{"id":714,"date":"2016-04-18T01:04:16","date_gmt":"2016-04-17T23:04:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=714"},"modified":"2016-04-18T10:44:48","modified_gmt":"2016-04-18T08:44:48","slug":"die-tradition-auf-neue-wege-weiterfuehren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/04\/18\/die-tradition-auf-neue-wege-weiterfuehren\/","title":{"rendered":"Die Tradition auf neue Wege weiterf\u00fchren"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Urauff\u00fchrung des bereits f\u00fcnften Solokonzerts (ein Concertino mit einberechnet) von Michael F. P. Huber spielt das Orchester der Akademie St. Blasius Tirol unter Karlheinz Siessl im VIER und EINZIG in der Haller Str. 41 in Innsbruck. In der Matin\u00e9e am 17. April 2016 wird au\u00dferdem das Concertino f\u00fcr Klavier und Orchester von Jean Fran\u00e7aix dargeboten sowie die Symphonie Nr. 38 KV 504, die &#8222;Prager&#8220;, von Wolfgang Amadeus Mozart.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Klavierkonzert zu schreiben ist eine der schwierigsten Aufgabe f\u00fcr einen Komponisten. Nicht nur, dass neben dem eigentlichen Orchester auch das Klavier eine Art zweites Orchester mit umfangreichen M\u00f6glichkeiten darstellt, auch lasten unz\u00e4hlige gro\u00dfe Meisterwerke auf den Schultern des Komponisten, mit denen viele H\u00f6rer das neue Werk unweigerlich mehr oder weniger unterschwellig vergleichen. Eine aufsehenerregend neue und kreative Art, mit diesen bestehenden Werken umzugehen, gelingt dem Innsbrucker Michael F. P. Huber. Der erst im vergangenen November mit dem Landespreis f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Musik Tirol ausgezeichnete Komponist beginnt sein Konzert mit vier T\u00f6nen, die einem \u00fcberraschend bekannt vorkommen und einen geradezu verdutzen dreinschauen lassen: Doch, tats\u00e4chlich, direkt zu Beginn erklingt das er\u00f6ffnende Viertonmotiv aus Tschaikowskys b-Moll-Konzert. Damit nicht genug der Anspielungen &#8211; Beethovens c-Moll-Konzert wird wie auch das zweite von Rachmaninoff in derselben Tonart zitiert, und ein Hornmotiv aus Schumanns a-Moll-Konzert. Und dies sind alleine die Werke, die ich beim ersten H\u00f6ren ausmachen konnte, wie viele weitere f\u00fcr mich noch im Verborgenen geblieben sind, darf sich bei weiterem H\u00f6ren offenbaren. &#8222;Hommage&#8220; nennt Huber treffend diesen ersten Satz und zeigt damit, dass er einer Tradition entspringt, derer er sich gerne bewusst ist und die er eben fortf\u00fchrt anstatt mit ihr brechen zu wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Klavierkonzert von Michael F. P. Huber (Autor von derzeit drei Symphonien, nunmehr f\u00fcnf Solokonzerten, Vokal- und Kammermusik) bleibt seinem bisherigen Stil treu und ist trotzdem eine Weiterentwicklung dessen. Die Musik ist zweifelsohne modern, jedoch fern aller Beliebigkeiten und avantgardistischen Moden, stets erfrischt sie mit einem ansprechenden Ton ohne ma\u00dflos aufgeh\u00e4uft schmerzende Dissonanzen. Formale Struktur und Entwicklung sind zentral f\u00fcr Hubers Werkschaffen &#8211; und so wird auch besagtes Viertonmotiv wiederkehrendes Kernelement des Kopfsatzes. Die Musik changiert zwischen polyphonem Beinahe-Chaos und klar gegliederter Ordnung, in beiden Extremata ist die bei Huber ohnehin faszinierend beherrschte Instrumentation sp\u00fcrbar weiter ausgereift. Das Klavier, bisher noch wenig bedacht von Michael F. P. Huber, ist virtuos und vielseitig eingesetzt mit vollgriffigen Akkorden, rasenden L\u00e4ufen, Glissandi und komplexer Polyphonie. Im Mittelsatz, einem &#8222;Nocturne&#8220;, ist ihm ein selten zu h\u00f6render Partner, das Lupophon, beigeordnet &#8211; eine Bassoboe, eine Neuerfindung, welche 2011 erstmals \u00f6ffentlich pr\u00e4sentiert wurde, und es ist eine sehr gelungene Erg\u00e4nzung der Oboenfamilie, die nun mit Oboe, Englischhorn, Heckelphon und besagtem Lupophon zum vierstimmigen Satz erg\u00e4nzt ist wie ein gemischter Chor. Nach dem zweiten Satz folgt ein &#8222;Capriccio&#8220; als Finale mit schwunghaften Rhythmen, in eine sonderbare &#8222;quasi Cadenza&#8220; einm\u00fcndend, von wo aus der Satz ein offenes Ende findet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit klarem und durchsichtigem Ton gl\u00e4nzt der Pianist und Organist Michael Sch\u00f6ch am Soloinstrument. In flexibler Wendigkeit stellt er sich schlagartig auf neue Situationen ein, wobei sein Spiel stets locker bleibt. Auffallend ist sein orchestrales Denken: \u00dcbernimmt er thematisches Material aus dem Orchester, so bietet er es auch mit den klanglichen Charakteristika des jeweiligen Instruments an. Fein ist entsprechend auch sein Gesp\u00fcr f\u00fcr Phrasierung und dynamische Schattierungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem Concertino von Jean Fran\u00e7aix bel\u00e4sst er einen frischen und knackig-markanten Ton, der einen Hauch von ins Chansonmilieu abgedrifteter Wiener Klassik mitschwingen l\u00e4sst: Eine klangliche Wohltat f\u00fcr das meist viel zu romantisch und pedallastig gespielte Werk des Franzosen. Im \u00dcbrigen ist das Concertino ein hinrei\u00dfend charmantes St\u00fcck, aus vier miniaturhaften S\u00e4tzen mit ansprechend-lockerer Muse zusammengef\u00fcgt, wie fl\u00fcchtig hingeworfen und doch merklich ausgearbeitet und fein ziseliert. Als Zugabe gibt es Ligeti, und der H\u00f6rer staunt \u00fcber die rasche linke Hand, \u00fcber der sich eine sangliche Oberstimme erhebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine beeindruckende Leistung ist auch wieder einmal vom Orchester der Akademie St. Blasius unter Karlheinz Siessl zu w\u00fcrdigen, das sich mit keinem der St\u00fccke leichtes Repertoire ausgesucht hat. Bis hin in die undurchdringlichste Polyphonie bei Hubers Konzert bewahrt man kultivierten Klang und technische Reinheit, bleibt bei Jean Fran\u00e7aix klar und strukturiert und brilliert bei Mozart vor allem im gef\u00fcrchteten Bl\u00e4sersatz. Siessl gelingt es gar, beide Wiederholungen des Finales von Mozarts Prager Symphonie derart entstehen zu lassen, dass sie als Potenzierung der jeweils ersten Wiedergabe zu funktionieren scheinen. Insbesondere in Hubers Konzert bl\u00fchen die Musiker voll auf und stellen ihr hohes K\u00f6nnen und ihre musikalische Gestaltungskraft als Resultat ihrer langj\u00e4hrigen gemeinsamen Schaffenszeit mit Karlheinz Siessl eindr\u00fccklich unter Beweis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Michael F. P. Huber wird noch eine bl\u00fchende Zukunft vor sich haben. Schon bei meiner Besprechung \u00fcber die Dritte Symphonie und zwei seiner bisherigen Konzerte nannte ich ihn einen der gr\u00f6\u00dften Symphoniker des beginnenden Jahrtausends, und auch nun in diesem Konzert best\u00e4tigt sich diese vielleicht gewagt erscheinende Aussage. An alle Orchester l\u00e4sst sich nur appellieren: Spielt Huber und verbreitet seine Musik auch jenseits der Landesgrenzen \u00d6sterreichs, denn sie hat es verdient, ihr habt es verdient, und wir haben es verdient!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, April 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Urauff\u00fchrung des bereits f\u00fcnften Solokonzerts (ein Concertino mit einberechnet) von Michael F. P. Huber spielt das Orchester der Akademie St. Blasius Tirol unter Karlheinz Siessl im VIER und EINZIG in der Haller Str. 41 in Innsbruck. In der Matin\u00e9e am 17. 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