{"id":7386,"date":"2025-10-19T17:26:26","date_gmt":"2025-10-19T15:26:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7386"},"modified":"2025-10-22T12:34:15","modified_gmt":"2025-10-22T10:34:15","slug":"das-mko-mit-haydn-ives-und-der-deutschen-erstauffuehrung-von-dieter-ammanns-violakonzert-no-templates","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2025\/10\/19\/das-mko-mit-haydn-ives-und-der-deutschen-erstauffuehrung-von-dieter-ammanns-violakonzert-no-templates\/","title":{"rendered":"Das MKO mit Haydn, Ives und der deutschen Erstauff\u00fchrung von Dieter Ammanns Violakonzert"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Das <\/em>M\u00fcnchener Kammerorchester <em>besteht 2025 seit nunmehr 75 Jahren. Im Prinzregententheater startete<\/em> <em>am 16.&nbsp;Oktober<\/em> die<em> unter dem Motto \u201eWonderland\u201c<\/em> <em>stehende Jubil\u00e4umssaison mit <\/em>Joseph Haydns<em> Symphonie Nr.&nbsp;6 <\/em>\u00abLe Matin\u00bb, Charles Ives\u2018 <em>Symphonie Nr.&nbsp;3<\/em> \u201eThe Camp Meeting\u201c <em>sowie der deutschen Erstauff\u00fchrung des neuen Bratschenkonzerts <\/em>\u201eNo templates\u201c<em> des Schweizer Komponisten <\/em>Dieter Ammann<em> mit <\/em>Nils M\u00f6nkemeyer<em> als Solist. Musikalisch geleitet wurde der Abend von <\/em>Bas Wiegers<em>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/2E8A1603-\u00a9Florian-Ganslmeier.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/2E8A1603-\u00a9Florian-Ganslmeier-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7387\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/2E8A1603-\u00a9Florian-Ganslmeier-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/2E8A1603-\u00a9Florian-Ganslmeier-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/2E8A1603-\u00a9Florian-Ganslmeier-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/2E8A1603-\u00a9Florian-Ganslmeier.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Dieter Ammann und Nils M\u00f6nkemeyer \/ \u00a9 Florian Ganslmeier<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im praktisch ausverkauften M\u00fcnchner Prinzregententheater erwartete man am Donnerstag ein spannendes Konzert, das wohl gleich eindrucksvoll demonstrieren sollte, in welches musikalische \u201eWunderland\u201c das MKO in der Jubil\u00e4umssaison 2025\/26 sein Publikum zu f\u00fchren gedenkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Programm startet mit Joseph Haydns erster <em>\u201eTageszeiten\u201c<\/em>-Symphonie: Nr.&nbsp;6 D-Dur <em>\u00bbLe matin\u00ab <\/em>von 1761, die neben der damals noch un\u00fcblichen Viers\u00e4tzigkeit \u2013 es gibt ein Menuett als 3.&nbsp;Satz \u2013 zudem f\u00fcr einige Orchestermitglieder, allen voran Violine und Fl\u00f6te, dankbare kleine Soli bereith\u00e4lt. Wahrscheinlich absichtsvoll l\u00e4sst der Niederl\u00e4nder <em>Bas Wiegers<\/em>, einer der drei Associated Conductors des MKO und nur in diesem Werk ohne Taktstock agierend, die Musik etwas schl\u00e4frig beginnen. Nach dem stets als Sonnenaufgang interpretierten \u00dcbergang zum <em>Allegro<\/em> wird umso frischer, fein strukturiert und mit h\u00fcbscher Dynamik musiziert. Wiegers gibt gestaltende Impulse, kann aber schnell auf die gr\u00f6\u00dferen Einheiten gehen. Man gibt sich historisch informiert, benutzt etwa Naturh\u00f6rner, verzichtet dabei zum Gl\u00fcck auf Manierismen mancher Barockensembles, wie etwa zu kurz gespielte abgesetzte Notenwerte. Der langsame Satz lebt von den teils skurrilen Soli und einigen fahlen Oktaven: Haydn gab seinem Humor schon im Antrittsjahr am F\u00fcrstenhof Esterhazy Raum, und besonders die Konzertmeisterin kann hier gl\u00e4nzen, so wie das Fagott sp\u00e4ter im Trio des 3.&nbsp;Satzes. Das Finale ist dann wirklich sehr energetisch und macht einfach Spa\u00df. Nat\u00fcrlich bekommen danach auch alle Solisten innerhalb des MKO eine Extraportion Applaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Der H\u00f6hepunkt des Abends ist ganz klar das f\u00fcr <em>Nils M\u00f6nkemeyer<\/em> geschriebene und Anfang des Jahres von ihm in Basel uraufgef\u00fchrte Violakonzert <em>\u201eNo templates\u201c<\/em>. Daran hat der Schweizer T\u00fcftler <em>Dieter Ammann<\/em> (*1962) wieder mehrere Jahre gearbeitet: Das Ergebnis ist daf\u00fcr erneut grandios<em>.<\/em> F\u00fcr ganz gro\u00dfes Orchester schreibt der Komponist sensationell, doch stets weit entfernt von oberfl\u00e4chlicher Effekthascherei; in M\u00fcnchen zuletzt mit dem Orchestre de la Suisse Romande zu h\u00f6ren (<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/10\/02\/gleich-zwei-weltklasse-klangkoerper-beim-raesonanz-stifterkonzert-der-musica-viva\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/10\/02\/gleich-zwei-weltklasse-klangkoerper-beim-raesonanz-stifterkonzert-der-musica-viva\/\" target=\"_blank\">wir berichteten<\/a>). Hinrei\u00dfend, wie er ebenso aus einer viel kleineren Besetzung eine \u00fcberraschend breite Farbpalette hervorzaubern kann. Dabei gibt es wohldosiert durchaus auch Ger\u00e4uschhaftes, aber sogar fast tonale Erinnerungsmomente in der vertikalen Klangstruktur. Das Verh\u00e4ltnis zwischen Bratsche \u2013 die Partie verlangt nicht nur technisch dem Solisten alles ab \u2013 und Orchester folgt der altbew\u00e4hrten Dramaturgie: Individuum versus Kollektiv, mit zun\u00e4chst klar abgegrenzten Stimmungen. Ammann spielt dabei ganz wunderbar mit den spezifischen Klangcharakteristika der Viola. So zwingt etwa nach dem ersten Drittel das Orchester den Solisten in eine sehr intensive Doppelgriffpassage in tiefer Lage, aus der sich der famose <em>Nils M\u00f6nkemeyer<\/em> quasi mit gro\u00dfer M\u00fche selbst wieder freisch\u00e4len muss. Viel sp\u00e4ter gibt es dann eine echte, gro\u00dfe Kadenz mit herrlich ausdrucksvollen, leisen Kantilenen. M\u00f6nkemeyer ist \u00fcber das gesamte, gut halbst\u00fcndige Werk emotional unglaublich vielschichtig pr\u00e4sent und ganz nah am Publikum. Und an ein paar Stellen h\u00f6rt man nat\u00fcrlich, dass Ammann zun\u00e4chst vom Jazz und Funk zur Klassik gekommen ist: bei schnellen, rhythmisch pointierten Passagen immer spannungsvoll und mit vorw\u00e4rtsstrebendem Drive. Wiegers leitet das St\u00fcck souver\u00e4n, so dass das Orchester diesen Farbrausch \u00fcberzeugend mitgestaltet. Wie durchdacht Ammanns Instrumentationskunst ist, zeigt sich ganz am Schluss, wo die Bratsche in allerh\u00f6chster Lage \u2013 M\u00f6nkemeyer braucht dazu nicht einmal Quart-Flageoletts \u2013 ein positives Ende herbeitr\u00e4umt und vom exzellenten Schlagzeug mit gestrichenen Zimbeln unterst\u00fctzt wird, die heutzutage die pr\u00e4zisesten Klangerzeuger f\u00fcr extremste H\u00f6hen darstellen. So kann garantiert nichts schiefgehen: faszinierend. Ammanns neues Meisterwerk wird vom Saal zu Recht bejubelt, Solist, Dirigent und das Orchester sowieso.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer recht schwierig ist es im einst erzkatholischen M\u00fcnchen, den Funken bei der Musik des ersten amerikanischen Avantgardisten Charles Ives wirklich \u00fcberspringen zu lassen. Dabei geh\u00f6rt dessen 3.&nbsp;Symphonie, entstanden 1904\u201311, zu seinen eher harmlosen Kompositionen, in der er nicht kompromisslos collagiert. Der Titel <em>The Camp Meeting <\/em>verweist auf die in den USA des 19. Jahrhunderts verwurzelten gro\u00dfen religi\u00f6s-sozialen Treffen nicht nur der Erweckungsbewegung. So bilden etliche protestantische Chor\u00e4le, die bis vor 30 Jahren wohl noch jedes amerikanische Schulkind problemlos h\u00e4tte mitsingen k\u00f6nnen, die Grundlage f\u00fcr eigenwillige, aber klare und harmonisch recht unbedenkliche symphonische Strukturen. Hierzulande kennt man \u2013 inklusive der Orchestermusiker \u2013 weder Text noch Musik dieser Ges\u00e4nge, was deren Vermittlung innerhalb eines umfassenderen Kontexts fast unm\u00f6glich macht. Ohne bei den Proben anwesend gewesen zu sein: Auch Wiegers wird damit schon aus Zeitgr\u00fcnden nicht weit gekommen sein. Das MKO spielt klangsch\u00f6n, jedoch dynamisch ein wenig zu undifferenziert und gleichf\u00f6rmig. Trotzdem k\u00f6nnten die Streicher gerade im 1.&nbsp;Satz <em>Old Folks Gathering <\/em>noch dichter, gebundener klingen. Die momentweise bereits an Gospels anklingenden Rhythmen im 2.&nbsp;Satz wirken ziemlich steif; hier zeigt auch Wiegers nicht die n\u00f6tige Flexibilit\u00e4t. Im Finale k\u00f6nnen die Bl\u00e4ser begeistern, jedoch die Streicher nutzen aus den genannten Gr\u00fcnden nie richtig die \u201egeistlichen\u201c Energieb\u00e4lle, die Ives ihnen dauernd vor die F\u00fc\u00dfe wirft. So bleibt die Darbietung recht blutleer, \u201enett\u201c ohne wirklich ergreifend zu sein. In dieser Musik steckt eigentlich noch weitaus mehr drin. Das sp\u00fcrt das Publikum sehr wohl und der Beifall f\u00fcr dieses Schl\u00fcsselwerk der US-Symphonik erscheint lediglich h\u00f6flich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 18. Oktober 2025]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das M\u00fcnchener Kammerorchester besteht 2025 seit nunmehr 75 Jahren. Im Prinzregententheater startete am 16.&nbsp;Oktober die unter dem Motto \u201eWonderland\u201c stehende Jubil\u00e4umssaison mit Joseph Haydns Symphonie Nr.&nbsp;6 \u00abLe Matin\u00bb, Charles Ives\u2018 Symphonie Nr.&nbsp;3 \u201eThe Camp Meeting\u201c sowie der deutschen Erstauff\u00fchrung des neuen Bratschenkonzerts \u201eNo templates\u201c des Schweizer Komponisten Dieter Ammann mit Nils M\u00f6nkemeyer als Solist. 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