{"id":7020,"date":"2024-12-20T20:19:39","date_gmt":"2024-12-20T19:19:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7020"},"modified":"2024-12-20T20:19:43","modified_gmt":"2024-12-20T19:19:43","slug":"der-bogen-des-odysseus-und-noch-etwas-wirklich-wichtiges","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/12\/20\/der-bogen-des-odysseus-und-noch-etwas-wirklich-wichtiges\/","title":{"rendered":"Der Bogen des Odysseus, und noch etwas wirklich Wichtiges"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ein kurzer, nicht abschlie\u00dfender Bericht aus Wien in der Vorweihnachtszeit.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Inszenierung und Auff\u00fchrung von Monteverdis Oper <em>Il ritorno d&#8217;Ulisse<\/em> in Patria in der Wiener Staatsoper war eine bunte und traurige Angelegenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Personenf\u00fchrung fand nicht statt, wo und wohin die S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger sich bewegten, schien ratloser Willk\u00fcr zu folgen, die teilweise sch\u00f6nen Stimmen waren im Vorfeld wohl nicht an die Klangwelt der Musik von Monteverdi herangf\u00fchrt worden; so blieb Penelope blass, auch Ulisses entfaltete keine stimmliche oder stilistische Strahlkraft, da die Regie aus ihm eine Karikatur des Monsieur Bonacieux aus der legend\u00e4ren Musketier-Verfilmung von Richard Lester aus dem Jahr 1973 machte (es gab also wenigstens eine Idee?), einzig Isabel Signoret als Minerva konnte wirklich darstellerische und stimmliche Pr\u00e4senz entfalten. Erfreulich war auch das Trio der Freier von Penelope, die mit ihrer Stimmsch\u00f6nheit aber eher bei <em>La Boh\u00e8me<\/em> ein Genuss zu h\u00f6ren w\u00e4ren, hier aber stilistisch nicht am rechten Platz waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Das B\u00fchnenbild war ein sinnfreies Caroussel einer gr\u00f6\u00dferen Anzahl Sitzgruppen \u2013 den G\u00f6ttern waren dabei originellerweise die Firstclass-Sitze eines Flugzeugs vorbehalten. Der Concentus Musicus als Platzhalter der Alten Musik in Wien lebt noch von der Vergangenheit: matt kam die Musik aus dem Graben, trotz der fordernden Gestik des musikalischen Leiters Stefan Gottfried, oder gerade wegen ihr: sie war zu viel des Guten, nicht am Metrum oder Takt, sondern meist am melodischen und rezitativischem orientiert; eine klare Eins h\u00e4tte hier und da geholfen, und das Tastencontinuum wurde ja ohnehin von jemand anderem gespielt, was sein Wechseln vom Gestischen zum Tastenspiel in mindestens sportlichem Licht erschienen lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht ist es im Ganzen keine gute Idee, in einem Repertoirehaus solche Projekte in den Spielplan zu quetschen; m\u00f6glicherweise gibt es einfach keine Zeit f\u00fcr eine der Sache Monteverdis angemessene gr\u00fcndliche Arbeit, um die M\u00fchen der Freier, den Bogen zu spannen, nicht zu einem derartigen Klamauk verkommen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Stimmig und gefasst war alles erst am Ende mit dem Auftritt des Chores und dem abschlie\u00dfenden, innig gesungenen Duett von Penelope und Ulisses, die endlich ganz bei sich waren, wunderbar eingeleitet und gest\u00fctzt vom Chor.<\/p>\n\n\n\n<p>Der gewohnheitsm\u00e4\u00dfige Jubel erinnerte daran, welch herrliches Haus die Wiener Staatsoper im Bewusstsein seines Publikums dennoch ist und bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Den odysseischen Bogen vergeblich zu spannen versucht hat auch Klaus M\u00e4kel\u00e4, umjubelter und gleichzeitig, da man nicht nur in Wien beginnt, dem Braten nicht mehr zu trauen, skeptisch und irritiert zur Kenntnis genommener Chefdirigent einer Handvoll internationaler Spitzenorchester bei seinem Debut mit den Wiener Philharmonikern. Gespielt wurde die Sechste Symphonie von Gustav Mahler.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese zweite seiner gro\u00dfen Instrumentalsymphonien \u00fcberbordet vor tief empfundenen Einf\u00e4llen, entbehrt aber gr\u00f6\u00dftenteils einer geschlossenen Form; speziell im langsamen Satz und im ausufernden Finale tritt dies als Schw\u00e4che zutage. Dieses wei\u00df dann so gar nicht, wo es eigentlich hinwill, bis der erste Hammerschlag daran erinnert, welchem Umstand die Symphonie ihre Ber\u00fchmtheit verdankt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schlag des Schicksals wurde hier allerdings gesch\u00f6nt, da man zwar zur Ausf\u00fchrung einen optisch spektakul\u00e4r gro\u00dfen Holzhammer w\u00e4hlte, der, wie von Mahler vorgesehen, jedoch nicht, wie in der Partitur gefordert, &#8222;wie ein Axthieb&#8220; wirkte und sich zu homogen in den Gesamtklang einf\u00fcgte. So blieb es hier eher bei einer Visualisierung jenes Dramas, das eigentlich musikalisch h\u00e4tte wirken sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und damit sind wir bei Klaus M\u00e4kel\u00e4, auf den diese Beobachtung ebenso zutrifft. Als Kind seiner Zeit ist seine Gestik einfach und klar impulsorientiert. Eine dirigentische Schlagfigur, die urspr\u00fcnglich den Sinn hat, \u00fcber einen einfachen Impuls hinaus eine Phrase musikalisch zu ordnen und ihr eine weiterf\u00fchrende Perspektive zu verleihen, sucht man vergebens, und was wie Frische und Spontaneit\u00e4t juveniler Gef\u00fchlswelt erscheint, entpuppt sich bald als durchchoreographierte Pose.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits nach der ersten rhythmisch gepr\u00e4gten Phase des ersten Satzes hat M\u00e4kel\u00e4 denn auch seine Geschichte auserz\u00e4hlt. Seine gestische Spezialit\u00e4t sind Akzente im tiefen Register, die er mit publikationswirksamem Nachwippen seines Kopfes, dem der Sinn f\u00fcr etwas dar\u00fcber Hinausgehendes fehlt, unterstreicht. Gestus ohne Ductus, Augenblicksgewerkel ohne Ziel, Plan und Weitsicht, und ohne Idee f\u00fcr die sich ausbreitende Klangfl\u00e4che einer Symphonie, die aufgrund ihrer Komplexit\u00e4t eine andere Herangehensweise ben\u00f6tigen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch rein kapellmeisterlich ist M\u00e4kel\u00e4 der Aufgabe an manchen Stellen \u00fcberraschenderweise nicht gewachsen: Bei diversen Tempowechseln im 3.&nbsp;Satz \u00fcberl\u00e4sst er das Orchester sich selber, da er nur mitschl\u00e4gt, statt ein neues Tempo vorzubereiten, was aber schon zum Handwerk jedes 2. Kapellmeisters eines Provinzopernhauses geh\u00f6rt. Das Orchester reagiert instinktiv, so dass diese Momente kaum merklich vorbeigehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es fehlt hier schlicht an einer geistigen Einstellung, die \u00fcber die Wiedergabe der \u00e4u\u00dferlichen Effekte der ph\u00e4nomenal instrumentierten Partitur hinausgeht, vielleicht aber einfach an Bedarf und Interesse, oder auch an einer sorgsamen Ausbildung, die ihn \u00fcber diese elementare Ebene hinaus orientiert h\u00e4tte. Wer sich als H\u00f6rer am Klangspektakel berauschen mag, wird es zufrieden sein. F\u00fcr alle anderen ist es schwer, diese Leere auszuhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es w\u00e4re nicht weiter tragisch, und hier liegt ein grunds\u00e4tzliches Problem, w\u00e4re M\u00e4kel\u00e4 als Dirigent nicht Protagonist einer Generation junger, k\u00fcnstlerisch unbedarfter und mehr und mehr austauschbarer Dirigentinnen und Dirigenten; mithin schon jetzt ein Vorbild f\u00fcr einen Nachwuchs, f\u00fcr deren komplexe Profession er k\u00fcnstlerisch keine Perspektive aufzeigt, die \u00fcber eine m\u00f6glichst gute Wirkung auf Photos und Videoclips und einen damit gesteuerten Hype hinausgeht; ganz zu schweigen vom Publikum, das auf diese Weise von der Tiefe und unbedingten Wahrhaftigkeit der Mahler\u2019schen Musik entweder entw\u00f6hnt wird, oder gar nicht erst mit dieser Tiefe der musikalischen Empfindung in Ber\u00fchrung kommt. <\/p>\n\n\n\n<p>Es entbehrt nicht der Ironie, dass diese Dimension des menschlich-k\u00fcnstlerischen Ausdrucks, die Mahler durch seine unerreichte, aber doch sehr leicht als vordergr\u00fcndig misszuverstehende Kunst der Orchesterbehandlung erst m\u00f6glich gemacht hat, hier als krachendes Orchesterspektakel von M\u00e4kel\u00e4 geradezu konterkariert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo ist das Logent\u00fcr-schmei\u00dfende, &#8222;Scandalo&#8220;-rufende Fachpublikum, f\u00fcr das Wien einst ber\u00fchmt war? Stattdessen erf\u00e4hrt man in einer Pressenotiz im Internet, dass M\u00e4kel\u00e4 mit Freunden, Familie und seiner derzeitigen Freundin nach dem Konzert im Hotel Imperial speiste.<\/p>\n\n\n\n<p>Neulich huschte ein Interview mit Egon Wellesz, der Mahler in seiner Jugend als Dirigenten erlebt hat, durch die sozialen Medien. Nach seinem Zeugnis waren Mahlers Dirigierbewegungen zur\u00fcckhaltend und funktionell, fast benutzte er nur die rechte Hand, die linke fast nie, und er gebar sich keineswegs so wild, wie man es sich angesichts der ber\u00fchmten Scherenschnitte von Otto B\u00f6hler vorstellen mag (Celibidache nannte ihn, Mahler, mehrfach den besten Dirigenten aller Zeiten). Diesem Beispiel zu folgen w\u00e4re eine andere Empfehlung f\u00fcr den Nachwuchs. Ein anderes k\u00fcrzlich aufgetauchtes Video zeigt Otto Klemperer, wie er im hohen Alter die Siebte von Beethoven dirigiert. Dreht man den Ton ab, h\u00f6rt man trotzdem, was gemeint ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Chef gro\u00dfer Orchester ist jemand wie M\u00e4kel\u00e4 folglich nur geeignet, wenn er sich mit seiner Popularit\u00e4t f\u00fcr die Sicherung der Finanzierung und Marktbeteiligung der jeweiligen Institution einsetzt, und daf\u00fcr im Gegenzug durch h\u00e4ufige Abwesenheit gl\u00e4nzt, da ansonsten der Klangk\u00f6rper zwangsl\u00e4ufig leiden muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie gesagt, Mahlers Sechste ist ein sehr schwieriges Werk, und seine Koh\u00e4renz darzustellen ist nicht nur eine gro\u00dfe Herausforderung, sondern auch die ureigenste Aufgabe eines Dirigenten. Eben darum gilt es, durch Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Gestalt und Form, aus dem alleine die k\u00fcnstlerische Aussage eines  Werkes zum Leben erweckt werden kann, den odysseischen Bogen zu spannen. Dazu reichte es bei M\u00e4kel\u00e4 aber nicht. Es ist ein Scheitern, und das nicht einmal auf hohem Niveau. <\/p>\n\n\n\n<p>Dirigierkarrieren starten fr\u00fch und geben einer notwendigen Entwicklung, abgesehen von einer kommerziellen, kaum einen Raum. Die Ausbildung scheint vor allem intellektuell verk\u00fcrzt und auf das Praktisch-Pragmatische und Pers\u00f6nlich-Willk\u00fcrliche beschr\u00e4nkt;  daraus muss dann eine Marke entwickelt werden \u2013 anders l\u00e4sst sich die grassierende professionelle Oberfl\u00e4chlichkeit in der Aus\u00fcbung dieses Berufs wohl nicht erkl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist vollkommen klar, dass auch die Karajans, Kleibers, Klemperers, Wands, Boulez&#8216;, Abbados, Mutis, auch ein Janssons, und viele andere mehr (die gibt es \u00fcbrigens auch heute, aber abseits der dirigentischen Popkultur) eine Entwicklung nehmen mussten, aber ihre Arbeit hatte eine Grundlage, die eine solche erm\u00f6glicht hat. Davon ist heute bei den dem Publikum als Ma\u00dfstab pr\u00e4sentierten Dirigentinnen und Dirigenten wenig zu sp\u00fcren.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerettet wird das wie immer von der stupenden individuellen Qualit\u00e4t der Orchestermusikerinnen und Orchestermusiker (die es nicht nur in den nominellen Spitzenorchestern gibt!), und ihrer geballten und zu oft unfair missbrauchten Routine. Man darf gespannt sein, wie lange sie das noch auszuhalten bereit sind, und wohin dieses unsinnige Theater noch f\u00fchren soll. Swarowsky (nein, nicht der mit den Perlen, der andere) hat&#8217;s gewusst \u2013  in welchem Beruf ist es eigentlich noch m\u00f6glich, dass K\u00f6nnen und Karriere folgenlos so enorm auseinanderklaffen?<\/p>\n\n\n\n<p>Genug davon, hinweg damit, denn es gibt auch gute Nachrichten: die wichtigste Konzertreihe der Stadt findet alle paar Wochen im kleinen Ehrbarsaal statt: Das &#8222;Echo des Unerh\u00f6rten&#8220;, veranstaltet vom ExilArte Institut der mdw. Letztens war der ins Exil vertriebene Komponist Egon Lustgarten zu entdecken. Als nach dem 1. Weltkrieg die Musikzeitschrift Der Anbruch erschien, &#8222;<em>fiel allgemein der Leitaufsatz \u201cPhilosophie der Musik\u201d auf. Darin waren die subtilsten und tiefgr\u00fcndigsten Probleme der Musik mit gro\u00dfer Klarheit behandelt. Die k\u00fcnstlerische Eigenart Lustgartens kam schon damals voll zum Ausdruck: seine sch\u00f6pferische Phantasie ben\u00f6tigt in gleicher Weise Wort und Ton&#8230;.Eine Oper \u201cDante im Exil&#8220; ist eben beendet worden; sie ist voll der zarten, doch eindringlichen Musiksprache, die ihn seit langen Jahren zu einem der bekanntesten Vertreter der gediegenen Wiener Schule gemacht hat.<\/em>&#8220; (Karl Wiener, 1937).<\/p>\n\n\n\n<p>Hier, liebe Wiener Opernh\u00e4user, und in anderen liegengelassenen Werken dieser erst annulierten, dann und jetzt peinlich vernachl\u00e4ssigten Generation, liegt eine wirkliche Chance f\u00fcr eine Erfrischung der Spielpl\u00e4ne.<\/p>\n\n\n\n<p>Unbedingt lohnend ist auch der Besuch in der Kammeroper, wo die Neue Oper Wien einen szenisch und musikalisch umwerfenden <em>Der Prozess<\/em> von Gottfried von Einem nach Franz Kafka auf die Beine gestellt hat. Auf <em>Alice <\/em>von Kurt Schwertsik im Odeon (Sirene Operntheater\/Serapion-Theater) und die zu Weihnachten allf\u00e4llige, \u00fcber das Publikum hinwegfegende und mit immer wieder gro\u00df\u00e4ugigem Staunen und Applaus bedachte Hexe in <em>H\u00e4nsel und Gretel<\/em> in der Volksoper freut sich der Rezensent auch schon.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Jacques W. Gebest, Dezember 2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein kurzer, nicht abschlie\u00dfender Bericht aus Wien in der Vorweihnachtszeit. Die Inszenierung und Auff\u00fchrung von Monteverdis Oper Il ritorno d&#8217;Ulisse in Patria in der Wiener Staatsoper war eine bunte und traurige Angelegenheit. 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