{"id":7260,"date":"2025-07-27T23:58:00","date_gmt":"2025-07-27T21:58:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7260"},"modified":"2025-07-28T01:27:28","modified_gmt":"2025-07-27T23:27:28","slug":"richard-strauss-tage-2025-2-symphonische-italienreisen-von-mendelssohn-und-strauss","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2025\/07\/27\/richard-strauss-tage-2025-2-symphonische-italienreisen-von-mendelssohn-und-strauss\/","title":{"rendered":"Richard-Strauss-Tage 2025 [2]: Symphonische Italienreisen von Mendelssohn und Strauss"},"content":{"rendered":"\n<p>Wie der Strauss-Wolf-Liederabend (siehe den <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2025\/07\/13\/richard-strauss-tage-2025-1-blaesermusik-und-liebeslieder\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2025\/07\/13\/richard-strauss-tage-2025-1-blaesermusik-und-liebeslieder\/\">ersten Teil dieses Beitrags<\/a>) nach Italien f\u00fchrte, so stand auch das zweite Symphoniekonzert der Richard-Strauss-Tage 2025 im Zeichen des Landes, \u201ewo die Zitronen bl\u00fchn\u201c. Unter der Leitung von R\u00e9my Ballot spielte das M\u00fcnchner Rundfunkorchester die <em>Italienische Symphonie<\/em> op.\u00a090 von Felix Mendelssohn Bartholdy und die Symphonische Fantasie <em>Aus Italien<\/em> op. 16 von Richard Strauss. Dazwischen waren f\u00fcnf Orchesterlieder von Strauss zu h\u00f6ren, gesungen von der Sopranistin Joo-Anne Bitter.<\/p>\n\n\n\n<p>Italien, das Sehnsuchtsland der Bildungsb\u00fcrger des 19.&nbsp;Jahrhunderts, hat so manchen ausl\u00e4ndischen Komponisten dazu angeregt, ihm musikalisch Tribut zu erstatten. Mendelssohns <em>Italienische Symphonie<\/em>, 1831 bis 1833 w\u00e4hrend und nach seiner gro\u00dfen Italienreise komponiert, kann als das erste gro\u00dfe symphonische Werk eines Nicht-Italieners der romantischen Epoche gelten, welches den Geist und die Atmosph\u00e4re Italiens in T\u00f6nen festzuhalten sucht. Unter den zahlreichen in den folgenden Jahrzehnten entstandenen orchestralen Italienhuldigungen finden sich Werke wie Hector Berlioz&#8216; <em>Harold en Italie<\/em>, Pjotr Tschaikowskijs <em>Capriccio Italien<\/em>, die <em>Italienische Suite<\/em> von Joachim Raff, die wunderbar atmosph\u00e4rischen<em> Impressions d&#8217;Italie<\/em> von Gustave Charpentier und Edward Elgars gro\u00df angelegte Ouvert\u00fcre <em>In the South (Alassio)<\/em>. Auch der zeitgleich mit Richard Strauss in Garmisch-Partenkirchen ans\u00e4ssige Franz Mikorey, dessen Kammermusik in den ersten Konzerten der diesj\u00e4hrigen Strauss-Tage zu h\u00f6ren war, findet sich mit einer Symphonie namens <em>Adria<\/em> in dieser Reihe. Richard Strauss selbst besuchte Italien erstmals 1886. Die lebhaften Eindr\u00fccke, die er <em>Auf der Campagna<\/em>, <em>In Roms Ruinen<\/em>, <em>Am Strande von Sorrent<\/em> und vom <em>Neapolitanischen Volksleben<\/em> empfing, lieferten ihm die Inspiration zu vier entsprechend betitelten symphonischen S\u00e4tzen, die er unter dem Titel <em>Aus Italien<\/em> zusammenfasste. Mit diesem Werk betrat Strauss zum ersten Mal das Gebiet orchestraler Programmmusik, ohne bereits eine Symphonische Dichtung im Sinne seiner sp\u00e4teren Werke vorzulegen. Als Gattungsbezeichnung f\u00fcr die gut dreiviertelst\u00fcndige Komposition w\u00e4hlte er den Begriff \u201eSymphonische Fantasie\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Aus Italien<\/em> l\u00e4sst sich als das \u00dcbergangswerk schlechthin zwischen Straussens fr\u00fchem Schaffen und seiner mit <em>Macbeth<\/em> und <em>Don Juan<\/em> einsetzenden Periode der symphonischen Hauptwerke bezeichnen. Wie in keinem anderen seiner St\u00fccke aus dieser Zeit begegnen einander hier Altes und Neues. Die einstige Orientierung an Brahms wirkt besonders im zweiten Satz nach, der in Tempo und Rhythmik stark an den Kopfsatz der Brahmsschen Dritten Symphonie gemahnt. Dagegen steht eine gro\u00dfe Zahl an Stellen, die sp\u00e4tere Strausssche Einf\u00e4lle anklingen lassen. So erscheinen die Anfangstakte r\u00fcckblickend wie eine Vorstudie zu den Er\u00f6ffnungen von <em>Macbeth<\/em> und <em>Also sprach Zarathustra<\/em>. Auch taucht im Kopfsatz ein Begleitmotiv auf, das im <em>Don Juan<\/em> nahezu w\u00f6rtlich als einer der Kontrastgedanken wiederkehrt. Im dritten Satz malt Strauss die Wellen vor Sorrent mit jenen chromatischen Terzenl\u00e4ufen, die ab nun eines seiner Markenzeichen werden. Allgemein behandelt Strauss das Orchester in <em>Aus Italien<\/em> mit einer Geschicklichkeit, die der Virtuosit\u00e4t sp\u00e4terer Jahre schon \u00e4u\u00dferst nahe kommt. Hinsichtlich der ersten Takte mit ihrer r\u00e4umlichen Tiefe, und auch vieler weiterer Stellen der Partitur, kann man schon von einem typischen Strauss-Klang sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was <em>Aus Italien<\/em> von den sp\u00e4teren Tondichtungen trennt, ist namentlich die Art und Weise der musikalischen Bewegung. In den beiden Allegro-S\u00e4tzen befindet sich Strauss diesbez\u00fcglich noch im Fahrwasser von Brahms und Berlioz. Die breite Grundstr\u00f6mung der Musikdramen Wagners, die ab dem Macbeth seine symphonischen Werke grundiert und ihnen zu ihrem charakteristischen langen Atem verhilft, hat hier noch nicht v\u00f6llig von ihm Besitz ergriffen. Der Wille, aus dem gewohnten klassisch-fr\u00fchromantischen Temporahmen auszubrechen, zeigt sich gerade im Finale sehr deutlich, doch bleibt es letztlich bei Ans\u00e4tzen, sodass in diesem Satz Abschnitte unterschiedlicher stilistischer Pr\u00e4gung kurios nebeneinander stehen. Auch wenn man diesen Umstand durch das Programm des Satzes legitimieren kann \u2013 auf den Stra\u00dfen Neapels mag es wohl zuweilen etwas konfus zugehen \u2013, l\u00e4sst sich kaum leugnen, dass die St\u00e4rken dieser Symphonischen Fantasie vor allem in den beiden langsamen S\u00e4tzen liegen. Nichtsdestoweniger muss man R\u00e9my Ballot Recht geben, wenn er am Tag vor dem Konzert im Podiumsgespr\u00e4ch mit Dominik \u0160ediv\u00fd, dem k\u00fcnstlerischen Leiter der Strauss-Tage, \u00e4u\u00dferte, <em>Aus Italien<\/em> sei gut genug, um die Erinnerung an Richard Strauss zu rechtfertigen, auch wenn er nach diesem Werk nichts mehr komponiert h\u00e4tte. Und so freut man sich, diese selten gespielte Komposition einmal im Konzert zu h\u00f6ren \u2013 zumal in einer solch kultivierten Auff\u00fchrung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ballots Herangehensweise an die Straussschen Orchesterwerke ist nicht pittoresk motiviert. \u201eWenn man bei <em>Aus Italien<\/em> zu sehr an Italien denkt\u201c, so der Dirigent weiter im oben erw\u00e4hnten Gespr\u00e4ch, \u201el\u00e4uft man Gefahr, dass es nicht italienisch klingt!\u201c Ebenso verhalte es sich im Falle des <em>Heldenlebens<\/em>, das er letztes Jahr in Garmisch dirigierte: \u201eWenn man sich allzu sehr darauf versteift, es m\u00f6glichst heroisch klingen zu lassen, wird man den vielen Teilen des 45-Minuten-St\u00fccks nicht gerecht, die eben nicht heroisch klingen. Es ist eine Landschaft mit vielen verschiedenen Konturen.\u201c Ballot h\u00e4lt sich an die Vorgaben der Partitur, die er genauestens zu realisieren sucht. Er ist ein Dirigent, der die Noten liest \u2013 und sie nicht blo\u00df buchstabiert. Er dirigiert musikalische Sinneinheiten, nicht beziehungslos aufeinander folgende T\u00f6ne. Wenn er musikalische Werke mit Landschaften vergleicht, so muss man hinzuf\u00fcgen, dass die gro\u00dfe Tugend dieses Musikers darin besteht, sich eine ph\u00e4nomenale \u2013 n\u00e4mlich ph\u00e4nomenologische \u2013 Ortskenntnis innerhalb dieser Landschaften zu verschaffen. So \u00fcberl\u00e4sst man sich als H\u00f6rer gern diesem Cicerone, wenn es darum geht, Strauss auf seinen G\u00e4ngen durch Roms Ruinen und Neapels Gassen zu folgen. Namentlich der Gefahr, dass es im zweiten Satz gar zu verwinkelt und schwerf\u00e4llig zugeht, verstand Ballot erfolgreich entgegenzuwirken. Nominell ist <em>In Roms Ruinen<\/em> ein \u201eAllegro molto con brio\u201c, allerdings vermittelt der Satz nicht den Eindruck einer besonders hohen Geschwindigkeit. Strauss d\u00fcrfte diese Bezeichnung wohl vor allem gew\u00e4hlt haben, um einem zu breiten und spannungslosen Vortrag entgegenzuwirken. Ballot, unter dessen Leitung das ganze Werk ziemlich genau die in der Partitur vermerkten 47 Minuten dauerte, versuchte nicht, aus dem St\u00fcck krampfhaft das Presto zu machen, das es nicht ist. Er scheuchte das Orchester nicht hindurch, sondern hielt es durch Liebe zum Detail dazu an, die Musik zu beleben. Besonders konnte man sich \u00fcber jedes neue Erklingen des Hauptthemas freuen, in dem der Kontrast zwischen der 6\/4- und der 3\/2-Betonung durch spannungsvollen Vortrag der \u00dcberbindung in der Mitte des ersten Taktes trefflich herausgearbeitet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Ballot hatte sich bereits vor zwei Jahren in Garmisch mit der <em>Schottischen Symphonie<\/em> als vorz\u00fcglicher Mendelssohn-Dirigent empfohlen, mit der <em>Italienischen<\/em> best\u00e4tigte er den damaligen Eindruck aufs neue. In Mendelssohns weitgespannter, sanglicher Melodik f\u00fchlt er sich offensichtlich ebenso wohl wie in dessen immer elegant und virtuos gesetztem Kontrapunkt. Die F\u00e4higkeit des Dirigenten, in parallel ablaufenden melodischen Schichten zu denken \u2013 was seinen Strauss so fasslich und fesselnd macht \u2013, bew\u00e4hrt sich hier aufs Sch\u00f6nste, nicht zuletzt an den Knotenpunkten der musikalischen Entwicklung, den Kadenzen, die er stets in der belebenden Schwebe zwischen Zielpunkt und Atemsch\u00f6pfen vor dem Weiterschreiten h\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen den beiden italienischen Symphonien standen f\u00fcnf Strausssche Orchesterlieder: <em>Ich liebe dich<\/em>, <em>Meinem Kinde<\/em> und <em>Mein Auge<\/em> op.&nbsp;37\/2\u20134, <em>Winterweihe<\/em> op.&nbsp;48\/4 und <em>Morgen<\/em> op.&nbsp;27\/4. Dem M\u00fcnchner Rundfunkorchester gesellte sich hier die Sopranistin Joo-Anne Bitter hinzu, was man durchaus einen Gl\u00fccksfall nennen kann. Sie agierte nicht als dominante Solistin, sondern als gleichrangige Partnerin des Orchesters, strebte weniger danach m\u00f6glichst die Instrumente zu \u00fcberstrahlen, denn als f\u00fchrende Stimme aus ihrer Menge hervorzuleuchten. Damit f\u00fcgte sie sich in Ballots Arbeitsweise gut ein, der danach trachtete, m\u00f6glichst jede Schicht des klanglichen Gef\u00fcges zu ihrem Recht kommen zu lassen. Man hatte also im Grunde Kammermusik f\u00fcr Gesang und Orchester vor sich. Besonders gut tat diese Art der Darbietung dem <em>Morgen<\/em>, einem Lied, das von seinen Interpreten oft genug zur Schnulze degradiert worden ist. Hier h\u00f6rte man es als ein schlichtes, anmutiges St\u00fcck, v\u00f6llig unpr\u00e4tenti\u00f6s und ohne falsche Exaltiertheit. Bei der Textdeutlichkeit der S\u00e4ngerin, den sich ihrer Bedeutung im Gesamtgef\u00fcge bewussten Orchestermusikern, der vokal und instrumental auf die Kadenzen hin entwickelten Melodik war gar kein Boden gegeben, auf dem Kitsch h\u00e4tte entstehen k\u00f6nnen. So sollte es immer sein!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Juli 2025]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie der Strauss-Wolf-Liederabend (siehe den ersten Teil dieses Beitrags) nach Italien f\u00fchrte, so stand auch das zweite Symphoniekonzert der Richard-Strauss-Tage 2025 im Zeichen des Landes, \u201ewo die Zitronen bl\u00fchn\u201c. 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