{"id":7084,"date":"2024-12-23T23:58:00","date_gmt":"2024-12-23T22:58:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7084"},"modified":"2024-12-24T13:38:29","modified_gmt":"2024-12-24T12:38:29","slug":"loops-scherben-und-whistleblower","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/12\/23\/loops-scherben-und-whistleblower\/","title":{"rendered":"Loops, Scherben und Whistleblower"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Beim <\/em>musica viva<em> Konzert am 20.&nbsp;12.&nbsp;2024 im M\u00fcnchner Herkulessaal war der Stargeiger <\/em>Leonidas Kavakos <em>zu Gast und spielte das <\/em>2.&nbsp;Violinkonzert \u201eScherben der Stille\u201c <em>der diesj\u00e4hrigen Tr\u00e4gerin des Ernst von Siemens Musikpreises, <\/em>Unsuk Chin. David Robertson <em>leitete d<\/em><em>as <\/em>Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks <em>au\u00dferdem bei<\/em><em> der Urauff\u00fchrung von <\/em>Bernhard Langs \u201eGAME 18 Radio Loops\u201c <em>und der deutschen Erstauff\u00fchrung von<\/em> Philippe Manourys \u201eAnticipations\u201c.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Kavakos-Chin-Robertson-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"731\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Kavakos-Chin-Robertson-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann-1024x731.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7085\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Kavakos-Chin-Robertson-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann-1024x731.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Kavakos-Chin-Robertson-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann-300x214.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Kavakos-Chin-Robertson-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann-768x548.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Kavakos-Chin-Robertson-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann.jpg 1280w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Leonidas Kavakos, Unsuk Chin, David Robertson, \u00a9 BR-Astrid Ackermann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nicht nur die B\u00fchne im Herkulessaal stand \u2013 trotz einer nur 50er-Streicherbesetzung \u2013 mal wieder randvoll, vor allem mit einer breiten Palette an Schlaginstrumenten. Auch das Publikum war \u00e4u\u00dferst zahlreich erschienen, zudem sogar alle drei Komponisten des anspruchsvollen Programms, das vom amerikanischen \u201eNeue Musik\u201c-Experten und ehemaligen Boulez-Sch\u00fcler <em>David Robertson<\/em> geleitet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Linzer <em>Bernhard Lang<\/em> (*1957) bezeichnete sich in der Einf\u00fchrung sogleich etwas ironisch, aber absolut zutreffend, als \u201eWiederholungst\u00e4ter\u201c. Zumindest im deutschsprachigen Raum hat sich wohl kein Komponist so lange und intensiv mit dem Potential von Wiederholungen, gerade auch in Verbindung mit Live-Elektronik \u2013 Stichwort <em>Loops <\/em>\u2013 auseinandergesetzt. Lang verlangt f\u00fcr <em>GAME 18 Radio Loops<\/em> einen differenzierten Orchesterapparat aus praktisch individuellen Akteuren inklusive Synthesizer samt besonderer Lautsprecherinstallation in zwei H\u00f6henebenen, gro\u00dfartig realisiert von Zoro Babel. Das Grundmaterial besteht \u2013 anl\u00e4sslich des 75-j\u00e4hrigen Bestehens des BR \u2013 aus \u201ePausenzeichen\u201c (heute sagt man <em>Jingles<\/em>) nicht nur deutscher Rundfunkanstalten. Diese zerlegt Lang nat\u00fcrlich in seine atomaren Bestandteile, um daraus \u00fcber etwa 40 Minuten eine faszinierend neue Klangwelt zu schaffen. Von den einzelnen Spielern des <em>Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks<\/em> erwartet der Komponist dabei in mehreren der \u2013 schon durch deutlich h\u00f6rbare \u201eSchnitte\u201c in der Beschallung \u2013 gut erkennbaren sieben Abschnitte ein H\u00f6chstma\u00df an Selbstverantwortung, da sie oft, wie aus einem Kartenspiel, das Material, das sie selbst konkret zum Klingen bringen wollen, quasi ziehen d\u00fcrfen. Das kn\u00fcpft \u2013 wenn auch mit viel weitgehenderer Freiheit \u2013 noch an die <em>kontrollierte Aleatorik <\/em>etwa Witold Lutos\u0142awskis an. Und so laufen l\u00e4ngere Sequenzen v\u00f6llig ohne Beteiligung des Dirigenten ab. \u00dcberraschend, dass das klangliche Ergebnis zwar undurchschaubar komplex, jedoch keinesfalls chaotisch wird, sondern \u2013 im Gegenteil \u2013 erstaunlich homogen. So gibt es eine durchaus witzig-groovige Passage, die nur vom Schlagwerk gestaltet wird; die Loops im Raum wandern teilweise in zwei gegenl\u00e4ufigen Kreisen rund um den Saal und erzeugen dann eine Art Weltraumatmosph\u00e4re usw. Im letzten Abschnitt generiert Lang u.\u00a0a. naturnahe Ger\u00e4usche. Da, wo Robertson eingreifen darf, gelingt ihm enorme Kontrolle. Der immer mit ausgesprochen freundlicher \u201eAnsprache\u201c agierende Dirigent \u2013 schlagtechnisch sieht das bei Lang \u00e4hnlich \u201eeinfach\u201c aus wie bei Ligeti \u2013 kann trotz allem Klein-Klein in der Partitur vor allem pr\u00e4zise Charakterisierungen zustande bringen, die einfach Freude machen. Ganz am Schluss kommt dann \u2013 ausnahmsweise klar erkennbar \u2013 das BR-Sendezeichen, der <em>Alte Peter<\/em>. Gro\u00dfe Zustimmung zu einem unerwartet kurzweiligen Werk.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl sie eigentlich \u201eklassische\u201c Setups lieber meidet, hat sich die schon lange in Berlin lebende Koreanerin <em>Unsuk Chin<\/em>, Tr\u00e4gerin des diesj\u00e4hrigen <em>Ernst von Siemens Musikpreises<\/em>, gerade mit ihren Instrumentalkonzerten einen Namen gemacht. Ihr zweites Violinkonzert <em>\u201eScherben der Stille\u201c<\/em> \u2013 Anfang 2022 vom Widmungstr\u00e4ger und Solisten des Abends, <em>Leonidas Kavakos<\/em>, mit dem LSO unter Simon Rattle aus der Taufe gehoben \u2013 beginnt mit absichtsvoll br\u00fcchigen Flageoletts der Geige. Der praktisch \u00fcber die gesamten 29 Minuten hochaktive Solopart steht in seinem technisch-musikalischen Anspruch fraglos auf dem Niveau des Berg- oder des gro\u00dfen Pettersson-Konzerts. Chin sieht das St\u00fcck als Portr\u00e4t Kavakos\u2018, ihn sogar als \u201eHausherr\u201c des Geschehens, dessen Emotionalit\u00e4t dabei immer in einen Dialog mit dem Orchester tritt, dort durchaus nicht ohne Konflikte weiterentwickelt wird. Oft ber\u00fcckend sch\u00f6n sind die feinen, unaufdringlichen Schlagzeugfarben, aber etwa ebenso ein Zwischenspiel von vier Solo-Violinen des BRSO, das schlie\u00dflich zu einem intensiven Flautando von Kavakos mit allen hohen Streichern f\u00fchrt. Robertson bleibt immer glasklar, ohne M\u00e4tzchen, kann jedoch, wo n\u00f6tig, abrupt k\u00f6rperlich ganz energische Impulse geben. Das Orchester bew\u00e4ltigt alles musterg\u00fcltig. Der unerwartet dramatische Schluss wirkt fast wie eine Erl\u00f6sung von gewaltiger Anspannung. Dieses Konzert hat offenkundig das Zeug, zu einem Klassiker zu werden \u2013 langanhaltender Beifall und Bravos, insbesondere f\u00fcr die Komponistin.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Philippe Manourys<\/em> (*1952) gro\u00dfbesetzte <em>Anticipations <\/em>(2019) wirken von Beginn an \u00fcberw\u00e4ltigend: fasslich dichte, geradezu wuchtige Dramatik. Um es mit Hans Werner Henze zu sagen: <em>wilder, sch\u00f6ner<\/em> \u2013 allerdings weniger <em>neuer<\/em> \u2013 Klang. Wie Langs Live-Elektronik arbeitet Manoury geschickt mit gelenkter Aleatorik und dem Raum: Hier in Gestalt von zwei Bl\u00e4sergruppen, die als <em>&#8222;Whistleblower&#8220; <\/em>mit einem \u201eChoral\u201c \u2013 als Gegenentwurf zum Geschehen auf der B\u00fchne \u2013 von der R\u00fcckseite des Herkulessaals aus in mehreren Etappen das Podium entern und schlie\u00dflich im Orchester zwar die angestammten Pl\u00e4tze einnehmen, aber ihre manipulativen Eingriffe fortsetzen. Das \u00fcbrige Orchester muss sich damit auseinandersetzen: Das geht, bildlich gesprochen, von Verschmelzung \u00fcber Konfrontation bis zu Ablehnung. Manoury kann hinrei\u00dfend f\u00fcr Orchester schreiben: Trotz ungeheurer Intensit\u00e4t wird letztlich alles zu modernem \u201eSch\u00f6nklang\u201c. Man staunt nicht schlecht, wie sein Schluss \u2013 ebenfalls mit einem Tam-Tam-Schlag, hier noch gefolgt von zaghaften Zuckungen der Streicher \u2013 dem von Chins Konzert \u00e4hnelt. David Robertson f\u00fchrt mit seiner Lockerheit und Konzentration das BRSO zu einem geradezu symbiotischen Musizieren. Alle Mitwirkenden und das Publikum sind anscheinend f\u00fcr derartige, fast konventionelle Formate, die f\u00fcr eine gelungene Realisation zwingend die Qualit\u00e4ten eines Weltklasse-Klangk\u00f6rpers ben\u00f6tigen, gleichzeitig dessen H\u00f6chstleistung noch zu befl\u00fcgeln scheinen, sehr dankbar.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 22. Dezember 2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim musica viva Konzert am 20.&nbsp;12.&nbsp;2024 im M\u00fcnchner Herkulessaal war der Stargeiger Leonidas Kavakos zu Gast und spielte das 2.&nbsp;Violinkonzert \u201eScherben der Stille\u201c der diesj\u00e4hrigen Tr\u00e4gerin des Ernst von Siemens Musikpreises, Unsuk Chin. 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