{"id":7161,"date":"2025-03-24T12:00:00","date_gmt":"2025-03-24T11:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7161"},"modified":"2025-03-29T11:22:19","modified_gmt":"2025-03-29T10:22:19","slug":"simon-rattle-dirigiert-exemplarisch-boulez-berio-und-lachenmann","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2025\/03\/24\/simon-rattle-dirigiert-exemplarisch-boulez-berio-und-lachenmann\/","title":{"rendered":"Simon Rattle dirigiert exemplarisch Boulez, Berio und Lachenmann"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Diesmal \u2013 ungewohnt an einem Samstag: 22.&nbsp;M\u00e4rz \u2013 leitete <\/em>Simon Rattle<em> \u201esein\u201c musica viva Konzert der Saison im Herkulessaal, das ausschlie\u00dflich \u00e4lteren Werken von Jubilaren des Jahres 2025 gewidmet war: <\/em>Pierre Boulez\u2018<em> \u201eCummings ist der Dichter\u201c, <\/em>Luciano Berios <em>\u201eLaborintus II\u201c sowie<\/em> Helmut Lachenmanns<em> \u201eHarmonica\u201c<\/em> <em>\u2013 mit dem Tubisten <\/em>Stefan Tischler<em>.<\/em> <em>Neben dem<\/em> <em>Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks<\/em> <em>wirkte auch wieder der Chor mit, teilweise solistisch.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Simon-Rattle-Stefan-Tischler-Helmut-Lachenmann-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"731\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Simon-Rattle-Stefan-Tischler-Helmut-Lachenmann-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR-1024x731.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7162\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Simon-Rattle-Stefan-Tischler-Helmut-Lachenmann-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR-1024x731.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Simon-Rattle-Stefan-Tischler-Helmut-Lachenmann-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR-300x214.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Simon-Rattle-Stefan-Tischler-Helmut-Lachenmann-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR-768x548.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Simon-Rattle-Stefan-Tischler-Helmut-Lachenmann-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR-1536x1097.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Simon-Rattle-Stefan-Tischler-Helmut-Lachenmann-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR-2048x1463.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Simon Rattle, Stefan Tischler, Helmut Lachenmann \u00a9 Astrid Ackermann; BR<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im sehr gut besuchten Herkulessaal gab es letzten Samstag ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Symphoniekonzert der <em>musica viva<\/em>: zwar keine Urauff\u00fchrung, daf\u00fcr jedoch gleich drei Klassiker der Neuen Musik, die trotz ihres Nimbus eigentlich sehr selten gespielt werden. Damit sollten wohl deren Komponisten als Jubilare des Jahres 2025 besonders geehrt werden.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Cummings ist der Dichter <\/em>(1970) von <em>Pierre Boulez <\/em>(1925\u20132016) war in M\u00fcnchen zuletzt 2016 im Prinzregententheater unter der Leitung George Benjamins zu h\u00f6ren \u2013 mit dem gerade noch bestehenden SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg sowie dem SWR Vokalensemble. Damals erklang die Fassung mit 16 Solostimmen. Zum Gl\u00fcck hat sich <em>Sir Simon Rattle<\/em> f\u00fcr die dreifache Besetzung \u2013 bei den in der Partitur von 1986 als solchen gekennzeichneten <em>Tutti-<\/em>Passagen \u2013 entschieden, die dem <em>Chor des Bayerischen Rundfunks<\/em> (Einstudierung hierf\u00fcr: <em>Max Hanft<\/em>) viel besser das n\u00f6tige chorische Atmen bei den zahlreichen sehr lange liegenden Kl\u00e4ngen in dieser Vertonung eines Gedichts des Amerikaners Edward Estlin Cummings erlaubt. Ebenso erreicht der bei diesem St\u00fcck ausnahmsweise ohne Taktstock dirigierende <em>Sir Simon <\/em>so eine deutlich bessere Balance mit dem nie aufdringlich werdenden Orchester. Und zum Gl\u00fcck betont er \u00fcberhaupt nicht die vielen an- und abschwellenden Triller der Partitur, die den Rezensenten bei anderen Darbietungen auf Dauer nervten und an diesem Abend \u00f6fter als Ausschwingvorg\u00e4nge verstanden werden. Rattle widmet sich mehr der Feindynamik innerhalb des h\u00f6chst anspruchsvollen Chorsatzes und darf dem in dieser Hinsicht enorm selbstst\u00e4ndigen Agieren seiner nur 27 Spieler des <em>Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks<\/em> \u2013 ohne Schlagzeug! \u2013 voll vertrauen. Insgesamt erstaunt die Lebendigkeit, Nat\u00fcrlichkeit und Transparenz des Klanges dieser unter der Motorhaube freilich seriellen, zugleich irgendwie fr\u00fchlingshaften Musik, die auch das Publikum anspricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielschichtiger und eher Musiktheater als ein konzertantes Werk, pr\u00e4sentiert sich <em>Luciano Berios<\/em> (1925\u20132003) gut halbst\u00fcndiges <em>Laborintus II<\/em> von 1965, auf einen collage-\u00e4hnlichen Text Edoardo Sanguinetis, deutlich experimenteller. Eine Sprecherin \u2013 als Gast und nicht wirklich \u00fcberzeugend: <em>Marie Goyette<\/em> \u2013 sowie aus dem Chor des BR drei singende Frauenstimmen und acht mit Sprechgesang im weitesten Sinne befasste Solisten (alle exzellent!) m\u00fcssen sich also mit einem Dschungel an Texten \u2013 von der Bibel \u00fcber Dante, Ezra Pound, T. S. Eliot und nat\u00fcrlich Sanguineti selbst \u2013 auseinandersetzen (Einstudierung: <em>Stellario Fagone<\/em>). Dazu kommt dann wiederum ein \u00e4hnlich dimensioniertes Orchester wie bei Boulez, diesmal allerdings mit \u00e4u\u00dferst effektivem Schlagzeug, plus ein 2-Kanal-Zuspielband. F\u00fcr alle Stimmen fordert Berio Mikros, und einmal mehr schafft die Klangregie Norbert Ommers optimale Voraussetzungen f\u00fcr eine immer stimmige Balance, so dass Rattle hier souver\u00e4n extrem unterschiedliche Klangr\u00e4ume bedienen kann. Vieles kommt aus historischen Kontexten mittelalterlicher Musik, aber dagegen gibt es gelenkte Aleatorik \u00e0 la Lutos\u0142awski, wiederholte Patterns wie im Musical, eine Stelle mit Jazzimprovisationen, Agitprop der 1960er Jahre und dann im letzten Drittel noch das unerbittliche Tonband. Wie Rattle \u2013 v\u00f6llig klar in seiner konzentrierten Zeichengebung \u2013 dieses komplexe Geflecht zu einem durchaus unterhaltsamen, faszinierenden Organismus verschmilzt, ist eine wirkliche Glanzleistung und weil Berio trotzdem immer auch eine Prise italienischen Humors einflie\u00dfen lie\u00df, letztlich echt begeisternd.<\/p>\n\n\n\n<p>Helmut Lachenmann, der im November 90 Jahre alt wird, hat neben einer gewissen Verweigerungs\u00e4sthetik oft vermocht, klangliche Opulenz mit einer unglaublichen Palette ganz neuartiger Kl\u00e4nge des immer ganzheitlich betrachteten Instrumentariums zu erzeugen. Ein Musterbeispiel daf\u00fcr ist <em>Harmonica<\/em> (1981\/83): Nach der Pause spielt so das volle Orchester mit seinem praktisch durchgehend besch\u00e4ftigtem Solo-Tubisten: <em>Stefan Tischler<\/em>. Man g\u00f6nnt ihm nat\u00fcrlich, das St\u00fcck als eines der wenigen vorzeigbaren <em>Konzerte<\/em> f\u00fcr sein Instrument aufzufassen. Doch trotz der ungeheuren physisch-technischen Anforderungen, die Tischler sensationell bew\u00e4ltigt, der enormen Vielfalt an Spielanweisungen und Ausdruckscharakteren: <em>Harmonica <\/em>ist ebenso wenig ein Solokonzert im herk\u00f6mmlichen Sinn wie das Klavierkonzert von Ferruccio Busoni, das beim BRSO im Juni gespielt werden wird. Der Solist erscheint fast nie als Ausl\u00f6ser des gleicherma\u00dfen hochdifferenzierten Geschehens im Orchester, sondern eher als der neunmalkluge Kommentator im Hintergrund, der vielleicht sogar emotional vieles steuert, gleichzeitig jedoch hinterfragt. Lachenmann hat den Solopart \u00fcbrigens nachtr\u00e4glich komponiert. Ein geistreiches Spiel und ein \u00fcberw\u00e4ltigendes Klangbad, schon an der Grenze zur \u00dcberinstrumentierung, das jedoch zweifellos seinesgleichen sucht. Hier scheinen Rattle und sein Orchester endg\u00fcltig in ihrem Element zu sein: Lachenmanns Musik hat, gerade auch wegen dessen kritischer Grundhaltung, nach \u00fcber 40 Jahren nichts von ihrer Faszination verloren. Der Komponist, der am Schluss auf die B\u00fchne kommt, und alle Mitwirkenden d\u00fcrfen hochverdient minutenlangen Applaus entgegennehmen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 23.&nbsp;<\/strong><strong>M\u00e4rz <\/strong><strong>2025]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diesmal \u2013 ungewohnt an einem Samstag: 22.&nbsp;M\u00e4rz \u2013 leitete Simon Rattle \u201esein\u201c musica viva Konzert der Saison im Herkulessaal, das ausschlie\u00dflich \u00e4lteren Werken von Jubilaren des Jahres 2025 gewidmet war: Pierre Boulez\u2018 \u201eCummings ist der Dichter\u201c, Luciano Berios \u201eLaborintus II\u201c sowie Helmut Lachenmanns \u201eHarmonica\u201c \u2013 mit dem Tubisten Stefan Tischler. 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