{"id":6762,"date":"2024-08-06T23:36:00","date_gmt":"2024-08-06T21:36:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6762"},"modified":"2024-08-10T15:10:45","modified_gmt":"2024-08-10T13:10:45","slug":"freies-spiel-der-kraefte-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/08\/06\/freies-spiel-der-kraefte-2\/","title":{"rendered":"Freies Spiel der Kr\u00e4fte"},"content":{"rendered":"\n<p>Das Wiener Publikum hat am letzten Dienstag [30. Juli] die M\u00f6glichkeit gehabt und leider teilweise verpasst, einem au\u00dfergew\u00f6hnlichen Klavierabend beizuwohnen. Es ist durchaus entschuldbar: es ist Sommer, und man h\u00e4lt sich gro\u00dfteils auf dem Land oder in der Ferne auf; alles macht Pause, w\u00e4hrend die Touristen mit Touristenkonzerten in Per\u00fccke und Kost\u00fcm abgespeist werden. Andererseits ist es aber vollkommen unentschuldbar, da es hier wenigstens zwei Entdeckungen zu machen gab, und einem Konzert zu lauschen, wie man es nicht oft zu erleben das Gl\u00fcck hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Entdeckung betrifft den Konzertort. Man kennt das etwas renovierungsbed\u00fcrftige, aber gerade dadurch sehr charmante Jugendstiltheater im Otto-Wagner-Areal mehr vom H\u00f6rensagen. Dem Publikum ist es haupts\u00e4chlich durch die Wiener Festwochen bekannt, und zur Zeit finden dort die Konzerte der Wiener Meisterkurse statt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte des Areals, erbaut zwischen 1905 und 1907, umfasst einerseits die Absicht, einen echten Fortschritt f\u00fcr die Patienten in der Psychatrie zu erreichen, andererseits war das Areal aber auch Schauplatz der NS-Euthanasie-Morde am Spiegelgrund, denen Hunderte von Kindern zum Opfer fielen, an die das Mahnmal aus einem zarten Meer von Lichtstelen vor dem Jugendstiltheater erinnert. Diese Gegenw\u00e4rtigkeit der Vergangenheit verleiht dem sch\u00f6nen Ort einen Ernst, dem sich die Konzertbesucher vor allem beim Verlassen des Theaters in der Dunkelheit nicht entziehen k\u00f6nnen<\/p>\n\n\n\n<p>Der kleine Saal des Jugendstiltheaters verf\u00fcgt \u00fcber eine sch\u00f6ne Akustik dieses kleinen Saals. Im ersten Eindruck etwas \u00fcberakustisch, verwandelt sich der Saal im Konzert in einen Resonanzraum f\u00fcr feinste musikalische Details.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese waren an diesem Abend, und das ist die zweite und eigentliche Entdeckung, dem Pianisten Martin Hughes zu verdanken, der dem Publikum in Wien vor allem als ehemaliger Vorstand der Klavierabteilung der Musikuniversit\u00e4t mdw ein Begriff ist. Dass er selber ein au\u00dfergew\u00f6hnlicher Pianist und Musiker ist, ist ein vielleicht allzu gut geh\u00fctetes Geheimnis, das sich jedoch dem mit Staunen zuh\u00f6renden Publikum sofort offenbarte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Konzert begann mit der 1. Klaviersonate op. 2 Nr. 1 von Ludwig van Beethoven, die Martin Hughes mit gr\u00f6\u00dfter Klarheit und Unmittelbarkeit zu Geh\u00f6r brachte. Man horcht auf, weil alles, was man vom Pianisten an dem hervorragenden B\u00f6sendorfer-Fl\u00fcgel h\u00f6rte, einfach und richtig war, man folgt der erhellend selbstverst\u00e4ndlichen Bewegung der Musik: frei von interpretatorischer \u00dcber-Absichtlichkeit der Darstellung geschieht ein nat\u00fcrliches Sich-Entfaltenlassen der Musik durch den Pianisten, dem das Publikum gebannt lauschte.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles war an seinem Platz, jede Note, jede Phrase, jede Gestalt, und nicht zuletzt der Raum selber: dass dieser mit seiner Akustik immer ein Teil der klanglichen Realit\u00e4t ist, und damit einen Einfluss auf Spiel und Tempo hat, ist eine Erkenntnis, die sogar unter Musikerinnen und Musikern nicht selbstverst\u00e4ndlich ist, sich an diesem Abend aber als ein Aspekt der absoluten Meisterschaft von Martin Hughes zeigte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die pianistische und kompositorische Brillanz der Intermezzi op. 4 von Robert Schumann entfalten sich unter seinen H\u00e4nden frei und umstandslos. Doch lief alles an diesem Abend auf die Sonate in B-Dur, op. posth. D960, von Franz Schubert hinaus. <\/p>\n\n\n\n<p>Diese spielte Martin Hughes auf eine Weise, dass man Angst hat, sie jemals wieder anh\u00f6ren zu m\u00fcssen, weil es schwer vorstellbar ist, dass es mehr als einmal im Leben m\u00f6glich ist, dieses Werk in seiner Sch\u00f6nheit, Tiefe und geistigen Klarheit so vollkommen wiedergegeben zu h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei folgt Martin Hughes einem scheinbar einfachen Ansatz; einem, der streng genommen keiner ist: er h\u00f6rt dem St\u00fcck zu und sich selber, w\u00e4hrend er spielt. Es scheint banal und wie eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, es ist aber keine. Und in welche seelische Tiefe sich der langsame Satz damit ausbreitet, wie die Dinge, die man einfach nicht beim Namen nennen kann, erscheinen und entstehen, ist eine wunderbare und schl\u00fcssige Konsequenz aus dieser Musizierhaltung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Idee, dass man als Musiker oder Musikerin sich selber ausdr\u00fcckt durch das Werk, dass man es interpretiert, dass man eine pers\u00f6nliche Art der Darstellung, also eine eigene Interpretation, formt, wird auf diese Weise obsolet und l\u00f6st sich ganz in Luft auf, weil es bei Martin Hughes nur noch um das freie Spiel der Kr\u00e4fte geht, die Schubert auf dem Notenpapier gebunden und niedergeschrieben hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann diese Sonate nat\u00fcrlich auch anders spielen, da sich das Spiel der Kr\u00e4fte unter anderen Bedingungen vielleicht auch anders entfalten mag, aber an diesem Abend war die Sonate so wahrhaftig und vollkommen wie nur m\u00f6glich, und wie sie komponiert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sch\u00f6nheit der Musik existiert ja tats\u00e4chlich nur im Moment des Erklingens; also in einer Zeitspanne, die so jenseits der gemessenen Zeit ist, dass sie ohne Zeit wahrgenommen wird, also nicht eigentlich als Zeit wahrgenommen wird. Das ist nun nicht neu, aber der Zeit auf diese Weise als Ma\u00df des Vergehens zu entkommen, ist immer wieder eine besondere, sch\u00f6ne, und vor allem pl\u00f6tzliche Erfahrung, der man erst gewahr wird, wenn sie gerade wieder vor\u00fcber ist. Und mit dem Verklingen des Werkes ist der Moment, das Momentum des musikalischen Erlebnisses vorbei und unwiderruflich vergangen. Und so klingt die Musik in den Konzertbesuchern noch lange nach. Denn es ist ja nicht nur die Musik, die nachklingt, sondern ihr Wesen, dem wir in Konzerten wie diesem begegnen und lauschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur Menschen, die ihr Leben damit verbringen, in das Wesen der Musik einzudringen, sind in der Lage, solche seltenen Ewigkeitsmomente zu erschaffen. Michelangeli sagte einmal, dass ein Leben gerade so dazu ausreicht, eine Sache gut zu machen. Dies ist das Niveau, auf dem sich Martin Hughes pianistisch, musikalisch, und vor allem geistig bewegt, und das ist das eigentliche, das das Publikum in diesem Konzert erleben konnte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Jacques W. Gebest, August 2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Wiener Publikum hat am letzten Dienstag [30. Juli] die M\u00f6glichkeit gehabt und leider teilweise verpasst, einem au\u00dfergew\u00f6hnlichen Klavierabend beizuwohnen. Es ist durchaus entschuldbar: es ist Sommer, und man h\u00e4lt sich gro\u00dfteils auf dem Land oder in der Ferne auf; alles macht Pause, w\u00e4hrend die Touristen mit Touristenkonzerten in Per\u00fccke und Kost\u00fcm abgespeist werden. 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