{"id":7246,"date":"2025-07-20T01:22:51","date_gmt":"2025-07-19T23:22:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7246"},"modified":"2025-07-20T21:58:02","modified_gmt":"2025-07-20T19:58:02","slug":"grosse-welt-im-kleinen-dorf-das-quatuor-arod-mit-attahirs-al-asr-in-feldafing","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2025\/07\/20\/grosse-welt-im-kleinen-dorf-das-quatuor-arod-mit-attahirs-al-asr-in-feldafing\/","title":{"rendered":"Gro\u00dfe Welt im kleinen Dorf: Das Quatuor Arod mit Attahirs &#8222;Al Asr&#8220; in Feldafing"},"content":{"rendered":"\n<p>Was soll man dazu sagen? Die kulturelle Asymmetrie ist frappierend: Wo die Geldbeutel noch einigerma\u00dfen voll sind (soweit das bei den heutigen Zust\u00e4nden noch zutrifft), wird entweder eingehegt lobbyistisch organisierte Nischenkultur gepflegt (musica viva usw.) oder \u00fcberwiegend ein vermeintlicher Mehrheitsgeschmack mit PR-gest\u00fctztem Mainstream versorgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Feldafing ist ein kleines, \u00e4u\u00dferst beschauliches Dorf \u2013 mit einer Anmutung wie ein St\u00e4dtchen von langer Tradition \u2013 am Starnberger See. Seit vielen Jahren finden dort im Juli die Musiktage Feldafing statt, derzeit unter der k\u00fcnstlerischen Leitung der Geigerin Franziska H\u00f6lscher und des mittlerweile weltbekannten Pianisten Kit Armstrong. F\u00fcr das diesj\u00e4hrige Er\u00f6ffnungskonzert haben sie sich mit dem franz\u00f6sischen Quatuor Arod das \u00fcberragende Streichquartett unserer Zeit an die Seite geholt, mit einem rein franz\u00f6sischen Programm. Das Quatuor Arod hat zuletzt mit einem ph\u00e4nomenalen Album der Quartette von Debussy und Ravel sowie des Quartetts <em>Al Asr<\/em> von Benjamin Attahir (erschienen bei Erato\/Warner Classics) die internationale Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Nie zuvor habe ich beispielsweise die Mittels\u00e4tze von Ravel und Debussy so gro\u00dfartig musiziert geh\u00f6rt (eine unbedingte Empfehlung f\u00fcr jeden Interessierten!).<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal brachten sie das Quartett von Attahir mit. Davor spielten Franziska H\u00f6lscher, Cellist J\u00e9r\u00e9my Garbarg und Kit Armstrong als Continuo das erste Concert Royal von Fran\u00e7ois Couperin \u2013 eine elegante, freundlich kurzweilige Er\u00f6ffnung. Dann Attahir: keine Beschreibung wird hinreichen, um die Gr\u00f6\u00dfe und Intensit\u00e4t dieser Musik zu charakterisieren. Unverkennbar ein Werk des neuen Jahrtausends, ist es \u2013 zumindest in der un\u00fcberfrefflichen Auff\u00fchrung des Quatuor Arod \u2013 von absolut bezwingendem Zusammenhang in einem einzigen gro\u00dfen, die stark kontrastierenden Abschnitte \u00fcberspannenden Bogen. Schon fr\u00fch wird jenes markante Motiv eingef\u00fchrt, welches dann die gewaltige Schlussfuge bestimmt. Seit dem sp\u00e4ten Beethoven hat niemand eine so revolution\u00e4re, unaufhaltsam \u00fcber Stock und Stein jagende Fuge geschrieben, die zugleich absolut frei und trotzdem eine wirkliche Fuge ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Diese Musik ist nicht nur von physisch sp\u00fcrbarer Sprengkraft, extremer Spannung und Dichte, sondern auch ein fortw\u00e4hrend unvorhersehbares Abenteuer, dabei aber unbeirrbar zusammenh\u00e4ngend geformt. Im weitesten Sinne ist sie \u201afreitonal\u2018, das hei\u00dft stets im Spannungsbezug erlebbar um harmonische Zentren herum aufgebaut und sich kontinuierlich entwickelnd; in konventionellem Kritikersprech freilich w\u00fcrde dies als \u201aatonal\u2018 bezeichnet, was nur der Beweis w\u00e4re, dass man das Wesentliche nicht h\u00f6rt. Ich kenne jedenfalls keinen Komponisten der j\u00fcngeren Generationen heute, der auch nur entfernt die Gr\u00f6\u00dfe erreicht, die f\u00fcr Benjamin Attahir den Ausgangspunkt seines Schaffens bildet, in welchem (wohl auch, obwohl in Toulouse geboren, auf seine marokkanisch-libanesische Herkunft zur\u00fcckweisend) Einfl\u00fcsse arabischer Musik erkennbar sind, jedoch niemals klischeehaft oder einengend. Ein Genie, mit einem Wort, und auf Augenh\u00f6he serviert. Man muss sich denn auch nicht wundern, dass das g\u00e4nzlich \u201aundressierte\u2018, unvoreingenommene Publikum mit \u00fcberbordender Begeisterung reagierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach spielte das Quartett zusammen mit Kit Armstrong das recht selten im Konzert zu h\u00f6rende, wunderbare 1.&nbsp;Klavierquintett von Gabriel Faur\u00e9, ein sowohl abgekl\u00e4rtes als auch leidenschaftliches Sp\u00e4twerk. Die eigentlich makellose Auff\u00fchrung litt lediglich unter den deutlich zu raschen Tempi, die der Pianist in allen drei S\u00e4tzen anschlug und durchzog. Diese Entscheidung liegt bei solch spontaner Zusammenkunft klar bei ihm, und er spielte mit edler Klangkultur und klarer Struktur, wie gew\u00fcnscht \u201aharfengleich\u2018, und mit durch nichts ablenkbarem Fokus.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann folgte das 1890-91 entstandene Concert f\u00fcr Violine, Klavier und Streichquartett von Ernest Chausson, das gro\u00dfe Meisterwerk seiner wenig Konkurrenz bietenden Gattung \u2013 eine Musik von so \u00fcberbordend ekstatischer Leidenschaftlichkeit in vier glanzvollen, auch dem Tragischen und Melancholischen und sowieso dem St\u00fcrmischen immensen Raum gebenden S\u00e4tzen, dass mir als beste Kurzcharakterisierung erscheint: Sie ist das historische Bindeglied zwischen Wagners <em>Tristan<\/em> und Scriabins <em>Po\u00e8me de l\u2019extase<\/em>, ein St\u00fcck Bekenntnismusik ohnegleichen, nicht nur in der franz\u00f6sischen Literatur ohne Pendant. Wie schade, dass Chausson 1899 mit gerade einmal 44 Jahren einem Unfall zum Opfer fiel! <\/p>\n\n\n\n<p>In diesem hochkar\u00e4tigen Monumentalwerk, das auch klanglich die Besetzung maximal aussch\u00f6pft, durften alle Beteiligten gl\u00e4nzen und sich ihres Musikerschicksals erfreuen. Und welch ein Luxus es ist, als Solisten von einem solchen Streichquartett sekundiert zu werden, kann sich jeder denken.<\/p>\n\n\n\n<p>Wundersch\u00f6n dann die Zugabe: Faur\u00e9s fr\u00fcher, in seiner gem\u00fctvollen Versonnenheit erstaunlich Brahms-naher <em>Cantique de Jean Racine<\/em>, das Gesangsquartett schlicht aufs Streichquartett \u00fcbertragen und getragen von Kit Armstrongs Klaviergewebe \u2013 hier auch tempom\u00e4\u00dfig ideal. Ein sensationelles Konzert hinsichtlich Programm und Ausf\u00fchrung, f\u00fcr dessen Abwesenheit sich die \u201aWeltstadt\u2018 M\u00fcnchen sch\u00e4men und auf dessen Ausrichtung das kleine Feldafing stolz sein darf, zumal die kleine, wundersch\u00f6ne Alte Pfarrkirche St. Peter und Paul ein idealer akustischer und optischer Rahmen ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Christoph Schl\u00fcren, Juli 2025]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was soll man dazu sagen? Die kulturelle Asymmetrie ist frappierend: Wo die Geldbeutel noch einigerma\u00dfen voll sind (soweit das bei den heutigen Zust\u00e4nden noch zutrifft), wird entweder eingehegt lobbyistisch organisierte Nischenkultur gepflegt (musica viva usw.) oder \u00fcberwiegend ein vermeintlicher Mehrheitsgeschmack mit PR-gest\u00fctztem Mainstream versorgt. Feldafing ist ein kleines, \u00e4u\u00dferst beschauliches Dorf \u2013 mit einer Anmutung &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2025\/07\/20\/grosse-welt-im-kleinen-dorf-das-quatuor-arod-mit-attahirs-al-asr-in-feldafing\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Gro\u00dfe Welt im kleinen Dorf: Das Quatuor Arod mit Attahirs &#8222;Al Asr&#8220; in Feldafing<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[5352,5351,3508,5354,737,5349,5353,5350],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7246"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7246"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7246\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7253,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7246\/revisions\/7253"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7246"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7246"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7246"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}