{"id":7115,"date":"2025-01-13T01:19:36","date_gmt":"2025-01-13T00:19:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7115"},"modified":"2025-01-13T02:30:39","modified_gmt":"2025-01-13T01:30:39","slug":"ein-reines-boulez-programm-beim-zweiten-raesonanz-stifterkonzert-der-musica-viva","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2025\/01\/13\/ein-reines-boulez-programm-beim-zweiten-raesonanz-stifterkonzert-der-musica-viva\/","title":{"rendered":"Ein reines Boulez-Programm beim zweiten \u201er\u00e4sonanz\u201c Stifterkonzert der musica viva"},"content":{"rendered":"\n<p><em>F\u00fcr die Freunde Neuer Musik wird 2025 in erster Linie wohl ein Boulez-Jahr. Aus Anlass dessen 100. Geburtstags (26.&nbsp;M\u00e4rz) widmete die<\/em> Ernst von Siemens Musikstiftung<em> ihr zweites \u201er\u00e4sonanz\u201c Stifterkonzert am 9.&nbsp;Januar 2025 ganz dem gro\u00dfen Franzosen und pr\u00e4sentierte dem Publikum im M\u00fcnchner Prinzregententheater endlich auch das fantastische Ensemble <\/em>Les Si\u00e8cles<em>, dessen schon lange geplanter Auftritt wegen der Corona-Pandemie weit verschoben werden musste. So erklangen nun unter der Leitung von<\/em> Franck Ollu<em> zwei der Hauptwerke von <\/em>Pierre Boulez: <em>\u201e\u00c9clat\/Multiples\u201c und \u201ePli selon pli. Portrait de Mallarm\u00e9\u201c<\/em>. <em>F\u00fcr die anspruchsvolle Sopranpartie konnte <\/em>Sarah Aristidou <em>gewonnen werden<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/4_BR_Severin-Vogl-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/4_BR_Severin-Vogl-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7116\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/4_BR_Severin-Vogl-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/4_BR_Severin-Vogl-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/4_BR_Severin-Vogl-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/4_BR_Severin-Vogl-1536x1024.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/4_BR_Severin-Vogl-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Sarah Aristidou und Franck Ollu mit dem Ensemble Les Si\u00e8cles&nbsp;\u00a9BR\/Severin Vogl<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Pierre Boulez (1925\u20132016) z\u00e4hlt noch immer zu den wichtigsten Komponisten der Nachkriegsavantgarde \u2013 v\u00f6llig zu Recht, wie man am Donnerstag schon zur Pause des zweiten \u201er\u00e4sonanz\u201c Stifterkonzerts im so gut wie ausverkauften M\u00fcnchner Prinzregententheater feststellen durfte. Unter den meist in einem Atemzug genannten Zeitgenossen Xenakis, Berio, Nono, Ligeti und Stockhausen gilt Boulez vielleicht als der am verkopftesten agierende Intellektuelle, der zwar typische Techniken der 1950er Jahre wie den Serialismus aufgreift, jedoch zugleich mit geschickt gelenkter Aleatorik seine Musik sehr offen h\u00e4lt, zudem vielen Werken nie eine endg\u00fcltige Fassung gab \u2013 Stichwort: <em>work in progress \u2013<\/em>, sondern immer wieder daran weiterbastelte. Als Dirigent war Boulez sp\u00e4testens ab Mitte der 1960er nicht nur einer der pr\u00e4zisesten Interpreten neuester Musik \u2013 seine manchmal als \u201eKarate\u201c verspottete Schlagtechnik erwies sich als ungemein effektiv. Bei vielen modernen \u201eKlassikern\u201c wie der Neuen Wiener Schule, Bart\u00f3k und Strawinsky, insbesondere jedoch Ravel und Debussy wirkte er als Klangsensualist allererster G\u00fcte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die oft sehr vom instrumental hochdifferenzierten Schlagzeug dominierte, schon deshalb \u00fcber Strecken leicht exotisch angehaucht klingende Musik Boulez\u2018 vermittelt sich dann auch dem H\u00f6rer \u00fcberhaupt nicht \u00fcber ihre oft mathematisch akribisch angelegten inneren Strukturen, sondern durch Raum, Resonanz, Hall und eben \u00e4u\u00dferst subtile und fantasievolle Farbmischungen. <em>\u00c9clat\/Multiples<\/em> (1970) entstand zun\u00e4chst in zwei Etappen, wobei <em>Multiples <\/em>eine Art Erweiterung des urspr\u00fcnglich f\u00fcr 15 Instrumentalisten geschriebenen <em>\u00c9clat <\/em>(1965) darstellt, von der Besetzung her um 10 Bratschen erweitert. Sonst gibt es nur noch ein Cello in den Streichern. Abgesehen davon kann das Publikum schon optisch die beiden Abschnitte gut unterscheiden. In <em>\u00c9clat <\/em>existieren weder durchg\u00e4ngige Metren noch Takte oder ein fixierbares Tempo, so dass der Dirigent \u2013 <em>Franck Ollu<\/em>, bereits in einem <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/05\/15\/die-rueckkehr-orchestraler-opulenz-werke-von-lim-verunelli-und-dusapin-bei-der-musica-viva\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/05\/15\/die-rueckkehr-orchestraler-opulenz-werke-von-lim-verunelli-und-dusapin-bei-der-musica-viva\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Konzert der musica viva 2023 mit dem BRSO<\/a> ein \u00fcberragend souver\u00e4ner Leiter \u2013 hier wirklich jedes (!) einzelne Klangereignis dezidiert anzeigen muss. Bei <em>Multiples <\/em>gibt es streckenweise dann wieder Takt und Tempo: Der ungemein farbige, aber eben punktuelle Klang weicht dank der Bratschen stark auf und erscheint so insgesamt fl\u00e4chiger. Faszinierend sind die sich gegenseitig bespiegelnden Momente zwischen den einzelnen Orchestergruppen. Und kein Mensch merkt, dass Boulez dieses Werk ebenfalls nie wirklich beendet hat. Das von Fran\u00e7ois-Xavier Roth gegr\u00fcndete, stets auf historisch korrekten Instrumenten spielende Orchester <em>Les Si\u00e8cles <\/em>bew\u00e4ltigt all dies mit gr\u00f6\u00dfter Konzentration, enormer Einigkeit mit dem Dirigenten, gerade was die L\u00e4nge und den Nachhall einzelner T\u00f6ne betrifft, und echter Sinnlichkeit \u2013 von wegen verkopft! Hier sind praktisch alle Musiker Solisten; besonderen Dank f\u00fcr eine gelungene Darbietung zollen Dirigent und Saal jedoch dem Pianisten, dem Bassetthorn sowie den Spielerinnen von Celesta und Cimbalom.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Pli selon pli. <\/em><em>Portrait de Mallarm\u00e9 <\/em>(1957\u20131962) \u2013 vielleicht das wichtigste Werk des Komponisten \u2013 ist ebenso wieder in Boulez-typischer Manie mehrfach umgearbeitet worden, teils mit einschneidenden Ver\u00e4nderungen, zuletzt 2010\/11, wo es mit Barbara Hannigan unter Boulez so hier aufgef\u00fchrt wurde. Zum Gl\u00fcck entschieden sich Ollu und <em>Les Si\u00e8cles <\/em>doch f\u00fcr die Fassung von 1989 \u2013 der letzte Satz <em>Tombeau <\/em>wirkte 2011 nicht nur nach Meinung des Rezensenten arg kastriert, worunter die symmetrisch angelegte Gesamtform sp\u00fcrbar litt. Wie der Komponist mit den revolution\u00e4r erratischen, hoch\u00e4sthetischen Texten des Dichters St\u00e9phane Mallarm\u00e9 (1842\u20131898) arbeitet, soll hier nicht er\u00f6rtert werden. Nur so viel: Das gut 65 Minuten dauernde Werk besteht aus 5 <em>S\u00e4tzen. <\/em>In allen wirkt auch eine Sopranistin mit, die jedoch in den beiden gro\u00dfbesetzten Ecks\u00e4tzen \u2013 <em>Don <\/em>und <em>Tombeau <\/em>\u2013 eher eine untergeordnete, in den drei mehr kammermusikalisch angelegten <em>Improvisations<\/em>, die allerdings minuti\u00f6s ausnotiert sind, klar die Hauptrolle spielt. Es gibt nur wenige K\u00fcnstlerinnen, die dies so \u00fcberzeugend schaffen wie <em>Sarah Aristidou <\/em>\u2013 seit erst wenigen Jahren eine der profiliertesten jungen Koloratursopranistinnen und wegen ihres besonderen Engagements f\u00fcr Neue Musik da l\u00e4ngst ein Star. Ihre Stimme ist bis auf wenige tiefe T\u00f6ne \u2013 Boulez\u2018 Partie hat einen irrwitzigen Umfang \u2013 immer tragf\u00e4hig, dabei jedoch nie grell, verstr\u00f6mt stets W\u00e4rme und bringt vor allem ein gewaltiges Charisma her\u00fcber, wodurch Aristidous Gesang eben nie nur instrumental wirkt, sondern menschlich und \u00fcberraschend nat\u00fcrlich. Der H\u00f6rer klebt quasi an ihren Lippen, die von sirenenhaftem Schmelz bis zum aggressiv H\u00e4sslichen quasi s\u00e4mtliche Schattierungen hervorbringen, die man einer Stimme \u00fcberhaupt zutrauen mag. Eine absolute Glanzleistung, obwohl dieses St\u00fcck die erste Begegnung der aus Paris stammenden S\u00e4ngerin franz\u00f6sisch-zypriotischer Herkunft mit Boulez\u2018 Musik ist. Zwar entt\u00e4uschte der ber\u00fchmte erste Zw\u00f6lftonakkord von <em>Don <\/em>etwas \u2013 der sollte eigentlich wie der Urknall reinhauen \u2013, doch danach klangen die Musiker von <em>Les Si\u00e8cles <\/em>schlicht \u00fcberw\u00e4ltigend: egal, ob solistisch-kammermusikalisch oder als Teil des faszinierenden Gesamtklangs agierend. Ollu hat dies nat\u00fcrlich perfekt im Griff: Ohne All\u00fcren dient er der Musik und h\u00e4lt die Spannung \u00fcber das gesamte, tief beeindruckende Werk, das wieder mit besagtem Zw\u00f6lftonakkord endet, diesmal mit durchschlagendem Effekt. Mehr kann man als Dirigent f\u00fcr Pierre Boulez nicht leisten. Riesiger Beifall f\u00fcr Aristidou, <em>Les Si\u00e8cles<\/em> und Ollu. Und entgegen verbreiteter Meinungen in einigen Medien: Boulez\u2018 Musik ist nicht tot. Man muss nur ihre Sch\u00f6nheiten entdecken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 10.&nbsp;<\/strong><strong>Januar <\/strong><strong>2025]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr die Freunde Neuer Musik wird 2025 in erster Linie wohl ein Boulez-Jahr. Aus Anlass dessen 100. 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