{"id":7102,"date":"2024-12-25T15:31:53","date_gmt":"2024-12-25T14:31:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7102"},"modified":"2024-12-25T15:31:57","modified_gmt":"2024-12-25T14:31:57","slug":"weihnachtliche-idyllen-und-gefaengnisgeschichten-tiroler-weihnachtskonzert-2023","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/12\/25\/weihnachtliche-idyllen-und-gefaengnisgeschichten-tiroler-weihnachtskonzert-2023\/","title":{"rendered":"Weihnachtliche Idyllen und Gef\u00e4ngnisgeschichten: Tiroler Weihnachtskonzert 2023"},"content":{"rendered":"\n<p>MusikMuseum 73, CD 13072; EAN: 9079700700696<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Tiroler-Weihnachtskonzert-2023.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Tiroler-Weihnachtskonzert-2023-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7103\" width=\"478\" height=\"478\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Tiroler-Weihnachtskonzert-2023-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Tiroler-Weihnachtskonzert-2023-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Tiroler-Weihnachtskonzert-2023-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Tiroler-Weihnachtskonzert-2023-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Tiroler-Weihnachtskonzert-2023-1536x1536.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Tiroler-Weihnachtskonzert-2023.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 478px) 100vw, 478px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>In der Reihe MusikMuseum ist der Mitschnitt des Tiroler Weihnachtskonzerts 2023 herausgekommen. Chor und Orchester der Akademie St. Blasius musizieren gemeinsam mit den Gesangssolisten Stefanie Steger, Eva Sch\u00f6ler, Johannes Puchleitner und Stefan Zenkel unter der Leitung von Karlheinz Siessl Werke von Karl Pembaur, Robert F\u00fchrer, Carl Santner, Richard Wagner und Franz Xaver Gruber.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das Tiroler Weihnachtskonzert der Akademie St.&nbsp;Blasius kann mittlerweile als Traditionsveranstaltung gelten. Seit 2012 ist jedes Weihnachtskonzert des in Innsbruck ans\u00e4ssigen Chor- und Orchestervereins mitgeschnitten und auf CD ver\u00f6ffentlicht worden. (Nur 2020 konnte infolge der Covid-19-Restriktionen kein Konzert stattfinden.) Bestanden die ersten dieser Konzerte ausschlie\u00dflich aus Weihnachtsliedern, die von einem Vokalquartett vorgetragen wurden, so gesellten sich 2014 erstmals Chor und Orchester der Akademie St.&nbsp;Blasius unter ihrem Dirigenten Karlheinz Siessl hinzu, von denen die Konzerte seit 2016 durchg\u00e4ngig bestritten werden. Seit 2019 erscheinen die Mitschnitte in der CD-Reihe MusikMuseum der Tiroler Landesmuseen.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Programmen der Tiroler Weihnachtskonzerte zeigt sich nahezu jedes Jahr ein anderer Schwerpunkt. So sind mehrere Alben dem reichen Musikleben der Tiroler Kl\u00f6ster gewidmet und stellen jeweils Werke vor, die im Bestand der betreffenden Kl\u00f6ster \u00fcberliefert sind. 2019 stand der b\u00f6hmische Komponist Johann Zach (1713\u20131773) im Mittelpunkt, der enge Kontakte nach Tirol pflegte und in zahlreichen Kirchen- und Klosterarchiven seine Spuren hinterlassen hat. 2019 kamen mit Franz Baur (*1958) und Elias Praxmarer (*1994) erstmals zeitgen\u00f6ssische Tiroler Komponisten zu Wort.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Weihnachtskonzert 2023, dessen Aufzeichnung vor kurzem als Folge 73 des MusikMuseums herausgekommen ist, pr\u00e4sentiert \u2013 abgesehen von Franz Xaver Grubers <em>Stille Nacht, heilige Nacht<\/em>, mit welchem die Konzerte traditionell schlie\u00dfen \u2013 Werke aus dem mittleren 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhundert. Die Auswahl ist weniger auf Tirol zentriert als in fr\u00fcheren Ver\u00f6ffentlichungen, sondern betont eher den kulturellen Austausch der Region mit dem \u00fcbrigen \u00d6sterreich bzw. mit Deutschland. Bezeichnenderweise entstand die einzige Komposition eines geb\u00fcrtigen Tirolers, Karl Pembaurs <em>Weihnachtsmesse<\/em> G-Dur op.&nbsp;18, in Dresden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei kurze St\u00fccke mit Orchesterbegleitung machen mit der kirchlichen Gebrauchsmusik bekannt, wie sie um 1850 in ganz \u00d6sterreich gepflegt wurde. Die beiden Komponisten, der Salzburger Carl Santner (1819\u20131885) und der in Prag geborene Robert F\u00fchrer (1807\u20131861), der nach einem Wanderleben durch Bayern und Ober\u00f6sterreich in Wien starb, geh\u00f6rten zu den seinerzeit beliebtesten Sch\u00f6pfern gut gesetzter, einfach auszuf\u00fchrender Kirchenmusik. F\u00fchrers Chor <em>Mit s\u00fc\u00dfem Freudenschalle<\/em> und Santners Sopransolo mit Chorrefrain <em>Jesus an der Krippe<\/em> orientieren sich deutlich an Mozart, den erst der C\u00e4cilianismus aus seiner Stellung als allgemein anerkanntes Vorbild der \u00f6sterreichischen Kirchenkomponisten dr\u00e4ngte. Bei F\u00fchrer kommt noch ein starker Einfluss alpenl\u00e4ndischer Pastoralmusik hinzu. F\u00fchrer und Santner sind \u00fcbrigens durch eine biographische Konstellation verbunden, die in der Musikgeschichte nicht allzu h\u00e4ufig sein d\u00fcrfte: Nachdem F\u00fchrer seine Stellung als Domkapellmeister in Prag wegen eines Betrugsvorfalls verloren hatte, kam er, zunehmend verarmend, immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt und sa\u00df 1859 im ober\u00f6sterreichischen Garsten eine Haftstrafe ab. Carl Santner, im Brotberuf Staatsbeamter, wirkte dort als Gef\u00e4ngnisdirektor und nutzte die Gelegenheit, sich bei seinem prominenten Gefangenen im Tonsatz weiterzubilden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das umfangreichste Werk des Programms ist die bereits erw\u00e4hnte <em>Weihnachtsmesse<\/em> f\u00fcr Soli, Chor, Orchester und Orgel von Karl Pembaur aus dem Jahre 1915. Als Sohn des Komponisten Josef Pembaur und Bruder des gleichnamigen Pianisten geh\u00f6rte der 1876 geborene Karl Pembaur zu einer der bedeutendsten Musikerfamilien Tirols. Wie Vater und Bruder studierte er in M\u00fcnchen, dann ging er 1901 nach Dresden, wo er zun\u00e4chst als Hoforganist, ab 1913 als Direktor der Hofkirchenmusik wirkte. Bis zu seinem Tode 1939 blieb er in der s\u00e4chsischen Hauptstadt, wo auch seine bedeutendsten Werke entstanden. Pembaur komponierte nahezu ausschlie\u00dflich Vokalmusik, widmete sich auf diesem Gebiet allerdings den verschiedensten Gattungen und Besetzungen vom Klavierlied bis zum Oratorium. Unter seinen gr\u00f6\u00dferen Werken befinden sich mindestens sechs Messen, die sich hinsichtlich des Umfangs und der Besetzung teils deutlich voneinander unterscheiden. Die <em>Weihnachtsmesse<\/em> ist nicht nur dem Namen nach f\u00fcr Weihnachten bestimmt: Pembaur verwendet hier neben den Texten des Ordinariums auch das weihnachtliche Proprium, wobei er Introitus und Kyrie als ein zusammenh\u00e4ngendes St\u00fcck vertont und damit das Proprium untrennbar mit dem Ordinarium verkn\u00fcpft. Das Orchesternachspiel der Communio, das den Anfang des Introitus zitiert, unterstreicht den zyklischen Gedanken. Mit einer Auff\u00fchrungsdauer von rund einer halben Stunde ist das Werk relativ kurz. Es enth\u00e4lt auch keine Fugen. Allerdings denkt Pembaur durchaus polyphon, behandelt Chor und Soli abwechslungsreich und h\u00fcllt die Singstimmen in vielfarbig schimmernde Orchesterkl\u00e4nge. Oboensoli, Blechbl\u00e4serch\u00f6re, hohe Violinen und eine sanft registrierte Orgel sorgen f\u00fcr weihnachtliche Stimmung. Der Stil der Messe l\u00e4sst deutlich werden, dass Wagner und Bruckner f\u00fcr den Komponisten keine Unbekannten sind. Insbesondere im Qui tollis des Gloria und im Crucifixus des Credo zeigt Pembaur sich als inspirierter, sp\u00e4tromantischer Harmoniker. Zwischen Gloria und Graduale wurde bei der hier festgehaltenen Auff\u00fchrung ein weiteres Werk Pembaurs eingeschoben: das kurze Duett <em>Vor der Krippe<\/em> f\u00fcr Sopran und Alt mit Orgelbegleitung, das mit seiner volksliedhaften Melodik zu einem pastoralen Intermezzo wird. Zur Auff\u00fchrung selbst l\u00e4sst sich nur ein Einwand anf\u00fchren: Warum wurden im Gloria und Credo nicht die traditionellen Intonationsformeln gesungen, mit denen Pembaur doch sicherlich gerechnet hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem abschlie\u00dfenden <em>Stille Nacht<\/em> erklang ein reines Instrumentalwerk, das mit Weihnachten nur indirekt verkn\u00fcpft ist, aber mit seiner anmutigen Tonsprache sehr gut in ein solches Programm passt: Richard Wagners <em>Siegfried-Idyll<\/em>. Diesen symphonischen Nachtrag zum dritten Teil der Ring-Tetralogie hatte Wagner f\u00fcr seine Frau Cosima komponiert und anl\u00e4sslich ihres Geburtstags am 25.&nbsp;Dezember 1870 erstmals dirigiert. Siegfried ist nicht nur der Name der Oper, aus der das thematische Material der Tondichtung entlehnt wurde, sondern auch der des Sohnes von Richard und Cosima Wagner, der ein Jahr zuvor zur Welt gekommen war. Mithin wird, wie im Falle des Weihnachtsfestes, auch mit dem <em>Siegfried-Idyll<\/em> der Geburt eines bestimmten Kindes gedacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Karlheinz Siessl l\u00e4sst Wagners Werk in festen Tempi musizieren, kostet die Ruhepunkte aus ohne sich in ihnen zu verlieren und betont die feine Polyphonie, die sich durch die ganze Komposition zieht. Der Kontrast zwischen der spannungsvollen Harmonik und dem \u201eVerweile doch, du bist so sch\u00f6n!\u201c der freundlichen Themen kommt trefflich zur Geltung. Mit der gleichen Sorgfalt werden die Vokalwerke dargeboten, f\u00fcr die hochmotivierte Chors\u00e4nger und ausgezeichnete Solisten (Stefanie Steger, Eva Sch\u00f6ler, Johannes Puchleitner und Stefan Zenkel) zur Verf\u00fcgung standen. Wer sich zu Weihnachten musikalisch bezaubern lassen m\u00f6chte, tut nicht falsch daran, zu diesem Album zu greifen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Dezember 2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>MusikMuseum 73, CD 13072; EAN: 9079700700696 In der Reihe MusikMuseum ist der Mitschnitt des Tiroler Weihnachtskonzerts 2023 herausgekommen. 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