{"id":7167,"date":"2025-04-13T17:55:19","date_gmt":"2025-04-13T15:55:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7167"},"modified":"2025-04-13T17:55:22","modified_gmt":"2025-04-13T15:55:22","slug":"klingende-musikgeschichte-stationen-des-historischen-bildungskonzerts-vom-17-jahrhundert-bis-heute","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2025\/04\/13\/klingende-musikgeschichte-stationen-des-historischen-bildungskonzerts-vom-17-jahrhundert-bis-heute\/","title":{"rendered":"Klingende Musikgeschichte \u2013 Stationen des Historischen Bildungskonzerts vom 17.\u00a0Jahrhundert bis heute"},"content":{"rendered":"\n<p>Um in das Thema einzuf\u00fchren, m\u00f6chte ich mit einer kleinen autobiographischen Begebenheit beginnen. Als ich vor vielen Jahren meinen damaligen Musiklehrer in der gymnasialen Oberstufe mit Blick auf eine nahende Pr\u00fcfung fragte, ob er mir Literatur empfehlen k\u00f6nne, die einen fundierteren \u00dcberblick \u00fcber die Musikgeschichte vermittelt, erhielt ich folgende Antwort: \u201eSchau dir doch einfach diese Konzertserie von Bernstein an.\u201c Freilich hatte ich damals bereits von Leonard Bernstein geh\u00f6rt, aber die von meinem Lehrer angedeutete Konzertreihe war mir bis dato unbekannt. Mit diesen recht sp\u00e4rlichen Informationen machte ich mich an das (letztlich recht aufwendige) Unternehmen, mir irgendwoher das besagte Material zu beschaffen. Was mir mein Lehrer damals empfahl, waren die sogenannten <em>Young People\u2019s Concerts<\/em>, die Bernstein in den sp\u00e4ten 50er bis fr\u00fchen 70er Jahren mit dem New York Philharmonic Orchestra \u00fcberaus erfolgreich pr\u00e4sentierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Konzerte, in denen Bernstein mit all seiner medialen Vermittlungskompetenz und vor allem seinem Charisma klassische Musik einem damaligen Millionenpublikum durch das Fernsehen n\u00e4herbrachte, sollte letztlich auch mein Interesse nicht nur f\u00fcr die Musikgeschichte allgemein, sondern speziell auch f\u00fcr die Art ihrer Aufbereitung und Vermittlung beeinflussen. Ich kann meinen biographischen Einstieg vielleicht dahingehend bilanzieren, dass Bernstein mit seinen <em>Young<\/em> <em>People\u2019s Concerts<\/em> sicherlich dazu beigetragen hat, dass ich mich sp\u00e4ter f\u00fcr das Studium der Musikwissenschaft entschied.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man einmal grunds\u00e4tzlich \u00fcber den hier angerissenen Zusammenhang von Musikgeschichte, musikgeschichtlicher Bildung und deren Vermittlung ins Nachdenken ger\u00e4t, so gelangt man fernab der traditionellen Formate musikhistorischer und -historiographischer Aufbereitung auch zu dem Ph\u00e4nomen des <em>Historischen Konzerts<\/em>. Genauer gesagt, zum <em>Historischen <\/em><em>Bildungsk<\/em><em>onzert<\/em> im Sinne einer klingenden Vermittlung von Musikgeschichte. Im Zuge einer Recherche nach dem Ursprung und zentralen Entwicklungsstationen dieses Konzerttypus wird recht schnell offensichtlich, dass das Format durch die Geschichte hindurch h\u00e4ufig mit konkreten Bildungsintentionen verkn\u00fcpft wurde. Diese Vermittlungsabsichten dokumentieren sich vor allem in der Art und Weise der Selektion von bestimmtem Repertoire sowie in den die Konzerte zumeist flankierenden Werkkommentaren der Programmverantwortlichen, in denen die Begr\u00fcndung der intendierten Auswahl mitgeliefert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Folgenden m\u00f6chte ich mich auf ausgew\u00e4hlte Fallbeispiele des Historischen Konzerts im Zuge eines kleinen \u201eG\u00e4nsemarschs der Epochen\u201c (Ernst Bloch) konzentrieren und dabei die den Konzerten zugrundeliegenden Bildungsintentionen erl\u00e4utern. Die Frage nach den Absichten, wie und warum bestimmte Kompositionen ausgew\u00e4hlt und kommentiert werden, damit sie in der Funktion einer \u00fcbergeordneten musikgeschichtlichen Bildungsidee aufgehen, stellt das verbindungsstiftende Motiv meiner Ausf\u00fchrungen dar.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>I. Das Historische Konzert als t\u00f6nende Theologie im 17.\u00a0Jahrhundert<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Den Anfang meines \u00dcberblicks bildet eines der wohl fr\u00fchesten Historischen Konzerte aus dem damals protestantisch gepr\u00e4gten N\u00fcrnberg um die Mitte des 17.&nbsp;Jahrhunderts. Bei diesem Exempel handelt es sich weniger um die Absicht einer Wiederbelebung \u00e4lterer Musik um ihrer selbst willen, als vielmehr um die wohldurchdachte Darbietung von Kompositionen, die so etwas wie eine chronologisch sortierte, klingende Geschichte der <em>christlichen<\/em> Musik bot.<\/p>\n\n\n\n<p>Was wissen wir \u00fcber das betreffende Konzert, das am 31.&nbsp;Mai 1643 in N\u00fcrnberg stattfand? Dokumentiert ist, dass der damalige Professor f\u00fcr Theologie der N\u00fcrnberger Universit\u00e4t, namens Johann Michael Dilherr, ein gro\u00dfer Liebhaber und Kenner der Musik war, und dass eben dieser Dilherr ein Gesuch an den Rat der Stadt richtete, um eine sogenannte \u201eEntwerffung des Anfangs, Fortgangs, [\u2026] Brauchs und Mi\u00dfbrauchs der Edlen Music\u201c ausrichten zu d\u00fcrfen, was dann auch positiv beschieden wurde. \u00dcber den Inhalt und Ablauf des Konzerts im gro\u00dfen Stadtsaal geben die Chroniken des N\u00fcrnberger Archivs recht genaue Auskunft. Man kann zun\u00e4chst festhalten, dass dieses in jederlei Hinsicht gro\u00df angelegte Konzert einiges Aufsehen in der Stadt erregte, was umso mehr erstaunen mag, als wir uns in einer Zeit omnipr\u00e4senter Konflikte, verursacht durch die Wirren des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges, befinden. Doch die Stadtchronik gibt wieder, dass nicht nur das nahezu gesamte, verf\u00fcgbare Personal an st\u00e4dtischen Musikanten, Stadtpfeifern, S\u00e4ngern, Kantoren und Organisten aufgeboten wurde, sondern dem Konzert schlie\u00dflich auch eine \u201eunglaubige Menge Volks, ja wohl etliche Tau\u00dfend Menschen\u201c, beigewohnt haben muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Konzertprogramm, welches Dilherr ausgew\u00e4hlt und in einer lateinischen Vorrede ausf\u00fchrlich erl\u00e4utert hat, vollzieht zun\u00e4chst eine Entwicklung der biblischen Musikgeschichte nach. Die unverkennbare theologisch motivierte Kontextualisierung des Programms stand dabei im Dienste der Veranschaulichung, welche Bedeutung und welcher Nutzen der <em>musica sacra<\/em> seit der Erschaffung der Welt zukam. Entsprechend reicht der erste Teil des Programms von einem anf\u00e4nglichen Gesang dreier Diskantisten im Sinne einer Versinnbildlichung der Engels- oder Himmelsmusik mit Texten aus dem Genesisbericht, \u00fcber Harfen- und Fl\u00f6tenspiel in Erinnerung an Jubal, dem biblischen Erfinder der Instrumente, \u00fcber alttestamentarische Psalmges\u00e4nge der Erzmusiker David und Salomo bis hin zu neutestamentarischen Lobliedern anl\u00e4sslich Jesu Verk\u00fcndigung \u2013 um hier nur einige der dargebotenen St\u00fccke aufzulisten. Nach Abschluss dieses biblischen Programmteils kam es dann zu einem zeitlichen Wechsel innerhalb des Konzertablaufs. Denn durch Dilherrs Wahl eines gregorianischen Chorals bewegte sich das Programm fortan erstmals auf dem Boden musikgeschichtlicher Tatsachen. Es folgten sodann Beispiele f\u00fcr mehrstimmige Figuralmusik (u.&nbsp;a.) von Johannes Ockeghem, womit wir uns bereits mitten im 15.&nbsp;Jahrhundert befinden, sowie eine Motette Orlando di Lassos, also eines Vertreters des 16.&nbsp;Jahrhunderts. Mit doppelch\u00f6rigen Werken von Giovanni Gabrieli und Hans Leo Hassler \u2013 Akteuren, die wir heute historiographisch in die Fr\u00fchphase der Barockmusik einordnen \u2013 sollte dann der vorl\u00e4ufige musikgeschichtliche H\u00f6hepunkt, sowohl was die kompositionstechnische Entwicklung als auch den Nutzen gottesdienstlicher Musik betrifft, pr\u00e4sentiert werden. Durch diese vergleichende Gegen\u00fcberstellung von Komponisten und Stilen aus verschiedenen Epochen beabsichtigte Dilherr auf den kompositorischen Fortschrittsprozess der Kirchenmusik aufmerksam zu machen. Dieses Vorhaben enthielt dabei eine zentrale theologische Bildungsintention: Dadurch, dass Dilherr am Ende des Konzerts auch einen protestantischen Choral sowie eine Darbietung des Verses \u201eCoelestis musica salve\u201c darbieten lie\u00df, bekam der musikgeschichtliche Fortschrittsgedanke des Konzerts einen konfessionellen, und zwar einen protestantisch-lutherischen Akzent. Nachdem die Musik der biblischen Vergangenheit und der nicht zu \u00fcberbietenden Gegenwart verklungen war, erfolgte eine Art prophetische Ank\u00fcndigung der nahenden Himmelsmusik, eben jener \u201ecoelestis musica\u201c, als einem Sinnbild f\u00fcr die im protestantischen Glauben fest verankerte Vorstellung von der endzeitlichen Apokalypse. Biblische Vergangenheit, weltliche Gegenwart und zuk\u00fcnftige Prophetie wurden damit in dem N\u00fcrnberger Konzert auf Basis eines theologisch geleiteten Geschichtsverst\u00e4ndnisses zusammengef\u00fchrt und durch das g\u00f6ttliche Medium der <em>musica sacra<\/em> klingend zum Ausdruck gebracht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>II. Das Historische Konzert Gottfried van Swietens \u2013 oder: Zur Konstruktion eines musikgeschichtlichen Erbes<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme damit zum zweiten Fallbeispiel eines Historischen Bildungskonzerts und mache dabei einen gro\u00dfen Sprung vom 17. in die zweite H\u00e4lfte des 18.&nbsp;Jahrhunderts. Hierbei geht es mir um die Anf\u00e4nge des Historischen Privatkonzerts, die neben ersten Auspr\u00e4gungen in London und Berlin vor allem in Wien zu finden sind \u2013 und hier personell aufs Engste verbunden mit dem Diplomaten, Bildungspolitiker und bedeutenden Musikm\u00e4zen Baron Gottfried van Swieten.<\/p>\n\n\n\n<p>Van Swieten, der ab 1777 Pr\u00e4fekt der kaiserlichen Hofbibliothek war und zeitlebens als gro\u00dfer Kenner der Tonkunst, mitunter auch als \u201ePatriarch der Musik\u201c ger\u00fchmt wurde, versammelte seit den 1780er Jahren in seiner Wiener Dienstwohnung namhafte Musiker in sonnt\u00e4glichen Matineen, bei denen vorrangig Werke alter Meister, insbesondere Musik Johann Sebastian Bachs und Georg Friedrich H\u00e4ndels, gespielt und studiert wurden. An diesen Veranstaltungen der sogenannten <em>Gesellschaft der Associierten Cavaliere<\/em> nahm unter anderem auch Wolfgang Amadeus Mozart ab 1782 regelm\u00e4\u00dfig teil, den van Swieten ebenso protegierte wie sp\u00e4ter Ludwig van Beethoven. Im Rahmen der Matineen sollte Mozart erstmals in intensiven wie kompositorisch nachhaltigen Kontakt mit der Musik Bachs kommen. Auch Joseph Haydn stand in engem, langj\u00e4hrigem Verh\u00e4ltnis zu van Swieten, der (u.&nbsp;a.) f\u00fcr die Bearbeitung der Libretti zu den Oratorien <em>Die Sch\u00f6pfung<\/em> und <em>Die Jahreszeiten<\/em> verantwortlich zeichnete. Nicht zuletzt widmete Beethoven dem Baron seine <em>Erste Symphonie<\/em> aus Dankbarkeit f\u00fcr die ihm zukommende F\u00f6rderung \u2013 aber wohl auch aus strategischem Kalk\u00fcl, wohlwissend um Stellung wie Einfluss van Swietens im damaligen Musikzentrum Wien.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist sicherlich nicht \u00fcbertrieben zu behaupten, dass van Swieten aufgrund seiner musikalischen Kompetenzen und m\u00e4zenatischen Netzwerke ma\u00dfgeblich zur Konstruktion dessen beigetragen hat, was wir heute historiographisch (eingedenk aller terminologischen Schwierigkeiten) mit dem Begriff \u201eWiener Klassik\u201c bzw. als \u201eklassische Trias\u201c bezeichnen. Entscheidend mit Blick auf die von van Swieten veranstalteten, an eine aristokratische wie intellektuelle Elite gerichteten Hauskonzerte ist die funktionale historische Verortung speziell der Werke Bachs und H\u00e4ndels in das damals zeitgen\u00f6ssische Verst\u00e4ndnis von Musikgeschichte. In diesem Punkt konkretisiert sich die besondere Vermittlungsintention van Swietens. Entscheidend ist, dass er die Komponisten Bach und H\u00e4ndel als historische Instanzen installierte, an die er vor allem Haydn und Mozart kompositorisch anschlie\u00dfbar machen wollte \u2013 und zwar im Sinne einer wenn auch nicht fortschrittsgeleiteten, so doch geschichtlich folgerichtigen Stilentwicklung. Das in der Musikhistoriographie des 19. und fr\u00fchen 20.&nbsp;Jahrhunderts vielfach zu lesende Narrativ von einem heroengeschichtlichen Entwicklungsgang der Musik, welcher von Bach und H\u00e4ndel ausgehend unmittelbar zu den Wiener Klassikern f\u00fchrt, findet mit den Historischen Konzerten van Swietens eine der fr\u00fchesten Vorbildungen. Kurz gesagt werden Bach und H\u00e4ndel \u2013 wohlbemerkt bereits in den 1780er Jahren \u2013 im Zuge der Swieten-Konzerte zu Vorl\u00e4ufern einer neuen Musikepoche inthronisiert, eben zu jener der sogenannten \u201eklassischen Trias\u201c. Hier vollzieht sich nicht weniger als die Konstruktion eines historiographischen Erbes, das in der Musikgeschichte f\u00fcr lange Zeit diskursm\u00e4chtig wirken sollte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>III. Das Historische Konzert als musikgeschichtliches Korrektiv \u2013 Fran\u00e7ois-Joseph F\u00e9tis<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit den rezeptionsgeschichtlichen Folgen der \u201eWiener Klassik\u201c sind wir im \u201elangen\u201c 19.&nbsp;Jahrhundert angelangt, und ich m\u00f6chte als Beispiel eines Historischen Konzerts aus dieser Zeit auf ein bedeutendes Projekt des belgischen Komponisten und Musikschriftstellers Fran\u00e7ois-Joseph F\u00e9tis eingehen. Ab dem Jahre 1832 organisierte F\u00e9tis in Paris zwei vielbeachtete Veranstaltungen: zum einen die Vorlesungsreihe <em>Cours de philosophie musicale et d\u2019histoire de la musique<\/em> und zum anderen die damals weithin beachteten <em>Concerts historiques<\/em>. Das Neuartige und Aufsehenerregende dieser \u00f6ffentlichen Konzerte war die Art und Weise der philosophisch-historischen Betrachtung, die sich in der methodischen Anordnung der Programme nach bestimmten Gattungen, Schulen, Nationen und Epochen niederschlug. Bemerkenswert ist, wie F\u00e9tis w\u00e4hrend der Planung und Durchf\u00fchrung der Konzerte mehr und mehr zu der \u00dcberzeugung gelangte, die bis dato vorherrschende musikalische Fortschrittsdoktrin anzuzweifeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus musikgeschichtlichem Interesse hatte er nicht nur die historiographischen Schriften eines Charles Burney und Johann Nikolaus Forkel gelesen, sondern auch \u00e4ltere Kontrapunkt- und Harmonielehrb\u00fccher studiert. Im Zuge dessen war F\u00e9tis zu der \u00dcberzeugung gelangt, dass viele der vergessenen Kompositionen f\u00fcr ihn musikalisch gehaltvoller waren als die meisten Werke aus neuerer Zeit. Er besch\u00e4ftigte sich daraufhin mit den Werken bedeutender Komponisten der Vergangenheit, bis zur\u00fcck zur Musik der Trouv\u00e8res und Troubadours, und erkannte, dass die ihnen zugrundeliegenden musikalischen Regeln variabel, weil je nach Ort und Zeit verschieden waren.<\/p>\n\n\n\n<p>In seiner \u2013 unvollendet gebliebenen \u2013 <em>Histoire g\u00e9n\u00e9rale de la musique<\/em>, die F\u00e9tis 1869 begonnen hatte, erkl\u00e4rte er schlie\u00dflich die europ\u00e4isch-abendl\u00e4ndische Musikgeschichte zu einer von vielen Entwicklungsstr\u00e4ngen und entzog ihr damit den Status eines Paradigmas, an dem alle anderen Musikarten und -stile zu messen seien. Es war diese \u00e4sthetische Nivellierung historischer Unterschiede mit dem Ergebnis einer bis dato neuartigen Aufwertung \u00e4lterer Musik bzw. einer Abwertung des stilistischen Fortschrittsnarrativs eurozentristischer Provenienz, die F\u00e9tis in seinen Historischen Konzerten als zentrale Bildungsintention klanglich zu vermitteln trachtete.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>IV. Das Historische Konzert der Gegenwart und die Evidenz der klingenden Lebenswelt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zum Abschluss m\u00f6chte ich nochmals einen gro\u00dfen zeitlichen wie r\u00e4umlichen Sprung machen \u2013 dieses Mal vom Paris des 19. zur amerikanischen Ostk\u00fcste des 20.&nbsp;Jahrhunderts. Damit komme ich wieder zur\u00fcck zum Ausgangspunkt meiner Vorbemerkung. In meinem letzten Beispiel f\u00fcr ein Historisches Konzert widme ich mich den Anf\u00e4ngen einer angewandten Vermittlung von Musikgeschichte mittels des damals noch jungen Mediums Fernsehen. Den Beginn dieser Entwicklung bildet \u2013 wie bereits angedeutet \u2013 Leonard Bernstein, den ich hier allerdings nur kurz anf\u00fchren m\u00f6chte. Vielmehr geht es mir im Folgenden um die Frage, welche gegenw\u00e4rtigen Konzepte des Historischen Konzerts es eigentlich gibt und wie musikhistorische Bildung in Zeiten aktueller Vermittlungsdebatten aussehen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein \u00fcberaus erfolgreiches Format bildet in diesem Zusammenhang die Fortf\u00fchrung der von Bernstein initiierten <em>Young People\u2019s Concerts<\/em>. In New York war in den 2000er-Jahren der Dirigent Delta David Gier mitverantwortlich f\u00fcr die Konzeption dieser Konzerte. Es ist f\u00fcr mein Thema aufschlussreich nachzuvollziehen, wie Gier und seine Mitstreiter des New York Philharmonic Orchestra das Format derart modernisiert haben, dass es best\u00e4ndig eine gro\u00dfe Zielgruppe von Kindern wie Erwachsenen ansprach und noch immer anspricht. Zu fragen w\u00e4re, wie das Erfolgskonzept dieser Aktualisierung musikhistorischer Bildung umrissen werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Ank\u00fcndigung der Konzertreihe f\u00fcr das Jahr 2009 hat Gier einen Teil der Programme wie folgt erl\u00e4utert: \u201eIn jedem der vier Konzerte [\u2026] haben wir dieses Jahr vier verschiedene Aspekte, die wir durch die Musik vermitteln m\u00f6chten. Das erste Konzert widmet sich zum Beispiel dem Thema ,Musik zum Tanz\u2018. Das Element [\u2026] ist Rhythmus, und wir werden gemeinsam einen Weg durch dieses Programm beschreiten, das von Bach bis hin zu Steve Reich reicht \u2013 und vielleicht noch dar\u00fcber hinaus. Es soll darum gehen, wie der Rhythmus Teil unseres t\u00e4glichen Lebens ist, von unserem Herzschlag bis hin zur Art und Weise, wie wir gehen. [\u2026] Es geht darum, welche Rolle der Rhythmus in all diesen verschiedenen Musikstilen und -epochen spielt. Wir beenden dieses Konzert mit dem <em>Bolero<\/em> von Ravel \u2013 der eine Art ultimatives Rhythmusst\u00fcck ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Vermittlungsansatz, den Gier hier am Beispiel eines der Konzerte skizziert, kann als repr\u00e4sentativ f\u00fcr die Gestaltung der gesamten Serie gelten. Zentral ist dabei der Versuch, auf Basis eines \u00fcbergeordneten musikalischen Themas, wie hier dem Zusammenspiel von Musik und Tanz bzw. Rhythmus und Bewegung, anschauliche Beispiele aus der Musikgeschichte auszuw\u00e4hlen und diese zur Grundlage eines klingenden Bildungstransfers zu machen \u2013 eines Transfers, der darauf abzielt, ein Bewusstsein f\u00fcr die Musik im Sinne ihrer \u00e4sthetischen \u00c4quivalenz bzw. \u00dcbertragbarkeit auf ganz allt\u00e4gliche Ph\u00e4nomene wie dem gro\u00dfst\u00e4dtischen Klangrhythmus zu schaffen. Die Kinder und Jugendlichen werden durch die Konzerte daf\u00fcr sensibilisiert, ihre eigene Lebenswelt als eine klingende wahrzunehmen und diese Erfahrungen wiederum im Rahmen neuer Konzerterlebnisse einzubeziehen. Dieser ph\u00e4nomenologisch basierte Ansatz, der auf eine sinnstiftende Beziehung zwischen der eigenen Biographie und der t\u00f6nenden Umwelt abzielt, scheint mir gegenw\u00e4rtig einer der Hauptstr\u00e4nge der Vermittlungskonzepte Historischer Konzerte zu sein und den Erfolg der Formate bei einem nicht allein j\u00fcngeren Publikum mitzuerkl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit bin ich am Ende meiner Ausf\u00fchrungen angelangt. Wichtig ist mir, abschlie\u00dfend nochmals auf das verbindungsstiftende Motiv meiner verschiedenen Fallbeispiele hinzuweisen: und zwar auf das \u00fcbergreifende Anliegen, mittels der Selektion eines bestimmten Musikrepertoires auf \u00fcbergeordnete geschichtliche, historiographische und\/oder \u00e4sthetische Sachverhalte aufmerksam zu machen. Sei es die Vermittlung einer spezifisch konfessionellen Musikhistorie wie 1643 in N\u00fcrnberg oder die Konstruktion eines musikgeschichtlichen Erbes der \u201eWiener Klassik\u201c durch van Swieten, die Aufwertung alter Musik im Sinne eines historiographischen Korrektivs wie bei F\u00e9tis oder die Starkmachung eines Sinnbezugs zwischen den Werken der sogenannten \u201eklassischen\u201c Musik und der eigenen Lebenswelt in heutigen Formaten des Historischen Konzerts \u2013 in all diesen Beispielen geht es letztlich um die Mitteilung einer Bildungsidee qua Geschichtsrekurs, genauer gesagt: um eine t\u00f6nende Vermittlung von Musikgeschichte, die in ihrem Verklingen Vergangenheit erfahrbar macht und damit in mehrerlei Hinsicht mit Sinn erf\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Kai Marius Schabram, April 2025]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um in das Thema einzuf\u00fchren, m\u00f6chte ich mit einer kleinen autobiographischen Begebenheit beginnen. 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