{"id":7264,"date":"2025-08-03T11:21:39","date_gmt":"2025-08-03T09:21:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7264"},"modified":"2025-08-03T11:21:42","modified_gmt":"2025-08-03T09:21:42","slug":"ernst-gernot-klussmann-expressive-fruehe-kammermusik-eines-hamburger-meisters","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2025\/08\/03\/ernst-gernot-klussmann-expressive-fruehe-kammermusik-eines-hamburger-meisters\/","title":{"rendered":"Ernst Gernot Klussmann: Expressive fr\u00fche Kammermusik eines Hamburger Meisters"},"content":{"rendered":"\n<p>eda records, EDA 55, EAN: 8 40387 10055 5<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Klussmann-Kammermusik.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Klussmann-Kammermusik-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7265\" width=\"517\" height=\"517\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Klussmann-Kammermusik-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Klussmann-Kammermusik-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Klussmann-Kammermusik-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Klussmann-Kammermusik-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Klussmann-Kammermusik-1536x1536.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Klussmann-Kammermusik.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 517px) 100vw, 517px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Anl\u00e4sslich des 75-j\u00e4hrigen Bestehens der Hochschule f\u00fcr Musik und Theater Hamburg ruft die vorliegende Produktion mit dem Komponisten Ernst Gernot Klussmann (1901\u20131975) einen der Gr\u00fcnderv\u00e4ter der Institution in Erinnerung. Vorgestellt werden zwei fr\u00fche Kammermusikwerke, es spielen das Kuss-Quartett und der Pianist P\u00e9ter Nagy.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Mit der vorliegenden Neuerscheinung des immer wieder mit musikalischen Pioniertaten aufwartenden Labels eda records \u2013 vormals unter dem Namen Edition Abseits bekannt \u2013 erlebt die Musik des Komponisten Ernst Gernot Klussmann ihre Premiere auf Tontr\u00e4ger. In der Tat: weder scheint es zu Lebzeiten Klussmanns zu einer Schallplattenproduktion gekommen zu sein, noch hat es bislang irgendeines seiner Werke in eine Anthologie oder dergleichen geschafft. Echtes Neuland also, und bereits ganz grunds\u00e4tzlich einmal mehr ein Beleg daf\u00fcr, welch unerh\u00f6rte Fundgrube die Musik des 20.&nbsp;Jahrhunderts doch bietet mit einem schier \u00fcberreichen Angebot an K\u00f6nnern, deren Musik schlicht nicht wahrgenommen wird \u2013 in krasser Antithese zur nach wie vor verbreiteten M\u00e4r von der Begrenztheit des Repertoires der klassischen Musik.<\/p>\n\n\n\n<p>Klussmann, geboren 1901 in Bergedorf, das damals noch nicht zu Hamburg geh\u00f6rte, studierte zun\u00e4chst privat Komposition und Orgel bei Felix Woyrsch (dessen Schaffen in den letzten Jahren erfreulicherweise an Aufmerksamkeit gewonnen hat) sowie Klavier u.&nbsp;a. bei Ilse Fromm-Michaels, selbst Komponistin. Anschlie\u00dfend zog es Klussmann an die M\u00fcnchener Akademie der Tonkunst, wo er bei so eminenten Musikerpers\u00f6nlichkeiten wie Joseph Haas (Komposition) und Sigmund von Hausegger (Dirigieren) studierte. Nach dem Abschluss seiner Studien 1925 fand er seine erste feste Anstellung in K\u00f6ln und unterrichtete dort zun\u00e4chst an der Rheinischen Musikschule und sp\u00e4ter an der Hochschule f\u00fcr Musik.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck nach Hamburg ging er 1942, als das dortige Vogt\u2019sche Konservatorium in eine Musikschule umgewandelt wurde, aus der dann eine Musikhochschule hervorgehen sollte. Die Leitung dieser Musikschule \u00fcbernahm Klussmann. Da er 1933 in die NSDAP eingetreten war, wohl vorwiegend zum Schutz seiner Familie (seine Musik war in entsprechenden Kreisen bereits vorher als \u201eentwurzelte Kunst\u201c bezeichnet worden), wurde er 1945 entlassen, 1948 nach langwierigen Berufungsverfahren jedoch wieder als Direktor eingesetzt. Als 1950 schlie\u00dflich die avisierte Musikhochschule gegr\u00fcndet wurde, wurde Klussmann ihr stellvertretender Direktor und Professor f\u00fcr Komposition, was er bis zu seiner Pensionierung 1966 blieb. Er starb 1975 in Hamburg.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Werkverzeichnis nennt 56 Opuszahlen, darunter nicht weniger als zehn Sinfonien; Vokalmusik spielt ebenfalls eine wichtige Rolle mit f\u00fcnf Opern sowie Kantaten, Chorwerken und Liedern, zus\u00e4tzlich Musik f\u00fcr Klavier und Orgel. Sp\u00e4testens im letzten Jahrzehnt seines Lebens erlangte seine Musik kaum noch Beachtung: wie das Beiheft ausf\u00fchrt, verband Klussmann mit der Rundfunkausstrahlung seiner <em>Sinfonie Nr.&nbsp;6 op.&nbsp;39<\/em> (1964) die Hoffnung auf eine Auff\u00fchrung seiner mit der Sinfonie verwandten Oper <em>Rhodope<\/em>, aber letztlich ohne Erfolg: seine s\u00e4mtlichen gr\u00f6\u00dfer besetzten Werke der letzten Jahre blieben unaufgef\u00fchrt. Ironischerweise geh\u00f6rten private Rundfunkmitschnitte ebendieser Sinfonie bislang zu den wenigen M\u00f6glichkeiten, sich mit seiner Musik \u00fcberhaupt zu befassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das vorliegende Album stellt zwei Kammermusikwerke aus Klussmanns fr\u00fchem Schaffen vor \u2013 in der Tat scheint sich seine Kammermusik ganz generell auf die ersten zwei Dekaden seiner kompositorischen Laufbahn zu konzentrieren. Mit dem <em>Klavierquintett e-moll op.&nbsp;1<\/em> begegnen wir Klussmanns \u00fcberhaupt erstem \u201eoffiziellen\u201c Werk, entstanden 1925 wohl als Abschluss seiner Studien. Ein ambitioniertes, passioniertes, ausdrucksm\u00e4chtiges St\u00fcck, dessen viers\u00e4tzige Gliederung nicht von ungef\u00e4hr an eine Sinfonie gemahnt, wahrhaft \u201eorchestrale\u201c Kammermusik. Wie f\u00fcr ein Erstlingswerk nicht ungew\u00f6hnlich, orientiert sich Klussmann dabei relativ deutlich an sp\u00e4t- bis sp\u00e4testromantischen Vorbildern, ohne sich allerdings in der Totalen einem bestimmten Komponisten oder einer spezifischen Richtung anzuschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Hauptthema des 1. Satzes, vorgestellt von der 1. Violine, ist insofern f\u00fcr Klussmann eher untypisch, als dass es sich um eine auf relativ g\u00e4ngigem romantischem Vokabular aufbauende l\u00e4ngere Melodielinie in erz\u00e4hlendem Tonfall handelt \u2013 bei einem Komponisten, dessen Musik bereits hier eher von kurzen, pr\u00e4gnanten Motiven gepr\u00e4gt ist. Das so beginnende <em>Allegro impetuoso<\/em> macht seinem Namen alle Ehre, gepr\u00e4gt von wuchtigem, vollgriffigem Klaviersatz und kraftvollen Repliken der Streicher sowie einem stark auspr\u00e4gten Interesse an Kontrapunktik. Mir kam wiederholt das Heine-Zitat in den Sinn, das Hans Pfitzner seinem eigenen Erstling, der <em>Cellosonate fis-moll op.&nbsp;1<\/em>, vorangestellt hat: \u201eDas Lied soll schauern und beben\u201c. Pfitzners Musik selbst hat dabei eher im zweiten Satz, einem intensiven, schwerbl\u00fctigen <em>Adagio<\/em> in Des-Dur, ihre Spuren hinterlassen, wobei es auch hier an Momenten dramatischer Zuspitzung nicht mangelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Beinahe d\u00e4monisch mutet das folgende kurze Scherzo mit seinem von \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Dreikl\u00e4ngen durchzogenen Hauptthema an, die stampfende Dreierrhythmik ruft Bruckner in Erinnerung. Das ausgedehnte Finale beginnt mit einem fast hymnisch anmutenden Motiv, aus dem sich wiederum ein dezidiert k\u00e4mpferischer Satz entwickelt mit (in der Thematik) noch relativ stark durch barocke Vorbilder gepr\u00e4gten polyphonen Elementen. Zwei Dingen gilt besonderes Augenmerk. Zum einen ist dies die Rolle der Tonarten, denn das Finale ist auch insofern ein sehr bewusst konzipierter Schlusspunkt, als dass man allen drei tonalen Zentren des Werks (e, des und c) wiederbegegnet \u2013 dem Des-Dur des 2. Satzes vor allem in einem lyrischen Seitengedanken, aber speziell e und c tragen untereinander im Laufe des Satzes ein veritables Gefecht aus. Eigentlich ist von Beginn an unklar, welches der definitive Grundton ist, denn schon das C-Dur des Beginns moduliert sehr schnell nach E-Dur, und \u00e4hnlich geht es weiter. Faktisch wird \u00fcberhaupt erst mit dem Schlussakkord C-Dur als tonales Zentrum etabliert!<\/p>\n\n\n\n<p>Zum anderen kristallisiert sich im Laufe des Satzes ein rhythmisches Dreitonmotiv heraus (eine fallende gro\u00dfe Terz), das immer wieder insistierend ins Geschehen eingreift und den sp\u00e4tromantischen Rahmen durchaus ein wenig sprengt; man k\u00f6nnte hier fast etwas an Schostakowitsch denken, wobei nat\u00fcrlich nicht klar ist (und auch keine wesentliche Rolle spielt), ob Klussmann den jungen sowjetischen Komponisten zu diesem Zeitpunkt \u00fcberhaupt kannte. \u00c4hnliches tritt \u00fcbrigens bereits im 1. Satz auf, wo sich aus der Exposition heraus ebenfalls eine dezidiert rhythmische Figur entwickelt, die die Musik vorantreibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt erlebt man in diesem Werk zwar noch nicht den reifen Klussmann, und man k\u00f6nnte es mit einigem Recht f\u00fcr etwas \u00fcberladen halten (weniger in der zeitlichen Ausdehnung von knapp 35 Minuten als eher in der stetigen Forcierung des Ausdrucks und seinem massiven Satz). Nichtsdestoweniger kann man Sigmund von Hauseggers Lob anl\u00e4sslich der Urauff\u00fchrung, als er insbesondere die \u201eselbstst\u00e4ndige, geistvolle Art, in der hier seine recht musikantischen, eigenw\u00fcchsigen Einf\u00e4lle ineinanderf\u00fcgt\u201c, hervorhob, ausdr\u00fccklich zustimmen: ein Werk, das viel Interessantes und Verhei\u00dfungsvolles enth\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Entstanden in den Jahren 1928 bis 1930, ist das <em>Streichquartett Nr.&nbsp;1 op.&nbsp;7<\/em> prinzipiell nur wenig j\u00fcnger als das Klavierquintett. Und doch begegnet man in diesem Werk einem wesentlich ver\u00e4nderten Klangbild, einer viel raueren, herberen, lakonischeren, schlicht \u201emoderneren\u201c Tonsprache, in mancher Hinsicht nicht untypisch f\u00fcr deutsche Musik der 1920er Jahre, wiederum allerdings ohne sich einem konkreten Vorbild anzuschlie\u00dfen. Gleich das Duett zwischen 1. Violine und Cello am Beginn l\u00e4sst aufhorchen: Doppelgriffe im Bass, oftmals in Form paralleler Quinten, dar\u00fcber in der Violine eine melodische Bewegung, die wie ein Fragment aus einer Gesangslinie anmutet, vielleicht sogar einem Chanson, einem Schlager, aber verfremdet und gleichsam aus der Distanz betrachtet. Hier und da wird cis-moll als Haupttonart des Quartetts angegeben; dies ist aber eher approximativ zu verstehen: es gibt nur wenige Passagen, in denen diese Tonart wirklich in aller Klarheit das Geschehen bestimmt, nicht einmal am Beginn. Mindestens frei- und teilweise polytonal ist das Quartett eigentlich durchgehend, stellenweise eigentlich fast schon atonal.<\/p>\n\n\n\n<p>Sowohl f\u00fcr expressive Steigerungen als auch (sehr nachdr\u00fccklich, wie \u00fcbrigens sein gesamtes Schaffen hindurch) f\u00fcr Kontrapunktik interessiert sich Klussmann nach wie vor, nun aber bewusster disponiert. So kommt es im Laufe des 1. Satzes (der zur G\u00e4nze im Adagio-Tempo gehalten ist) zwar zu beinahe gewaltsamen, scharf dissonanten Zuspitzungen, aber ebenso typisch ist das ruhige Br\u00fcten, in das die Musik immer wieder zur\u00fcckf\u00e4llt, und ebenso sehr wie dichte Polyphonie findet man hier auch karge, lediglich zweistimmige Passagen. Und wiederum leitet Klussmann aus dem Gesangsmelos des Beginns ein rhythmisches Motiv ab, aus dem Spannungen gewonnen werden und das die Musik formt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das <em>Allegro<\/em> an zweiter Stelle ist knapp gehalten, Musik erf\u00fcllt von fl\u00fcchtiger Unruhe mit leicht groteskem Einschlag, gepr\u00e4gt von federnder, raschelnder Rhythmik, die in einen ambivalent-bitonalen Schlussakkord m\u00fcndet. Dass der <em>Marsch<\/em> an dritter Stelle im 7\/4-Takt gehalten ist und somit schon per definitionem \u201ehinkt\u201c, merkt bereits das Beiheft an. Ich w\u00fcrde noch einen Schritt weiter gehen, denn selbst der 7\/4-Takt wird eigentlich stets verunklart (etwa durch die Cellobegleitung, die passagenweise doch wieder einen Troch\u00e4us suggeriert), sodass man hier zwar allerhand Marschgesten begegnet, aber nie einem Metrum, das wirklich Fu\u00df fasst, und die schneidig-punktierte Rhythmik eine Aura der Unklarheit umgibt. Der mit <em>Fantasia<\/em> \u00fcberschriebene vierte Satz ist weniger langsamer Satz als in seinen Eckteilen Monolog, Rezitativ der Viola, im Mittelteil manifestieren sich Erinnerungen an den Marsch, und am Ende m\u00fcndet die Musik in einen leicht verfremdeten, von einem Moment der Trauer erf\u00fcllten b-moll-Akkord.<\/p>\n\n\n\n<p>Freundlicher dann das Finale: hier scheint es, als sei hinter den polyphonen Strukturen eine Art Volksweise verborgen, die allerdings niemals in aller Deutlichkeit in Erscheinung tritt, sondern eher als Idee im Hintergrund pr\u00e4sent ist, immer wieder anklingt, aber doch im Ungef\u00e4hren bleibt. Was schlie\u00dflich sehr explizit in Erinnerung gerufen wird, ist der 1. Satz (und ich w\u00fcrde davon ausgehen, dass man bei n\u00e4herer Betrachtung noch mehr Binnenbez\u00fcge im ganzen Quartett finden wird), und ganz am Schluss steht wiederum affirmatives C-Dur \u2013 also die gleiche Tonart wie am Ende des Klavierquintetts, zwar auf ganz unterschiedlichem Wege erreicht, aber bei n\u00e4herer Betrachtung dann doch wieder mit gewissen Parallelen. Ein starkes, nachhaltig in Erinnerung bleibendes Quartett, aus dem ich noch einmal ganz besonders den Kopfsatz hervorheben m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p>Klussmann galt \u00fcbrigens insbesondere als Bewunderer der Musik Gustav Mahlers, dem er sp\u00e4ter zu Beginn seiner 1950 komponierten <em>Sinfonie Nr.&nbsp;5 cis-moll op.&nbsp;30<\/em> denn auch eine ziemlich unmittelbare Referenz erwiesen hat. Mit Mahlers Schaffen hat sich Klussmann bereits in den 1920er Jahren auseinandergesetzt, und insofern ist interessant, dass beide Werke auf dieser CD eigentlich nicht zwingend an Mahler denken lassen. Erst auf den zweiten Blick erkennt man gewisse Parallelen (in der expressiven Glut etwa des 1. Satzes des Quartetts, in der Ironie mancher Passagen, das Beiheft weist zudem auf das ausdrucksorientierte Wesen der Polyphonie in Anlehnung an Klussmanns eigene Schriften hin).<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn die aktuelle Version des Wikipedia-Artikels zu Klussmann insbesondere seine Verwurzelung in der Sp\u00e4tromantik betont, dann ist dies jedenfalls ein wenig zu relativieren. F\u00fcr die genannte <em>Sinfonie Nr.&nbsp;5<\/em> trifft dies sicherlich weitgehend zu; wie sie sich in Klussmanns \u00fcbriges Schaffen aus jener Zeit einf\u00fcgt, ist aber bereits eine offene Frage: schon das Quartett spricht ja eine andere Sprache, die <em>Xenien<\/em> f\u00fcr Klavier von 1948 antizipieren die Sinfonie wohl ebenfalls kaum; mehr Werke aus diesen Jahren sind mir leider nicht bekannt. Im Laufe der 1950er Jahre hat sich Klussmann dann intensiv mit der Zw\u00f6lftontechnik befasst, und h\u00f6rt man St\u00fccke wie die <em>Sechste Sinfonie<\/em>, <em>Herodias<\/em> f\u00fcr Alt und Orchester oder die sp\u00e4te, strenge <em>Spiegelfuge (und Choral \u201eNun bitten wir den Heil\u2019gen Geist\u201c)<\/em> f\u00fcr Orgel, dann ist dies zwar Musik eines Autors, der seine sp\u00e4tromantischen Wurzeln nicht verleugnet, das Klangbild aber ist doch wesentlich harscher und dissonanter, und man wird ohne Probleme in etwa gleichaltrige deutsche Komponisten jener Zeit finden, deren Musik wesentlich unmittelbarer der Tradition verpflichtet ist (ohne dass dies irgendein Werturteil implizieren w\u00fcrde).<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr erfreulich geraten sind die Interpretationen selbst. Mit dem Kuss-Quartett und dem Pianisten P\u00e9ter Nagy haben sich Musiker zusammengefunden, die Klussmanns Musik mit gro\u00dfem Engagement und Sinn f\u00fcr die expressiven Spannungsfelder und -b\u00f6gen dieser Musik darbieten. Gerade das Streichquartett ist dar\u00fcber hinaus auch ein gutes St\u00fcck weit eine (allerdings koh\u00e4rente!) Folge von Charakterbildern, und die Zeichnung all dieser Stimmungen mit all ihren Ambivalenzen, Subtilit\u00e4ten und Grotesken gelingt dem Kuss-Quartett in vorbildlicher Manier.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Beiheft formuliert ein beherztes Pl\u00e4doyer f\u00fcr Klussmann, wobei ein substantieller Teil auf die Diskussion seiner Rolle im Nationalsozialismus und das anschlie\u00dfende Entnazifizierungsverfahren entf\u00e4llt. Leider werden die beiden Werke selbst dann eher knapp besprochen: hier g\u00e4be es dem mit dieser Musik nat\u00fcrlich nicht vertrauten H\u00f6rer einiges mehr an die Hand zu geben, erst recht, weil das zentrale Argument f\u00fcr die Besch\u00e4ftigung mit Klussmanns Musik nun einmal die Musik selbst ist. Am Rande notiert sei auch die etwas kuriose Volte im Gru\u00dfwort des aktuellen Rektors der Hochschule f\u00fcr Musik und Theater Hamburg Jan Philipp Sprick, der es nicht vers\u00e4umen mag, auch in einem kurzen Text zu Klussmann auf die \u201eHerausforderungen der digitalen Welt\u201c zu sprechen zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies, wohlgemerkt, nur ganz am Rande, denn unter dem Strich ist dieses Album nur zu empfehlen. Man darf froh sein, Klussmanns Musik nun endlich auch auf Tontr\u00e4ger erleben zu k\u00f6nnen, und dies in solch gelungenen Einspielungen. Vielleicht entwickelt sich daraus ja mehr \u2013 zu w\u00fcnschen w\u00e4re es.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Holger Sambale, August 2025]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>eda records, EDA 55, EAN: 8 40387 10055 5 Anl\u00e4sslich des 75-j\u00e4hrigen Bestehens der Hochschule f\u00fcr Musik und Theater Hamburg ruft die vorliegende Produktion mit dem Komponisten Ernst Gernot Klussmann (1901\u20131975) einen der Gr\u00fcnderv\u00e4ter der Institution in Erinnerung. Vorgestellt werden zwei fr\u00fche Kammermusikwerke, es spielen das Kuss-Quartett und der Pianist P\u00e9ter Nagy. 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