{"id":7396,"date":"2025-10-26T15:38:45","date_gmt":"2025-10-26T14:38:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7396"},"modified":"2025-10-26T15:38:50","modified_gmt":"2025-10-26T14:38:50","slug":"80-jahre-musica-viva-k-a-hartmann-alberto-posadas-und-ein-hinreissendes-cellokonzert-von-benjamin-attahir","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2025\/10\/26\/80-jahre-musica-viva-k-a-hartmann-alberto-posadas-und-ein-hinreissendes-cellokonzert-von-benjamin-attahir\/","title":{"rendered":"80 Jahre musica viva: K. A. Hartmann, Alberto Posadas und ein hinrei\u00dfendes Cellokonzert von Benjamin Attahir"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Anl\u00e4sslich des 80. Geburtstags der M\u00fcnchner <\/em>musica viva <em>bew\u00e4ltigte das <\/em>Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks am 24. Oktober 2025 im Herkulessaal <em>unter <\/em>Duncan Ward <em>ein beachtliches Programm: Zu Ehren des Begr\u00fcnders der Konzertreihe erklang <\/em>Karl Amadeus Hartmanns <em>sp\u00e4te <\/em><em>8. Symphonie. Zuvor gab es zwei neuere Instrumentalkonzerte: <\/em><em>Das \u201eK\u00f6nigsberger Klavierkonzert\u201c von<\/em> Alberto Posadas <em>(*1967) mit dem Pianisten <\/em>Florian H\u00f6lscher <em>sowie das Cellokonzert \u201eAl Icha\u201c von <\/em>Benjamin Attahir <em>(*1989) mit <\/em>Jean-Guihen Queyras<em>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/mv-24.10.2025-Queyras-Ward-BRSO-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"732\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/mv-24.10.2025-Queyras-Ward-BRSO-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR-1024x732.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7397\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/mv-24.10.2025-Queyras-Ward-BRSO-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR-1024x732.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/mv-24.10.2025-Queyras-Ward-BRSO-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR-300x214.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/mv-24.10.2025-Queyras-Ward-BRSO-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR-768x549.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/mv-24.10.2025-Queyras-Ward-BRSO-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR-1536x1097.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/mv-24.10.2025-Queyras-Ward-BRSO-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Jean-Guihen Queyras, Christopher Ward, BRSO \/ \u00a9 Astrid Ackermann-BR<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Kaum zu glauben: Die M\u00fcnchner Konzertreihe f\u00fcr moderne Musik, <em>musica viva, <\/em>wurde nun 80 Jahre alt. Die Verteilung des Programms quer \u00fcber die gesamte Spielzeit eines Spitzenorchesters sucht wohl weltweit ihresgleichen und h\u00e4lt das <em>Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks<\/em>, oft einschlie\u00dflich des Chores, in stetem Kontakt zu aktuellen Kompositionen. Als der M\u00fcnchner Komponist <em>Karl Amadeus Hartmann <\/em>(1905\u20131963) am 7.&nbsp;Oktober 1945 im Prinzregententheater das erste Konzert veranstaltete \u2013 mit Musik von Mahler, Debussy und Busoni \u2013 war der anhaltende Erfolg der Reihe noch nicht absehbar. L\u00e4ngst z\u00e4hlt die musica viva zu den absoluten Aush\u00e4ngeschildern M\u00fcnchner Kultur und das Konzert am Freitag war nicht nur wegen des Jubil\u00e4ums wieder gut besucht \u2013 mit einem heterogenen und ungew\u00f6hnlich langen Programm.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Spanier <em>Alberto Posadas <\/em>hat kurz zuvor in der Bayerischen Akademie der Sch\u00f6nen K\u00fcnste den <em>Happy New Ears<\/em>-Preis 2025 f\u00fcr Komposition der Hans und Gertrud Zender-Stiftung entgegengenommen. Der Preis f\u00fcr Publizistik zur Neuen Musik ging diesmal an Christian Utz. Posadas richtet sich h\u00e4ufig an mathematischen Modellen aus \u2013 z.&nbsp;B. im Streichquartett-Zyklus <em>Liturgia fractal <\/em>an komplexen Fraktalen. Derlei Konzepte m\u00f6gen bei Kammermusik noch aufgehen. In seinem <em>K\u00f6nigsberger Klavierkonzert <\/em>(2023) ist es der Eulerkreis, den der Mathematiker im Umfeld des ber\u00fchmten K\u00f6nigsberger Br\u00fcckenproblems entwickelt hatte, eine der Grundlagen der Graphentheorie. Dass sich dies musikalisch auf klangliche \u201eBr\u00fccken\u201c zwischen Klavier und Orchester \u00fcbertragen l\u00e4sst, zeigt Posadas mit einer v\u00f6llig hypertrophen Orchestrierung, die zwar erstaunliche und interessante Einzelereignisse hervorbringt, jedoch mangels wahrnehmbarer motivischer Arbeit auf den H\u00f6rer ziellos, fast beliebig wirkt: ein mit zudem 40 Minuten L\u00e4nge v\u00f6llig unverdaulicher Klops. <em>Florian H\u00f6lscher<\/em>, der Posadas bereits den Klavierzyklus <em>Erinnerungsspuren<\/em> abgerungen hatte, muss einen exorbitant schwierigen Part bew\u00e4ltigen: auf der Tastatur Cluster und schnellste Bewegungsmuster in st\u00e4ndigem Wechsel, im langsamen Mittelsatz unkonventionelles, sonores Spiel im Innern des Fl\u00fcgels. Der Brite <em>Duncan Ward <\/em>steuert die Klangmassen erneut souver\u00e4n, kann aber bei dieser Musik keinen Funken \u00fcberspringen lassen, weder aufs Orchester noch das Publikum: wohlwollender Applaus allenfalls f\u00fcr den Solisten.<\/p>\n\n\n\n<p>V\u00f6llig andere musikalische Qualit\u00e4ten zeigt dann das Cellokonzert <em>Al Icha <\/em>des franz\u00f6sischen Komponisten <em>Benjamin Attahir<\/em>. Kulturell gleicherma\u00dfen in der westlichen wie der arabischen Musik verwurzelt, hat sich Attahir sogar mit Klezmer besch\u00e4ftigt. In der Zeit des Corona-Lockdowns entstanden, verbindet er hier, im letzten, n\u00e4chtlichen St\u00fcck eines Zyklus, der sich den f\u00fcnf t\u00e4glichen muslimischen Gebetszeiten widmet, Elemente von Gregorianik, Rak\u2019ahs und eben jiddischer Melodik zu einer genialen Symbiose. Auch f\u00fcr den Solisten bietet das Werk emotional traumhaft differenzierte und klanglich bestechende Entfaltungsm\u00f6glichkeiten. Attahir war 2021 nach den ersten Proben nicht ganz mit der zu barocken Auffassung des Cellisten <em>Jean-Guihen Queyras<\/em> einverstanden und \u00e4nderte den Solopart in einigen Details so, dass ein \u201epostromantischer Klang\u201c erreicht wird. Attahirs Musik ist allerdings keinesfalls mit amerikanischer <em>Neoromantik <\/em>\u2013 Schwantner, Rouse etc. \u2013 zu verwechseln. Er benutzt hochkomplizierte Strukturen und Rhythmen, Mikrotonalit\u00e4t, beherrscht zugleich sensationell geschickt altbew\u00e4hrte Formen wie Fugati, ob deren Sch\u00f6nheit man durchaus in Verz\u00fcckung geraten kann. Man sieht es an der bei dieser Darbietung gestalterisch viel mehr eingreifenden linken Hand des Dirigenten und an den Reaktionen des Orchesters, dass diese Musik unmittelbar lebendige Kommunikation bewirkt. Queyras hat das St\u00fcck \u2013 dies ist die vierte Auff\u00fchrung \u2013 mittlerweile so verinnerlicht, dass bei ihm eine Freiheit und Tiefe des Ausdrucks entsteht, wie man sie sonst nur von Klassikern des Repertoires erwartet. Der Saal bejubelt die Musiker und den noch jungen Komponisten enthusiastisch wie selten.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Schluss gibt es dann nochmal eine halbst\u00fcndige kalte Dusche: Karl Amadeus Hartmanns achte und letzte Symphonie entstand 1962. Der Nazi-Terror war in der BRD nicht ansatzweise aufgearbeitet und der Kalte Krieg hatte in der Kuba-Krise einen neuen Tiefpunkt erreicht. In der f\u00fcr ihn typisch zweis\u00e4tzigen Form gelingt Hartmann ein H\u00f6hepunkt an orchestraler Expressivit\u00e4t, die h\u00f6rbar eine Linie Mahler\u2013Berg fortsetzt. Die Wucht, mit der Emotionen hier geradezu eruptiv aufwallen und doch gegen W\u00e4nde zu rennen scheinen, kann zutiefst verst\u00f6ren, auch heute noch. Trotzdem muss so etwas schon damals \u2013 als die Gattung Symphonie fast verschwunden schien und der Serialismus sich f\u00fcr viele Komponisten als Irrweg erwies \u2013 etwas antiquiert, wenn nicht stur gewirkt haben. Letztlich hat Alban Berg in seinem dritten Orchesterst\u00fcck aus Op. 6 schon zu Beginn des Ersten Weltkriegs \u00e4hnlich dystopische Visionen fast bis an die Grenze ausgelotet. Hartmanns kompositorische Meisterschaft steht au\u00dfer Frage, und das BRSO gibt wieder sein Bestes f\u00fcr den bedeutendsten Symphoniker der Stadt. Ward setzt die Mechanismen perfekt um, mit denen hier be\u00e4ngstigende Dramatik in immer neuen Wellen aufgebaut wird und h\u00e4lt die (An)-Spannung bis zum Schluss. Die wunderbare Ausgewogenheit seiner 6. Symphonie \u2013 Hans Werner Henze hat diese mit gr\u00f6\u00dfter Empathie beschrieben \u2013 ist daf\u00fcr weit weg, und man darf sich fragen, ob Hartmann, h\u00e4tte er noch l\u00e4nger gelebt, diesen Weg weiter beschritten h\u00e4tte. In ihrer humanistischen Warnung vor der Apokalypse muss man die Achte heutzutage leider wieder absolut ernstnehmen. Die M\u00fcnchner wissen sowieso, was sie K. A. Hartmann zu verdanken haben und applaudieren anhaltend.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 25. <\/strong><strong>Oktober <\/strong><strong>2025]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anl\u00e4sslich des 80. Geburtstags der M\u00fcnchner musica viva bew\u00e4ltigte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks am 24. Oktober 2025 im Herkulessaal unter Duncan Ward ein beachtliches Programm: Zu Ehren des Begr\u00fcnders der Konzertreihe erklang Karl Amadeus Hartmanns sp\u00e4te 8. Symphonie. 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