{"id":7189,"date":"2025-05-17T23:58:00","date_gmt":"2025-05-17T21:58:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7189"},"modified":"2025-05-18T09:41:02","modified_gmt":"2025-05-18T07:41:02","slug":"hochemotional-und-kultiviert-simone-young-dirigiert-beim-brso-werke-der-zweiten-wiener-schule","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2025\/05\/17\/hochemotional-und-kultiviert-simone-young-dirigiert-beim-brso-werke-der-zweiten-wiener-schule\/","title":{"rendered":"Hochemotional und kultiviert: Simone Young dirigiert beim BRSO Werke der Zweiten Wiener Schule"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Im Konzert des <\/em>Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks<em> am 15. Mai 2025 erklangen in der Isarphilharmonie unter Leitung der exzellent vorbereiteten <\/em>Simone Young <em>drei <\/em><em>Meilensteine der Neuen Wiener Schule: <\/em>Anton Weberns <em>\u201eF\u00fcnf St\u00fccke f\u00fcr Orchester op.&nbsp;10\u201c, <\/em>Alban Bergs <em>\u201eDrei Orchesterst\u00fccke op.&nbsp;6\u201c und <\/em>Alexander Zemlinskys <em>\u201eLyrische Symphonie\u201c \u2013 mit der Sopranistin <\/em>Maria Bengtsson <em>sowie dem Bariton <\/em>Michael Volle.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/BRSO-Bengtsson-Young-Volle-Applaus-2-20250515-c-BR-Astrid-Ackermann.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"731\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/BRSO-Bengtsson-Young-Volle-Applaus-2-20250515-c-BR-Astrid-Ackermann-1024x731.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7190\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/BRSO-Bengtsson-Young-Volle-Applaus-2-20250515-c-BR-Astrid-Ackermann-1024x731.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/BRSO-Bengtsson-Young-Volle-Applaus-2-20250515-c-BR-Astrid-Ackermann-300x214.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/BRSO-Bengtsson-Young-Volle-Applaus-2-20250515-c-BR-Astrid-Ackermann-768x548.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/BRSO-Bengtsson-Young-Volle-Applaus-2-20250515-c-BR-Astrid-Ackermann.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Maria Bengtsson, Simone Young und Michael Volle mit dem BRSO  \u00a9 BR\/Astrid Ackermann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Christopher Mann nennt in seiner Einf\u00fchrung mit der schon dabei gut aufgelegten australischen Dirigentin <em>Simone Young<\/em> sogleich den Namen, der \u00fcber allen folgenden Darbietungen schwebt: <em>Arnold Sch\u00f6nberg<\/em>. Als Sch\u00fcler und sp\u00e4terer Schwager <em>Alexander Zemlinskys <\/em>(1871\u20131942) gilt er ja als Begr\u00fcnder der <em>Zweiten Wiener Schule<\/em>; und er war wiederum Lehrer von <em>Anton Webern<\/em> (1883\u20131945) und <em>Alban Berg <\/em>(1885\u20131935). Die drei Werke des Abends entstanden innerhalb von nur 12 Jahren \u2013 zwischen 1911 und 1923 \u2013 und sind relativ selten zu h\u00f6ren: Weberns <em>F\u00fcnf St\u00fccke f\u00fcr Orchester op.&nbsp;10 <\/em>wegen ihrer minimalistischen Besetzung kaum in Programmen mit gro\u00dfen Klangk\u00f6rpern, Bergs <em>Drei Orchesterst\u00fccke op.&nbsp;6<\/em> genau umgekehrt wegen des geforderten Riesenapparats, und Zemlinskys <em>Lyrische Symphonie <\/em>hat an diesem Donnerstag gar ihre Erstauff\u00fchrung beim BRSO.<\/p>\n\n\n\n<p>Weberns Orchesterminiaturen op.&nbsp;10 (1911\/13) sind quasi ein Gegenentwurf zu seinen gro\u00dfbesetzten <em>6 Orchesterst\u00fccken op.&nbsp;6<\/em>, die wiederum Vorbild f\u00fcr Berg waren. Von den gut 20 Instrumenten \u2013 darunter allerdings Exoten wie Mandoline, Celesta oder R\u00f6hrenglocken \u2013 erklingen oft nur wenige gleichzeitig. Der klangliche Reichtum und die Konzentration des Ausdrucks der insgesamt (!) nur etwa f\u00fcnf Minuten dauernden St\u00fccke verlangt von den Musikern h\u00f6chste Pr\u00e4zision und in einem so gro\u00dfen Saal extrem gutes Aufeinander-H\u00f6ren. Simone Young \u2013 u.&nbsp;a. zehn Jahre GMD an der Hamburgischen Staatsoper \u2013 zeigt, nur hier ohne Taktstock, alles genauestens an, insbesondere die sehr delikat auf den Raum abzustimmende Dynamik. Die erstaunlich phantasievollen, knappen musikalischen Gesten werden so zu echten Kabinettst\u00fcckchen. Einfach grandios, wie man in der Isarphilharmonie etwa am Schluss des dritten St\u00fccks die gro\u00dfe Trommel im <em>ppp <\/em>mehr \u00fcber den Solarplexus als \u00fcber das Geh\u00f6r wahrzunehmen glaubt. Aber verglichen mit dem, was danach kommt, ist dies nat\u00fcrlich nur ein Appetizer.<\/p>\n\n\n\n<p>Bergs <em>Drei Orchesterst\u00fccke op. 6 <\/em>\u2013 vollendet unmittelbar bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs \u2013 warten nun mit einem Orchester auf, das selbst Mahlersche Dimensionen zu sprengen scheint. Sie sind vielleicht der Inbegriff des musikalischen Expressionismus, von ihrer emotionalen Intensit\u00e4t wie von der strukturellen Komplexit\u00e4t her, die keine \u201eF\u00fcllstimmen\u201c kennt: Alles hat thematisch-motivisches Gewicht und stellt Dirigenten bei der Herstellung einer dynamischen Balance, die sowohl die Details h\u00f6rbar macht, zugleich die Schichtungen von Haupt- und Nebenstimmen verst\u00e4ndlich abbildet, vor bis dato v\u00f6llig unbekannte Probleme. Zudem sind schon die rein instrumentalen Anforderungen an s\u00e4mtliche Spieler exorbitant: Die 1. Posaune z.&nbsp;B. beginnt direkt mit einem hohen <em>es\u201c<\/em>. Rhythmisch wird es ebenfalls dicht, obwohl keine Orgie an Taktwechseln notiert ist, wie etwa in Strawinskys <em>Sacre<\/em>. Frau Young koordiniert dies alles nicht nur perfekt, sondern geht auch emotional mit, ohne je \u00fcbers Ziel hinauszuschie\u00dfen: zutiefst beeindruckend. Alles bleibt klar, sieht immer geschmeidig aus, und mit der linken Hand gibt die Dirigentin nicht nur alle wichtigen Eins\u00e4tze, sondern klug disponierend stets sehr deutliche dynamische Impulse. Die instrumentale Virtuosit\u00e4t und Empathie der Musiker des BRSO wird dem in jeder Weise gerecht. Vom anfangs noch wie in Schleier geh\u00fcllten <em>Pr\u00e4ludium<\/em> \u00fcber den unwirklichen <em>Reigen<\/em> streift der Zuh\u00f6rer fast wie ein Voyeur in einem von W\u00e4nden unbehinderten Flug quer durch verschiedenste morbide Tanzb\u00f6den, wo Walzer- und L\u00e4ndler-Fetzen nur momentweise und perspektivisch verzerrt erscheinen, dabei l\u00e4ngst keine <em>fin-de-si\u00e8cle <\/em>Hochstimmung mehr aufkommen mag. Der <em>Marsch <\/em>schlie\u00dflich wird zum reinen, gewaltt\u00e4tigen Horrortrip: wie eine Vision der noch ungeahnten Gr\u00e4uel des beginnenden Krieges. Und hier darf der m\u00f6rderische Holzhammer aus Mahlers <em>Sechster <\/em>tats\u00e4chlich dreimal aktiv werden \u2013 bis zum bitteren Ende. Wie kultiviert und farbig das dann trotzdem klingt, ist an diesem Abend schon ein kleines Wunder, das sofort erste Bravorufe provoziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor gut einem Jahr litt das M\u00fcnchner Rundfunkorchester bei Zemlinskys <em>Lyrischer Symphonie<\/em> \u2013 <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/04\/24\/patrick-hahn-mit-zemlinsky-beim-muenchner-rundfunkorchester\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/04\/24\/patrick-hahn-mit-zemlinsky-beim-muenchner-rundfunkorchester\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">wir berichteten<\/a> \u2013 unter S\u00e4nger-Absagen und ungl\u00fccklichem Timing: nur einen Tag nach dem Jubil\u00e4umskonzert des BRSO. Dieses konnte nun unter optimalen Bedingungen seine erste Bekanntschaft mit dem lange untersch\u00e4tzten St\u00fcck machen, das erst seit den 1980er Jahren als gleichrangig zu Mahlers <em>Lied von der Erde<\/em> anerkannt wird. Liegt die Gemeinsamkeit in der Verwendung asiatischer Dichtung, \u2013 hier des Bengalen <em>Rabindranath Tagore<\/em> \u2013 zielt Mahlers Vertonung mehr auf Weltschmerz, Zemlinskys imagin\u00e4re Liebesgeschichte hingegen auf ein wenig stereotype psychologische Innenwelten von Mann und Frau, jedoch als Individuen. Zemlinsky ging indes nicht den Weg Sch\u00f6nbergs und seiner Sch\u00fcler in die Zw\u00f6lftontechnik mit. Das BRSO unter Simone Young bringt den orchestralen Farbreichtum der tonalen, harmonisch zwischen Modalit\u00e4t und sensibler Chromatik pendelnden Partitur, an faszinierend sch\u00f6nen Details noch \u00fcber Mahler oder Berg hinausgehend, in voller Pracht zur Geltung. Dabei tr\u00e4gt der gro\u00dfe symphonische Bogen \u00fcber das gesamte Werk. Ausdruck, Tempi, sehr differenzierte, bewusste Agogik und Balance stimmen auf den Punkt. Das \u00fcbertrifft die gute Auff\u00fchrung des Rundfunkorchesters dann doch nochmals sp\u00fcrbar.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Michael Volle <\/em>erfasst als Heldenbariton ohne Sentimentalit\u00e4t und Pathos, aber mit Bestimmtheit und guter Textverst\u00e4ndlichkeit, die Vorgaben des Komponisten exakt: Bis zum Schluss <em>\u201eist der tiefernste, sehns\u00fcchtige, doch unsinnliche <\/em>[!] <em>Ton des ersten Gesanges festzuhalten.\u201c<\/em> Die Ausdruckswelten der Frau sind vielschichtiger und extremer. Daf\u00fcr reicht der von Zemlinsky angedachte jugendlich-dramatische Sopran der jungen Schwedin <em>Maria Bengtsson<\/em> nicht ganz aus. Bei <em>\u201eMutter, der junge Prinz\u2026\u201c<\/em> fehlt ihr schlicht das stimmliche Fundament und die Genauigkeit der Artikulation, um \u00fcber das schillernde Orchester her\u00fcberzukommen. Hierzu br\u00e4uchte es wohl doch eine Strauss-Stimme, die eher Salome oder die Kaiserin als die Marschallin beherrscht. Da dem Rezensenten Michael Volles Stimme von Opern- und Konzertb\u00fchne gut vertraut ist, und dessen Timbre hier ebenso heller wirkt als &#8222;normal&#8220;, mag daran freilich die Akustik des HP8 mal wieder eine gewisse Mitschuld haben. Im musikhistorisch nachwirkenden vierten Gesang <em>\u201eSprich zu mir, Geliebter\u201c <\/em>wird sowohl der Sopranpart als auch das Violinsolo besonders z\u00e4rtlich und mit W\u00e4rme gestaltet, vielleicht ein wenig zu passiv und verhalten. Das ist jedoch anscheinend das Konzept der Dirigentin, die bei der umsichtigen Begleitung der Gesangssolisten ihre lange Opernerfahrung gekonnt einbringt. Absolut ergreifend gelingt Bengtsson dann ihr letzter Gesang <em>\u201eVollende denn das letzte Lied\u201c<\/em> mit seinen bereits nicht mehr tonalen, eiskalten Linien, wo sie glaubw\u00fcrdig voll aus sich herausgeht. Die n\u00e4chtlichen Klangfarben des einsamen Endes in ihrer fantastischen Instrumentation \u2013 die letzte Partiturseite ist ein Wunderwerk \u2013 gelangen mit der gro\u00dfen Streicherbesetzung wirklich zauberhaft ans Publikum.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt ein selbst f\u00fcr BRSO-Verh\u00e4ltnisse au\u00dfergew\u00f6hnlich gelungener Abend, der mit begeistertem Applaus f\u00fcr alle Ausf\u00fchrenden honoriert wird. Diejenigen Abonnenten, die dem Konzert \u2013 wegen des vermeintlich anstrengenden Repertoires? \u2013 ferngeblieben waren, haben da leider eine Weltklasse-Leistung verpasst.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 16. Mai 2025]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Konzert des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks am 15. 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