{"id":6825,"date":"2024-10-30T23:53:00","date_gmt":"2024-10-30T22:53:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6825"},"modified":"2024-11-13T23:14:51","modified_gmt":"2024-11-13T22:14:51","slug":"ansprechend-bildhaftes-aus-australien-und-grossbritannien","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/10\/30\/ansprechend-bildhaftes-aus-australien-und-grossbritannien\/","title":{"rendered":"Ansprechend Bildhaftes aus Australien und Gro\u00dfbritannien"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Das <\/em>Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks<em> spielte in seinem ersten <\/em>musica viva<em> Konzert der neuen Saison am 25. Oktober 2024 im M\u00fcnchner Herkulessaal unter <\/em>Edward Gardner <em>zwei Orchesterwerke des Briten<\/em> Oliver Knussen: <em>\u201eFlourish with Fireworks\u201c und die<\/em> <em>\u201eCleveland Pictures\u201c. Von Knussens Sch\u00fcler <\/em>Mark-Anthony Turnage<em> erklang<\/em> <em>\u201eThree Screaming Popes\u201c<\/em>. <em>Die gr\u00f6\u00dfte Aufmerksamkeit erregte jedoch die Australierin <\/em>Liza Lim <em>mit der bejubelten Urauff\u00fchrung von \u201eA Sutured World\u201c, eine Art Cellokonzert f\u00fcr den Solisten des Abends, <\/em>Nicolas Altstaedt<em>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Nicolas-Altstaedt-Edward-Gardner-Liza-Lim-BRSO-\u00a9Astrid-Ackermann-BR-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Nicolas-Altstaedt-Edward-Gardner-Liza-Lim-BRSO-\u00a9Astrid-Ackermann-BR-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6826\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Nicolas-Altstaedt-Edward-Gardner-Liza-Lim-BRSO-\u00a9Astrid-Ackermann-BR-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Nicolas-Altstaedt-Edward-Gardner-Liza-Lim-BRSO-\u00a9Astrid-Ackermann-BR-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Nicolas-Altstaedt-Edward-Gardner-Liza-Lim-BRSO-\u00a9Astrid-Ackermann-BR-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Nicolas-Altstaedt-Edward-Gardner-Liza-Lim-BRSO-\u00a9Astrid-Ackermann-BR-1536x1024.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Nicolas-Altstaedt-Edward-Gardner-Liza-Lim-BRSO-\u00a9Astrid-Ackermann-BR-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Nicolas Altstaedt, Edward Gardner, Liza Lim, BRSO \u00a9BR\/Astrid Ackermann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nach Meinung des Rezensenten erklingen ja Werke britischer Herkunft, gemessen an ihrer Bedeutung, generell zu wenig auf deutschen Konzertpodien. Nun hatte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks f\u00fcr diesen Abend nicht nur <em>Edward Gardner<\/em>, den derzeitigen Chef des <em>London Philharmonic Orchestra <\/em>zur <em>musica viva <\/em>eingeladen, sondern auch Musik zweier kompositorischer Schwergewichte der letzten Jahrzehnte programmiert, die gerade in M\u00fcnchen zuletzt nicht oft zu h\u00f6ren waren. <em>Oliver Knussen<\/em> (1952\u20132018) war eine eminente, fr\u00fchreife Doppelbegabung, dirigierte schon mit 15 die Premiere seiner 1.&nbsp;Symphonie beim London Symphony Orchestra. Als Dirigent ein kongenialer Interpret komplexer zeitgen\u00f6ssischer Musik, \u2013 etwa der Werke Elliott Carters \u2013 bezog sich seine eigene Musik stark auf Strawinsky, kn\u00fcpfte gerade an dessen Sp\u00e4twerk an. Seine Instrumentationskunst war immer exzeptionell. Dies beweist das BRSO gleich in <em>Flourish with Fireworks <\/em>(1993): Zwar nur eine Gelegenheitskomposition f\u00fcr das Antrittskonzert von Michael Tilson Thomas als Chefdirigent des LSO, leitet Gardner den 4-Min\u00fcter pr\u00e4zis, ohne mit der linken Hand allzu viel anzuzeigen und kreiert einen mitrei\u00dfenden Klang, der sich offenkundig an Strawinskys fr\u00fchem <em>Feu d\u2019artifice <\/em>orientiert \u2013immerhin ein positiv einstimmendes Warm-up.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Australierin <em>Liza Lim<\/em> (Jahrgang 1966) braucht man in M\u00fcnchen nicht mehr vorzustellen. Sie erhielt den <em>Happy New Ears<\/em> Preis der Hans und Gertrud Zender Stiftung f\u00fcr 2021, und ihre Musik erklang mehrfach im Herkulessaal. Vieles davon zeugt von starkem politischem Engagement und Umweltbewusstsein. <em>A Sutured World<\/em>, dem deutsch-franz\u00f6sischen Solisten <em>Nicolas Altstaedt<\/em> quasi auf den Leib geschrieben, darf das Publikum neben allem philosophischen \u00dcber- und Unterbau inklusive Begrifflichkeiten wie Wundheilung, Riss, Sutra oder Narbe schlicht als ein grandioses Cellokonzert genie\u00dfen. Die f\u00fcr den H\u00f6rer klar strukturierte, vierteilige Anlage sowie Altstaedts hochengagierter, zudem von einer enormen emotionalen Spannweite gepr\u00e4gter Vortrag k\u00f6nnen durchgehend \u00fcberzeugen: von mystischer Versenkung \u00fcber Halluzination bis zu ekstatischer Spielfreude \u2013 der letzte Abschnitt ist mit <em>Simon says: Alle V\u00f6gel fliegen hoch <\/em>betitelt. Nat\u00fcrlich werden alle spiel- und klangtechnischen M\u00f6glichkeiten des Instruments genutzt: So beginnt Altstaedt sein erstes Solo mit einem Barockbogen. F\u00fcr den wieder intimen Schluss nutzt er gar zwei B\u00f6gen gleichzeitig, darf auch mal in durchaus tonal gedachten Kantilenen schwelgen. Das mit nur 2-fachen Bl\u00e4sern besetzte Orchester tritt oft mit Einzelinstrumenten (Harfe) oder kleineren Gruppen in interessante Dialoge mit dem Solisten und verzaubert mit schl\u00fcssiger, fein austarierter Farbigkeit, wird vom Dirigenten mit gr\u00f6\u00dfter \u00dcbersicht und klarer Dynamik so geleitet, dass Altstaedt mit seinem Cello stets durchkommt. Selten hat das musica viva Publikum mit derart ungeteiltem, begeistertem Applaus ein Solistenkonzert bejubelt wie Liza Lims staunenswertes St\u00fcck; da verbot sich jede Zugabe.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Pause gibt es dann zwei Orchesterwerke, die sehr konkret von bildender Kunst inspiriert wurden. Mark-Anthony Turnage (*1960) studierte u. a. bei Oliver Knussen und bezeichnete den Lehrer als Vaterfigur, zu der er eine geradezu famili\u00e4re Beziehung unterhielt. Zu Weltruhm gelangte der junge Komponist auf einen Schlag bei der ersten M\u00fcnchner Biennale 1988 mit seiner Oper <em>Greek<\/em>. Auch <em>Three Screaming Popes <\/em>\u2013 nach Francis Bacons ber\u00fchmten Studien \u00fcber Papstportr\u00e4ts von Vel\u00e1zquez \u2013 aus der gleichen Zeit ist eigentlich mittlerweile ein Klassiker. So wie Bacon die alten Gem\u00e4lde verzerrt, benutzt Turnage historische spanische T\u00e4nze als Grundlage. Es ist jedoch weniger die elaborierte Umformung musikalischen Materials als pure Ausdrucksintensit\u00e4t, die sofort unter die Haut geht. Turnage konnte immer mittels Elementen aus Jazz und Pop zus\u00e4tzliche H\u00e4rten in seine Musik einbringen, was hier voll aufgeht. Gardner \u2013 jetzt mit noch mehr Detailkontrolle als vor der Pause \u2013 und das BRSO, die eine unglaubliche Spannung aufrechterhalten, erzielen nebenbei eine bessere Durchsichtigkeit als Simon Rattle in seiner 1992er Aufnahme mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra, mit dem Turnage seinerzeit assoziiert war: faszinierend. Der Komponist freut sich sichtlich \u00fcber diese Darbietung und die Ovationen der Zuh\u00f6rer.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuletzt erklingen Knussens <em>Cleveland Pictures: <\/em>Sieben geplante St\u00fccke, entstanden zwischen 2003 und 2009, die bereits die letzten Orchesterwerke des Briten darstellen, leider teils unvollendet geblieben sind und erst vor zwei Jahren uraufgef\u00fchrt wurden. Tats\u00e4chlich wollte er quasi neue <em>Bilder einer Ausstellung <\/em>\u2013 nach Exponaten aus dem <em>Cleveland Museum of Art <\/em>\u2013 erschaffen, die freilich weit mehr als pittoreske, mimetische Umsetzungen einzelner Kunstwerke sein sollten. Im ersten Satz mit Bezug auf Rodin wird ein v\u00f6llig tonaler Streichersatz mit aufm\u00fcpfigem Blech konfrontiert, im zweiten (Vel\u00e1zquez) gibt es kurze Renaissance-Ankl\u00e4nge, im dritten (Gauguin) eine knappe, sehr effektiv energiegeladene Streicherlinie. Im freundlichen, fast Tschaikowsky-nahen vierten (<em>Two Clocks<\/em>) findet sich ein un\u00fcberh\u00f6rbares Zitat aus Mussorgskys <em>Boris Godunow<\/em>. Der Goya-Satz (<em>St. Ambrose<\/em>) mit \u00e4u\u00dferst delikater Harmonik \u2013 Mark-Anthony Turnage gewidmet \u2013 richtet seinen Blick gebetsartig nach oben, aber wohl, allein durch die verwendeten spanischen Tanzrhythmen, ebenso auf die <em>Three Screaming Popes<\/em>. W\u00e4re es fertiggestellt worden, h\u00e4tte man im letzten Bild (Turners <em>The Burning of the Houses of Lords and Commons<\/em>) mit Sicherheit die Entwicklung einer gewaltigen Feuersbrunst h\u00f6ren k\u00f6nnen. So bricht das Werk nach einer unglaublich starken, d\u00fcster-bedrohlichen und unheilschwanger initiierten Atmosph\u00e4re schnell ab. Knussen zeigt bei all diesem fast schon unversch\u00e4mten Sch\u00f6nklang nochmals seine ganze Instrumentationskunst, die Bewunderung verdient. Das Publikum findet gro\u00dfen Gefallen an dieser durch und durch verst\u00e4ndlichen Musik. Dirigent und Orchester k\u00f6nnen mit einem gelungenen, mal \u00fcberhaupt nicht verkopftem musica viva Abend mehr als zufrieden sein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 27.10.2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks spielte in seinem ersten musica viva Konzert der neuen Saison am 25. Oktober 2024 im M\u00fcnchner Herkulessaal unter Edward Gardner zwei Orchesterwerke des Briten Oliver Knussen: \u201eFlourish with Fireworks\u201c und die \u201eCleveland Pictures\u201c. 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