{"id":6831,"date":"2024-11-04T00:00:00","date_gmt":"2024-11-03T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6831"},"modified":"2024-11-03T23:55:43","modified_gmt":"2024-11-03T22:55:43","slug":"rezensionen-im-vergleich-1-resurrection","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/11\/04\/rezensionen-im-vergleich-1-resurrection\/","title":{"rendered":"[Rezensionen im Vergleich\u00a01] Resurrection"},"content":{"rendered":"\n<p>Aldil\u00e0 Records, ARCD 020; EAN: 9 003643 980204<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/Resurrection.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/Resurrection.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6832\" width=\"477\" height=\"424\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/Resurrection.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/Resurrection-300x267.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 477px) 100vw, 477px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Auf dem Album <\/em>Resurrection<em> spielt das Orchestra Simf\u00f2nica Camera Musicae unter der Leitung von Christoph Schl\u00fcren Werke von Johann Sebastian Bach, Reinhard Schwarz-Schilling, Wolfgang Amadeus Mozart, Giorgio Federico Ghedini, Douglas Lilburn, Paul B\u00fcttner. Als Solisten sind Joel Bardolet (Violine) und Raquele Magalh\u00e3es (Fl\u00f6te) zu h\u00f6ren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Im Laufe der vergangenen Monate hat Aldil\u00e0 Records kurz hintereinander drei Alben ver\u00f6ffentlicht, auf denen Christoph Schl\u00fcren als Dirigent zu erleben ist. Bei allen handelt es sich um Mitschnitte von Konzerten, zum Teil erg\u00e4nzt durch \u201eStudio-Live\u201c-Aufnahmen, also quasi-konzertante Auff\u00fchrungen ohne Publikum nach dem eigentlichen Konzertereignis. Die CD <em>Quintessence<\/em>, die ein Konzert der Symphonia Momentum in Lehrberg dokumentiert, vereint drei Werke f\u00fcr f\u00fcnfstimmiges Streichorchester: Felix Mendelssohn Bartholdys Introduktion und Fuge (auch Streichersymphonie Nr.&nbsp;13 genannt), Reinhard Schwarz-Schillings <em>Bitten<\/em> (die Bearbeitung eines A-cappella-Chorwerks), und Anton Bruckners Streichquintett in Schl\u00fcrens Einrichtung f\u00fcr Streichorchester. Mit <em>Zodiac<\/em> erschien Schl\u00fcrens erste Doppel-CD als Leiter eines gro\u00dfen Symphonieorchesters. Neben Arvo P\u00e4rts <em>Festina lente<\/em> und dem Adagio aus Benedetto Marcellos Oboenkonzert d-Moll enth\u00e4lt sie als Hauptwerk die Symphonie Nr.&nbsp;3 von Martin Scherber, deren Urauff\u00fchrung hier zugleich festgehalten ist. Wie im Falle von <em>Zodiac<\/em>, ist auch auf dem dritten Album <em>Resurrection<\/em> das katalanische Orchestra Simf\u00f2nica Camera Musicae zu h\u00f6ren, nun allerdings in reiner Streicherbesetzung.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Resurrection<\/em> basiert auf einem Konzert, das im Juli 2021 in Tarragona stattfand. Ganz wie man es von Schl\u00fcren kennt, wird man als Zuh\u00f6rer auf einen Streifzug durch verschiedene Epochen und Stile mitgenommen. Im Gegensatz zu <em>Quintessence<\/em>, wo das konsequente Festhalten an einer Besetzung das Programm bestimmt, tritt das Streichorchester hier in Dialog mit zwei Solisten: dem Geiger Joel Bardolet und der Fl\u00f6tistin Raquele Magalh\u00e3es. Die Vortragsfolge ist dabei so aufgebaut, dass Anfang, Mitte und Abschluss von einem Werk f\u00fcr Streichorchester allein bestritten werden; dazwischen erklingen jeweils zwei Kompositionen, in denen die Solisten zu h\u00f6ren sind. In Hinsicht auf die Entstehungsdaten der Werke l\u00e4sst sich der Verlauf des Programms durchaus als sinusartig bezeichnen. In der Mitte steht Wolfgang Amad\u00e9 Mozarts Fantasie f-Moll KV&nbsp;608, in seinem Todesjahr 1791 f\u00fcr eine mechanische Orgel komponiert und im 20.&nbsp;Jahrhundert von Edwin Fischer f\u00fcr Streicher gesetzt. Ihr voran gehen zwei Werke Johann Sebastian Bachs, die Orgelfuge g-Moll BWV&nbsp;578 und das durch R\u00fccktranskription aus dem Cembalokonzert BWV&nbsp;1056 gewonnene Violinkonzert g-Moll, die ein Werk Reinhard Schwarz-Schillings einrahmen: <em>Da Jesus an dem Kreuze stund<\/em>, eine 1942 vollendete kanonische Choralfantasie f\u00fcr Orgel mit Melodieinstrumenten ad libitum, hier als Streicherwerk mit Violine und Fl\u00f6te aufgef\u00fchrt. In der zweiten H\u00e4lfte der CD d\u00fcnnt sich zun\u00e4chst das Klangbild aus: Mit Giorgio Federico Ghedinis <em>Canto, o della solitudine<\/em> f\u00fcr Fl\u00f6te solo (1962) erklingt das einzige St\u00fcck des Programms, das in seiner originalen Gestalt zu h\u00f6ren ist. In Douglas Lilburns Canzona Nr.&nbsp;1, kommen die Streicher wieder hinzu, um die Fl\u00f6te mit Pizzicato-B\u00e4ssen und dezenten Arco-Linien zu begleiten. Die hier gespielte Fassung des St\u00fccks wurde von Lucian Besciu erarbeitet, der auch die Bachsche Fuge und Schwarz-Schillings Choralbearbeitung transkribiert hat. Er kombinierte dabei zwei vom Komponisten selbst stammende Versionen: die Erstfassung f\u00fcr Violine und Viola von 1943 und die \u00dcberarbeitung von 1980 f\u00fcr Streichorchester. Wie in der ersten Fassung spielt ein einzelnes Instrument die Melodie (hier die Fl\u00f6te), wie in der zweiten bildet ein Streichensemble das klangliche Fundament. Kr\u00f6nender Abschluss des Albums ist Paul B\u00fcttners Streichquartett g-Moll aus dem Jahr 1916, das mit dieser Aufnahme \u00fcberhaupt erstmals auf CD gelangt \u2013 das Album ist offenbar vor allem wegen dieser Pioniertat <em>Resurrection<\/em> benannt. Von Christoph Schl\u00fcren f\u00fcr Streichorchester eingerichtet, erklang es als Streichersymphonie zum ersten Mal 2017 in Neu\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim H\u00f6ren dieser CD f\u00e4llt sofort auf, wie sehr sich der Klang des Streichorchesters im Verlauf des Programms ver\u00e4ndert. Die deutlichen stilistischen Unterschiede der Kompositionen finden ihren Widerhall in ihrer klanglichen Umsetzung. So werden die beiden Bach-St\u00fccke sehr leichtf\u00fc\u00dfig und agil vorgetragen. Mit athletischem Schwung bewegen sich die Sechzehntelketten der Fuge, doch auch dem Gesang der breiteren Gegenstimmen wird Gen\u00fcge getan. Dieser Bach funkelt wahrlich hell! Unmittelbar anschlie\u00dfend wird der imagin\u00e4re Raum in Dunkel geh\u00fcllt: In Schwarz-Schillings <em>Da Jesus an dem Kreuze stund<\/em> geben die Streicher pl\u00f6tzlich Kl\u00e4nge von sich, die in ihrer kernigen Innigkeit an ein altes, h\u00f6lzernes Orgelpositiv gemahnen. Mit Joel Bardolet und Raquele Magalh\u00e3es hat Christoph Schl\u00fcren zwei Solisten gefunden, die sich wunderbar in dieses Farbenspiel einf\u00fcgen. Bei Schwarz-Schillings sind sie gewisserma\u00dfen die Lichtstrahlen im gotischen Kirchenraum. Bardolet, den man von einer fr\u00fcheren Aldil\u00e0-Produktion (German Counterpoint) her bereits als exzellenten Kammermusiker kennt, erf\u00fcllt danach in Bachs Violinkonzert seine Stimme mit Anmut und langem Atem. Im Adagio vergisst er nirgends, dass seine Kantilenen von den Orchesterb\u00e4ssen gest\u00fctzt werden, und in den Ecks\u00e4tzen ist er dem Orchester ein anspornender primus inter pares. Raquele Magalh\u00e3es ist eine Ausnahmefl\u00f6tistin, die man getrost zu den ganz gro\u00dfen Meistern ihres Instruments rechnen darf. Selten h\u00f6rt man die Fl\u00f6te derart menschlich, mit all den feinen Schattierungen, wie sie der menschlichen Stimme gegeben sind! Ganz auf sich allein gestellt, entfaltet Magalh\u00e3es in Ghedinis <em>Canto<\/em> eine fesselnde Klangrede, die durch zahlreiche Atempausen gegliedert, aber nicht unterbrochen wird, wobei sie ihre farbenreiche Tongebung klug einsetzt, um die Spannung zu halten. Ebenso aus dem Vollen sch\u00f6pft sie in der Darbietung der Lilburnschen Canzona auf der Altfl\u00f6te, wobei dieses liedhafte St\u00fcck \u2013 ein Juwel schlichter Sch\u00f6nheit, das durchaus Ohrwurmqualit\u00e4t besitzt \u2013 ihrer \u201es\u00e4ngerischen\u201c Begabung besonders entgegenkommt. Die St\u00fccke Ghedinis und Lilburns bilden als Monodie und instrumentales Arioso den Ruhepol der CD. Geschickt sind sie hinter ein Werk Mozarts platziert worden, das zu dessen exzessivsten kontrapunktischen Arbeiten geh\u00f6rt. Schl\u00fcren l\u00e4sst das Orchester in der Fantasie KV&nbsp;608 wuchtiger klingen als in den Bach-St\u00fccken, wie gleich in den Einleitungstakten nach Art franz\u00f6sischer Ouvert\u00fcren deutlich wird. Die beiden Allegro-Teile zu Beginn und am Schluss werden langsamer gespielt als in allen anderen mir bekannten Auff\u00fchrungen des Werkes. Bezugspunkte f\u00fcr diese Tempowahl sind offensichtlich die darin enthaltenen Fugen, deren lebhafte Kontrapunkte sorgf\u00e4ltigst phrasiert dargeboten werden. Dadurch verhindert der Dirigent den Eindruck mechanischen Abspulens, der namentlich bei zu hastiger Auff\u00fchrung des Schlussteils aufkommen kann. Das zentrale Andante, ein Variationssatz, klingt zart und gesanglich \u2013 nicht nur in den Violinen, sondern in allen Stimmen: Mozarts herrliche Polyphonie darf auch hier aufbl\u00fchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Paul B\u00fcttner ist man am Ende bei einem der gro\u00dfen deutschen Symphoniker des fr\u00fchen 20.&nbsp;Jahrhunderts angelangt, einem Meister des opulenten Orchesterklangs, der zugleich \u2013 als Sch\u00fcler Felix Draesekes \u2013 einer der geistvollsten Kontrapunktiker seiner Generation gewesen ist (man h\u00f6re diesbez\u00fcglich einmal seine ganz aus Kanons bestehende Triosonate f\u00fcr Streichtrio!). B\u00fcttners Streichquartett g-Moll dauert etwas mehr als eine halbe Stunde und gliedert sich in f\u00fcnf S\u00e4tze: Ein zentrales Scherzo wird von zwei langsamen Interludien umrahmt, diese wiederum von einem ausgedehnten Allegro-Kopfsatz und einem lebhaften Finale. Letzteres ist eine Art Rondo, das in seinen Zwischenteilen auf Themen der fr\u00fcheren S\u00e4tze zur\u00fcckgreift und auch einen langsamen Doppelkanon \u00fcber das Thema E-F-A (eine versteckte Widmung an B\u00fcttners Ehefrau) enth\u00e4lt. Das Quartett ist durchaus kein verkapptes Orchesterwerk \u2013 B\u00fcttner wirft nicht mit Doppelgriffen und Tremoli um sich und schreibt kaum homophon-fl\u00e4chig \u2013, doch geht durch das ganze St\u00fcck ein Zug ins Gro\u00dfe, der es mehr als rechtfertigt, es in chorischer Besetzung aufzuf\u00fchren. Das Orchestra Simf\u00f2nica Camera Musicae widmet sich hingebungsvoll der Ausgestaltung jedes einzelnen Moments, und tats\u00e4chlich meint man st\u00e4ndig, im Streicherklang versteckte Holzbl\u00e4ser, H\u00f6rner, Trompeten, Posaunen zu h\u00f6ren. Wer wissen will, wie man mit einem monochronen Klangk\u00f6rper ein Maximum an Differenziertheit erzeugen kann, der findet hier ein vorz\u00fcgliches Beispiel. Zum stillen H\u00f6hepunkt des Ganzen ger\u00e4t das zweite Interludium \u2013 es ist keine blo\u00dfe Floskel, wenn man angesichts dessen von einem Streicherchor spricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein sehr umfangreicher Einf\u00fchrungstext aus Christoph Schl\u00fcrens Feder, der nicht nur viele interessante Fakten zur Entstehung der einzelnen Werke, sondern vor allem wertvolle Einsichten bez\u00fcglich ihrer Auff\u00fchrung enth\u00e4lt, rundet diese wunderbare Produktion ab, die jedem Freund kultivierten Musizierens w\u00e4rmstens empfohlen werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, November 2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aldil\u00e0 Records, ARCD 020; EAN: 9 003643 980204 Auf dem Album Resurrection spielt das Orchestra Simf\u00f2nica Camera Musicae unter der Leitung von Christoph Schl\u00fcren Werke von Johann Sebastian Bach, Reinhard Schwarz-Schilling, Wolfgang Amadeus Mozart, Giorgio Federico Ghedini, Douglas Lilburn, Paul B\u00fcttner. 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