{"id":6816,"date":"2024-10-02T23:46:00","date_gmt":"2024-10-02T21:46:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6816"},"modified":"2024-10-03T21:30:48","modified_gmt":"2024-10-03T19:30:48","slug":"das-orquestra-sinfonica-do-porto-casa-da-musica-brilliert-beim-raesonanz-stifterkonzert-der-musica-viva","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/10\/02\/das-orquestra-sinfonica-do-porto-casa-da-musica-brilliert-beim-raesonanz-stifterkonzert-der-musica-viva\/","title":{"rendered":"Das Orquestra Sinf\u00f3nica do Porto Casa da M\u00fasica brilliert beim \u201er\u00e4sonanz\u201c Stifterkonzert der musica\u00a0viva"},"content":{"rendered":"\n<p><em>F\u00fcr das erste <\/em>r\u00e4sonanz<em> Stifterkonzert der neuen M\u00fcnchner<\/em> musica viva<em> Saison \u2013 es folgt noch ein zweites im Januar \u2013 hatte die<\/em> Ernst von Siemens Musikstiftung<em> am 28.&nbsp;9.&nbsp;2024<\/em> <em>das <\/em>Orquestra Sinf\u00f3nica do Porto Casa da M\u00fasica<em> mit seinem Chefdirigenten <\/em>Stefan Blunier<em> ins M\u00fcnchner Prinzregententheater eingeladen. Zun\u00e4chst erklang das gro\u00dfangelegte Orchesterwerk \u201eRuf\u201c des portugiesischen Komponisten <\/em>Emmanuel Nunes<em>. <\/em>Helmut Lachenmanns<em> \u201eTanzsuite mit Deutschlandlied\u201c ben\u00f6tigt zus\u00e4tzlich als Solisten ein Streichquartett: hier spielte kein Geringeres als das weltber\u00fchmte<\/em> Arditti Quartet. <em>Wie gewohnt ein staunenswertes Programm<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Orquestra-Sinfonica-do-Porto-Casa-da-Musica-StefanBlunier-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Orquestra-Sinfonica-do-Porto-Casa-da-Musica-StefanBlunier-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann-1024x682.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6817\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Orquestra-Sinfonica-do-Porto-Casa-da-Musica-StefanBlunier-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann-1024x682.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Orquestra-Sinfonica-do-Porto-Casa-da-Musica-StefanBlunier-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Orquestra-Sinfonica-do-Porto-Casa-da-Musica-StefanBlunier-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Orquestra-Sinfonica-do-Porto-Casa-da-Musica-StefanBlunier-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann-1536x1024.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Orquestra-Sinfonica-do-Porto-Casa-da-Musica-StefanBlunier-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Orquestra Sinf\u00f3nica do Porto Casa da M\u00fasica; StefanBlunier &#8211; \u00a9 BR-Astrid Ackermann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die <em>r\u00e4sonanz<\/em> Stifterkonzerte der Ernst von Siemens Musikstiftung bleiben ihrem Prinzip treu, einerseits h\u00f6chst aufw\u00e4ndige Werke zu programmieren, die bereits historische Relevanz haben, ohne allzu oft aufgef\u00fchrt worden zu sein, andererseits dem M\u00fcnchner Publikum Klangk\u00f6rper vorzustellen, die bislang selten oder gar nie hier zu Gast waren. Letzten Samstag brillierte im \u201ePrinze\u201c das <em>Orquestra Sinf\u00f3nica do Porto Casa da M\u00fasica<\/em>, 1947 zun\u00e4chst als Konservatoriumsorchester gegr\u00fcndet, nun nach dem 2001 f\u00fcr den Auftritt Portos als eine Kulturhauptstadt Europas neu errichteten musikalischen Zentrum <em>Casa da M\u00fasica <\/em>benannt und dort ab 2006 beheimatet. Der Schweizer <em>Stefan Blunier<\/em> \u2013 in Deutschland u.&nbsp;a. von 2008-2016 GMD in Bonn \u2013 ist seit 2021 Chef des 94-k\u00f6pfigen Ensembles. Leider hatten wohl selbst Teile des geladenen Publikums wegen der bereits grassierenden Erk\u00e4ltungswelle absagen m\u00fcssen: Etliche Pl\u00e4tze blieben frei.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach anf\u00e4nglichen Studien in seiner Heimat bei Fernando Lopes-Gra\u00e7a war <em>Emmanuel Nunes<\/em> (1941\u20132012) Sch\u00fcler von Boulez, Pousseur und Stockhausen, geh\u00f6rt somit bereits zur zweiten Komponistengeneration, die man mit den Darmst\u00e4dter Ferienkursen verbindet. Seine gro\u00dfangelegten Vokal- und Orchesterwerke f\u00fchrten bald zu internationalen Erfolgen. Sp\u00e4ter unterrichtete der Portugiese selbst in Lissabon, Freiburg und Paris. <em>Ruf <\/em>\u2013 f\u00fcr Orchester und Tonband (1977, revidiert 1982) \u2013 verwendet nicht einmal einen Riesenapparat: 28 Streicher, nur doppelt besetzte Bl\u00e4ser, 2 Schlagzeuger, Klavier (+ Celesta) und Harfe. Der 45-Min\u00fcter besteht aus sechs verbundenen Abschnitten. Bei vier davon wird der zeitliche Ablauf unerbittlich durch das Zuspielband vorgegeben. Das Orchester spielt seine Parts hochdifferenziert \u2013 jeder Spieler quasi als Solist \u2013 und der Dirigent muss trotz des engen Korsetts einerseits pr\u00e4zises Zusammenspiel, andererseits ein geh\u00f6riges Ma\u00df an kontrolliert aleatorischen Ereignissen koordinieren. Stefan Bluniers Schlagtechnik ist von makelloser Klarheit, dabei zum Gl\u00fcck nie mechanisch. Er formt den Klang der einzelnen Orchestergruppen immer gestisch \u00e4u\u00dferst dynamisch mit, agiert zugleich als emotionaler Katalysator dieses sich anfangs als recht chaotisch darstellenden, jedoch mit feinst austariertem Innenleben gestalteten musikalischen Stromes. Die elektronischen Kl\u00e4nge erscheinen als echte \u2013 gerade auch r\u00e4umliche \u2013 Erweiterung, wirken streckenweise mit ihrem Gewobbel wie aus zeitgen\u00f6ssischen Science-Fiction-Filmen dem doch recht nat\u00fcrlichen Geschehen im Orchester dialektisch entgegen. Am Schluss wird es sehr leise, mit ganz unterschwelligen Zitaten aus sp\u00e4tromantischer Musik \u2013 Wagner und Mahler: ein \u00fcberw\u00e4ltigendes Erlebnis. Hier ist bereits klar, dass man das tolle Orchester aus Porto einfach liebgewinnen muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz anders nach der Pause <em>Helmut Lachenmanns<\/em> <em>\u201eTanzsuite mit Deutschlandlied\u201c <\/em>von 1979\/80. Hier ist alles bis ins letzte Detail ausnotiert, mit schw\u00e4bisch-protestantischer Gr\u00fcndlichkeit. Dabei ist dies ein perfektes Beispiel der vom bald 89-j\u00e4hrigen Komponisten selbst so benannten <em>Verweigerungs\u00e4sthetik<\/em>, die er \u00fcber Jahrzehnte gepflegt und Teile des Publikums damit h\u00e4ufig ziemlich provoziert hat. So bleibt also hier das \u201eUnerh\u00f6rte\u201c, lediglich Mitzu<em>denkende<\/em>, zentrales Element des gro\u00dfbesetzten St\u00fccks, wohingegen das tats\u00e4chlich Erklingende konsequent so gut wie jede H\u00f6rerwartung entt\u00e4uscht. Nicht nur das Orchester, sondern ebenso das solistische, kaum merklich verst\u00e4rkte Streichquartett, das anfangs die F\u00fchrung \u00fcbernimmt, spielen fast nur ger\u00e4uschhafte Maskierungen. Der Prozentsatz \u201enormal\u201c herausgebrachter \u201eT\u00f6ne\u201c ist minimal, dann jedoch meist verst\u00f6rend. Das <em>Arditti Quartet<\/em> kennt das St\u00fcck genau; die vier Streicher sch\u00fctteln die komplexen Spielanweisungen locker aus den \u00c4rmeln. Die den 17 Abschnitten zugrunde liegenden Tanzrhythmen werden noch am ehesten erkennbar, wenn man optisch (!) dem wieder absolut souver\u00e4nen Dirigenten folgt. Nach und nach wird klar, mit welch subversiver Energie und tiefgr\u00fcndigem Humor hier Altbekanntes komplett dekonstruiert wird. Selbstverst\u00e4ndlich kommt auch das <em>Deutschlandlied <\/em>in der letzten der f\u00fcnf <em>Abteilungen<\/em> \u2013 Mahler l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen \u2013 nur als \u201eleeres Ger\u00fcst\u201c: Nicht mal ansatzweise erscheinen Text oder Ton verbatim. Lediglich in der Partitur sind Stimmen mit den Silben der ersten (!) Strophe unterlegt, bereits zu Tode geritten (Galopp), bevor diese \u00fcberhaupt anklingen k\u00f6nnte. Trotz des anstrengenden Appells von Lachenmanns <em>Musique concr\u00e8te instrumentale<\/em> ans Publikum, hier zu versuchen, st\u00e4ndig zwischen den Zeilen zu h\u00f6ren, wird diese von Blunier und seinen fabelhaften portugiesischen Musikern sorgf\u00e4ltigst erarbeitete Darbietung keinen Moment langweilig. Und irgendwie passt Lachenmanns Werk auch zum 50. Jahrestag der Nelkenrevolution. Provozieren kann das heutzutage kaum mehr \u2013 und Musik wie Ausf\u00fchrende, die hier wirklich alles gegeben haben, erhalten verdient langen Applaus. Das Stifterkonzert ist einmal mehr seinen hohen Anspr\u00fcchen gerecht geworden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 30. 9. 2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr das erste r\u00e4sonanz Stifterkonzert der neuen M\u00fcnchner musica viva Saison \u2013 es folgt noch ein zweites im Januar \u2013 hatte die Ernst von Siemens Musikstiftung am 28.&nbsp;9.&nbsp;2024 das Orquestra Sinf\u00f3nica do Porto Casa da M\u00fasica mit seinem Chefdirigenten Stefan Blunier ins M\u00fcnchner Prinzregententheater eingeladen. Zun\u00e4chst erklang das gro\u00dfangelegte Orchesterwerk \u201eRuf\u201c des portugiesischen Komponisten Emmanuel &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/10\/02\/das-orquestra-sinfonica-do-porto-casa-da-musica-brilliert-beim-raesonanz-stifterkonzert-der-musica-viva\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Das Orquestra Sinf\u00f3nica do Porto Casa da M\u00fasica brilliert beim \u201er\u00e4sonanz\u201c Stifterkonzert der musica\u00a0viva<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[4263,5114,774,1189,507,2202,5113,506,393],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6816"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6816"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6816\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6821,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6816\/revisions\/6821"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6816"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6816"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6816"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}