{"id":7300,"date":"2025-08-28T21:30:10","date_gmt":"2025-08-28T19:30:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7300"},"modified":"2025-08-30T17:33:56","modified_gmt":"2025-08-30T15:33:56","slug":"inspirierende-erfahrungen-bei-den-raritaeten-der-klaviermusik-im-schloss-vor-husum-iii","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2025\/08\/28\/inspirierende-erfahrungen-bei-den-raritaeten-der-klaviermusik-im-schloss-vor-husum-iii\/","title":{"rendered":"Inspirierende Erfahrungen bei den \u201eRarit\u00e4ten der Klaviermusik im Schloss vor Husum\u201c (III)"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Abschlie\u00dfend die Besprechung der letzten drei Konzerte des diesj\u00e4hrigen Festivals \u201eRarit\u00e4ten der Klaviermusik\u201c im Schloss vor Husum: Klavierabende von <\/em>Mark Viner<em> (21.8.), <\/em>Illia Ovcharenko<em> (22.8.) und <\/em>Chiyan Wong <em>(23.8.)<\/em><em>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wann immer der noch fast jugendlich wirkende <em>Mark Viner<\/em> in Husum auftritt, liegen die Erwartungen besonders hoch, weil er wie nur ganz wenige K\u00fcnstler in geradezu idealer Weise das virtuose Kernrepertoire des Rarit\u00e4tenfestivals vertritt, vor allem mit Komponisten wie <em>Leopold Godowsky<\/em> oder <em>Charles-Valentin Alkan<\/em>. Viner ist zudem seit \u00fcber 10 Jahren Vorsitzender der <em>Alkan Society <\/em>und arbeitet erfolgreich an der ersten Gesamtaufnahme von dessen Klavierwerk. Beide H\u00e4lften seines Konzerts am 21.&nbsp;8. begann er jedoch mit Transkriptionen ber\u00fchmter Melodien <em>Charles Gounods<\/em> durch <em>Franz Liszt.<\/em> Die klangliche und pianistische Souver\u00e4nit\u00e4t des Pianisten erinnert sofort an Marc-Andr\u00e9 Hamelin, allerdings auch \u00fcber weite Strecken an dessen gewisses \u2013 hier britisches \u2013 Understatement. Viners Darbietung von <em>Les Adieux <\/em>S&nbsp;409 \u00fcber ein Motiv aus <em>\u201eRom\u00e9o et Juliette\u201c <\/em>erschien durchaus gehaltvoll; noch besser gelang die glitzernd klare <em>Hymne \u00e0 Sainte C\u00e9cile <\/em>S&nbsp;491 mit konsequent aufgebauter Steigerung. Dennoch vermisste man in seinem Klavierspiel echten Tiefgang: Emotional offensichtlich selbst absolut unbeteiligt, geh\u00f6rt er eben nicht zu den musikalischen \u201eDeutern\u201c, \u00fcberl\u00e4sst dies ganz seiner H\u00f6rerschaft. <em>Ignaz Paderewskis Nocturne <\/em>op.&nbsp;16,4 erwies sich als gef\u00e4llige Petitesse. Als Rarit\u00e4t interessanter das diesem 1926 gewidmete <em>Nocturne \u201eRagusa\u201c <\/em>(historischer Name Dubrovniks) seines amerikanischen Sch\u00fclers <em>Ernest Schelling<\/em>, das \u00fcber einem Barkarolen-Rhythmus zumeist hemiolische Melodik entwickelt, mit exquisiter Harmonik und atmosph\u00e4rischem Klaviersatz.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom nach wie vor unterbelichteten Klavierschaffen <em>C\u00e9cile Chaminades <\/em>pr\u00e4sentierte Viner drei St\u00fccke, die sich ebenfalls See-Motiven widmeten: <em>Marine <\/em>op.&nbsp;38, nicht sonderlich charakteristisch; <em>L\u2019Ondine,<\/em> m\u00f6gliches Vorbild f\u00fcr Ravels gleichnamiges St\u00fcck, beides schlicht zu laut vorgetragen; schlie\u00dflich die dankbaren <em>P\u00eacheurs de nuit <\/em>aus den <em>Po\u00e8mes proven\u00e7aux<\/em>. Die gro\u00dfen pianistischen Herausforderungen des Abends waren erwartungsgem\u00e4\u00df zum einen zwei perfekt beleuchtete <em>\u201ePhonoramas\u201c<\/em> aus Godowskys <em>Java-Suite<\/em>: <em>Wayang-Purwa <\/em>und <em>The Bromo Volcano <\/em>\u2013 mit gro\u00dfartiger Durchsichtigkeit des komplexen, feinsinnigen musikalischen Geflechts und eindringlicher Bildhaftigkeit der vorj\u00e4hrigen Auff\u00fchrung des kompletten Zyklus durch Patrick Hemmerl\u00e9 nach einhelligem Bekunden des Publikums weit \u00fcberlegen. Zum anderen \u00fcberzeugten Alkans nettes <em>Nocturne<\/em> Nr.&nbsp;4<em> \u201eLe grillon\u201c<\/em>, <em>Posement <\/em>aus den 12 Dur-Et\u00fcden op.&nbsp;35, wo Viner aus den dicken Akkorden gekonnt die Mittelstimmen herausarbeitete, und schlie\u00dflich die <em>Trois petites fantaisies <\/em>op.&nbsp;41: Zwar geriet ihm das Alla-breve von Nr.&nbsp;2 etwas zu langsam und man erkannte nie, dass dessen Thema stets auftaktig beginnt, daf\u00fcr gelang die typisch Alkansche, absolut verr\u00fcckte Presto-Orgie von Nr.&nbsp;3 \u2013 primitiv, aber gut \u2013 wirklich hinrei\u00dfend. Was Alkan angeht, ist Viner momentan eindeutig der Platzhirsch. Die Bravos f\u00fcr diese Leistung waren redlich verdient. Trotzdem w\u00e4re wohl zumindest ein Werk mit gewichtigerer musikalischer Substanz f\u00fcr ein solches Programm w\u00fcnschenswert.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum man sich vom Ukrainer <em>Illia Ovcharenko<\/em>, in diesem Jahr der j\u00fcngste Pianist in Husum, ausgerechnet <em>Robert Schumanns<\/em> erst 1976 ver\u00f6ffentlichte <em>Exercises <\/em>WoO&nbsp;31 \u2013 \u00fcber das Allegretto-Thema aus Beethovens <em>Siebter <\/em>\u2013 gew\u00fcnscht hatte, blieb schleierhaft. Das eh\u2018 sehr unreife Werk erklang im Rittersaal bereits 2007 (Piers Lane), und Ovcharenko hatte sich f\u00fcr den 22.&nbsp;8. aus den in drei Quellen \u00fcberlieferten 15 Variationen eine dramaturgisch v\u00f6llig misslungene Mischfassung zurechtgebastelt. Die rein technischen Schwierigkeiten meisterte er ordentlich, spielte aber durchwegs viel zu laut, was im Schloss vor Husum sofort Missfallen beim anspruchsvollen Publikum hervorrief. <em>Ferruccio Busonis Elegie <\/em>Nr.&nbsp;3 <em>\u201eMeine Seele bangt und hofft zu dir\u201c <\/em>geh\u00f6rt trotz enormer technischer Anforderungen zu den introvertiertesten Werken des Deutsch-Italieners. Leider agierte Ovcharenko auch hier zu massiv, kaum geheimnisvoll; die erzitternde Zartheit einer im Innersten verunsicherten Seele wurde so nicht deutlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Vieles am \u00fcbrigen Programm \u2013 Werke von in der heutigen Ukraine geb\u00fcrtigen Komponisten \u2013 gefiel dem Rezensenten dann sehr wohl. F\u00fcr die r\u00fcckw\u00e4rtsgewandte, jedoch beim Rarit\u00e4tenfestival immer beliebte Salonmusik <em>Sergej Bortkiewiczs <\/em>traf Ovcharenko genau den richtigen Tonfall, etwa beim sch\u00f6nen <em>Nocturne \u201eDiana\u201c <\/em>op.\u00a024,1. Zwei St\u00fccke Paderewskis erhielten von ihm die n\u00f6tige Eleganz, ohne perfekt zu sein. Als Fr\u00fchwerk <em>Levko Revutskys <\/em>(1889\u20131977) lehnt sich die <em>Sonate h-Moll <\/em>op.\u00a01 recht uneigenst\u00e4ndig an Liszt und Rachmaninow an, wirkte unter Ovcharenkos H\u00e4nden allzu bombastisch: Selbst mit Gewalt l\u00e4sst sich daraus kein Meisterwerk machen. Dies nivellierte die ausgezeichneten Wiedergaben von dessen <em>Pr\u00e9ludes<\/em> zuvor. Insbesondere die beiden unkonventionellen St\u00fccke op.\u00a07 \u2013 das zweite haarstr\u00e4ubend brillant die gesamte Tastatur in Besitz nehmend \u2013 machten Eindruck. Noch faszinierender gelangen am Schluss die nicht nur harmonisch bemerkenswerten <em>Cinq Pr\u00e9ludes <\/em>op.\u00a044 seines Landsmanns <em>Boris Ljatoschinsky<\/em>, dessen fabelhafte Symphonien endlich mal in deutschen Konzerts\u00e4len erklingen sollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das letzte Konzert am 23.&nbsp;8. spielte der mittlerweile in Berlin lebende Hongkonger <em>Chiyan Wong<\/em>. Die in Details miteinander verflochtenen sechs S\u00e4tze der 1902 entstandenen <em>Suite <\/em>des von Kind an musikalisch gut vernetzten <em>Gustave Samazeuilh <\/em>(1877\u20131967) analysierte Wong geradezu in all ihren Feinheiten. Melodische Oberstimmen knallte er jedoch unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig spitz heraus: auf Dauer nervig. Dies st\u00f6rte bei den <em>Variations sur \u00abAupr\u00e8s de ma blonde\u00bb <\/em>des ber\u00fchmten Pariser Organisten <em>Naji Hakim <\/em>(*1955) \u2013 an der \u00c9glise de la Saint-Trinit\u00e9 Nachfolger Olivier Messiaens \u2013 weniger, da schon das Thema sehr staccato-m\u00e4\u00dfig daherkommt. Das ganz traditionell strukturierte Variationswerk mit unverhohlener N\u00e4he zur franz\u00f6sischen Unterhaltungsmusik endete mit einem ansprechenden Finale. Was Wong von seinem Kompositionslehrer Hakim wirklich mitgenommen hat, lie\u00df sich allerdings anhand seines eigenen ganz kurzen Klavierst\u00fccks <em>\u201atch\u2018 <\/em>kaum festmachen. Etwas sinnlicher erklang immerhin <em>Sergej Prokofjews Amoroso<\/em>-Finale op.&nbsp;102,6 aus der <em>Cinderella-Suite.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Pause versuchte der in England ausgebildete Pianist den Zuh\u00f6rern Busonis \u201eKonzertfassung\u201c der Bachschen <em>Goldberg-Variationen <\/em>nahezubringen, die er vor 6 Jahren beeindruckend eingespielt hat. In Husum \u00fcbertrieb er dabei freilich gnadenlos: Busoni empfahl den Wegfall s\u00e4mtlicher Wiederholungen und den Verzicht auf neun der 30 Variationen, erstellte daf\u00fcr eine klanglich wirkungsvolle Version der letzten Variationen \u2013 gerade hier schw\u00e4chelte Wong kurz \u2013 und der Wiederholung der <em>Aria <\/em>ohne Verzierungen. Wong nahm die romantisierenden Vortragsangaben Busonis allzu ernst, \u00fcberbetonte zudem die Entwicklung der Basslinie auf verst\u00f6rend manierierte Art und Weise inklusive unmotivierter Tempomodifikationen. Schlie\u00dflich entkleidete er die abschlie\u00dfende Aria nicht nur bis auf die Knochen, sondern lie\u00df von ihr quasi \u00fcberhaupt nichts mehr \u00fcbrig \u2013 ein intellektuelles Experiment sehr zur Ver\u00e4rgerung des Publikums, das mehrheitlich keine Zugabe einforderte. So kam Ferruccio Busoni dieses Jahr in Husum insgesamt nicht gut weg. Neben selbst f\u00fcr den als Vielh\u00f6rer ber\u00fcchtigten Rezensenten inspirierenden Neuentdeckungen waren hingegen vor allem die Abende von <em>Aline Piboule<\/em> und <em>Daniel Grimwood<\/em> unvergessliche H\u00f6hepunkte der durchgehend erstklassigen <em>Rarit\u00e4ten der Klaviermusik<\/em> 2025.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 27. August 2025]<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hier geht es zu den beiden ersten Teilen des Berichts:<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2025\/08\/20\/inspirierende-erfahrungen-bei-den-raritaeten-der-klaviermusik-im-schloss-vor-husum-i\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2025\/08\/20\/inspirierende-erfahrungen-bei-den-raritaeten-der-klaviermusik-im-schloss-vor-husum-i\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Teil 1<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2025\/08\/23\/inspirierende-erfahrungen-bei-den-raritaeten-der-klaviermusik-im-schloss-vor-husum-ii\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2025\/08\/23\/inspirierende-erfahrungen-bei-den-raritaeten-der-klaviermusik-im-schloss-vor-husum-ii\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Teil 2<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abschlie\u00dfend die Besprechung der letzten drei Konzerte des diesj\u00e4hrigen Festivals \u201eRarit\u00e4ten der Klaviermusik\u201c im Schloss vor Husum: Klavierabende von Mark Viner (21.8.), Illia Ovcharenko (22.8.) und Chiyan Wong (23.8.). 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