{"id":7230,"date":"2025-06-21T21:40:23","date_gmt":"2025-06-21T19:40:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7230"},"modified":"2025-09-04T08:43:08","modified_gmt":"2025-09-04T06:43:08","slug":"busonis-monumentales-klavierkonzert-mit-igor-levit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2025\/06\/21\/busonis-monumentales-klavierkonzert-mit-igor-levit\/","title":{"rendered":"Busonis monumentales Klavierkonzert mit Igor Levit"},"content":{"rendered":"\n<p><em>An Fronleichnam (19.&nbsp;Juni 2025) erklang in der Isarphilharmonie erstmals <\/em>Ferruccio Busonis <em>gewaltiges <\/em>Klavierkonzert<em> von 1904. Das<\/em> Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks<em>, im f\u00fcnften Satz verst\u00e4rkt durch die Herren des <\/em>Chors des Bayerischen Rundfunks<em>, wurde von <\/em>Sir Antonio Pappano <em>geleitet, der f\u00fcr Esa-Pekka Salonen eingesprungen war. An den h\u00f6llisch anstrengenden Klavierpart wagte sich <\/em>Igor Levit.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/BRSO-Pappano-Levit-4-K-202050619-l-c-BR-Severin-Vogl-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/BRSO-Pappano-Levit-4-K-202050619-l-c-BR-Severin-Vogl-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7231\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/BRSO-Pappano-Levit-4-K-202050619-l-c-BR-Severin-Vogl-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/BRSO-Pappano-Levit-4-K-202050619-l-c-BR-Severin-Vogl-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/BRSO-Pappano-Levit-4-K-202050619-l-c-BR-Severin-Vogl-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/BRSO-Pappano-Levit-4-K-202050619-l-c-BR-Severin-Vogl-1536x1024.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/BRSO-Pappano-Levit-4-K-202050619-l-c-BR-Severin-Vogl-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Sir Antonio Pappano und Igor Levit \u00a9 BR\/Severin Vogl<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Das <em>Klavierkonzert op.\u00a039<\/em> des italienisch-deutschen Komponisten <em>Ferruccio Busoni <\/em>(1866\u20131924) ist ein Unikum, nicht nur wegen seiner abendf\u00fcllenden L\u00e4nge von ca. 75 Minuten. Ebenso die F\u00fcnfs\u00e4tzigkeit und der M\u00e4nnerchor am Schluss \u2013 eine <em>Hymne an Allah <\/em>aus dem Versdrama <em>Aladdin<\/em> des d\u00e4nischen Goethe-Zeitgenossen <em>Adam Oehlenschl\u00e4ger \u2013 <\/em>sind jeweils f\u00fcr sich genommen fast schon Alleinstellungsmerkmale. Die Urauff\u00fchrung 1904 in Berlin war ein veritabler Konzertskandal. Obwohl Busoni seinerzeit unangefochten als einer der besten Pianisten weltweit galt, warnte er das Publikum in seinem Einf\u00fchrungstext , wo er die Funktion des Orchesters im bisherigen Solokonzert als mehr oder weniger blo\u00dfen Begleiters eines auf Selbstdarstellung bedachten Pianisten verurteilte: <em>\u201eDas Virtuosenthum ist im Sinken begriffen und damit verliert die Caricatur der Symphonie, Concert benannt, das letzte bisschen von Daseinsberechtigung.\u201c<\/em> Der Solopart seines Konzerts \u00fcbertrifft an technischer Vertracktheit, Kraftaufwand und differenzierter Klanglichkeit zwar s\u00e4mtliche zeitgen\u00f6ssischen Gattungsbeitr\u00e4ge nochmals deutlich, gilt jedoch als h\u00f6chst undankbar, da Busoni gewisserma\u00dfen eine Art \u201eRollentausch\u201c vollzieht: Fast immer pr\u00e4sentiert das Orchester die zahlreichen, durchaus pr\u00e4gnanten melodischen Einf\u00e4lle; das Klavier darf diese allenfalls paraphrasieren bzw. kommentieren und wirkt \u00fcber weite Strecken wie ein \u00fcberdimensionales \u201eobligates\u201c Instrument. Frei nach John Adams k\u00f6nnte man fragen: <em>&#8222;Must the <\/em>Orchestra<em> Have All the Good Tunes?&#8220;.<\/em> Dass sich etwa das Thema des Chores \u2013 welches dieser erst eine gute Stunde sp\u00e4ter singen wird \u2013 bereits in den allerersten Akkordkaskaden des Solisten verbirgt, d\u00fcrfte kaum ein H\u00f6rer auf Anhieb erkennen. Selbst ein erfahrener Kritiker wie Joachim Kaiser hat das Busoni-Konzert noch 1966 \u2013 die Auff\u00fchrung mit Scarpini unter Kubelik \u2013 anscheinend gr\u00fcndlich missverstanden und mit einigerma\u00dfen d\u00fcmmlichen Pr\u00e4dikaten belegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht nur deswegen verlangt dieses monumentale Werk \u2013 das dicke Buch, das <em>Igor Levit <\/em>auf den Fl\u00fcgel hievte, war nur der Klavierauszug \u2013 denn auch insbesondere vom Dirigenten eine v\u00f6llige intellektuelle Durchdringung der symmetrischen Gesamtstruktur und absolute Klarheit bei der Disposition der oft komplexen Schichtungen des \u00fcberbordenden motivischen Materials. Levit hat das Busoni-Konzert \u2013 nachdem 2021 eine geplante Auff\u00fchrung mit dem Bayerischen Staatsorchester corona- und krankheitsbedingt ausfiel \u2013 sp\u00e4ter \u00fcberhaupt erstmals unter <em>Sir<\/em> <em>Antonio Pappano <\/em>gespielt: schon mal ein vertrautes Team. Die letzte Besch\u00e4ftigung des BRSO mit dem herausfordernden St\u00fcck reicht wohl bis 1986 zur\u00fcck: mit Volker Banfield unter Lutz Herbig (nur f\u00fcr eine CD-Produktion?); also f\u00fcr fast alle Musiker eher komplettes Neuland.<\/p>\n\n\n\n<p>Pappano merkte man bereits w\u00e4hrend der Einf\u00fchrung an, wieviel Lust er auf dieses <em>Event <\/em>hatte und wie genau er sich mit dieser weit untersch\u00e4tzten Musik auskennt. So realisierte er vor allem den melodischen Schmelz und den Schwung des Italieners Busoni kongenial, bis hin zur aberwitzigen Tarantella des 4. Satzes von gut 950 Takten (!), die in einem fr\u00f6hlichen <em>\u201eVulkanausbruch\u201c<\/em> (Busoni) kulminiert und deren Sog man sich kaum entziehen kann. Diese war vom Tempo her freilich selbst f\u00fcr den sich im akustisch hierf\u00fcr suboptimalen HP8 tapfer schlagenden Levit schon grenzwertig. So waren einige Fehlgriffe beim unglaublichen Akkordwerk, das Busoni nicht nur dort fordert, unvermeidlich, schlugen aber nicht ins Gewicht. Levit \u2013 hochkonzentriert und ebenso auf den rein k\u00f6rperlichen Kraftakt voll eingestellt \u2013 verbl\u00fcffte gerade beim schnellen Umschalten zu delikaten Arabesken, die er an den entsprechenden Stellen unerh\u00f6rt leise und enorm klangsch\u00f6n zelebrierte. Der sechsstimmige Herrenchor des Bayerischen Rundfunks, von Howard Arman exzellent einstudiert, war stets textverst\u00e4ndlich und ebenso engagiert wie das neugierige Orchester. Hier \u00fcberzeugten gerade auch die dunklen Farben \u2013 etwa der Klarinette beim zitierten <em>\u201eFenesta ca lucive\u201c<\/em> im 2.&nbsp;Satz: sensationell. Dort agierte Levit wie eine unz\u00e4hmbare, mal verspielte, mal bedrohliche Raubkatze. Klassisch strenge Kontrapunktik \u00e0 la Bach \u2013 Busonis gr\u00f6\u00dftes Vorbild \u2013 gibt es in diesem St\u00fcck zwar nicht. Dennoch k\u00f6nnte man Pappano vorwerfen, dass er die Melodielinien fast durchgehend zu sehr in den Vordergrund stellte \u2013 damit zeitweise sogar den Fl\u00fcgel v\u00f6llig \u00fcberdeckte \u2013 und den raffinierten Nebenstimmen dieser f\u00fcr ein Klavierkonzert um 1900 ungew\u00f6hnlich farbig orchestrierten Partitur nicht gen\u00fcgend Bedeutung beima\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Leistung an diesem Abend war allerdings der mit 25 Minuten sperrige Mittelsatz (<em>Pezzo serioso<\/em>): Dieses architektonische Meisterst\u00fcck mit zahlreichen Themen \u2013 darunter ein gregorianisches <em>Ave Maria \u2013 <\/em>droht regelm\u00e4\u00dfig schnell zu langweilen. Es dramaturgisch schl\u00fcssig und spannend zusammenzuhalten, gelingt selten so bewegend. Wie Levit nach dem dynamischen H\u00f6hepunkt mit seinem brutalen, w\u00f6rtlich zu nehmenden Gedonnere (<em>tempestuoso, tuonando<\/em>) \u2013 im Orchester \u00e4hnlich kompromisslos wie Strauss\u2018 gewagteste Passagen im <em>Heldenleben <\/em>oder <em>Don Quixote<\/em> \u2013 die Stimmung wieder herunterk\u00fchlte, so dass f\u00fcr den H\u00f6rer das folgende <em>improvvisando <\/em>absolut glaubw\u00fcrdig erschien und von teutonischer Architektur nach Italien her\u00fcberblickte, \u2013 der Rest des Satzes klingt beinahe wie ein Vorgriff auf Respighis <em>Pini di Roma \u2013<\/em> war zutiefst beeindruckend.<\/p>\n\n\n\n<p>Man folgte der lebendigen Darbietung gebannt: Auch vom Publikum verlangt das Busoni-Konzert eine hohe intellektuelle Aufnahmebereitschaft und widerspricht zun\u00e4chst allen gewohnten Erwartungen. Es erwies sich als richtig, das Monumentalwerk alleine aufs Programm zu setzen, so dass es ohne Ablenkung f\u00fcr sich sprechen durfte. Die Begeisterung \u2013 mit langanhaltendem Applaus f\u00fcr alle Musiker \u2013 war dann sicher ehrlich. Am Schluss wurde allen klar, dass hier selbst eine Zugabe eher fehl am Platze gewesen w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 21.&nbsp;Juni 2025]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An Fronleichnam (19.&nbsp;Juni 2025) erklang in der Isarphilharmonie erstmals Ferruccio Busonis gewaltiges Klavierkonzert von 1904. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, im f\u00fcnften Satz verst\u00e4rkt durch die Herren des Chors des Bayerischen Rundfunks, wurde von Sir Antonio Pappano geleitet, der f\u00fcr Esa-Pekka Salonen eingesprungen war. An den h\u00f6llisch anstrengenden Klavierpart wagte sich Igor Levit. 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