{"id":701,"date":"2016-04-14T22:36:24","date_gmt":"2016-04-14T20:36:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=701"},"modified":"2016-04-14T22:44:20","modified_gmt":"2016-04-14T20:44:20","slug":"rund-um-die-drei","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/04\/14\/rund-um-die-drei\/","title":{"rendered":"Rund um die Drei"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Drei Jahrzehnte B\u00fchnenjubil\u00e4um feiert Ingolf Turban mit den drei Violinsonaten von Johannes Brahms auf drei gro\u00dfartigen Geigen aus drei Jahrhunderten. Im gro\u00dfen Konzertsaal der Hochschule f\u00fcr Musik und Theater M\u00fcnchen findet am 13. April um 19:00 das Jubil\u00e4umskonzert statt, am Klavier dabei seine langj\u00e4hrige Kammermusikpartnerin Gabriele Seidel-Hell.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn Ingolf Turban sagt, er habe sein 30-j\u00e4hriges Jubil\u00e4um auf der Konzertb\u00fchne, so ist dem nicht ganz richtig. Schlie\u00dflich spielte er bereits mit f\u00fcnf Jahren seinem Gemeindepfarrer vor und stand mit sieben auf dem Podium des gro\u00dfen Konzertsaals der Hochschule f\u00fcr Musik und Theater M\u00fcnchen, dem Ort des heutigen Konzertabends. Vielmehr bezieht sich diese Zahl auf einen denkw\u00fcrdigen Auftritt kurz nach seiner Ernennung zum Konzertmeister der M\u00fcnchner Philharmoniker. Als Einspringer f\u00fcr eine erkrankte Solistin \u00fcbernahm Turban damals den Solopart von Sibelius&#8216; grandiosem Konzert d-Moll Op. 47 unter Sergiu Celibidache, was ihm entscheidend zum Durchbruch verhalf, vor allem jedoch eine zutiefst pr\u00e4gende Erfahrung war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter wurde Ingolf Turban vor allem bekannt durch seine Darbietungen und Einspielungen unbekannterer Musik und holte teils komplett verloren geglaubte Sch\u00e4tze ans Licht. Umso gl\u00fccklicher sch\u00e4tzt sich der Virtuose, wie er selbst bekundet, heute einmal drei Werke der Standardliteratur vorzutragen. Die drei gro\u00dfen Violinsonaten von Johannes Brahms sind drei grundverschiedene Werke: die zart-vernebelt scheinende G-Dur-Sonate Op. 78 &#8211; welche ja auch Regen-Sonate genannt wird, was auf den Titel des dort zitierten &#8222;Regenlieds&#8220; aus Op. 59 zur\u00fcckgeht -, dann die klare und brillante \u201aMeistersinger\u2019-Sonate in A-Dur Op. 100 sowie die dunkel-herbe in d-Moll Op. 108. So entscheidet sich Turban, jedem der Werke eine eigene Stimme zu verleihen und folglich ein franz\u00f6sisches, ein italienisches und ein deutsches Instrument, je aus einem anderen Jahrhundert und von jeweils einem \u00e4u\u00dferst\u00a0namhaften Geigenbauer, zu spielen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den drei hochkar\u00e4tigen Instrumenten entlockt Ingolf Turban immer neue, scheinbar nicht enden wollende Nuancen der Tongestaltung. Bei all dem vermeidet er allerdings dennoch die Extreme und kann die Musik vor effekthascherischen Oberfl\u00e4chlichkeiten bewahren, zu denen viele Virtuosen etwa in der dritten Sonate neigen. Die bewegten S\u00e4tze geraten zu keiner Zeit hastig oder \u00fcberst\u00fcrzt, das Tempo wirkt kontrolliert und bodenst\u00e4ndig, und auch die ruhigeren S\u00e4tze driften nicht in \u00fcberzogene Tr\u00e4umereien aus, was auch ganz untypisch f\u00fcr die robust-m\u00e4nnliche Musik Brahms&#8216; w\u00e4re. Gerade bei der Phrasierung zeigt sich, dass Turban aus der Schule von Sergiu Celibidache stammt, denn er beh\u00e4lt stets eine Nat\u00fcrlichkeit darin, was ausschlie\u00dflich \u00fcber genaueste Auslotung der Spannungs- und Intervallverh\u00e4ltnisse bewusst geschehen kann, wie es Celibidaches Ph\u00e4nomenologie lehrt. H\u00f6chst bemerkenswert ist das Vibrato Turbans, welches einmal nicht als blo\u00dfe Verst\u00e4rkung jedes einzelnen Tons dient, sondern in verschiedenen Schattierungen besondere und ansprechende Effekte aus bestimmten Passagen hervorlockt, w\u00e4hrend manche Stellen auch komplett ohne dieses Hilfsmittel auskommen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00fcrbar ist die langj\u00e4hrige kammermusikalische Verbindung mit Gabriele Seidel-Hell, welche die anspruchsvollen Klavierparts souver\u00e4n gestaltet. Beide Musiker empfinden genau denselben Tempoimpuls und lassen Tempo\u00e4nderungen vollkommen synchron gef\u00fchlt entstehen. Nur an wenigen Stellen k\u00f6nnte Seidel-Hell ein wenig mehr in den Vordergrund treten und als gleichwertige Duettstimme agieren, anstatt im Hintergrund zu bleiben. Auch manchen Kontrast k\u00f6nnte sie noch etwas st\u00e4rker hervorheben, gerade die rastlose Konfliktrhythmik oder pl\u00f6tzliche Wechsel von thematischem Material oder Harmonik k\u00f6nnten das fahl abschattierte Licht der Verhaltenheit verlassen. Abgesehen davon strotzt ihr Spiel von Energie und Vitalit\u00e4t, bleibt dennoch zart und eher hintergr\u00fcndig. Alles erh\u00e4lt eine enorme Lockerheit und Leichtigkeit, wobei auch sie nie ins impressionistische Extrem abgleitet und somit dem Geiste Brahms\u2019 ziemlich gerecht wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie Turban richtig vermutet, erwartet jeder im Publikum als Zugabe das Scherzo der F.A.E.-Sonate als einzigen weiteren Satz f\u00fcr diese Besetzung von Johannes Brahms. Doch genau deshalb spielen er und Seidel-Hell es nicht, sondern lassen den Abend gem\u00fctlicher auslaufen, und zwar mit einem innig-empfundenen und genie\u00dferisch-wachen langsamen Satz von Robert Schumann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Publikum liebt und dankt es sehr. Bleibt nur, den Jubilar zu begl\u00fcckw\u00fcnschen und auf die n\u00e4chsten drei\u00dfig Jahre gespannt zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, April 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drei Jahrzehnte B\u00fchnenjubil\u00e4um feiert Ingolf Turban mit den drei Violinsonaten von Johannes Brahms auf drei gro\u00dfartigen Geigen aus drei Jahrhunderten. Im gro\u00dfen Konzertsaal der Hochschule f\u00fcr Musik und Theater M\u00fcnchen findet am 13. April um 19:00 das Jubil\u00e4umskonzert statt, am Klavier dabei seine langj\u00e4hrige Kammermusikpartnerin Gabriele Seidel-Hell. 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