes Leben als privater Musiklehrer, unterbrochen durch die Zeit als Soldat im Zweiten Weltkrieg. Zutiefst gepr\u00e4gt, und zwar insbesondere auch mit Blick auf sein musikalisches Schaffen, wurde Scherber durch Goethe, speziell dessen Metamorphosenlehre, und die Schriften Rudolf Steiners.<\/p>\n\n\n\n<p>Scherbers \u0152uvre ist schmal, nicht zuletzt deshalb, weil er 1935 nahezu sein gesamtes fr\u00fches Schaffen vernichtete. Als seine Hauptwerke d\u00fcrfen seine drei Sinfonien gelten, gerade die zweite und dritte, beide Anfang der 1950er Jahre entstanden, nachdem Scherber nach dem Krieg sich mit der Erstellung von Klavierausz\u00fcgen von Bruckners Sinfonien Nr. 3\u20139 darauf gleichsam \u201evorbereitet\u201c hatte. Die Dritte ist so etwas wie sein \u201eOpus summum\u201c, und obwohl ihm nach ihrer Fertigstellung noch 15 Jahre blieben, bis ein betrunkener Autofahrer ihn erfasste und f\u00fcr den Rest seines Lebens schwer zeichnete, schuf Scherber danach keine weiteren gr\u00f6\u00dferen Werke mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>In den 1950er Jahren war es vor allem der Dirigent Fred Th\u00fcrmer, der sich um sein Schaffen verdient machte und die ersten beiden Sinfonien zur Urauff\u00fchrung bringen konnte. Die Dritte hingegen blieb zu Scherbers Lebzeiten allen M\u00fchen zum Trotz (inklusive u.&nbsp;a. einer Absage durch Bruno Walter, der mit dieser Musik nichts anfangen konnte) unaufgef\u00fchrt. Die weiter oben genannte CD-Einspielung, aufgenommen 1999, dokumentiert in der Tat die erste Mal, dass diese Musik von einem Orchester gespielt wurde. Die eigentliche Urauff\u00fchrung aber fand tats\u00e4chlich erst am 1.&nbsp;Dezember 2019 in Barcelona statt; eine der beiden CDs dieses Albums enth\u00e4lt ihren Mitschnitt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich ist schon zu Beginn der Sinfonie deutlich zu h\u00f6ren, dass sich Scherbers Tonsprache deutlich an Bruckner orientiert (hier speziell an dessen Sechster Sinfonie). Die Moderne seiner Zeit spielt f\u00fcr Scherber dagegen keine Rolle, er war (v\u00f6llig bewusst) gewisserma\u00dfen ein \u201eUnzeitgem\u00e4\u00dfer\u201c, der radikal nur die Musik schrieb, die f\u00fcr ihn selbst Relevanz besa\u00df, unber\u00fchrt von zeitgen\u00f6ssischen Schulen, Str\u00f6mungen und Moden. Wenn man daraus nun aber schlie\u00dft (wie h\u00e4ufig geschehen), einen Bruckner-Epigonen vor sich zu haben, der des Meisters Zehnte schrieb, dann verharrt man lediglich an der Oberfl\u00e4che dieser Musik und \u00fcbersieht einige der zentralen Aspekte von Scherbers Ansatz, denn wie schon Fred Th\u00fcrmer bemerkte: entscheidend ist das \u201eWie\u201c (es gemacht ist) in Scherbers Musik.<\/p>\n\n\n\n<p>An diesem Punkt n\u00e4mlich kommt das Metamorphosenprinzip ins Spiel: was am Anfang in den Violinen wie eine Brucknerreferenz anmutet, ist faktisch der \u201eHauptrhythmus\u201c der Sinfonie, und die ersten sechs Noten des in Celli und B\u00e4ssen einsetzenden Hauptthemas bilden den sogenannten \u201eThemenkern\u201c. Aus diesen beiden Elementen leitet Scherber nun in fortw\u00e4hrender, allm\u00e4hlicher voranschreitender Metamorphose seine gesamte Sinfonie ab. Hier ist, wie Schl\u00fcren bemerkt, in der Tat alles mit allem verwoben, gibt es nichts Beil\u00e4ufiges, nur organisches Wachsen, Sich-Entwickeln, und dies in aller gebotenen Ruhe und Ausf\u00fchrlichkeit. Bei aller Wucht, die diese Musik an ihren machtvollen H\u00f6hepunkten entfaltet, handelt es sich also gleichzeitig um ein Werk von \u00e4u\u00dferster Reduktion, Askese, Radikalit\u00e4t und Konsequenz.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenso interessant ist dabei die Form. Scherbers Dritte ist erst einmal ein eins\u00e4tziges Werk in der Tradition von Liszts Klaviersonate h-moll im Sinne einer \u201eMehrs\u00e4tzigkeit in der Eins\u00e4tzigkeit\u201c (im Rahmen eines riesigen Sonatenallegros). So suggerieren die Anfangstakte zun\u00e4chst ein sinfonisches Allegro, trifft man ein wenig sp\u00e4ter auf einen klar definierten Scherzo-Abschnitt, auf den eine Art Adagio folgt, und schlie\u00dflich setzt gegen Ende so etwas wie eine \u201eReprise\u201c ein, die angesichts der permanenten Metamorphose nat\u00fcrlich aber auf keine blo\u00dfe (oder auch leicht abgewandelte) Wiederholung hinauslaufen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>So ist das Werk im Rahmen von Lampsons Ersteinspielung pr\u00e4sentiert worden. Tats\u00e4chlich handelt es sich dabei aber nur um eine Ebene, und was seinerzeit \u00fcbersehen wurde (und wohl auch seinen Teil dazu beigetragen hat, dass die Sinfonie teils als \u201eformlos\u201c missverstanden wurde), ist, dass Scherber sein Werk dar\u00fcber hinaus in zw\u00f6lf Abschnitte unterteilt hat, die den Tierkreiszeichen (dem Zodiak also \u2013 daher der Titel des Albums) entsprechen. So durchl\u00e4uft die Sinfonie gleichzeitig einmal das Jahr vom (Fr\u00fchlings-) Beginn des Widders bis hin zur Rundung und gleichzeitig feierlichen Wiederkehr (des Fr\u00fchlings, des Jahreszyklus) durch die Fische. Das Scherzo entspricht hierbei dem Krebs, das (beginnende) Adagio dem L\u00f6wen, die angedeutete Reprise f\u00e4llt in den Steinbock (und damit, wie Schl\u00fcren bemerkt, in die Wintersonnenwende).<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich muss man dieser Bedeutungsebene nicht in jeder Konsequenz folgen, obwohl es zweifelsohne ein sehr sch\u00f6nes Bild ist, wenn Schl\u00fcren den still-fahlen Beginn des f\u00fcnften Abschnitts mit einem durch die sommerliche Mondnacht schleichenden L\u00f6wen assoziiert. Was aber entscheidend ist: die zw\u00f6lfteilige Struktur, zusammen mit Schl\u00fcrens exzellenten, detaillierten Erl\u00e4uterungen zum musikalischen Geschehen in diesen Abschnitten, hilft immens dabei, sich in diesem Koloss zurechtzufinden, und auf einmal erscheint diese Musik \u00fcberhaupt nicht formlos, sondern man wird in der Tat Zeuge all der \u201eVerpuppungen\u201c des Grundmaterials, des Auseinander-Hervorgehens der einzelnen Teilabschnitte, und lauscht gebannt, bis die Fische Schritt f\u00fcr Schritt die Moll-Tonalit\u00e4t in den triumphalen H-Dur-Schluss der Sinfonie verwandeln, wobei sich die neapolitanischen Wendungen selbstredend auf den Themenkern zur\u00fcckf\u00fchren lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Vergangenheit haben einige von Scherbers \u00c4u\u00dferungen zu seiner Musik gelegentlich zum Polemisieren gereizt, und sicherlich mutet einiges davon eigenwillig an. Am Ende erscheint mir all dies allerdings bestenfalls zweitrangig und eher geeignet, den Blick vom Wesen und Wesentlichen seiner Musik abzulenken. Insbesondere sei betont: um diese Musik sch\u00e4tzen zu lernen, ben\u00f6tigt man keinerlei Affinit\u00e4ten zur Anthroposophie und auch nicht zur Astrologie \u2013 man kann sich nat\u00fcrlich in dem Umfang, der einem selbst hilfreich erscheint, mit vielen Hintergr\u00fcnden befassen, doch am Ende ist die entscheidende Frage doch stets \u201enur\u201c, ob ein St\u00fcck Musik als solches funktioniert, bereichernd ist, ungeachtet aller zus\u00e4tzlichen Bedeutungsebenen. Letztlich spricht Scherbers Musik ganz f\u00fcr sich, man muss nur ihre Strukturen begreifen, bereit sein, sich auf ihr langsam voranschreitendes Wachsen einzulassen, um sich f\u00fcr sie begeistern zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies gilt \u00fcbrigens umso mehr, als dass sich manchmal ein wenig der Eindruck aufdr\u00e4ngt, als begegne man wenig(er) bekannten Komponisten von Musik, die erhebliche Dimensionen aufweist, Ambitionen jenseits des Erwartbaren verr\u00e4t, oft genug mit einer gewissen grunds\u00e4tzlichen Skepsis. Man vergleiche in diesem Zusammenhang nur etwa die Reaktionen auf die Musik Felix Weingartners, der in seinen besten Werken ein unterhaltsamer Eklektiker ist, mit denjenigen auf das Schaffen Wilhelm Furtw\u00e4nglers, der ein ungleich substantiellerer Komponist ist, dessen Musik aber oft genug auf hartn\u00e4ckige Vorbehalte trifft. So un\u00e4hnlich scheint mir der Fall Scherber nicht gelagert.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Besonderheit des vorliegenden Albums ist, dass es (fast) das gesamte Programm in doppelter Ausf\u00fchrung liefert, n\u00e4mlich einmal als Konzertmitschnitt vom 1.&nbsp;Dezember 2019, einmal als Studioaufnahme vom Tag darauf. Ein reizvolles Konzept, dessen Vorz\u00fcge in diesem konkreten Fall Schl\u00fcren selbst auf den Punkt bringt: der Konzertmitschnitt kommt mit etwas besserer, vollerer Akustik daher, die Studioaufnahme ist noch etwas \u201eperfekter\u201c, vielleicht in der dramaturgischen Stringenz einen Hauch zwingender. Von solchen Details abgesehen, tragen beide Aufnahmen nat\u00fcrlich eindeutig dieselbe Handschrift.<\/p>\n\n\n\n<p>Insbesondere sind die Einspielungen fast exakt gleich lang, n\u00e4mlich jeweils gut 66 Minuten. Dem mit der Aufnahme Lampsons vertrauten H\u00f6rer wird also auffallen, dass Schl\u00fcren deutlich mehr Zeit f\u00fcr die Sinfonie in Anspruch nimmt. Dies hat gewiss musikimmanente Gr\u00fcnde, denn die komplexen, verflochtenen Strukturen dieser Sinfonie ben\u00f6tigen ihre Zeit, ihren Raum, um sich entfalten zu k\u00f6nnen. Zum anderen hat Scherber (zusammen mit Martin Held) seine Sinfonien selbst in Fassungen f\u00fcr zwei Klaviere eingespielt, und Lampson (wie \u00fcbrigens auch Samuel Friedmann in seiner Einspielung der Zweiten Sinfonie) hat sich an den Tempi dieser Aufnahmen orientiert. Vom vollen Orchester gespielt, schwebten Scherber aber andere, deutlich breitere Tempi vor, und so sah er f\u00fcr seine Zweite Sinfonie eine Spieldauer von 60 Minuten und f\u00fcr die Dritte eben mehr als 60 Minuten vor. Hieran orientiert sich, im \u00dcbrigen in bestechender musikalischer Logik, Schl\u00fcrens Neueinspielung.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt ist Schl\u00fcren und seinem Orchester hier ein famoses Pl\u00e4doyer f\u00fcr diese Sinfonie gelungen, eine Einspielung, die nicht nur durch ihre Transparenz besticht, das sorgf\u00e4ltige Herausarbeiten aller Stimmen (in einem gar nicht einmal direkt kontrapunktischen Satz, bei dem sich aber dennoch alle Stimmen erg\u00e4nzen, in stetig flie\u00dfendem Bezug zueinander stehen), sondern auch durch ihre vorz\u00fcgliche organische Disposition, ihren sorgf\u00e4ltigen Aufbau von H\u00f6hepunkten \u00fcber weite Strecken hinweg. Schl\u00fcren selbst verweist in diesem Zusammenhang u.&nbsp;a. auf das Scherzo, dessen finale Kulmination es erfordert, nicht zuvor bereits alle Reserven aufgebraucht zu haben; ich m\u00f6chte aber ebenso hervorheben, wie klar in dieser Aufnahme das finale \u201eDr\u00e4ngen\u201c der Sinfonie \u201eheim\u201c nach H gestaltet wird, gerade gegen Ende des Steinbocks und des Wassermanns. Hier \u201ewill\u201c die Musik f\u00f6rmlich zu ihrem (tonalen) Ursprung zur\u00fcck, in die finale Apotheose m\u00fcnden. Und nat\u00fcrlich profitieren ganz grunds\u00e4tzlich die vermeintlich repetitiven, in Wahrheit eben in einem stetigen Prozess allm\u00e4hlichen Wandels begriffenen Strukturen dieser Musik enorm von einer so umsichtigen, weitsichtigen Darbietung wie auf diesen CDs geschehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Viel Zeit bleibt angesichts der zeitlichen Ausdehnung von Scherbers Sinfonie zwar nicht mehr, aber Schl\u00fcren nutzt dennoch (einmal mehr) die Gelegenheit, die Musik \u201eeinzuordnen\u201c, ihr einen Rahmen zu geben und auch Parallelen aufzuzeigen. Dies gilt in besonderem Ma\u00dfe f\u00fcr Arvo P\u00e4rts (*&nbsp;1935) <em>Festina lente<\/em> f\u00fcr Streichorchester (1988), einem Proportionskanon, bei dem das Thema in drei Geschwindigkeiten gespielt wird, mit den Bratschen als Referenzpunkt in der Mitte, einer schnelleren Variante in den Violinen und einer langsamen in den Kontrab\u00e4ssen. Schl\u00fcren bezieht dieses St\u00fcck dabei explizit auf den L\u00f6wen in Scherbers Sinfonie, der mit P\u00e4rts St\u00fcck nicht nur die Tonart a-moll teilt, sondern in der Tat auch sonst in vielerlei Hinsicht (klanglich, atmosph\u00e4risch) verbl\u00fcffende Parallelen aufweist und Scherber so auf einmal in Bezug zu minimalistischen Techniken setzt, die tats\u00e4chlich seinem Metamorphosenprinzip so fremd gar nicht einmal sind. Vereint P\u00e4rts St\u00fcck also drei Zeitebenen, so tut ebendies auch die CD (bzw. in diesem Fall nur die erste), wenn das Programm noch um den Mittelsatz von Alessandro Marcellos (1673\u20131747) <em>Oboenkonzert d-moll<\/em> (1717) erg\u00e4nzt wird, versehen mit Verzierungen aus Johann Sebastian Bachs Adaption dieses Werks f\u00fcr Cembalo (BWV&nbsp;974). Den Solopart spielt hierbei Pau Roca Carreras, der Solooboist des Orchesters.<\/p>\n\n\n\n<p>Abschlie\u00dfend sei noch einmal auf Schl\u00fcrens extensiven Begleittext hingewiesen; allein die deutsche Variante ist bereits ein kleines Buch von 35 Seiten. Schl\u00fcren geht hier ausf\u00fchrlich auf Scherbers Leben und Werk ein, nat\u00fcrlich auch auf die St\u00fccke von P\u00e4rt und Marcello, ganz besonders eingehend aber wie bereits erw\u00e4hnt auf Scherbers Dritte Sinfonie. Allein, um diese Ausf\u00fchrungen lesen zu k\u00f6nnen und dadurch einen wesentlich gesch\u00e4rften Blick auf das zu erhalten, was sich in dieser Sinfonie eigentlich ereignet, lohnt es sich bereits, die CDs zu kaufen und eben nicht zu streamen, herunterzuladen oder was auch immer. Schlie\u00dflich diskutiert Schl\u00fcren noch verschiedene grunds\u00e4tzliche Aspekte wie die Genese eins\u00e4tziger Sinfonik, Musik mit Bezug auf die Jahreszeiten oder eben die Tierkreiszeichen sehr eingehend und speziell mit ausf\u00fchrlichen Auflistungen. Der interessierte Leser sollte dies alles vor allem auch als Angebot begreifen, mit Zeit und Mu\u00dfe diese Listen studieren und in eigener Initiative nach dem ein oder anderen ihm wom\u00f6glich bislang unbekannten Werk oder Namen forschen. Insgesamt ist dies eine von \u00e4u\u00dferster Sorgfalt und gr\u00f6\u00dftem Engagement gepr\u00e4gte, in jeder Hinsicht vorbildliche Produktion.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Holger Sambale, August 2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aldil\u00e0 Records, ARCD 012, EAN: 9 003643 980129 Christoph Schl\u00fcren und das Orchestra Simf\u00f2nica Camera Musicae legen eine Ma\u00dfst\u00e4be setzende Neueinspielung (und gleichzeitig Urauff\u00fchrung) von Martin Scherbers Sinfonie Nr.&nbsp;3 vor. Erg\u00e4nzt wird das Programm durch Musik von Arvo P\u00e4rt und Alessandro Marcello. 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