{"id":7079,"date":"2024-12-22T01:00:00","date_gmt":"2024-12-22T00:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7079"},"modified":"2024-12-24T01:39:45","modified_gmt":"2024-12-24T00:39:45","slug":"zum-150-geburtstag-das-vokalwerk-von-franz-schmidt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/12\/22\/zum-150-geburtstag-das-vokalwerk-von-franz-schmidt\/","title":{"rendered":"Zum 150. Geburtstag: Das Vokalwerk von Franz Schmidt"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Notre Dame<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Capriccio, C5481, EAN: 845221054810<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Cover-Notre-Dame.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Cover-Notre-Dame-1024x909.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7080\" width=\"488\" height=\"432\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Cover-Notre-Dame-1024x909.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Cover-Notre-Dame-300x266.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Cover-Notre-Dame-768x682.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Cover-Notre-Dame-1536x1364.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Cover-Notre-Dame-2048x1818.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 488px) 100vw, 488px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Am 22. Dezember 2024 j\u00e4hrt sich der Geburtstag von Franz Schmidt zum 150. Mal. Aus diesem Anlass hat die Besch\u00e4ftigung mit dem \u00f6sterreichischen Komponisten, der heute im Schatten von Mahler und Bruckner steht, neuen Auftrieb bekommen. Seinerzeit genoss er im Wiener Musikleben hohes Ansehen: als Cellist bei den Philharmonikern, als Organist, Dirigent, P\u00e4dagoge und als Tonsch\u00f6pfer, der die sp\u00e4tromantische Tradition fortf\u00fchrte. Davon zeugen insbesondere vier gewichtige Symphonien. \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/07\/27\/ein-franz-schmidt-zyklus-aus-wales-jonathan-bermans-grossartige-gesamtaufnahme-der-symphonien\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/07\/27\/ein-franz-schmidt-zyklus-aus-wales-jonathan-bermans-grossartige-gesamtaufnahme-der-symphonien\/\">Neuaufnahme durch Jonathan Berman<\/a> hat der New Listener umfassend berichtet, ein erg\u00e4nzendes <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/11\/17\/franz-schmidt-and-his-symphonies-an-interview-with-jonathan-berman\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/11\/17\/franz-schmidt-and-his-symphonies-an-interview-with-jonathan-berman\/\">Interview mit dem Dirigenten \u00fcber sein Franz Schmidt Project<\/a> vertiefte das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Musik. Doch auch Schmidts Vokalwerke verdienen mehr Beachtung, obwohl sie mit zwei Opern, einem Oratorium und einer Kantate nur einen kleinen Teil innerhalb des Gesamtoeuvres einnehmen. <\/p>\n\n\n\n<p>Sein B\u00fchnenerstling <em>Notre Dame<\/em> bescherte dem Komponisten nach der Urauff\u00fchrung 1914 in Wien einen Anfangserfolg. Die Vertonung von Victor Hugos Roman <em>Der Gl\u00f6ckner von Notre-Dame<\/em> wurde gelegentlich an der dortigen Staats- und Volksoper nachgespielt, in Deutschland gab es sie letztmalig 2010 in Dresden. Doch die gewisse Popularit\u00e4t verdankt sie allein dem melodi\u00f6sen, wunschkonzerttauglichen Intermezzo, das als Esmeraldas Erkennungsthema das ganze St\u00fcck durchzieht. Wer <em>Notre Dame<\/em> als Ganzes h\u00f6ren will, muss momentan auf die bereits 1989 erschienene Studio-Aufnahme zur\u00fcckgreifen. Christof Prick, im englischsprachigen Raum unter dem Namen Christof Perick besser bekannt, r\u00fcckt mit dem Radio-Symphonie-Orchester Berlin den instrumentalen Farbreichtum und die schillernden Harmonien der sinfonisch gepr\u00e4gten Partitur ins rechte Licht. Rollendeckend besetzt sind der balsamische Bass Kurt Moll als Mitleid erregender Quasimodo, der ungemein ausdrucksstarke Harmut Welker als Archidiakon und der charaktervolle Horst R. Laubenthal als eifers\u00fcchtiger Ehemann Gringoire. Das Liebespaar hingegen \u2013 Gwyneth Jones als Esmeralda und James King als Phoebus \u2013 setzt mehr auf hochdramatische Kraft denn auf lyrische Sensibilit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fredigundis<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Orfeo, C5478, EAN:&nbsp;845221054780<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Cover-Fredigundis.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Cover-Fredigundis-1024x868.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7081\" width=\"486\" height=\"412\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Cover-Fredigundis-1024x868.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Cover-Fredigundis-300x254.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Cover-Fredigundis-768x651.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Cover-Fredigundis-1536x1302.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Cover-Fredigundis-2048x1736.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 486px) 100vw, 486px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>D\u00fcrftiger als <em>Notre Dame<\/em> ist die Rezeptionsgeschichte von Schmidts zweiter, 1922 in Berlin uraufgef\u00fchrter Oper <em>Fredigundis<\/em>. Dort fiel sie durch und auch die Wiener Inszenierung zwei Jahre sp\u00e4ter wurde nur dreimal gespielt. Grund daf\u00fcr mag das krude Libretto gewesen sein. Im Mittelpunkt steht die historische Frankenk\u00f6nigin Fredigunde, die als \u00fcber Leichen gehende Machtfrau gezeichnet wird und am Ende im Angesicht ihrer Schuld stirbt. Musikalisch macht der Dreiakter durch s\u00e4ngerische Expression und sp\u00e4tromantische Orchesteropulenz samt wiederkehrenden Bl\u00e4serfanfaren Effekt. Die Wiener Konzertauff\u00fchrung vom September 1979, deren Mitschnitt j\u00fcngst ver\u00f6ffentlicht wurde, bietet beides. Das ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Leitung von Ernst M\u00e4rzendorfer badet in \u00fcppigen Kl\u00e4ngen, die Titelrolle singt Dunja Vejzovic, einst Karajans Kundry, mit furioser Attacke und fulminanten Spitzent\u00f6nen. Gro\u00dfartig ist auch Werner Hollweg. Mit virilem, dabei \u00e4u\u00dferst kultiviertem Tenor gelingt es ihm, die Wandlung vom aussichtslos Liebenden zum Bischof, der die K\u00f6nigin vergeblich vom Pfad des B\u00f6sen abbringen will, stimmlich zu beglaubigen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Buch mit sieben Siegeln<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Somm, Ariadne 5026-2, EAN: 758871502627<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Cover-Das-Buch-mit-sieben-Siegeln.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Cover-Das-Buch-mit-sieben-Siegeln-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7082\" width=\"486\" height=\"486\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Cover-Das-Buch-mit-sieben-Siegeln-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Cover-Das-Buch-mit-sieben-Siegeln-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Cover-Das-Buch-mit-sieben-Siegeln-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Cover-Das-Buch-mit-sieben-Siegeln-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Cover-Das-Buch-mit-sieben-Siegeln-1536x1536.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Cover-Das-Buch-mit-sieben-Siegeln-2048x2048.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 486px) 100vw, 486px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Zwischen 1935 und 1937 schuf Schmidt trotz schwerer Herzprobleme das Oratorium <em>Das Buch mit sieben Siegeln<\/em>, sein bedeutendstes Vokalwerk. Die musikalische Adaption der Apokalypse basiert auf den Offenbarungen des Johannes und f\u00fchrt in eine Klangwelt der Extreme zwischen Entfesselung und Entr\u00fcckung, die eine gewaltige Herausforderung f\u00fcr den Riesenapparat, bestehend aus Soloquartett, Chor, Orgel (ein bevorzugtes Instrument Schmidts) und Orchester, darstellt. Sie inspirierte auch Regisseure: legend\u00e4r ist die Inszenierung von Georg Tabori, die bei den Salzburger Festspielen 1987 einen Skandal ausl\u00f6ste und dann wegen Nacktszenen verboten wurde.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Das Buch mit sieben Siegeln<\/em> liegt in verschiedenen prominent besetzten Aufnahmen vor. Einen besonderen Rang nimmt die anl\u00e4sslich des Jubil\u00e4ums wiederver\u00f6ffentlichte Einspielung aus dem Jahre 1962 ein. Zum einen ist es eines der wenigen Tondokumente des Grazer Domkapellmeisters Anton Lippe, der den Domchor und die M\u00fcnchner Philharmoniker zu h\u00f6chsten Leistungen anspornt. Zum anderen singt Julius Patzak auf seine unverkennbare, interpretatorisch eindringliche Art die anspruchsvolle Partie des Johannes. Der Tenor war Schmidt besonders verbunden, er studierte bei ihm Komposition und Dirigieren, bevor er als Autodidakt seine gro\u00dfe Gesangskarriere begann.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Vollst\u00e4ndigkeit halber muss noch die Kantate <em>Deutsche Auferstehung<\/em> erw\u00e4hnt werden. Schmidt komponierte diese F\u00fchrer-Verherrlichung im Auftrag der nationalsozialistisch gesonnenen Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, konnte sie aber nicht mehr vollenden. Robert Wagner, ein Kenner seines Schaffens, stellte sie nach dem Particell fertig, die Urauff\u00fchrung fand 1940 statt, ein gutes Jahr nach Schmidts Tod. Seinem Ansehen schadete das \u201eFestlied\u201c posthum, er galt nach 1945 als Mitl\u00e4ufer. Heute jedoch ist es umstritten, ob Schmidt das Regime mit dem St\u00fcck tats\u00e4chlich hofieren wollte oder wie seine Haltung tats\u00e4chlich war. Was f\u00fcr ihn spricht: statt <em>Deutsche Auferstehung<\/em> abzuschlie\u00dfen komponierte der bereits Sterbenskranke zwei Konzertst\u00fccke f\u00fcr den j\u00fcdischen Pianisten Paul Wittgenstein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Karin Coper, Dezember 2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Notre Dame Capriccio, C5481, EAN: 845221054810 Am 22. Dezember 2024 j\u00e4hrt sich der Geburtstag von Franz Schmidt zum 150. Mal. Aus diesem Anlass hat die Besch\u00e4ftigung mit dem \u00f6sterreichischen Komponisten, der heute im Schatten von Mahler und Bruckner steht, neuen Auftrieb bekommen. Seinerzeit genoss er im Wiener Musikleben hohes Ansehen: als Cellist bei den Philharmonikern, &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/12\/22\/zum-150-geburtstag-das-vokalwerk-von-franz-schmidt\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Zum 150. 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