{"id":7129,"date":"2025-01-23T19:36:13","date_gmt":"2025-01-23T18:36:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7129"},"modified":"2025-01-23T19:42:15","modified_gmt":"2025-01-23T18:42:15","slug":"der-liedermeister-emil-mattiesen-ein-beitrag-zu-seinem-150-geburtstag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2025\/01\/23\/der-liedermeister-emil-mattiesen-ein-beitrag-zu-seinem-150-geburtstag\/","title":{"rendered":"Der Liedermeister Emil Mattiesen \u2013 ein Beitrag zu seinem 150.\u00a0Geburtstag"},"content":{"rendered":"\n<p>1875 war ein exzellenter Komponisten-Jahrgang, weswegen wir 2025 die 150. Geburtstage einer ganzen Reihe hervorragender Tondichter feiern d\u00fcrfen. Der Ehrentag Reinhold Gli\u00e9res (11. Januar) liegt bereits hinter uns. In den n\u00e4chsten Monaten stehen \u2013 die Liste ist unvollst\u00e4ndig, ich bitte um Erg\u00e4nzung in der Kommentarspalte \u2013 folgende an:<\/p>\n\n\n\n<p>Erkki Melartin und Walter Courvoisier (7. Februar)<\/p>\n\n\n\n<p>Richard Wetz (26. Februar)<\/p>\n\n\n\n<p>Maurice Ravel (7. M\u00e4rz)<\/p>\n\n\n\n<p>Franco Alfano (8. M\u00e4rz)<\/p>\n\n\n\n<p>Donald Tovey (17. Juli)<\/p>\n\n\n\n<p>Samuel Coleridge-Taylor (15. August)<\/p>\n\n\n\n<p>Paul Scheinpflug (10. September)<\/p>\n\n\n\n<p>Mikalojus Ciurlionis (22. September)<\/p>\n\n\n\n<p>Cyril Rootham (5. Oktober)<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/7\/7f\/Mattiesen_1875-1939.png\" alt=\"\" width=\"321\" height=\"413\"\/><figcaption>Emil Mattiesen (1875-1939)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Auch der heutige Tag kennt einen Jubilar: Emil Mattiesen. Mattiesen geh\u00f6rt zu jenen Komponisten, auf welche die Redakteure der zweiten Auflage des Lexikons <em>Die Musik in Geschichte und Gegenwart<\/em> meinten verzichten zu k\u00f6nnen. So strichen sie den ihm in der ersten Auflage gewidmeten Artikel ersatzlos. Das Ansehen, das der Komponist Mattiesen zu Lebzeiten und noch einige Zeit nach seinem 1939 erfolgten Tode genoss, war jedoch gr\u00f6\u00dfer als es die Einsch\u00e4tzung jener Musikhistoriker vermuten l\u00e4sst. Auf einem ganz anders gearteten Gebiet ist Emil Mattiesen allerdings ein klassischer Autor: Seine B\u00fccher <em>Der jenseitige Mensch<\/em> (1925) und <em>Das pers\u00f6nliche \u00dcberleben des Todes<\/em> (3 B\u00e4nde, 1936\u20131939) sind bis heute die umfangreichsten deutschsprachigen Ver\u00f6ffentlichungen zur Parapsychologie geblieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Mattiesen war ein vielseitig interessierter Mann. Am 23.&nbsp;Januar (nach dem damals im Russischen Reich noch gebr\u00e4uchlichen Julianischen Kalender am 11.&nbsp;Januar) 1875 in Dorpat geboren, wuchs er im intellektuell anregenden Klima dieser bedeutendsten baltischen Universit\u00e4tsstadt auf, die auch heute noch, unter dem Namen Tartu, das wichtigste Bildungszentrum Estlands ist. Von Anfang an standen Musik, Philosophie und Naturwissenschaften gleicherma\u00dfen im Zentrum seines Interesses. Sein wichtigster Musiklehrer war Hans Harthan, ein Sch\u00fcler Joseph Gabriel Rheinbergers. Mit 17 Jahren legte Mattiesen das Abitur ab und studierte anschlie\u00dfend in Dorpat und Leipzig. 1896 wurde er in Leipzig mit einer Arbeit <em>\u00dcber philosophische Kritik bei Locke und Berkeley<\/em> zum Doktor der Philosophie promoviert. Nach einem kurzen Intermezzo als Redakteur bei der Nordlivl\u00e4ndischen Zeitung in Dorpat, heuerte er 1898 als Matrose auf einem Segelschiff an, das ihn nach Java, Sumatra, Borneo und China brachte. 1899 kam er nach Japan, wo er Vorlesungen an der Deutschen Universit\u00e4t in Kyoto hielt. Bereits 1900 setzte er seine Reisen fort und besuchte die Vereinigten Staaten, Mexiko, Indien, Myanmar und Tibet. Er lernte mehrere asiatische Sprachen und betrieb Forschungen zu indischen Religionen. 1904 lie\u00df er sich in England nieder und lebte bis 1908 als Privatgelehrter in Cambridge. Anschlie\u00dfend zog er nach Deutschland und nahm in Berlin seinen Wohnsitz. Erst ab dieser Zeit trat seine musikalische T\u00e4tigkeit gegen\u00fcber der wissenschaftlichen st\u00e4rker in den Vordergrund. Nachdem er von 1922 bis 1925 in F\u00fcrstenfeldbruck bei M\u00fcnchen gelebt hatte, fand er in Gehlsdorf, heute Ortsteil von Rostock, seine endg\u00fcltige Bleibe. 1929 nahm er einen Lehrauftrag f\u00fcr Kirchenmusik an der Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Rostock an und bekleidete somit im Alter von 54 Jahren erstmals in seinem Leben ein musikalisches Amt. Daneben war er auch als Universit\u00e4tsorganist und Leiter der akademischen Musiken, sowie als Musikkritiker beim Rostocker Anzeiger t\u00e4tig. In seinen letzten Lebensjahren besch\u00e4ftigte er sich vorwiegend mit Parapsychologie und versuchte durch Zusammentragen zahlreicher F\u00e4lle das Weiterleben der Seele nach dem Tode empirisch zu beweisen. Emil Mattiesen starb am 25.&nbsp;September 1939 an Leuk\u00e4mie.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Komponist war Mattiesen ein ausgesprochener Spezialist. Sein ver\u00f6ffentlichtes Schaffen umfasst ausschlie\u00dflich Werke f\u00fcr Gesang und Klavier. Dazu kommen laut <em>MGG1<\/em> ein Streichquartett, mehrere Chorwerke, Orgelst\u00fccke und B\u00fchnenmusik zu Ernst Barlachs Schauspiel <em>Sintflut<\/em>, die aber s\u00e4mtlich ungedruckt blieben. Es folgt eine \u00dcbersicht \u00fcber die ver\u00f6ffentlichten Werke, die alle im Verlag C.&nbsp;F. Peters erschienen, zu dessen Inhaber Henri Hinrichsen der Komponist auch privat in freundschaftlicher Verbindung stand:<\/p>\n\n\n\n<ul><li><em>F\u00fcnf Balladen vom Tode<\/em>&nbsp;f\u00fcr Singstimme (vorzugsweise Bariton oder Mezzosopran) und Klavier op.&nbsp;1 (1910)<\/li><li><em>Zw\u00f6lf Gedichte<\/em>&nbsp;f\u00fcr Singstimme und Klavier op.&nbsp;2 (Heft&nbsp;I, Nr.&nbsp;1\u20136: mittel und hoch; Heft&nbsp;II, Nr.&nbsp;7\u201312: tief) (1913)<\/li><li><em>Acht Lieder und Ges\u00e4nge<\/em>&nbsp;f\u00fcr Singstimme und Klavier op.&nbsp;3 (Heft&nbsp;I, Nr.&nbsp;1\u20134: mittel und hoch; Heft&nbsp;II, Nr.&nbsp;5\u20138: mittel und tief)<\/li><li><em>Willkommen und Abschied <\/em>nach Johann Wolfgang von Goethe f\u00fcr Tenor und Klavier op.&nbsp;4<\/li><li><em>K\u00fcnstler-Andachten<\/em>, Heft&nbsp;I (Nr. 1\u20134) f\u00fcr hohe und mittlere Singstimme und Klavier op.&nbsp;5 (1920)<\/li><li><em>K\u00fcnstler-Andachten<\/em>, Heft&nbsp;II (Nr. 5\u20138) f\u00fcr mittlere und tiefe Singstimme und Klavier op.&nbsp;6 (1920)<\/li><li><em>Vier heitere Lieder<\/em>&nbsp;f\u00fcr hohe und mittlere Singstimme und Klavier op.&nbsp;7<\/li><li><em>Sieben Ges\u00e4nge<\/em>&nbsp;nach Gedichten von Ricarda Huch f\u00fcr Singstimme und Klavier op.&nbsp;8 (Heft&nbsp;I, Nr.&nbsp;1\u20133: hoch; Heft&nbsp;II, Nr.&nbsp;4\u20137: mittel und tief) (1920)<\/li><li><em>Zw\u00f6lf Liebeslieder des <\/em><em>Hafis <\/em>in Georg Friedrich Daumers Nachdichtung f\u00fcr Singstimme und Klavier op.&nbsp;9 (1920)<\/li><li><em>Balladen von der Liebe<\/em>&nbsp;f\u00fcr Singstimme und Klavier op. 10 (1920)<\/li><li><em>Stille Lieder<\/em>, Heft&nbsp;I op.&nbsp;11 (1922)<\/li><li><em>Stille Lieder<\/em>, Heft&nbsp;II op.&nbsp;12 (1922)<\/li><li><em>Zwieges\u00e4nge zur Nacht<\/em>&nbsp;f\u00fcr eine weibliche und eine m\u00e4nnliche Mittelstimme mit Klavierbegleitung op.&nbsp;13 (1925)<\/li><li><em>Vom Schmerz. F\u00fcnf Gedichte<\/em>&nbsp;f\u00fcr Singstimme und Klavier op.&nbsp;14 (1930)<\/li><li><em>\u00dcberwindungen. Sieben Gedichte<\/em>&nbsp;f\u00fcr Singstimme und Klavier op.&nbsp;15<\/li><li><em>Der Pilger. Ein Lieder-Zyklus<\/em>&nbsp;f\u00fcr Singstimme und Klavier op.&nbsp;16 (1928)<\/li><li><em>Acht z\u00e4rtliche Lieder<\/em>&nbsp;f\u00fcr Singstimme und Klavier op.&nbsp;17 (1927)<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Die Konzentration auf Lieder und Ges\u00e4nge erinnert nicht von ungef\u00e4hr an Hugo Wolf, mit dessen Schaffen Mattiesen durch den Wiener Liedkomponisten Theodor Streicher bekannt gemacht wurde. Sowohl hinsichtlich der genauen Deklamation des Textes, als auch im Bezug auf den motivisch durchdrungenen Klaviersatz und die postwagnerische Harmonik hat Wolf bei Mattiesen deutliche Spuren hinterlassen. Sein Deb\u00fct mit einer Balladensammlung brachte Mattiesen das Etikett eines ausschlie\u00dflichen Balladenkomponisten ein, doch fallen nur zwei weitere seiner Ver\u00f6ffentlichungen (op.\u00a04 und op.\u00a010) in dieses Spezialgebiet der Liedkunst. Dennoch hat Mattiesens \u201ereiche Lyrik\u201c, so Hans Joachim Moser in seinem Standartwerk <em>Das Deutsche Lied seit Mozart<\/em>, \u201ezweierlei von der Ballade gelernt und \u00fcbernommen: die Freude am Illustrativen und die wirksamen Schl\u00fcsse, was beides der Wirkung seiner Lieder im Konzertsaal gewi\u00df nicht abtr\u00e4glich war.\u201c Mattiesens Liedschaffen bietet eine Vielfalt an Stilen, Stimmungen und Formen. Altert\u00fcmelndes, wie der sich in barockisierendem Kontrapunkt und bachischer Singstimmenf\u00fchrung ergehende <em>Fr\u00f6hliche Musikus<\/em> (op.\u00a07\/2), steht neben schwelgerischer Jugendstilromantik (<em>Nachtlied<\/em>, op.\u00a02\/7) und kargen, konzentrierten St\u00fccken, deren raue, dissonante Tonsprache bereits als expressionistisch bezeichnet werden kann (<em>Herbstgef\u00fchl<\/em>, op.\u00a014\/4). \u201e[D]erselbe ernste Denker, der in op.\u00a015 das <em>\u00dcber ein Grab<\/em> und R\u00fcckerts <em>Stirb und Werde<\/em> vertont hat, verf\u00fcgte \u00fcber drastische Komik im <em>Huhn und Karpfen<\/em> und bei Storms <em>Von Katzen<\/em>; sonnigen Humor beweisen die Vertonungen von G[ottfried] Kellers <em>Berliner Pfingsten<\/em> und von M\u00f6rikes <em>Jedem das Seine<\/em> [\u2026]\u201c (Moser). Kritisiert wurde mitunter Mattiesens Klaviersatz, der gerade in den Fr\u00fchwerken durch quasi-orchestrale Klangf\u00fclle die Pianisten vor gro\u00dfe Herausforderungen stellt. Allerdings macht sich in sp\u00e4teren Ges\u00e4ngen eine \u201ewachsende Verfeinerung\u201c (Moser) in der Behandlung des Klaviers bemerkbar. Die Ges\u00e4nge op.\u00a017 zeichnen sich durch eine \u201eR\u00fcckkehr zur Schlichtheit der Mittel\u201c (Dieter H\u00e4rtwig, <em>MGG1<\/em>) aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Mattiesen geriet keineswegs mit seinem Tode in Vergessenheit. Noch Jahrzehnte sp\u00e4ter f\u00fchrten namhafte S\u00e4nger einzelne seiner Lieder im Repertoire. So existieren Aufnahmen Mattiesenscher Ges\u00e4nge durch Richard Bonelli, Dietrich Fischer-Dieskau, Hermann Prey, Kurt Moll und Harald Stamm (zwei Duette aus op.&nbsp;13) sowie Ulf B\u00e4stlein. Es l\u00e4sst sich freilich nicht leugnen, dass Mattiesen von der Wiederentdeckungswelle, von welcher zahlreiche vernachl\u00e4ssigte Komponisten gerade des sp\u00e4ten 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhunderts profitierten, bislang kaum erfasst wurde. Der Grund ist weniger in der Qualit\u00e4t seiner Werke als in seiner Konzentration auf das Klavierlied zu sehen, lag der Schwerpunkt der Wiederentdeckungen in unseren Tagen doch vor allem auf symphonischer und Kammermusik. Eine ganz Emil Mattiesen gewidmete Tontr\u00e4geredition ist im Jahr seines 150. Jubil\u00e4ums immer noch Desiderat. So sei also unseren S\u00e4ngerinnen und S\u00e4ngern dieses reiche Liedschaffen herzlich empfohlen. Sie werden darin manches Juwel zu Tage f\u00f6rdern k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Januar 2025]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1875 war ein exzellenter Komponisten-Jahrgang, weswegen wir 2025 die 150. 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