{"id":7251,"date":"2025-07-21T00:01:00","date_gmt":"2025-07-20T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7251"},"modified":"2025-07-22T17:50:07","modified_gmt":"2025-07-22T15:50:07","slug":"robin-hood-bei-den-zisterziensern-innsbrucks-geheimer-gmd-mit-historisch-signifikanten-premieren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2025\/07\/21\/robin-hood-bei-den-zisterziensern-innsbrucks-geheimer-gmd-mit-historisch-signifikanten-premieren\/","title":{"rendered":"Robin Hood bei den Zisterziensern: Innsbrucks geheimer GMD mit historisch signifikanten Premi\u00e8ren"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Das Orchester der Akademie St. Blasius spielte unter der Leitung von Karlheinz Siessl im Zisterzienserstift Stams die Urauff\u00fchrung von Elias Praxmarers Orgelkonzert<\/em> Die Heilige Stadt <em>(Solist: der Komponist) sowie die Tiroler Erstauff\u00fchrungen der Musik f\u00fcr Orchester von Rudi Stephan und der Symphonie Nr. 2 von Alfredo Casella.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In Deutschland w\u00fcsste ich derzeit keinen Dirigenten, der sich unter derart unw\u00e4gbaren finanziellen Bedingungen und entsprechend knapp bemessenen Einstudierungszeiten das traut, was Karlheinz Siessl mit seinem freiberuflichen Orchester der Akademie St.&nbsp;Blasius in Innsbruck nun schon seit weit mehr als einem Jahrzehnt unbeirrbar verfolgt. Ich habe Siessls Wirken kennengelernt, als er \u2013 auf Initiative von Peter Kislinger und in Anwesenheit des Komponisten \u2013 die musikalisch hoch anspruchsvolle Sinfonia per archi von Anders Eliasson zur mitteleurop\u00e4ischen Erstauff\u00fchrung brachte. Seither bewundere ich die uners\u00e4ttliche Erkundungslust, getragen von solidem Kapellmeisterhandwerk und immer offenen Ohren f\u00fcr alle historischen und aktuellen Ph\u00e4nomene des Dirigierens, mit welcher Siessl regelm\u00e4\u00dfig Unbekanntes, Vergessenes und vor allem sehr viel ganz Neues ganz ohne ideologische Scheuklappen einem treuen und mittlerweile l\u00e4ngst auch genau das von ihm erwartenden Publikum in der tirolischen Landeshauptstadt und im Tiroler Umland pr\u00e4sentiert, darunter bereits drei der vertrackten Solokonzerte des herausragenden lebenden finnischen Komponisten Kalevi Aho und die stets eigent\u00fcmliche und urw\u00fcchsig querst\u00e4ndige Musik seines Landsmanns Michael F.&nbsp;P. Huber. Mit Karlheinz Siessl hat Innsbruck seinen essenziellen Pfeiler wider das tr\u00e4ge musikalische Establishment, und nicht ohne Grund genie\u00dft er unter seinen Orchestermusikern und weiteren Anh\u00e4ngern eine Art Heldenstatus, so als eine Art Robin Hood der Komponisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal lud die Akademie St.Blasius zum Festkonzert am 19. Juli in die prachtvoll renovierte Basilica minor im Zisterzienserstift Stams im Oberinntal. Trotz oder wegen des widrigen Wetters war das Publikum zahlreich erschienen, und nach knapp zwei Stunden Musik ohne Pause herrschte sp\u00fcrbar eine allgemeine Atmosph\u00e4re des ehrf\u00fcrchtigen Staunens und heiterer Erf\u00fclltheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Beginn erklang als Urauff\u00fchrungsheimspiel ein Concertino f\u00fcr Orgel und Streicher von Elias Praxmarer, dem Stiftsorganisten von Stams, das <em>Die Heilige Stadt<\/em> in der Johannes-Offenbarung in T\u00f6nen zu malen beabsichtigte. Ein orthodox dreis\u00e4tzig gegliedertes Werk im Windschatten des offenkundig verehrten Olivier Messiaen, eine ganz unverhohlene Huldigung an den franz\u00f6sischen Kultkomponisten einer Majorit\u00e4t heutiger Organisten. Um ungest\u00f6rt Synchronisation zu erreichen, befand sich das Streichorchester mit Dirigent oben bei der Orgel, au\u00dferhalb des Sichtbereichs des Publikums, das dem Solisten auf einem gro\u00dfen Bildschirm auf die Finger schauen, Kontrab\u00e4sse besichtigen und gelegentlich von der Seite einen Blick auf die Gestik des Dirigenten erhaschen durfte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kamen die Musiker nach unten, und das eigentliche Konzert begann. Siessl hatte es gewagt, zwei herausfordernde Werke f\u00fcr gro\u00dfes Orchester aufs Programm zu setzen, die leider fast nie zu h\u00f6ren sind und innerhalb von f\u00fcnf Jahren entstanden. Dies war f\u00fcr einige Zuh\u00f6rer Grund genug, hunderte Kilometer weit nach Stams zu pilgern.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst erklang als \u00e4u\u00dferst \u00fcberf\u00e4llige Tiroler Premi\u00e8re das orchestrale Hauptwerk von Rudi Stephan (1887\u20131915), dem viel zu jung an der galizischen Ostfront gefallenen Wormser Meister, der seinerzeit als die \u201egro\u00dfe Hoffnung der deutschen Musik\u201c betrauert wurde. Seine <em>Musik f\u00fcr Orchester<\/em> (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen, weit umfangreicheren ersten <em>Musik f\u00fcr Orchester<\/em>, aus der dieses endg\u00fcltige Werk hervorging) ist 1912 entstanden und bildet einen absoluten Gipfelpunkt des fr\u00fchen Expressionismus. Es muss nicht gesagt werden, dass Stephan als 25j\u00e4hriger bereits sein Handwerk vollendet beherrschte und zu einer unverkennbar eigenen Tonsprache gefunden hatte; dass die eins\u00e4tzig kompakte Komposition zwei extrem kontrastierende Welten \u2013 die eine schicksalhaft dunkel lastend und sehr breit, die andere dramatisch gezackt, auffahrend und sehr rasch \u2013 in immer wieder \u00fcbergangslos aneinandergeschnittenem Wechsel gegeneinander agieren l\u00e4sst, bis eine Art lakonische Euphorie dem wild sich aufb\u00e4umenden Geschehen ein rasches Ende bereitet. Die Auff\u00fchrung bestach mit identifikatorischer Kraft und dem Willen zu sachlich geb\u00e4ndigter Expressivit\u00e4t. Lediglich bez\u00fcglich der Temporelationen gab es einige pragmatisch nachvollziehbare, jedoch rein musikalisch einigerma\u00dfen willk\u00fcrliche Entscheidungen des Dirigenten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies gilt auch f\u00fcr das abschlie\u00dfende Werk, fiel hier, in den weiten Gefilden der ausufernden Form, jedoch naturgem\u00e4\u00df nicht so offenkundig ins Gewicht. Alfredo Casellas 1908\u201309 in Paris entstandene und unumwunden Gustav Mahler huldigende Zweite Symphonie, ein recht gigantisch dimensioniertes Opus ultimum eines 25j\u00e4hrigen, der bereits die Kunst der Orchestration in einer schwindelerregenden Vollendung beherrschte, die seine russischen Vorbilder gerne vergessen l\u00e4sst, f\u00fchrt uns in vier S\u00e4tzen ein bombastisch imponierendes Panorama der Ausdrucksvielfalt und ins Extrem gesteigerten Klangpracht des gro\u00dfen Orchesterapparats vor. Zum Schluss tritt schlie\u00dflich auch noch die gro\u00dfe Orgel hinzu und verwandelt, zusammen mit vor allem dem massiven Blech und dem luxuri\u00f6s betrauten Schlagzeug, den hohen Raum in ein panharmonisch tosendes Universum. Man muss nun hervorheben, dass f\u00fcr die Auff\u00fchrenden vor den Kirchenb\u00e4nken eigentlich viel zu wenig Platz ist; dass deshalb das Orchester maximal in die ersatzweise verf\u00fcgbare Breite gezerrt werden musste, dass es dadurch sehr schwierig war, Holzbl\u00e4ser und Blechbl\u00e4ser, die sich gegenseitig niemals rechtzeitig h\u00e4tten h\u00f6ren k\u00f6nnen, in Abstimmung zu halten (das einzige, was hier zusammenh\u00e4lt, ist die gl\u00fccklicherweise sehr \u00f6konomische und entschiedene Zeichengebung Siessls, der man anmerkt, dass er mit seiner st\u00fcrmischen Truppe schon so manches Wagnis bestanden hat); dass die Raumakustik ab einer bestimmten Massierung der Klanggewalten keine Transparenz mehr erm\u00f6glicht und auch der \u00fcberschattende Nachhalleffekt nicht gering ist; dass angesichts der gro\u00dfen Bl\u00e4serbesetzung \u2013 aus Kosten- und Raumgr\u00fcnden \u2013 eigentlich viel zu wenige Streichinstrumente mitwirkten, die \u00fcberdies in der heute in Mode gekommenen Aufstellung mit auf rechts und links verteilten ersten und zweiten Geigen die Struktur eher zerstreuend abbilden; dass also die Bedingungen f\u00fcr eine erfolgreiche Auff\u00fchrungen \u00e4u\u00dferst riskant und schwierig waren. All dessen eingedenk, ist Siessl und seinem Orchester ein exzellentes Gelingen einer heroischen Tat zu bescheinigen, und man darf annehmen, dass fast alle Anwesenden sehr ber\u00fchrt von dem gewaltigen Werk waren und sich \u00fcber eine baldige Wiederbegegnung mit demselben freuen w\u00fcrden \u2013 obwohl Casella auch in diesem Werk, einem seiner besten und substanziellsten, nicht durchgehend edelste Erfindung und geistige Tiefe offenbart, jedoch stets hypnotische Klangwirkungen und z\u00fcndendes Musikantentum, zugleich auch klar orientierende Formgebung mit unmissverst\u00e4ndlicher Dramaturgie des gro\u00dfen Aufbaus. Es spricht also \u00fcberhaupt nichts dagegen, dass sich in \u00d6sterreich \u2013 oder \u00fcberhaupt im deutschsprachigen Raum und nat\u00fcrlich auch in Italien und Frankreich \u2013 bald Nachahmer finden, gerne auch im Bereich der sogenannten Toporchester, die sich auf dieses monumentale Spektakel einlassen. Ganz besonders gelungen sind das Scherzo und der langsame Satz, doch auch der Kopfsatz ist mit vollendetem Aufbau und gl\u00e4nzender Erfindung gesegnet, und lediglich im Finale mag sich die Frage stellen, die ja auch Mahler regelm\u00e4\u00dfig zu stellen ist: H\u00e4lt es letzten Endes wirklich zusammen? Um diese zu beantworten, w\u00e4ren weitere Auff\u00fchrungen nach dieser so verdienstvollen sp\u00e4ten \u00f6sterreichischen Erstauff\u00fchrung die besten Gelegenheiten. F\u00fcrs Orchester und f\u00fcr die Zuh\u00f6rer ist es jedenfalls ganz besonders dankbare Musik, die mit Ovationen gefeiert wurde. Und Innsbruck darf dann irgendwann getrost Karlheinz Siessl ein Denkmal errichten, tut er doch mehr f\u00fcr die Sache der Musik und dies nachhaltiger als jeder Generalmusikdirektor und andere offiziell bestallte W\u00fcrdentr\u00e4ger von Land und Landeshauptstadt. Mut und Interesse an der Musik hat er ohnehin mehr als alle anderen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Christoph Schl\u00fcren, Juli 2025]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Orchester der Akademie St. Blasius spielte unter der Leitung von Karlheinz Siessl im Zisterzienserstift Stams die Urauff\u00fchrung von Elias Praxmarers Orgelkonzert Die Heilige Stadt (Solist: der Komponist) sowie die Tiroler Erstauff\u00fchrungen der Musik f\u00fcr Orchester von Rudi Stephan und der Symphonie Nr. 2 von Alfredo Casella. 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