{"id":697,"date":"2016-04-13T16:26:08","date_gmt":"2016-04-13T14:26:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=697"},"modified":"2016-04-14T23:00:56","modified_gmt":"2016-04-14T21:00:56","slug":"arabesken-fantasien-andenkrieger-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/04\/13\/arabesken-fantasien-andenkrieger-2\/","title":{"rendered":"Arabesken, Fantasien, Andenkrieger"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/unspecified.jpg\" rel=\"attachment wp-att-704\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone  wp-image-704\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/unspecified-300x200.jpg\" alt=\"unspecified\" width=\"359\" height=\"239\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/unspecified-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/unspecified-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/unspecified-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/unspecified.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 359px) 100vw, 359px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Am Montag, den 9. April spielte die italienische Pianistin Ottavia Maceratini in der \u201as\u00e9rie jeunes\u2019 des Tonhalle-Orchesters Z\u00fcrich ihr Deb\u00fctkonzert im Kammermusiksaal der Z\u00fcrcher Tonhalle. Nach der ersten H\u00e4lfte mit Schumanns Arabesque, Mozarts Rondo in a-moll und Schumanns Fantasie folgten Ravels Sonatine, zwei \u201aEssays in the Modes\u2019 von John Foulds, Kaikhosru Shapurji Sorabjis Pastiche \u00fcber das Lied des Hindu-H\u00e4ndlers aus Rimsky-Korsakovs Oper \u201aSadko\u2019 und die Urauff\u00fchrung der gro\u00dfen, hochvirtuosen Fantasie \u201aGuerrero Andino\u2019 des peruanischen Meisterpianisten Juan Jos\u00e9 Chuquisengo.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u201as\u00e9rie jeunes\u2019 des Z\u00fcrcher Tonhalle-Orchesters ist eine Beobachtungsst\u00e4tte f\u00fcr aufstrebende junge K\u00fcnstler und wird von einem entsprechend fachkundigen, hochinteressierten, nat\u00fcrlich auch kritischen Publikum besucht. Und der Zuspruch zu diesen Konzerten ist ausgezeichnet, wie auch an diesem Abend zu sp\u00fcren, der durchaus furios und denkw\u00fcrdig war. Ottavia Maria Maceratini ist eine Musikerin, die nicht um jeden Preis Karriere machen m\u00f6chte. Es geht ihr um die Musik und um die Begegnung mit dem Publikum, und eben nicht um den demonstrativen Ego-Trip, was ihrem Spiel anzumerken ist. Eine ph\u00e4nomenale Technik ist nat\u00fcrlich die Voraussetzung, um \u201aganz oben\u2019 mitzuspielen, und ein kultivierter Klang und Stilbewusstsein sollten dazugeh\u00f6ren, sind aber keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Bei ihr ist das alles in sch\u00f6nster Weise gegeben. Vor einem Jahr gab sie ihr Deb\u00fct mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin in der deutschen Erstauff\u00fchrung von John Foulds\u2019 einzigem, gro\u00dfartigem Klavierkonzert \u201aDynamic Triptych\u2019, davor war sie unter anderem mehrfach mit Lavard Skou Larsen, einem der feinsten Dirigenten unserer Zeit, aufgetreten, hatte mit Gidon Kremer und der Kremerata Baltica beim Schleswig Holstein Musik Festival deb\u00fctiert, mit dem Nowosibirsk Philharmonic und dem M\u00fcnchener Kammerorchester konzertiert, und vieles weitere. Nun also ihr erster Z\u00fcrcher Auftritt, der von gro\u00dfem Erfolg beim Publikum bekr\u00f6nt wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie begann mit Robert Schumanns Arabeske op. 18, vielleicht etwas fl\u00fcchtig im Entwurf, dabei mit bezauberndem Feinsinn dargeboten. Es ist nicht einfach, \u00fcber die zwei lyrisch kontrastierenden Zwischenspiele hinweg den gro\u00dfen Bogen entstehen zu lassen, doch die erw\u00e4rmende Intimit\u00e4t des Ausdrucks nahm sofort gefangen. Es folgte Mozarts Rondo in a-moll, in der organischen Entfaltung \u00fcber die weite Strecke und den vertrackten dynamischen Vorschriften durchaus ein besonders anspruchsvolles Werk von 1787, und es waren au\u00dfergew\u00f6hnliche Klarheit und feinnervige Phrasierungskunst zu bestaunen. Ottavia Maria Maceratini ist hier schon einen weiten Weg der Bewusstwerdung gegangen, sehr ungew\u00f6hnlich in der die Strukturen auff\u00e4chernden Ernsthaftigkeit f\u00fcr einen jungen Menschen. Auch klanglich fesselt ihr perlendes, niemals verwaschenes Spiel, das der Spur einer kontinuierlichen Durchdringung folgt, die keine nichtssagenden Formelhaftigkeiten kennt. Es ist sehr nahe dran an einem idealen Mozart, auch hinsichtlich des grazi\u00f6s gemessenen Tempos. Was noch fehlt, ist in entscheidenden Momenten eine gewisse Ruhe, das Auskosten des atmenden Gesangs. Und zugleich ist so erfreulich, dass bei ihr nicht die geringste Gefahr sentimentalen, sich selbst zelebrierenden Stillstands besteht. Diese Musik bewegt sich fortw\u00e4hrend auf einem schmalen Grat, und wir d\u00fcrfen hoffen, dass es ihr gelingt, einen vollendeten Ausgleich zwischen Vorw\u00e4rtsdr\u00e4ngen und subtilem Innehalten im Dienste der Gesamtform zu finden. Das ist ein Prozess, der Zeit braucht, und dem sich die wenigsten Musiker stellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleiches gilt auch f\u00fcr Robert Schumanns gewaltige dreis\u00e4tzige Fantasie C-Dur op. 17 von 1835-36. Hier ist vorauszuschicken, dass Frau Maceratini eine Darbietung gelang, die nicht nur zum Besten geh\u00f6rt, was heute in Sachen Schumann zu vernehmen ist, sondern auch, dass sie dieses komplexe und gef\u00fcrchtete, so viel gespielte Meisterwerk mit einer technischen Vollendung spielte, wie das kaum je geschieht. Auch die extremsten Schwierigkeiten gelangen ihr, ohne Verzerrungen des Tempos, mit ph\u00e4nomenaler Leichtigkeit. Nie knallt ihr \u00e4u\u00dferst kraftvolles Forte, alles ist klar und rund, legt die Polyphonie offen, folgt den harmonischen Impulsen, l\u00e4sst die Musik mit unwiderstehlichem Charakter sprechen. Da fehlt nicht viel! Einzig m\u00f6chte ich anmerken, dass der Mittelteil des Kopfsatzes zwischendurch zu sehr beschleunigt, dass auch im Mittelsatz einige Male in der Hitze des Gefechts das Tempo etwas davonzulaufen tendiert, dass im Finale die letzte Beruhigung etwas sp\u00e4t kommt. So ist auch hier der einzige kardinale Kritikpunkt, mehr Raum f\u00fcr die Ruhe zu lassen, die nat\u00fcrlich nichts mit Ermattung zu tun hat, sondern mit Innigkeit, die potentiell ohnehin da ist, jedoch noch nicht wirklich zu ihrem Recht kommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ravels Sonatine erklang mit der pantomimischen Zerbrechlichkeit, die so bezeichnend f\u00fcr diese Musik ist, wunderbar stilisiert und nat\u00fcrlich zugleich in den Details \u2013 auch den formbildenden Tempokontrasten, und dort, wo es angesagt ist, den Blick in die Abgr\u00fcnde offenbarend. Auch hier: gelegentlich noch mehr Ausatmen lassen, der lyrischen Gegenwelt mehr Raum geben, und die schnelleren Tempi nicht davoneilen lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwei der sieben 1926 in Paris komponierten \u201aEssays in the Modes\u2019 op. 78 von John Foulds (1880-1939) schlossen sich an, was programmatisch passender nicht h\u00e4tte gew\u00e4hlt werden k\u00f6nnen: das Passacaglia-artig lyrisch kontrapunktierende \u201aIngenuous\u2019 und das herrlich verinnerlichte, in vier \u201aStrophen\u2019 auf archaischen Pfaden feierlich dahinschreitende \u201aStrophic\u2019. Es ist unglaublich, welchen Reichtum Foulds einer niemals modulierenden Musik in jeweils einem einzigen Modus entlockt. In solchen Werken erweist er sich als der substantiellste und transzendenteste englische Komponist seiner Zeit, durchaus mit Ravel und Bart\u00f3k auf Augenh\u00f6he, und hier kann sich die lyrisch-introvertierte, klangsensitive Begabung der Pianistin wunderbar entfalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann Sorabji, mit seinem \u201aPastiche on the Hindu Merchant\u2019s Song from Sadko by Rimsky-Korsakov\u2019 \u2013 wie eine Edelstein-glitzernde Episode aus Tausendundein N\u00e4chten, von der Pianistin herrlich abschattiert in der immer vernehmlichen, reich ornamentierend umkleideten einfachen Gesangsmelodie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit Spannung wurde die abschlie\u00dfende Urauff\u00fchrung des Peruaners Juan Jos\u00e9 Chuquisengo erwartet. Er schrieb nicht den urspr\u00fcnglich angek\u00fcndigten Tango, sondern eine Ged\u00e4chtnismusik f\u00fcr einen verstorbenen Freund aus den Anden, dessen Andenken das Werk gewidmet ist: \u201aGuerrero Andino\u2019. Diese gro\u00dfe Fantasie ist nicht nur eine zugleich h\u00f6chst dankbare gigantische pianistische Herausforderung, sondern besticht bei ihrem immensen harmonischen Reichtum, ihrer melodischen Sch\u00f6nheit, abwechslungsreichen rhythmischen Vitalit\u00e4t und unkonventionellen kontrapunktischen Eleganz vor allem dadurch, dass die eigentlich rhapsodische Anlage auf organisch kunstreichste Weise ineinander verwoben ist. Es ist keine \u201amoderne Musik\u2019 in dem Sinne, in welchem sie in unserer subventionierten Kulturlandschaft nach wie vor hartn\u00e4ckig verstanden wird, daf\u00fcr ist sie nicht nur viel zu sch\u00f6n, sondern auch in der Subtilit\u00e4t viel zu neuartig. Eine unglaublich kraft- und prachtvolle, farbenreiche, lebendige, innerlich reiche Musik, die endlos scheinende R\u00e4ume er\u00f6ffnet und das Gef\u00fchl einer unersch\u00f6pflichen Freiheit atmet. Es kann gut sein und ist zu w\u00fcnschen, dass dieses Werk ein Klassiker der Soloklaviermusik in unserer Zeit wird. Juan Jos\u00e9 Chuquisengo beweist darin auch sozusagen ganz nebenbei, dass er nicht nur einer der feinsten Pianisten unserer Tage ist, sondern auch ein wahrhaft gro\u00dfartiger Komponist (am 22. April wird im Freien Musikzentrum in M\u00fcnchen seine symphonisch angelegte Piazzolla-Hommage \u201aTango-Metamorphosen\u2019 f\u00fcr Streichquintett uraufgef\u00fchrt, die bald darauf in Augsburg durch die Bayerische Kammerphilharmonie auch in der Streichorchesterfassung erstmals erklingen wird). Ottavia Maria Maceratini hat mit \u201aGuerrero Andino\u2019 ein gewaltiges Werk an den Schluss ihres Programms gesetzt, das ihrer Ausnahmebegabung in sch\u00f6nster Weise entspricht und das Publikum in Begeisterung versetzt. Sie dankt f\u00fcr den Applaus mit einer so wundervollen wie hochoriginellen Zugabe, dem \u201aPersian Love Song\u2019 von John Foulds, in verfeinertster Wiedergabe. M\u00f6ge sie bald wieder in Z\u00fcrich zu h\u00f6ren sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Lucien-Efflam Queyras de Flonzaley, April 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Montag, den 9. April spielte die italienische Pianistin Ottavia Maceratini in der \u201as\u00e9rie jeunes\u2019 des Tonhalle-Orchesters Z\u00fcrich ihr Deb\u00fctkonzert im Kammermusiksaal der Z\u00fcrcher Tonhalle. 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