{"id":709,"date":"2016-04-16T17:20:46","date_gmt":"2016-04-16T15:20:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=709"},"modified":"2016-04-16T17:24:54","modified_gmt":"2016-04-16T15:24:54","slug":"peteris-vasks-zum-70","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/04\/16\/peteris-vasks-zum-70\/","title":{"rendered":"P\u0113teris Vasks zum 70."},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">vox amoris: wergo WER 6750 2; EAN: 4 010228 675023<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Quartette 2 &amp; 5: wergo WER 7329 2; EAN: 4 010228 732924<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Quartette 1, 3 &amp; 4: wergo WER 7330 2; EAN: 4 010228 733020<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/0042-1.jpg\" rel=\"attachment wp-att-712\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone  wp-image-712\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/0042-1-300x179.jpg\" alt=\"0042\" width=\"580\" height=\"346\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/0042-1-300x179.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/0042-1-768x459.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/0042-1-1024x612.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ein Special zum 70. Geburtstag des gro\u00dfen lettische Komponisten P\u0113teris Vasks am heutigen Datum, den 16. April: anl\u00e4sslich dessen werden hier gleich drei CD-Publikationen des gro\u00dfen Zeitgenossen vorgestellt, n\u00e4mlich &#8222;vox amoris. works for violin and string orchestra&#8220; mit Alina Pogostkina, der Sinfonietta R\u012bga und Juha Kangas, auf welcher vox amoris, t\u0101l\u0101 gaisma (Fernes Licht) und vientu\u013cais e\u0146\u0123elis (Einsamer Engel) zu h\u00f6ren sind, sowie zwei CDs mit Vasks\u2019 derzeit gesamten f\u00fcnf Streichquartetten, gespielt vom sp\u012b\u0137eru string quartet. Alle Aufnahmen erschienen bei wergo.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Musik ist von einer einzigartigen meditativen Ruhe und sagenhafter Klangsch\u00f6nkeit, erf\u00fcllt von nicht enden wollender Melodik und bet\u00f6render Harmonie &#8211; eine wahre Quelle, um neue Kraft zu sch\u00f6pfen und sich zu entspannen, um neue Inspiration zu finden und sich auf seine Natur und Umwelt einzulassen. Die Rede kann hier nur von P\u0113teris Vasks sein, dem bedeutendsten lettischen und einem der substanziellsten zeitgen\u00f6ssischen Komponisten. Heute vor genau 70 Jahren wurde er in Aizpute im Westen Lettlands geboren. An Deutschland fast vollst\u00e4ndig vorbeigegangen ist die diffizile und noch immer mit Schrecken verbundene j\u00fcngere Vergangenheit dieses Landes, die Unterdr\u00fcckung in der Sowjetunion &#8211; sowohl von Land wie auch von Volk und ganz besonders von Sprache. Entsprechend war es Vasks nicht gestattet, das \u00f6rtliche Konservatorium zu besuchen, und er, der sich bereits als Kind an der Geige versuchte, zog nach Litauen, wo er Kontrabass studierte. Zur\u00fcck in Lettland, schloss er sp\u00e4ter ein Studium der Komposition in Riga an. St\u00e4ndig schliff er an seinem kompositorischen Stil, der wohl so etwa ab 1980 seine vollendete Reifung erfuhr und eine durchwegs einzigartige und unverkennbare Tonsprache kundtut. Zentrum seines Schaffens ist nach wie vor der Streicherk\u00f6rper, der ihn von Kindheit an pr\u00e4gte und der heute ausgereift das klingende Herz seines Schaffens ist. Gr\u00f6\u00dftenteils ist die Musik von P\u0113teris Vasks schlicht und leicht verst\u00e4ndlich, sie ist \u00fcberwiegend konsonant gesetzt in klarer, diatonisch fasslicher Tonalit\u00e4t. Auch andere Elemente finden ihren Platz, so anarchischere Verfahren wie freie Atonalit\u00e4t und Aleatorik, doch geschieht dies stets aus au\u00dfermusikalischen Gr\u00fcnden als Chaosinsel innerhalb des musikalischen Kontinuums. An sich vermittelt die Musik Vasks&#8216; zu einem gro\u00dfen Teil au\u00dfermusikalische Visionen, wobei oft die Geschichte seines Volkes thematisiert wird, stets schwankend zwischen Hoffnung und Angst um Land und Zukunft. So wird das Volkslied elementarer Bestandteil f\u00fcr ihn und findet sich immer wieder in seinen langgezogenen und gediegenen Melodieb\u00f6gen, die wie ein endloser Faden das gesamte Werk durchweben, ohne je aufh\u00f6ren zu wollen. Dies alles wirkt ganz unmittelbar auf den H\u00f6rer, f\u00fcr den seine Musik auch in solcher Absicht geschrieben ist, sie bleibt verst\u00e4ndlich und durchdringbar, mitempfindbar. Vasks sieht seine Arbeit als Fortf\u00fchrung der Predigerarbeit seines Vaters, weshalb er dem h\u00e4ufig zu h\u00f6renden Titel &#8222;Prediger in T\u00f6nen&#8220; nicht ablehnend gegen\u00fcbersteht. Spiritualit\u00e4t, Mystik und Religiosit\u00e4t stellen die geistigen Grundpfeiler seines K\u00fcnstlertums dar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf die Frage, wer denn sein favorisierter Dirigent sei, gibt Vasks stets die selbe Antwort: Juha Kangas. So mag nicht verwundern, dass er die Werke f\u00fcr Violine und Streichorchester ihm anvertraute, der schon f\u00fcr so viele Referenzaufnahmen nordischer Musik wie insbesondere der beiden Genies Pehr Henrik Nordgren und Anders Eliasson verantwortlich zeichnete. Solistin dieser Aufnahme ist die junge Violinistin Alina Pogostkina, die die Sinfonietta R\u012bga anf\u00fchrt. Die Fantasie vox amoris und die Meditation vientu\u013cais e\u0146\u0123elis &#8211; lonely angel umrahmen das gro\u00dfe Violinkonzert t\u0101l\u0101 gaisma &#8211; distant light. Sowohl vox amoris als auch vientu\u013cais e\u0146\u0123elis bezaubern durch ihr sanftes Aufbl\u00fchen aus der Stille heraus und umfangen mit meditativem und in sich gekehrtem Charakter. Das in \u00fcber drei\u00dfig Minuten gro\u00df angelegte Violinkonzert entsteht ebenso aus diesem Urzustand, doch entfesselt es wesentlich mehr Kontraste und wild ausfallende Passagen bis hin zu einem ohrenbet\u00e4ubenden H\u00f6hepunkt im absoluten Chaos, einer Groteske gleich, der in pl\u00f6tzliches Verstummen umkippt und die nun andersartig wirkende Ruhe erneut aufkeimen l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Orchester und Solistin sind bestens aufeinander abgestimmt und harmonieren miteinander auf Augenh\u00f6he. Der Satz ist trotz homophonen Anscheins recht komplex gebildet und gibt durch vielseitige Instrumentierungsarten im reinen Streichersatz unz\u00e4hlige Klangfacetten frei, die dem Melodieteppich ein stetig sich wandelndes Eigenleben einhauchen. Juha Kangas steuert unbeirrbar durch diesen kontinuierlichen Fluss, l\u00e4sst die Musiker dem folgen und somit die Musik in aller Unbelassenheit und frei von jeglicher Verk\u00fcnsteltheit entstehen. Die Sinfonietta wirkt wie ein einziges Instrument, das als Gesamtheit funktioniert und wo alles untrennbar miteinander verkn\u00fcpft ist. Die Musiker sp\u00fcren den gleichen Atem und setzen minuti\u00f6s pr\u00e4zise synchron ein. \u00dcber all dem erhebt sich Alina Pogostkina als h\u00f6rende wie einf\u00fchlsame Solistin, sie entringt ihrem Instrument herzzerrei\u00dfende Kantilenen, mit g\u00e4nzlich unpr\u00e4tenti\u00f6ser Phrasierung. Auch im Wildwerden beh\u00e4lt sie den Bezug zum Ausgangspunkt und vermittelt immer das Raumgef\u00fchl, wo im St\u00fcck man sich gerade befindet. Die Musik l\u00e4dt gleichsam zum Tr\u00e4umen ein wie zum wachen und aufmerksamen Mitempfinden der gro\u00df angelegten Struktur &#8211; genau die scheinbar unverbindbaren Paradoxe, die ja auch die Meditation definieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gegensatz zu den Streichorchesterwerken mit Solovioline sind alle f\u00fcnf Streichquartette mehrs\u00e4tzig angelegt; sie bestehen aus zwei bis f\u00fcnf Teilen, die abgesehen von denen des dritten Quartetts alle betitelt sind. Das mit insgesamt gut 17 Minuten k\u00fcrzeste erste Quartett ist das ger\u00e4uschlastigste von allen, die ersten beiden S\u00e4tze sind durchzogen von Chaos und Missklang, erst das Finale bietet die bei Vasks so befreienden Melodielinien von erlesener G\u00fcte. Das zweite Quartett, Sommerweisen betitelt, ist durch besonders volksmusikalische Durchsetzung mit h\u00e4ufiger Quint in den tiefen Lagen gezeichnet, was sogleich Erinnerungen an b\u00e4uerliche Fideln evoziert. In Nummer Drei gestalten sich die Pause und die Stille als strukturgebende Elemente, die Ruhe ist Ausgangspunkt allen musikalischen Geschehens. Das l\u00e4ngste, f\u00fcnfs\u00e4tzige vierte Quartett kontrastiert drei lange meditative S\u00e4tze mit zwei die Gelassenheit j\u00e4h unterbrechenden miteinander verwandten Toccaten, die mit einem fast an Schostakowitsch gemahnenden d\u00fcsteren J\u00e4hzorn hereinbrechen. Melancholisch, volksliednah und doch auch irgendwie in sich widerspr\u00fcchlich, bei aller Introversion aufbegehrend gibt sich das bisher letzte Streichquartett, dessen beiden S\u00e4tze mit &#8222;Gegenwart&#8220; und &#8222;so fern &#8230; und doch nah&#8220; symbolkr\u00e4ftige Namen tragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Naturhaft und sich selbst als reines Medium f\u00fcr die Musik sehend agiert das sp\u012b\u0137eru string quartet auf diesen zwei Einspielungen, 2015 und 2016 bei wergo erschienen. Man l\u00e4sst sich auf all die verschiedenartigen Elemente der Musik Vasks vorbehaltlos ein und es klingt immer der ganz eigene Personalstil des Jubilars durch. Das Quartett besticht durch beeindruckende Klarheit und Gef\u00fchl f\u00fcr die langsame Metamorphose des Geschehens, die nie gewollt gemacht scheint. Vom wispernden Naturlaut bis zur aggressiven Revolution reicht die Palette des sp\u012b\u0137eru string quartet mit unz\u00e4hlige Feinheiten der Tonerzeugung. Alles wirkt wie eine einzige Einheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei wergo sind also spannende und mit \u00fcberzeugender Qualit\u00e4t gespielte Aufnahmen des 70j\u00e4hrigen \u201aGeburtstagskinds\u2019 P\u0113teris Vasks erschienen, dessen Musik so vielseitig und doch so unverkennbar ist. Es ist sch\u00f6n, zu sehen, dass solch ein begabter Komponist die ihm geb\u00fchrende Aufmerksamkeit erh\u00e4lt und von herausragenden Musikern auf CD vorgestellt wird. Herzlichen Dank und alles Gute, P\u0113teris Vasks!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, April 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>vox amoris: wergo WER 6750 2; EAN: 4 010228 675023 Quartette 2 &amp; 5: wergo WER 7329 2; EAN: 4 010228 732924 Quartette 1, 3 &amp; 4: wergo WER 7330 2; EAN: 4 010228 733020 Ein Special zum 70. Geburtstag des gro\u00dfen lettische Komponisten P\u0113teris Vasks am heutigen Datum, den 16. 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