{"id":72,"date":"2015-08-09T18:51:24","date_gmt":"2015-08-09T16:51:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=72"},"modified":"2015-08-10T00:09:14","modified_gmt":"2015-08-09T22:09:14","slug":"ein-musikalisches-panorama-von-den-haengen-des-ararat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/08\/09\/ein-musikalisches-panorama-von-den-haengen-des-ararat\/","title":{"rendered":"Ein musikalisches Panorama von den H\u00e4ngen des Ararat"},"content":{"rendered":"<p>Farao Classics B 108086, ISBN: 4 025438 080864<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><em>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Views-002.png\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-73\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Views-002-300x242.png\" alt=\"Views-002\" width=\"300\" height=\"242\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Views-002-300x242.png 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Views-002-1024x825.png 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Views-002.png 1790w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>An der Violine begibt sich Rebekka Hartmann zusammen mit der Pianistin Margarita Oganesjan auf eine Entdeckungstour rund um den Ararat mit Werken von Ahmed Adnan Saygun, Arno Babadschanjan und Edward Baghdassarian.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Gegen\u00fcberstellung von t\u00fcrkischer und armenischer Musik erscheint gewagt, wenn man die Vorgeschichte dieser beiden L\u00e4nder in Augenschein nimmt. Doch \u00fcber alle politischen Abgr\u00fcnde hinweg betrachten Rebekka Hartmann und Margarita Oganesjan Komponisten beider L\u00e4nder von einem geographisch zentralen und scheinbar unber\u00fchrten Standpunkt, dem Ararat. Von hier aus k\u00f6nnen die beiden jungen Musikerinnen den t\u00fcrkischen Komponisten Ahmed Adnan Saygun auf zwei CDs Seite an Seite stellen mit den Armeniern Arno Babadschanjan und Edward Baghdassarian.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beide Solistinnen profilieren sich in dieser Einspielung als herausragende Interpreten. Rebekka Hartmann kann ihrer fr\u00fchen Stradivari aus dem Jahre 1675 eine ph\u00e4nomenale Bandbreite an verschiedensten Farbnuancen entlocken, die sich geschmeidig den jeweiligen musikalischen Situationen anpassen. Ihr Klang ist klar, feingliedrig und brillant, er kann sich m\u00fchelos an alle volksmusikalischen Momente anschmiegen, nur um pl\u00f6tzlich davon abzurei\u00dfen und ganz ungeh\u00f6rte und faszinierende Wege zu beschreiten. Erw\u00e4hnenswert ist vor allem auch Rebekka Hartmanns geschickter Umgang mit Vibrato, welches bis ins kleinste Details \u00fcberdacht und zudem \u00e4u\u00dferst sparsam eingesetzt wird, so dass es immer einen Zweck erf\u00fcllt anstatt wie heute gewohnt jeden lang gehaltenen Ton in etwas Ungewisses aufzuweichen. An den Tasten steht ihr mit Margarita Oganesjan ein w\u00fcrdiger Widerpart zur Seite. Die Pianistin hat einen recht robusten und volumin\u00f6sen Ton inne, der mit gro\u00dfem Nachdruck gesetzt ist. Selten wirkt es ein wenig hart und gleichf\u00f6rmig an manchen Stellen, bei denen eine etwas einf\u00fchlsamere und gebundenere Gestaltung w\u00fcnschenswert w\u00e4re anstelle eines ein wenig uniformen Staccatos und Portatos, doch kommen die St\u00fccke Margarita Oganesjan merklich entgegen, so dass diese gelegentliche Unausgewogenheit nicht wirklich ins Gewicht f\u00e4llt &#8211; sogar sehr reizvoll macht die Werkauswahl den kr\u00e4ftigen Tonfall der geb\u00fcrtigen Armenierin. Wahrlich zaubern kann Oganesjan bei der intelligent erfassten Ausgestaltung von Strukturen und Zusammenh\u00e4ngen, wodurch sie jeden noch so komplexen Satz gut verst\u00e4ndlich darbietet. Bei allem Verst\u00e4ndnis f\u00fcr das verbindende Element vernachl\u00e4ssigt sie auch zu keiner Zeit die pointierten Feinheiten, welche sie einf\u00fchlsam und treffend herausarbeitet. Bewundernswert ist das Zusammenwirken der beiden Musikerinnen, das deutlich sp\u00fcren l\u00e4sst, wie lange und intensiv Rebekka Hartmann und Margarita Oganesjan bereits zusammen spielen, dass ihre gemeinsame Arbeit eben nicht alleine auf diese Einspielung beschr\u00e4nkt ist. Durchgehend l\u00e4sst sich eine perfekte Synchronizit\u00e4t der Darstellung feststellen, die Stimmen sind so exakt aufeinander abgeh\u00f6rt, dass sie dynamisch und artikulatorisch genau abgestimmt erklingen. Es gibt einen unbeschreiblichen Effekt bei einem langen Decrescendo, wenn tats\u00e4chlich alle Stimmen im selben Ma\u00dfe abnehmen und scheinbar das gleiche Empfinden haben, so als w\u00e4ren sie unzertrennbar verbunden. Margarita Oganesjan versteht es neben der Rolle der gleichberechtigten Stimme auch, an entsprechenden Passagen in den Untergrund abzutauchen und eine gut ausgestaltete Begleitung f\u00fcr die improvisatorisch anmutenden Violinkantilenen abzugeben &#8211; diese Kunst sollte definitiv weiter verbreitet sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine wirklich gro\u00dfe Entdeckung auf der vorliegenden Doppel-CD ist der T\u00fcrke Ahmed Adnan Saygun, der gleich mit zwei Werken vertreten ist. Der d&#8217;Indy-Student war einer der wichtigsten Sammler t\u00fcrkischer Volksmusik und Gestalter einer modernen t\u00fcrkischen Kunstmusik, die einen Weg findet zwischen westlichen Vorbildern und regionaler Couleur. Sehr interessant ist beispielsweise seine erste Symphonie Op. 29 f\u00fcr kleines Orchester, die eine Synthese zwischen westlichen Formidealen und eindeutig t\u00fcrkischer Klanglichkeit bietet. Diese Eigenschaften weisen auch die beiden einzigen Werke Sayguns f\u00fcr Violine und Klavier auf, die Suite Op. 33 und die Sonate Op. 20. Streng pentatonische Themen und additive Rhythmen verschmelzen in klassischen Formmodellen und freitonal avancierter Harmonik, und resultieren in einer einmaligen Stilfusion. Davon abgesehen l\u00e4sst sich auch Sayguns aktive T\u00e4tigkeit als Musikethnologe in seiner Musik entdecken, so erklingt &#8211; vor allem in der Suite Op. 33 deutlich &#8211; mal ein fast irisch anmutendes Thema, mal eine deutlich asiatisch angehauchte Melodie, doch immer derart, dass es r\u00fcckbez\u00fcglich auf die t\u00fcrkische Volksmusik ist. In all diesen differenzierten nationalen und internationalen grazilen Komponenten findet sich Rebekka Hartmann, in deren Part sich die meisten dieser Elemente befinden, bestens zurecht und kann sie stets wachsam ins rechte Licht r\u00fccken. Margarita Oganesjan beeindruckt hier durch die abgestufte Ausarbeitung eines trockenen Klangs, der so nachvollziehbar ein \u00f6stliches Lebensgef\u00fchl verbreitet und einen spannenden, divergierenden Gegenpart zu der melancholisch schwebenden Violine bildet. Sie beweist ein unbestechliches Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen f\u00fcr diese Musik und beherrscht sowohl das Herausmei\u00dfeln der mehr als ungewohnten Tongebilde als auch selbst die beziehungsreich komplexe Strukturanlage der Sonate m\u00fchelos und mit gro\u00dfer Nat\u00fcrlichkeit. Anders als die kommenden anderen Texte ist die schlicht gehaltene Einf\u00fchrung des t\u00fcrkischen Komponisten Hasan U\u00e7arsu zu Ahmed Adnan Saygun durchaus informativ und steckt tief in der Materie der t\u00fcrkischen Folklore, die sich so vielgestaltig in den Werken des Komponisten spiegelt (die vier S\u00e4tze der Suite sind gar verschiedenen Regionen der T\u00fcrkei gewidmet, deren Volksmusik sie entweder direkt zitieren oder ununterscheidbar vom Original imitieren).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ebenfalls eine Musik, die unbedingt mehr Aufmerksamkeit verdient und eine intensive Auseinandersetzung damit wert ist, ist die von Arno Babadschanjan, dessen Violinsonate aus dem Jahre 1959 mit 28 Minuten das gro\u00dfformatigste Werk dieser Einspielung ist. Das effektgeladene Werk verbindet hohe Komplexit\u00e4t mit eing\u00e4ngigen Melodien, wobei insbesondere der dritte Satz, in welchem die apotheotisch f\u00fcr den Widmungstr\u00e4ger Dmitri Schostakowitsch stehende Symbolphrase heraush\u00f6rbar ist, mit sp\u00fcrbarer Pr\u00e4gnanz im Ohr bleibt. Trotz dessen wird der H\u00f6rer immer wieder \u00fcberrascht von pl\u00f6tzlichen neuen Einf\u00e4llen, die einen unerwartet \u00fcberrollen und die gesamte Struktur aufbrechen. Die schlagartigen Wechsel werden von beiden Musikerinnen mit \u00fcberw\u00e4ltigender Genauigkeit ausgef\u00fchrt, sofort f\u00fchlen sie sich wohl in jedem neuen Terrain, ohne dass ein noch so geringer Nachhall von Vorherigem vernehmbar w\u00e4re. In dieser Sonate demonstriert Magarita Oganesjan mancherorts auch einmal ihre weiche und lyrische Seite &#8211; umso intensiver wirkt es, wenn sie dann wieder mehr H\u00e4rte dominiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beschlossen wird die Einspielung von einem Werk, das ein Jahr vor der Sonate Babadschanjans entstand, der Rhapsodie f\u00fcr Violine und Klavier von Edward Baghdassarian, der auch Margarita Oganesjan als kleines M\u00e4dchen in Komposition unterrichtete. Nach den vorangehenden Geniestreichen f\u00e4llt die Rhapsodie kompositorisch etwas ab. So sch\u00f6ne Momente sie auch haben mag, so weist sie auch etliche musikalisch flache und voraussehbare Passagen auf, wenngleich letztlich auch hier das Zauberhafte \u00fcberwiegt. Nichts desto Trotz ist es ein besonderer Tribut an den ehemaligen Lehrer von Margarita Oganesjan und verdient somit durchaus einen Platz auf dieser mehr als empfehlenswerten musikalischen, exemplarischen Rundreise durch die Gebiete rund um den Ararat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, August 2015]<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Farao Classics B 108086, ISBN: 4 025438 080864 \u00a0 An der Violine begibt sich Rebekka Hartmann zusammen mit der Pianistin Margarita Oganesjan auf eine Entdeckungstour rund um den Ararat mit Werken von Ahmed Adnan Saygun, Arno Babadschanjan und Edward Baghdassarian. Eine Gegen\u00fcberstellung von t\u00fcrkischer und armenischer Musik erscheint gewagt, wenn man die Vorgeschichte dieser beiden &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/08\/09\/ein-musikalisches-panorama-von-den-haengen-des-ararat\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Ein musikalisches Panorama von den H\u00e4ngen des Ararat<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[38,39,40,37,36],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=72"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4907,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72\/revisions\/4907"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=72"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=72"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=72"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}