{"id":734,"date":"2016-04-23T21:52:19","date_gmt":"2016-04-23T19:52:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=734"},"modified":"2016-04-24T16:25:37","modified_gmt":"2016-04-24T14:25:37","slug":"den-saal-gerockt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/04\/23\/den-saal-gerockt\/","title":{"rendered":"[Rezensionen im Vergleich] Den Saal \u201egerockt\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #403e3d;\"><em><strong>Anmerkung der Redaktion aufgrund vermehrter Kritik an dem Artikel von Josef Rottweiler:<\/strong><\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #403e3d;\"><em> Rezensionen unserer Autoren m\u00fcssen in keiner Weise mit der Ansicht der Redaktion \u00fcbereinstimmen. Die Redaktion von The New Listener l\u00e4sst ganz bewusst Spielraum f\u00fcr gegens\u00e4tzliche Standpunkte und zensiert nicht, sondern korrigiert l<span class=\"text_exposed_show\">ediglich sachliche Fehler oder stilistische Schw\u00e4chen.<\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/IMG_2090.jpg\" rel=\"attachment wp-att-735\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-735\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/IMG_2090-225x300.jpg\" alt=\"IMG_2090\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/IMG_2090-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/IMG_2090.jpg 240w\" sizes=\"(max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das Freie Musikzentrum total ausverkauft, nichts weniger als \u00fcberragende musikalische Interpretationen, eine faszinierende Urauff\u00fchrung eines bis dato unbekannten Komponisten, dem offensichtlich eine Weltkarriere bevorsteht: das Portraitkonzert Juan Jos\u00e9 Chuquisengo am 22. April geh\u00f6rte selbst in einer Musikmetropole wie M\u00fcnchen zu den absoluten Highlights der Saison und stellt so vieles in den Schatten, was die gro\u00dfen Klangk\u00f6rper wie Philharmoniker, BR-Symphonie-Orchester oder Bayerische Staatsoper zu bieten \u2013 \u00e4hnlich wie am Abend zuvor das M\u00fcnchener Kammerorchester unter dem wunderbaren finnischen Maestro John Storg\u00e5rds, der uns endlich wieder einmal Haydn h\u00f6ren gelehrt hat.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die erste H\u00e4lfte des Konzerts geh\u00f6rte ganz dem legend\u00e4ren peruanischen Meisterpianisten Juan Jos\u00e9 Chuquisengo, der in M\u00fcnchen lebt und wirkt. Fast ganz: zu Beginn erklang ein hinrei\u00dfendes Arrangement des Peruaners einer musikalischen Kindheitsliebe, des beliebten Taquito militar von Mariano Mores, der genau neun Tage vor diesem Konzert hochbetagt gestorben ist. Dann Ottavia Maria Maceratini, eine L\u00f6win am Grand Piano, und zugleich zu den feinsten Schattierungen in der Lage. Mit feinst differenzierter Stimmungskunst f\u00fchrte sie uns durch die Hochgebirgsweiten von Chuquisengos Guerrero Andino, einer gigantischen Klavier-Rhapsodie zwischen Naturlaut, Volkslied und rassigen rhythmischen Riffs, die h\u00f6chste pianistische Virtuosit\u00e4t verlangt. Diese erbringt die Maceratini mit stupender Selbstverst\u00e4ndlichkeit, doch bet\u00f6ren auch ihre Sanftmut und Eleganz der \u00dcberg\u00e4nge. Das neue Werk ist elf Tage zuvor durch sie in Z\u00fcrich zur Urauff\u00fchrung gelangt, und man sp\u00fcrt in jedem Ton die tiefe Verbindung und Liebe zur Klangsprache des Komponisten, der trotz aller Bef\u00e4higung an diesem Abend nicht selbst als Pianist in Erscheinung tritt. Aber dann als Dirigent: Chuquisengo dirigiert das Symphonia Momentum Streichquintett in der Urauff\u00fchrung seiner Tango-Metamorphosen. Der Stil dieses Werkes ist vollkommen anders als in der Klavier-Rhapsodie mit ihrem vollendeten Sch\u00f6nklang, ihren rauschhaften Aufwallungen. Hier, in diesem in der gro\u00dfen Form so spannenden wie \u00fcberzeugenden Tango nuevo, tritt eine unersch\u00f6pfliche Palette inneren Reichtums ans Tageslicht, von zerrei\u00dfendem Schmerz und aufreibenden K\u00e4mpfen \u00fcber herrliche Tagtr\u00e4ume hin zu schlicht mitrei\u00dfendem Tango der entschiedensten Sorte. Manchmal scheint gar die Musik \u00fcber sich selbst hinaus wachsen zu wollen, schwankt zwischen Euphorie und Atemlosigkeit, um pl\u00f6tzlich abzurei\u00dfen und wieder etwas ganz Anderem Platz zu machen. Gro\u00dfartig, beide Werke in ihrer Art. Man kann nur sagen: ein gro\u00dfer Komponist ist geboren, der schon symbolhaft f\u00fcr die Emanzipation Lateinamerikas stehen wird. Das Publikum reagierte mit jedem St\u00fcck begeisterter und war in der Pause v\u00f6llig \u201eaus dem H\u00e4uschen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der Pause wurde es zun\u00e4chst problematischer. Christoph Schl\u00fcren, der in den Abend einf\u00fchrte, hatte die Zuh\u00f6rer schon zuvor mit seinen fast unfreiwillig satirischen Kommentaren genervt, und nun pries er uns einen Komponisten als \u201egro\u00df\u201c, von dem man nur sagen: \u201edes Kaisers neue Kleider\u201c. Wieso l\u00e4sst man einen so musikalisch unbegabten Menschen so viel reden und uns dann noch simpelste Musik aus Neuseeland, von den \u201eAntipoden\u201c, auftischen, die zwar sch\u00f6n und gut gemacht ist, jedoch einfach nicht aus den Kinderschuhen der einfachsten Tonalit\u00e4t, aufgepeppt mit teilweise ein wenig Kontrapunkt, schl\u00fcpfen will. Von Douglas Lilburn h\u00f6rten wir drei Duos f\u00fcr Geige und Bratsche (von Rebekka Hartmann und Shasta Ellenbogen fantastisch gespielt) und ein Duo f\u00fcr zwei Geigen. Legen wir den Mantel des Schweigens \u00fcber diese peinlichen Nichtigkeiten, und hoffen wir, dass uns Herr Schl\u00fcren mit seinen Privatideologien k\u00fcnftig in der \u00d6ffentlichkeit erspart bleibt. Es ist ein bisschen, als wollte er mit seiner sperrigen Idiosynkrasie den Putin der Klassische-Musik-Szene spielen\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Schluss dann Beethovens erstes Klavierkonzert in C-Dur in einer erstaunlich gut funktionierenden Fassung f\u00fcr Klavier und Streicher von Vinzenz Lachner, einem sonst kaum bekannten Romantiker. Dass es so gut funktionierte, lag in erster Linie an dem von Chuquisengo einstudierten Streichquintett, das tats\u00e4chlich die Illusion eines wirklichen Orchesters schuf. Man muss lange Zeit zusammen gearbeitet haben (die Musiker spielen seit 2010 zusammen), um eine solche Klasse sowohl musikalischer Interaktion als auch bewusster Interpretation zu erreichen. Obwohl uns auch hier noch einmal Herr Schl\u00fcren mit einem Sermon h\u00f6chst fraglicher Informationen zusch\u00fcttete, war die Laune des Publikums angesichts einer denkw\u00fcrdig hochklassigen Auff\u00fchrung nicht in Schieflage zu bringen. Ottavia Maria Maceratini erwies sich als eine der besten Musikerinnen unserer Tage, technisch und tonlich auf dem h\u00f6chsten Stand, der sich denken l\u00e4sst, und musikalisch mit einer Klarheit und intuitiven Richtigkeit der Auffassung gesegnet, die einfach frappiert. Und doch, so gut, wie das \u201eOrchester\u201c gespielt hat, ist es fast unanst\u00e4ndig, sie besonders hervorzuheben. Primaria Rebekka Hartmann spielte ihre ganze Weltklasse aus, und ich m\u00f6chte ausdr\u00fccklich auch noch die fulminante Cellistin Nargiza Yusupova und den so mutig wie r\u00fccksichtsvoll agierenden Kontrabassisten Artem Ter-Minassian nennen. Im Finale haben die Musiker den Saal, der bis zum letzten Platz besetzt war, regelrecht \u201egerockt\u201c. So etwas \u2013 v\u00f6llig \u00fcberraschend \u2013 Tolles haben wir schon lange nicht geh\u00f6rt. Diese Musiker haben jeden Preis verdient und sollten unbedingt eine Platte machen, die man dann am Ausgang auch kaufen kann. Wie gut das Konzert war, merkte man \u00fcbrigens auch daran, wie hellwach und ber\u00fchrt das Publikum bis zum Schluss war, und dass nach nicht enden wollendem Anlass kaum Anstalten gemacht wurden, den Saal zu verlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Josef Rottweiler, April 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anmerkung der Redaktion aufgrund vermehrter Kritik an dem Artikel von Josef Rottweiler: Rezensionen unserer Autoren m\u00fcssen in keiner Weise mit der Ansicht der Redaktion \u00fcbereinstimmen. Die Redaktion von The New Listener l\u00e4sst ganz bewusst Spielraum f\u00fcr gegens\u00e4tzliche Standpunkte und zensiert nicht, sondern korrigiert lediglich sachliche Fehler oder stilistische Schw\u00e4chen. 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