{"id":6839,"date":"2024-11-14T23:59:00","date_gmt":"2024-11-14T22:59:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6839"},"modified":"2024-11-15T00:24:54","modified_gmt":"2024-11-14T23:24:54","slug":"ein-gelungener-zemlinsky-duenser-abend-in-innsbruck","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/11\/14\/ein-gelungener-zemlinsky-duenser-abend-in-innsbruck\/","title":{"rendered":"Ein gelungener Zemlinsky-D\u00fcnser-Abend in Innsbruck"},"content":{"rendered":"\n<p><em>In Innsbruck spielte am 10.&nbsp;November 2024 das Orchester der Akademie St.&nbsp;Blasius unter der Leitung von Karlheinz Siessl Musik Alexander Zemlinskys in Bearbeitungen von Richard D\u00fcnser. Es erklangen das Streichquartett Nr.&nbsp;2 als Kammersymphonie und die <\/em>Sieben Lieder von Nacht und Traum<em>. Als S\u00e4ngerin war Anne Schuldt, Mezzosopran, zu h\u00f6ren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Alexander Zemlinskys 1918 uraufgef\u00fchrtes Streichquartett Nr.&nbsp;2 geh\u00f6rt zu den herausragenden Gattungsbeitr\u00e4gen des fr\u00fchen 20.&nbsp;Jahrhunderts und kann als bedeutendste Leistung seines Komponisten auf dem Gebiete der Kammermusik gelten. Mit einer ganzen Reihe anderer Streichquartette dieser Epoche \u2013 z.&nbsp;B. Max Regers op.&nbsp;74, Arnold Sch\u00f6nbergs op.&nbsp;7, Friedrich Kloses Es-Dur-Quartett, Josef Suks op.&nbsp;31 und Hans Pfitzners sp\u00e4ter zur Symphonie orchestriertem op.&nbsp;36 \u2013 teilt es die Tendenz zur formalen Expansion und zur \u00e4u\u00dfersten Ausreizung der klanglichen M\u00f6glichkeiten der vier Streicher. Wie die etwas \u00e4lteren Werke Sch\u00f6nbergs und Suks besteht es aus einem einzigen Satz, dessen Unterabschnitte sich aber ungef\u00e4hr mit den Satzcharakteren einer mehrs\u00e4tzigen Sonate decken. Innerhalb des 40-min\u00fctigen Verlaufs kommt es zu extremen Kontrasten. In Hinblick auf harmonische K\u00fchnheiten kann es Zemlinsky ohne weiteres mit dem sp\u00e4ten Mahler und dem fr\u00fchen Sch\u00f6nberg aufnehmen. Die Musik wechselt zwischen manischer Aktivit\u00e4t und introspektivem Verharren, bleibt mitunter unsicher in der Schwebe, steigert sich dann wieder zu leidenschaftlichen Gef\u00fchlsausbr\u00fcchen und erstirbt letztlich, nachdem sie sich zuvor noch durch dornige Chromatik winden musste, in lichtem D-Dur. Ohne Zweifel ist dieses Quartett ein Bekenntniswerk. Kein Ton ist darin, der klingt, als w\u00e4re er einem blo\u00df artistischen Bed\u00fcrfnis entsprungen. Hier spricht sich eine zutiefst ersch\u00fctterte Seele aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Anders als Sch\u00f6nberg, sein Sch\u00fcler und Schwager, hat Zemlinsky nicht den Weg zur Kammersymphonie eingeschlagen, sondern gro\u00dforchestrale Symphonik und Kammermusik voneinander getrennt kultiviert. Das nichtsdestoweniger im Zweiten Streichquartett vorhandene orchestrale Potential reizte den Komponisten Richard D\u00fcnser, dieses Werk zu einer Kammersymphonie umzuformen. Hinsichtlich der Besetzung orientierte sich D\u00fcnser an Sch\u00f6nbergs Kammersymphonie op.&nbsp;9 und verzichtete lediglich auf das Kontrafagott, womit seine Bearbeitung des Zemlinskyschen Quartetts auf 14 Stimmen kommt. D\u00fcnsers Instrumentation zeichnet einerseits Zemlinskys Linien mit kontrastreicheren Farben nach, anderseits f\u00fcgt sie dem Werk neue Ebenen hinzu, indem sie Gegens\u00e4tze schafft, die im Original h\u00f6chstens angedeutet waren. So schafft D\u00fcnser bereits in den Anfangstakten, die Phrasierung interpretierend, ein Wechselspiel zwischen Streichern und Bl\u00e4sern, indem er die Bl\u00e4ser an jenen Stellen einsetzen l\u00e4sst, die Zemlinsky in der Oberstimme durch Akzente hervorgehoben hat.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Gestalt erklang das Werk am 10. November 2024 im Innsbrucker Kulturzentrum Vier und Einzig durch das Orchester der Akademie St.&nbsp;Blasius unter der Leitung von Karlheinz Siessl. Man h\u00f6rte 19 Instrumente spielen, da die Violinen auf sechs, die Bratschen auf zwei aufgestockt wurden; angesichts der St\u00e4rke der Bl\u00e4ser eine durchaus sinnvolle Entscheidung. Die Darbietung des anspruchsvollen Werkes gelang au\u00dferordentlich gut. Karlheinz Siessl ist ein \u00e4u\u00dferst sorgf\u00e4ltiger Kapellmeister, der, die Takte genau ausschlagend, pr\u00e4zise das Tempo vorgibt. Eine starke, ausladende Geste ist bei ihm immer mit einer spezifischen Bedeutung verkn\u00fcpft und nie zuf\u00e4llig. Mit sicherer Hand lenkte er die Kr\u00e4fte seiner hochmotivierten Musiker und wog die einzelnen Sektionen des Orchesters gegeneinander ab, sodass ein in kr\u00e4ftigen, stark kontrastierenden Farben strahlendes Klangbild entstand, in welchem es aber nie grob und unbeherrscht zuging.<\/p>\n\n\n\n<p>Den zweiten Teil des Konzerts bildeten die <em>Sieben Lieder von Nacht und Traum<\/em>, ein Zyklus, den Richard D\u00fcnser aus verschiedenen, getrennt voneinander ver\u00f6ffentlichten Klavierliedern Zemlinskys zusammengestellt hat. Nachdem er seine Auswahl unter den Gesichtspunkten pers\u00f6nlicher Vorliebe und Eignung zur Orchestrierung getroffen hatte, stellte D\u00fcnser fest, dass sich alle in einer n\u00e4chtlichen Szenerie abspielen oder von Tr\u00e4umen handeln \u2013 darum der Titel. Das Orchester entspricht demjenigen der aus dem Zweiten Streichquartett gewonnenen Kammersymphonie, erweitert um eine Harfe. Der Verschiedenheit der Gedichte, die von sieben Dichtern unterschiedlicher stilistischer Ausrichtung stammen, entspricht die Vielseitigkeit der Vertonungen Zemlinskys. Herrscht im ersten Lied (<em>Der Traum<\/em>) ein volksliedartiger Ton vor, und erinnert das zweite (<em>Das verlassene M\u00e4dchen<\/em>) an ein altdeutsches Lied der Renaissance-Zeit, so geben sich St\u00fccke wie <em>Um Mitternacht<\/em> und <em>Und hat der Tag all seine Qual<\/em> als kleine symphonische Szenen, bei denen durchaus Richard Wagner, auf dessen Spuren Zemlinskys raffinierte Harmonik ohnehin wandelt, Pate gestanden hat. In <em>Schlaf nur ein<\/em> mischt sich mit den titelgebenden Worten immer wieder, wie von au\u00dfen kommend, volksliedhafte Schlichtheit ins sp\u00e4tromantische Zwielicht, und <em>V\u00f6glein Schwermut<\/em>, das letzte Lied, hebt wie ein Volkslied an, um als symphonischer Gesang zu schlie\u00dfen. Immer wieder beeindruckt, wie Zemlinsky durch die Begleitung Atmosph\u00e4re schafft, sei es tonmalerisch, wie in den Vogelrufen im <em>Traum<\/em>, und den n\u00e4chtlichen Unwettern in <em>Um Mitternacht<\/em> und <em>Ich geh nachts<\/em>, sei es als Darstellung der sich steigernden Erregung und schlie\u00dflichen Resignation im <em>Verlassenen M\u00e4dchen<\/em>. D\u00fcnsers Instrumentation tr\u00e4gt sehr wohl zur Vertiefung der Eindr\u00fccke bei. Er hat sich \u00fcbrigens eng an Zemlinskys Klaviersatz gehalten, sodass in seiner Bearbeitung einige Stellen ungeachtet der neuen Klangfarben auffallend klavieristisch anmuten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mezzosopranistin Anne Schuldt darf man durchaus als ideale Besetzung f\u00fcr diese Lieder betrachten. Allgemein passt ihre kr\u00e4ftige, dunkel get\u00f6nte und lyrisch-samtene Stimme sehr gut zur Grundstimmung der Musik Zemlinskys, doch versteht sie sich gleichfalls darauf, sich in den individuellen Charakter jedes einzelnen Liedes hineinzuversetzen und ihm zu ad\u00e4quaten Ausdruck zu verhelfen. Hervorheben muss man au\u00dferdem ihre gute Textverst\u00e4ndlichkeit. Karlheinz Siessls umsichtige Leitung bew\u00e4hrte sich auch hier. Das Orchester bot der S\u00e4ngerin eine sehr belebte B\u00fchne, auf der sie sich entfalten konnte, ohne f\u00fcrchten zu m\u00fcssen, von den Instrumenten \u00fcbert\u00f6nt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Akademie St. Blasius kann sich diesen Abend als gro\u00dfen Erfolg verbuchen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, November 2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Innsbruck spielte am 10.&nbsp;November 2024 das Orchester der Akademie St.&nbsp;Blasius unter der Leitung von Karlheinz Siessl Musik Alexander Zemlinskys in Bearbeitungen von Richard D\u00fcnser. Es erklangen das Streichquartett Nr.&nbsp;2 als Kammersymphonie und die Sieben Lieder von Nacht und Traum. Als S\u00e4ngerin war Anne Schuldt, Mezzosopran, zu h\u00f6ren. Alexander Zemlinskys 1918 uraufgef\u00fchrtes Streichquartett Nr.&nbsp;2 geh\u00f6rt &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/11\/14\/ein-gelungener-zemlinsky-duenser-abend-in-innsbruck\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Ein gelungener Zemlinsky-D\u00fcnser-Abend in Innsbruck<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":18,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[2934,5117,4,97,96,5118,703],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6839"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/18"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6839"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6839\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6840,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6839\/revisions\/6840"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6839"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6839"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6839"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}