{"id":7341,"date":"2025-09-15T00:23:01","date_gmt":"2025-09-14T22:23:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7341"},"modified":"2025-12-03T01:56:20","modified_gmt":"2025-12-03T00:56:20","slug":"ersteinspielung-maximilian-steinbergs-symphonie-nr-3","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2025\/09\/15\/ersteinspielung-maximilian-steinbergs-symphonie-nr-3\/","title":{"rendered":"Ersteinspielung: Maximilian Steinbergs Symphonie Nr.\u00a03"},"content":{"rendered":"\n<p>Fuga Libera, FUG 831; EAN: 5400439008311<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Steinberg-3.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Steinberg-3-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7342\" width=\"463\" height=\"463\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Steinberg-3-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Steinberg-3-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Steinberg-3-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Steinberg-3-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Steinberg-3-1536x1536.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Steinberg-3.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 463px) 100vw, 463px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Den Namen Maximilian Steinberg hat wohl jeder schon einmal geh\u00f6rt, der sich mit russischer Musik des fr\u00fchen 20.&nbsp;Jahrhunderts befasst hat. Man kennt ihn zumindest als Sch\u00fcler, Schwiegersohn und Herausgeber Nikolai Rimskij-Korsakows, als Mitsch\u00fcler Igor Strawinskijs und als Kompositionslehrer Dmitrij Schostakowitschs. Dass der 1883 in Vilnius geborene und seit 1901 in Sankt Petersburg ans\u00e4ssige Steinberg zu jenen Pers\u00f6nlichkeiten geh\u00f6rte, die sich im Zentrum der musikgeschichtlichen Entwicklung Russlands bewegten und dort keine ganz unbedeutende Rolle spielten, l\u00e4sst sich mithin nicht abstreiten. Zwar konnte Steinberg zu Lebzeiten als Komponist einige Erfolge im In- und Ausland feiern, doch geriet sein Schaffen nach seinem Tode 1946 weitgehend in Vergessenheit. Dass sich sein Sch\u00fcler Schostakowitsch fr\u00fchzeitig seinem Einfluss entzogen hatte und Strawinskij nicht gut auf ihn zu sprechen war, da er sich in jungen Jahren in den Augen Rimskij-Korsakows zugunsten Steinbergs zur\u00fcckgesetzt sah, d\u00fcrfte in den Nachkriegsjahrzehnten nicht dazu beigetragen haben, das Interesse an Steinbergs Musik zu steigern. Erst in der j\u00fcngeren Vergangenheit haben es Einspielungen seiner Werke erm\u00f6glicht, sich von seinen kompositorischen F\u00e4higkeiten ein genaueres Bild zu machen \u2013 ein Prozess, der noch lange nicht abgeschlossen ist, denn eine gr\u00f6\u00dfere Zahl seiner Hauptwerke wartet bis heute auf ihre Erstaufnahme. Bis vor kurzem z\u00e4hlte noch Steinbergs 1928 vollendete Symphonie Nr.&nbsp;3 g-Moll op.&nbsp;18 zu diesen auf Tontr\u00e4ger nicht greifbaren St\u00fccken. Im vergangenen Jahr wurde dies durch das Uralische Jugend-Symphonieorchester (Ural Youth Symphony Orchestra) unter der Leitung von Dmitrij Filatow (Dmitry Filatov) ge\u00e4ndert: Sie nahmen die Symphonie gemeinsam mit der Orchestersuite aus Dmitrij Schostakowitschs Ballett <em>Der Bolzen<\/em> op.&nbsp;27a f\u00fcr die belgische Musikproduktion Fuga Libera auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Steinberg komponierte insgesamt f\u00fcnf Symphonien. Die ersten beiden entstanden noch vor dem Ersten Weltkrieg, die letzten drei datieren von 1928, 1933 und 1942. Steinberg geh\u00f6rt also, \u00e4hnlich dem ungef\u00e4hr gleichaltrigen Mikolai Mjaskowskij, dem die Dritte Symphonie gewidmet ist, zu jenen Symphonikern, deren Schaffen die Zarenzeit mit der sowjetischen Epoche verkn\u00fcpft. Von Steinbergs Fr\u00fchwerk konnte man sich bereits seit der Jahrtausendwende ein gutes Bild machen, da die G\u00f6teborger Symphoniker unter Neeme J\u00e4rvi damals f\u00fcr Deutsche Grammophon zwei CDs mit den ersten beiden Symphonien und weiteren fr\u00fchen Orchesterwerken aufnahmen. Wenn dieses Projekt als Zyklus geplant gewesen ist, so kann man nur bedauern, dass er nicht vollendet wurde. Erst 2017 erschien wieder eine CD mit Steinbergscher Orchestermusik, als Martin Yates mit dem Royal Scottish National Orchestra f\u00fcr Dutton die Vierte Symphonie <em>Turksib<\/em> und das Violinkonzert einspielte, und damit erstmals Werke aus Steinbergs sowjetischer Schaffensphase pr\u00e4sentierte. Die nun erstmals aufgenommene Dritte Symphonie markiert in gewissem Sinne einen Wendepunkt in Steinbergs Entwicklung. Die fr\u00fchen Symphonien stehen zwar fest in der Tradition des M\u00e4chtigen H\u00e4ufleins und Alexander Glasunows und sind entsprechend von Elementen slawischer Folklore durchdrungen, doch sind sie keine folkloristischen Werke im engeren Sinne. Das \u00e4ndert sich mitten in der Dritten Symphonie, wenn Steinberg, Nachkomme einer j\u00fcdischen Familie, dem langsamen dritten Satz das j\u00fcdische Volkslied <em>El Yivneh Hagalil<\/em> als Hauptthema zugrunde legt. Dieses findet auch im Finale Verwendung und darf die Symphonie apotheotisch gesteigert beschlie\u00dfen. In den beiden folgenden Symphonien geht Steinberg diesen Weg weiter und greift auf kasachische bzw. usbekische Volksmelodien zur\u00fcck. Dass er damit durchaus konform mit den W\u00fcnschen der Propagandisten des \u201eSozialistischen Realismus\u201c ging, ist ihm in der Musikliteratur wiederholt ver\u00fcbelt worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es scheint unter Musikhistorikern eine Tradition zu geben, Steinberg \u2013 der nie ein schlechtes Wort \u00fcber seinen ber\u00fchmten Kommilitonen verloren hat \u2013 als Kontrastfigur zu benutzen, um zu zeigen, wie gro\u00dfartig Igor Strawinskij ist und welch tristem Schicksal dieser entging. So meint etwa Stephen Walsh (<em>Stravinsky: A Creative Spring<\/em>), dass sich Steinberg zu einem \u201elangweiligen, respektierten sowjetischen Komponisten und Lehrer\u201c entwickelt habe. Und f\u00fcr Richard Taruskin (<em>Stravinsky and the Russian Traditions<\/em>) ist Steinberg ein Komponist, \u201ef\u00fcr den man kein besonderes Interesse entwickeln kann\u201c, anhand dessen sich aber zeigen lasse, wie Strawinskij wohl komponiert h\u00e4tte, w\u00e4re er in Russland geblieben. Er h\u00e4tte dann n\u00e4mlich ziemlich genau solche Sachen geschrieben wie Steinbergs Dritte Symphonie. Beim Lesen dieser Zeilen sp\u00fcrt man geradezu die Erleichterung des Autors, dass Strawinkij durch seine Emigration nach Paris darum herum gekommen ist, so etwas schreiben zu m\u00fcssen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber halt! Die Leute, die sich hier offenbar posthum an Steinberg daf\u00fcr r\u00e4chen wollen, dass Rimskij-Korsakow ihn Strawinskij vorzog, vergessen, dass die Begabungen Steinbergs und Strawinskijs, obwohl sie beide der gleichen Schule entstammten, unterschiedlich gewichtet waren und auf unterschiedliche Bet\u00e4tigungsfelder hinzielten. Um es kurz zu sagen: Strawinskij wurde ein Ballettkomponist, der auch Symphonien, Steinberg ein Symphoniker, der auch Ballette schrieb. Man h\u00f6re sich einmal die jeweils ersten Symphonien beider Komponisten an! Strawinskijs Symphonie op.&nbsp;1 ist ein gutes Werk in der guten Tradition seiner damaligen Vorbilder Rimskij-Korsakow und Glasunow, die auch in der gleichzeitig entstandenen Ersten Symphonie Steinbergs als Vorbilder erkennbar sind. Aber verglichen mit Steinbergs Symphonie wirkt diejenige Strawinskijs in der Entwicklung der musikalischen Gedanken deutlich weniger souver\u00e4n, obwohl nach den Regeln auch hier alles korrekt ist. F\u00fcr Strawinskij, dessen sp\u00e4tere Symphonien aus dem Geist seiner Ballettmusiken geboren sind und ganz anders klingen, war die traditionelle Symphonik ein Lehrbuchstoff, den er als Kompositionssch\u00fcler zu bew\u00e4ltigen lernte. F\u00fcr Steinberg war sie die nat\u00fcrliche Umgebung, in der er sich f\u00fchlte wie der Fisch im Wasser. Strawinskij fand seinen Stil, indem er zur symphonischen Tradition in schroffe Opposition ging, aber warum h\u00e4tte Steinberg mit ihr brechen sollen?<\/p>\n\n\n\n<p>Wie die drei zuvor auf CD erschienenen Symphonien Steinbergs zeugt auch die Dritte von seiner au\u00dferordentlichen Begabung als Symphoniker. Mit den klassischen Formmodellen geht er durchweg phantasievoll um. Man h\u00f6re nur, wie er im ersten Satz die Reprise unmerklich aus der Durchf\u00fchrung herauswachsen l\u00e4sst und dann das Seitenthema, das in der Exposition als lyrisches Intermezzo erschien, kontrapunktisch \u00fcber das Hauptthema schichtet und dadurch den H\u00f6hepunkt der musikalischen Handlung an eine sehr sp\u00e4te Stelle im Satz verlagert! Das Finale ist als zyklisches Fazit angelegt, wobei Steinberg weniger als acht Minuten ben\u00f6tigt, das mit Zitaten aus den S\u00e4tzen 1 und 3 gespickte Geschehen zur Abrundung zu bringen \u2013 L\u00e4ngen gibt es bei ihm nicht. Das Hauptthema des Finales ist zudem eine freie Umformung des Volksliedthemas aus dem dritten Satz; ein weiteres Thema, das fugiert verwendet wird, leitet sich deutlich vom Seitenthema des Kopfsatzes ab. In der Partitur stellt Steinberg es dem Dirigenten frei, die zwei Schlusstakte des dritten Satzes zu spielen, oder sie wegzulassen, um das Finale direkt anzuschlie\u00dfen. Dmitrij Filatow hat sich f\u00fcr den Attacca-\u00dcbergang entschieden, was der Dramaturgie des Werkes f\u00f6rderlich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Strawinskij verbindet Steinberg sein \u00fcberragendes Instrumentationstalent. Der Orchesterklang der Dritten Symphonie ist fein abgestuft, farbensatt, konturenscharf und wirkt selbst im Tutti nie dick. An zahlreichen Stellen merkt man, dass man keine Symphonie des 19.&nbsp;Jahrhunderts mehr vor sich hat. Der in dieser Hinsicht \u201emodernste\u201c Satz ist das Scherzo, ein leichtf\u00fc\u00dfiges, spielerisches St\u00fcck, das nichtsdestoweniger durch die st\u00e4ndigen unregelm\u00e4\u00dfigen Wechsel von 2\/4- und 3\/4-Takten recht unruhig wirkt und mit seiner oft kammermusikalisch anmutenden, durch Celesta, Harfe, Triangel und Glockenspiel stark aufgehellten Instrumentation kaum mehr \u201esp\u00e4tromantisch\u201c erscheint.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem dritten Satz kehrt das romantische Pathos freilich in die Symphonie zur\u00fcck. Wie Steinberg das einfache, in melodischem Moll gehaltene Liedthema in einen durchaus mit Chromatik stark angereicherten Tonsatz einbettet, ohne dass der Charakter des Themas verloren geht und das Ganze harmonisch \u00fcberladen wirkt, zeugt vom Einfallsreichtum wie vom guten Geschmack des Komponisten. \u00dcberhaupt ist Steinberg ein fesselnder Harmoniker: Seine Musik gr\u00fcndet sich auf einfache diatonische Verh\u00e4ltnisse, die er aber durch chromatische Zwischent\u00f6ne stets interessant zu beleuchten wei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Filatow und das Uralische Jugendorchester leisten treffliche Arbeit dabei, diese Symphonie, die man in jeder Hinsicht ein Meisterwerk nennen kann, wieder zum Leben zu erwecken. Auf ihrer CD haben sie das St\u00fcck mit einem Werk von Steinbergs Sch\u00fcler Schostakowitsch gekoppelt: der Suite aus dem Ballett <em>Der Bolzen<\/em>, das zur gleichen Zeit wie die Symphonie des Lehrers entstand. Musikalisch bietet sie einen starken Kontrast. Auch Schostakowitsch bedient sich folkloristischer Motive, allerdings in derb karikierender, grotesk zuspitzender Absicht, wobei er bewusst mit der Trivialit\u00e4t spielt \u2013 Tendenzen, die Maximilian Steinberg fremd waren. Steinberg blieb letztlich ein von den Idealen der vorrevolution\u00e4ren russischen Musik gepr\u00e4gter Komponist, allerdings einer, der k\u00fcnstlerisch nicht erstarrte und lebenslang seinem Stil neue Seiten hinzuzugewinnen vermochte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach J\u00e4rvis Einspielungen dauerte es 16 Jahre, bis eine weitere Symphonie Steinbergs auf CD kam. Von dieser bis zur vorliegenden CD waren es immerhin noch sieben Jahre. M\u00f6ge die Ersteinspielung der F\u00fcnften Symphonie Steinbergs, einer Symphonie-Rhapsodie auf usbekische Themen, nicht \u00e4hnlich lange auf sich warten lassen!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, September 2025]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fuga Libera, FUG 831; EAN: 5400439008311 Den Namen Maximilian Steinberg hat wohl jeder schon einmal geh\u00f6rt, der sich mit russischer Musik des fr\u00fchen 20.&nbsp;Jahrhunderts befasst hat. Man kennt ihn zumindest als Sch\u00fcler, Schwiegersohn und Herausgeber Nikolai Rimskij-Korsakows, als Mitsch\u00fcler Igor Strawinskijs und als Kompositionslehrer Dmitrij Schostakowitschs. 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