{"id":7174,"date":"2025-04-28T19:10:17","date_gmt":"2025-04-28T17:10:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7174"},"modified":"2025-05-20T01:48:37","modified_gmt":"2025-05-19T23:48:37","slug":"portraetkonzert-fuer-pascal-dusapin-bei-der-musica-viva","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2025\/04\/28\/portraetkonzert-fuer-pascal-dusapin-bei-der-musica-viva\/","title":{"rendered":"Portr\u00e4tkonzert f\u00fcr Pascal Dusapin bei der musica viva"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Am 25. April 2025 widmete die musica viva im M\u00fcnchner Herkulessaal ein gesamtes Konzert dem gro\u00dfartigen franz\u00f6sischen Komponisten <\/em>Pascal Dusapin (*1955)<em>, der Ende Mai einen runden Geburtstag feiert. Unter Leitung der Dirigentin <\/em>Ariane Matiakh <em>spielte das <\/em>Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks <em>neben den <\/em>Soli Nr. 6 und 7 <em>f\u00fcr Orchester und dem Violinkonzert <\/em>\u201eAufgang\u201c <em>mit dem Urauff\u00fchrungssolisten <\/em>Renaud Capu\u00e7on<em> noch <\/em>\u201eWenn du dem Wind\u2026\u201c<em> \u2013 drei Szenen aus der Oper <\/em>Penthesilea <em>mit der Mezzosopranistin <\/em>Christel Loetzsch<em>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Loetzsch-Capucon-Dusapin-Matiakh-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR_medium.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"732\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Loetzsch-Capucon-Dusapin-Matiakh-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR_medium-1024x732.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7175\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Loetzsch-Capucon-Dusapin-Matiakh-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR_medium-1024x732.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Loetzsch-Capucon-Dusapin-Matiakh-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR_medium-300x214.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Loetzsch-Capucon-Dusapin-Matiakh-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR_medium-768x549.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Loetzsch-Capucon-Dusapin-Matiakh-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR_medium-1536x1098.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Loetzsch-Capucon-Dusapin-Matiakh-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR_medium.jpg 1700w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Loetzsch, Capu\u00e7on, Dusapin, Matiakh \u00a9 Astrid Ackermann\/BR<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Zugegebenerma\u00dfen mag der Rezensent <em>musica viva <\/em>Konzerte, in denen Kompositionen von nur einem zeitgen\u00f6ssischen Komponisten erklingen, mit am liebsten, weil man sich dabei \u2013 zumeist \u2013 auf nur einen Stil und eine dann hoffentlich individuelle Klangwelt einstellen muss als von oft sehr heterogenen Programmen quasi durchgesch\u00fcttelt zu werden. Der Franzose <em>Pascal Dusapin<\/em> feiert Ende Mai seinen siebzigsten Geburtstag und ist in seiner Heimat seit \u00fcber 30 Jahren ein echter Star, in Deutschland mit seinen Werken noch ein wenig unterrepr\u00e4sentiert, wenn auch gerade in M\u00fcnchen kein Unbekannter mehr: Zuletzt war vor knapp zwei Jahren im Herkulessaal sein sehr kontemplatives Orchesterwerk \u201eKonzert Nr. 1 f\u00fcr gro\u00dfes Orchester\u201c <em>Morning in Long Island <\/em>zu erleben \u2013 siehe<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/05\/15\/die-rueckkehr-orchestraler-opulenz-werke-von-lim-verunelli-und-dusapin-bei-der-musica-viva\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/05\/15\/die-rueckkehr-orchestraler-opulenz-werke-von-lim-verunelli-und-dusapin-bei-der-musica-viva\/\" target=\"_blank\"> unsere Rezension<\/a>. Als einziger Sch\u00fcler Iannis Xenakis\u2018 ist seine Musik zwar von mathematischen Konzepten durchdrungen, im Vordergrund steht aber immer vermittelbare Emotionalit\u00e4t an oberster Stelle: Der vor allem von Literatur und bildender Kunst gepr\u00e4gte Dusapin legt stets Wert darauf, sein Publikum tats\u00e4chlich zu erreichen; sicher mit ein Grund seines Erfolges.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden Orchesterst\u00fccke <em>Reverso<\/em> (Solo Nr. 6, 2006) und <em>Uncut <\/em>(Solo Nr. 7, 2009) sind die beiden letzten Teile eines fast 20 Jahre w\u00e4hrenden Projekts einer Art Symphonie, die sich zwar <em>\u201ewie russische Babuschkas\u201c <\/em>(Dusapin) aus einzelnen Kompositionsauftr\u00e4gen zusammensetzt, die jedoch im Hinblick auf ein gro\u00dfes Ganzes konzipiert wurden. Eine Gesamtauff\u00fchrung aller sieben \u201eS\u00e4tze\u201c am St\u00fcck (~ 100 Min.) hat indes bisher nicht stattgefunden, und auch die obigen St\u00fccke erklangen am Freitag nicht hintereinander, weil dies ein zu gro\u00dfes zeitliches Ungleichgewicht der beiden Konzerth\u00e4lften zur Folge gehabt h\u00e4tte. Im Gegensatz zu den zahlreichen <em>Konzerten f\u00fcr Orchester <\/em>der letzten 100 Jahre, wo dann einzelne Gruppen bzw. Solisten besonders hervortreten d\u00fcrfen, versteht Dusapin den Gesamtapparat als <em>ein <\/em>Instrument, was deutlich wahrnehmbar vor allem die Holzbl\u00e4ser eher entindividualisiert. Trotzdem zeigen <em>Reverso <\/em>und <em>Uncut <\/em>h\u00f6chst unterschiedliche Charaktere. So erscheint <em>Reverso <\/em>als in den Raum zusammengefaltete Klangfl\u00e4che, \u2013 wie ein skulpturales Objekt, etwa ein sich dynamisch ver\u00e4ndernder Torus \u2013 bei der nicht einmal mehr der zeitliche Verlauf linear wahrgenommen wird, trotzdem mit einer sehr harmonischen H\u00fcllkurve. Hier sind in den Feinstrukturen Einfl\u00fcsse des Minimalismus h\u00f6rbar, die ohne Aleatorik auskommen, zugleich die dynamische Energie eines Edgar Var\u00e8se, dessen <em>Arcana <\/em>ein musikalisches Schl\u00fcsselerlebnis f\u00fcr Dusapin war. Die vor allem in Wien ausgebildete franz\u00f6sische Dirigentin <em>Ariane Matiakh <\/em>schl\u00e4gt deutlich, leider meist parallel \u2013 die linke Hand gibt fast nur Eins\u00e4tze \u2013 und durchweg zu gro\u00df, \u00fcberzeugt durch sehr klares und organisches Timing, hervorragenden \u00dcberblick sowohl bei den \u00fcbergeordneten dramatischen Verl\u00e4ufen als auch der Agogik im Detail. Weniger Kontrolle hat sie freilich \u00fcber die Feindynamik: Wenn sie selten mal mit Links etwas anzeigt, schaut da schon niemand mehr hin. Das funktioniert bei den <em>Soli <\/em>noch ganz gut, erstaunlicherweise sogar bei den drei Opernszenen<em>, <\/em>r\u00e4cht sich jedoch sp\u00e4ter im Violinkonzert. <em>Uncut <\/em>ist deutlich sch\u00e4rfer konturiert, farbiger, in den Extremlagen intensiver, beginnt mit einer Art Blechbl\u00e4serfanfare \u2013 am Schluss gibt es f\u00fcr die Gruppe und das Schlagwerk Extra-Applaus \u2013 und wirkt schon aufgrund des rascheren Grundtempos eben \u00fcberhaupt nicht statisch: gro\u00dfe Begeisterung daf\u00fcr beim Publikum.<\/p>\n\n\n\n<p>Dusapin schreibt momentan bereits an seiner elften Oper, und seine <em>Penthesilea <\/em>(2015) \u2013 nach Kleists bizarrer Umdichtung des Mythos \u2013 geh\u00f6rt sicher zu seinen beeindruckendsten Werken. Aus dem kurzen Prolog und den Szenen 2 und 4 schuf der Komponist eine dreis\u00e4tzige Suite f\u00fcr den Konzertgebrauch \u2012 lediglich mit der Hauptprotagonistin als Vokalpartie. Die Mezzosopranistin <em>Christel Loetzsch<\/em> hat die im wahrsten Sinne des Wortes \u201em\u00f6rderische\u201c Partie konzertant schon komplett mit Frau Matiakh aufgef\u00fchrt, verf\u00fcgt \u00fcber eine au\u00dfergew\u00f6hnlich pr\u00e4sente H\u00f6he und beherrscht alle stimmlichen Facetten, die vom \u201enormalen\u201c Operngesang \u00fcber Sprechgesang, Sprechen, Geschrei bis zu animalischeren Laut\u00e4u\u00dferungen reichen \u2012 dies zum Gl\u00fcck eher im tieferen Register \u2012 gem\u00e4\u00df den hochdifferenzierten Anweisungen der Partitur; und so werfen sich hier mit der souver\u00e4n vermittelnden Dirigentin die Solistin und das <em>Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks<\/em> in einem hochdramatischen Rausch gekonnt die B\u00e4lle zu. Wie vereinzelt bei manchen Ensemblewerken Xenakis\u2018 kommt der Harfe fast die Rolle eines Mediums zu, das ein gewisses Ma\u00df an Selbstreflexion bei der furienhaften Penthesilea erm\u00f6glicht. Was Frau Loetzsch g\u00e4nzlich fehlt, ist leider ein f\u00fcr einen so gro\u00dfen Saal ausreichendes Fundament in der Mittellage und damit leider einhergehend jegliche stimmliche W\u00e4rme: Selbst mit der teils manierierten \u00dcberartikulation mancher Konsonanten ist nicht auszugleichen, was den Vokalen an Klangfarben mangelt. So bleibt die einstudierte Exaltiertheit streckenweise unglaubw\u00fcrdig und ihr Vortrag geht doch stellenweise unter \u2012 ohne Schuld des Orchesters. Trotzdem erntet die S\u00e4ngerin am Schluss dieser emotionalen <em>tour de force<\/em> wahre Beifallsst\u00fcrme.<\/p>\n\n\n\n<p>Dusapins deutsch betiteltes Violinkonzert <em>Aufgang <\/em>von 2011 ist ein Musterbeispiel f\u00fcr sein Verm\u00f6gen, zeitgem\u00e4\u00dfe Klangwelten selbst in f\u00fcr viele Kollegen \u201e\u00fcberkommenen\u201c Formen kompromisslos zur Geltung zu bringen. Das St\u00fcck wird mit seiner traditionellen Dreis\u00e4tzigkeit \u2012 schnell, langsam, schnell \u2012 schon \u00e4u\u00dferlich \u00fcblichen H\u00f6rerwartungen gerecht. <em>Renaud Capu\u00e7on<\/em>, bereits der Urauff\u00fchrungsinterpret, hat den klangfarblichen Reichtum und die virtuos darzubietende Ausdrucksst\u00e4rke des Werks in jeder Hinsicht verinnerlicht und kann die Sch\u00f6nheit und Energie des Violinparts m\u00fchelos aufs Publikum \u00fcbertragen. Dieser erfordert Sanglichkeit in der H\u00f6he, zupackende Verve, aber auch kontemplative Innigkeit in zahlreichen Solopassagen und extrem pr\u00e4zises Aufeinander-Reagieren zwischen Violinisten und Orchester. Diesem fehlt hier nun die erw\u00e4hnte Kontrolle Frau Matiakhs \u00fcber die Feindynamik, und so muss Capu\u00e7on leider \u2013 insbesondere bei Laufwerk \u2013 zu oft vergeblich um eine angemessene Balance k\u00e4mpfen. Der sehr lange langsame Satz hat eine bemerkenswerte Steigerung nach der Mitte und endet dann in typisch Dusapinscher Melancholie. Das Finale ist absolut hinrei\u00dfend und rundet ein vielschichtiges Konzert zu aller Zufriedenheit ab. Capu\u00e7on verzichtet trotz lautstarker Zustimmung allerdings auf die von manchem erwartete Zugabe.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 27. <\/strong><strong>April <\/strong><strong>2025]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 25. 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