{"id":7375,"date":"2025-10-05T23:24:16","date_gmt":"2025-10-05T21:24:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7375"},"modified":"2025-10-21T18:10:16","modified_gmt":"2025-10-21T16:10:16","slug":"sir-simon-rattles-wozzeck-in-der-isarphilharmonie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2025\/10\/05\/sir-simon-rattles-wozzeck-in-der-isarphilharmonie\/","title":{"rendered":"Sir Simon Rattles \u201eWozzeck\u201c in der Isarphilharmonie"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Mit drei konzertanten Auff\u00fchrungen von Alban Bergs bahnbrechendem Opernklassiker \u201eWozzeck\u201c in der M\u00fcnchner Isarphilharmonie HP8 startete Sir Simon Rattle seine neue Saison mit dem Symphonieorchester und Chor des Bayerischen Rundfunks. Zudem hatte man den Kinderchor der Bayerischen Staatsoper eingeladen und konnte mit hochkar\u00e4tigen Solisten aufwarten, allen voran Malin Bystr\u00f6m als Marie und Christian Gerhaher in der Titelrolle. Unser Rezensent besuchte das Konzert am 3. Oktober 2025.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/BRSO-Wozzeck-Gerhaher-Rattle-Bystroem-2-K-20251002-IP-l-c-BR-Astrid-Ackermann.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"819\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/BRSO-Wozzeck-Gerhaher-Rattle-Bystroem-2-K-20251002-IP-l-c-BR-Astrid-Ackermann-1024x819.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7376\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/BRSO-Wozzeck-Gerhaher-Rattle-Bystroem-2-K-20251002-IP-l-c-BR-Astrid-Ackermann-1024x819.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/BRSO-Wozzeck-Gerhaher-Rattle-Bystroem-2-K-20251002-IP-l-c-BR-Astrid-Ackermann-300x240.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/BRSO-Wozzeck-Gerhaher-Rattle-Bystroem-2-K-20251002-IP-l-c-BR-Astrid-Ackermann-768x614.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/BRSO-Wozzeck-Gerhaher-Rattle-Bystroem-2-K-20251002-IP-l-c-BR-Astrid-Ackermann.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>BRSO, Christian Gerhaher, Sir Simon Rattle, Malin Bystr\u00f6m (Auff\u00fchrung vom 2. 10. 2025) \/ \u00a9 BR-Astrid Ackermann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Einf\u00fchrung zu Alban Bergs <em>Wozzeck <\/em>\u2013 nach Georg B\u00fcchners Dramenfragment und vor 100 Jahren im Dezember 1925 uraufgef\u00fchrt \u2013 hat Annekatrin Hentschel mit dem 82-j\u00e4hrigen Komponisten, Dirigenten und Chansonnier <em>HK Gruber<\/em> den idealen Gespr\u00e4chspartner. Gruber, wie Berg ein echter Wiener, k\u00f6nnte wohl stundenlang mit Sachverstand und Witz von der <em>Jahrhundertoper<\/em> \u2013 in puncto Qualit\u00e4t \u2013 schw\u00e4rmen. Leider merkt man ihm in der Sprechgesangsrolle des 1. Handwerksburschen nachher dann doch an, dass er an diesem Abend stimmlich leicht angeschlagen ist. Die Vorteile der konzertanten Opernauff\u00fchrung einer solch komplexen Partitur wie der des <em>Wozzeck <\/em>macht sich <em>Sir Simon Rattle<\/em> mit seinem mal wieder bestens aufgelegten BRSO nat\u00fcrlich voll zu Nutze. Vieles erscheint so deutlich transparenter als aus einem Orchestergraben im Opernhaus heraus, und f\u00fcr die Zuh\u00f6rer wird einmal optisch deutlich, wie viele verschiedene solistische Aufgaben es da im Orchester zu bestaunen gilt. Ob man mit den Gesangssolisten im R\u00fccken diese auch besser f\u00fchren kann, darf jedoch angezweifelt werden. Zudem verleitet eine solche Aufstellung in einem gro\u00dfen Konzertsaal durchaus dazu, die S\u00e4nger dynamisch zuzudecken. Selbst der eigentlich stimmgewaltige <em>Christian Gerhaher <\/em>hat an einigen Stellen damit zu k\u00e4mpfen, etwa in der Fuge (II. Akt, 2. Szene) oder der ersten Wirtshausszene.<\/p>\n\n\n\n<p>Die stimmliche und emotionale Ausdeutung einer der Paraderollen des Baritons ist nach wie vor grandios. Die Palette an unterschiedlichsten Klangfarben auf engstem Raum und differenziertester Textbehandlung ber\u00fchrt den Saal von der ersten Szene an. Gerhahers <em>Wozzeck <\/em>ist nur noch \u00e4u\u00dferlich ein Getriebener, eigentlich l\u00e4ngst dem Schicksal als in seiner Wahrnehmung der Welt entr\u00fcckter Geistesgest\u00f6rter voll ergeben und ohne Hoffnung: eine Figur, die allenfalls Mitleid erwecken kann. Dies wird ihm allerdings nur durch die Musik und das Publikum zuteil, \u00fcberhaupt nicht von den \u00fcbrigen Protagonisten. Die meisten sind erstklassig: <em>Malin Bystr\u00f6m<\/em> als Marie begeistert durch au\u00dferordentlich sichere und flexible Tongebung, wirkt aber nicht durchgehend glaubw\u00fcrdig. Die heikle Bibelszene zu Beginn des dritten Akts, wo Berg gerade an den melodisch gro\u00dfartigsten Stellen reinen oder halben Sprechgesang fordert, bew\u00e4ltigt sie partiturgetreu und absolut \u00fcberzeugend. <em>Nicky Spences<\/em> seit vielen Jahren verl\u00e4sslicher Charaktertenor ist f\u00fcr den Hauptmann eine Idealbesetzung. Mit immer noch exzellenter H\u00f6he zeichnet er eine br\u00fcchige Figur; im Grunde ein Weichei, das vom Doktor (<em>Brindley Sheratt<\/em>) beliebig in die Enge getrieben werden kann. Dessen ph\u00e4nomenaler Bass \u2013 d\u00e4monisch, edel, hier zugleich ekelhaft zynisch und am Rand des Gr\u00f6\u00dfenwahns \u2013 ist die eigentliche \u00dcberraschung des Abends, ungemein faszinierend. Dagegen fallen der glanzlose <em>Eric Cutler <\/em>(Tambourmajor), der allzu distanzierte <em>Edgaras Montvidas<\/em> (Andres) und <em>Rinat Shaham<\/em> (Margret), die sich in der zweiten Wirtshausszene in falsches Verismo-Pathos verirrt, merklich ab. HK Gruber, dem sich Rattle nicht etwa besonders zuwendet, weil er vom Dirigenten deutlichere F\u00fchrung ben\u00f6tigen w\u00fcrde, sondern um klarzumachen, dass hier nun quasi ein zweites Orchester (sonst B\u00fchnenmusik) spielt, setzt seine genaue Vorstellung von der Partie pr\u00e4zise um \u2013 wie gesagt, mit stimmlichen Einschr\u00e4nkungen. Der Chor des Bayerischen Rundfunks (Einstudierung: Peter Dijkstra) und der Kinderchor der Bayerischen Staatsoper (Kamila Akhmedjanova) mit <em>Felix Bellheim<\/em> (Mariens Knabe) machen ihre Sache tadellos, ebenso <em>Ludwig Mittelhammer<\/em> (2. Handwerksbursch).<\/p>\n\n\n\n<p>Rattle deutet mit dem Orchester die expressionistischen Qualit\u00e4ten der Partitur stilistisch auf den Punkt genau aus. Die ja nur in wenigen Abschnitten bereits zw\u00f6lft\u00f6nige Komposition kn\u00fcpft f\u00fcr ihn besonders an Gustav Mahler an: sp\u00fcrbar gerade bei den Tanzformen, deren ironische Behandlung Berg von dessen 9. Symphonie \u00fcbernommen hat, aber gleicherma\u00dfen in Details der Orchestrierung. Auch Sch\u00f6nbergs Kammersymphonie op.&nbsp;9 l\u00e4sst bekanntlich gr\u00fc\u00dfen, vieles erscheint als \u00fcberdimensionale Ensemblemusik. Die teils komplizierten Klangschichtungen erscheinen beim BRSO mit der gr\u00f6\u00dften Selbstverst\u00e4ndlichkeit, wirken nat\u00fcrlich bis vertraut, dienen allein dem dramatischen Fluss. Nie verf\u00e4llt Rattle in Hektik, w\u00e4hlt sehr stimmige Tempi, die Berg eh\u2018 meist minuti\u00f6s notiert, hat immer den n\u00e4chsten H\u00f6hepunkt im Blick und gibt, wo es die Partitur erm\u00f6glicht, insbesondere Gerhaher gen\u00fcgend Freiraum f\u00fcr spontane Gestaltung. Insgesamt eine sehr solide, stets spannungsreiche Darbietung, hinter der sich freilich gute szenische Realisationen an gro\u00dfen Opernh\u00e4usern nicht verstecken m\u00fcssen. Wer sich an dieses epochale Werk heranwagt, will es halt als Vorzeigest\u00fcck f\u00fcr alle Mitwirkenden pr\u00e4sentieren; das gelingt an diesem Abend.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 4.&nbsp;Oktober&nbsp;2025]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit drei konzertanten Auff\u00fchrungen von Alban Bergs bahnbrechendem Opernklassiker \u201eWozzeck\u201c in der M\u00fcnchner Isarphilharmonie HP8 startete Sir Simon Rattle seine neue Saison mit dem Symphonieorchester und Chor des Bayerischen Rundfunks. 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