{"id":7401,"date":"2025-10-27T23:12:28","date_gmt":"2025-10-27T22:12:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7401"},"modified":"2025-10-27T23:12:32","modified_gmt":"2025-10-27T22:12:32","slug":"ein-franko-belgischer-sonatenabend-in-wien","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2025\/10\/27\/ein-franko-belgischer-sonatenabend-in-wien\/","title":{"rendered":"Ein franko-belgischer Sonatenabend in Wien"},"content":{"rendered":"\n<p>Unter dem Motto <em>Franz\u00f6sische Violin-Welten<\/em> fand am 16. Oktober 2025 im Gro\u00dfen Sendesaal des ORF RadioKulturhauses Wien ein Kammerkonzert mit Duo-Kompositionen des sp\u00e4ten 19. und fr\u00fchen 20.&nbsp;Jahrhunderts statt. \u201eFranz\u00f6sisch\u201c war hier im weitgefassten Sinne zu verstehen, denn es standen ausschlie\u00dflich Werke franz\u00f6sischsprachiger Belgier auf dem Programm. Freilich: C\u00e9sar Franck lebte als naturalisierter franz\u00f6sischer B\u00fcrger in Paris, wo er als Lehrmeister zwei Generationen franz\u00f6sischer Komponisten ausbildete. Auch Guillaume Lekeu, Sch\u00fcler Francks, verbrachte den letzten Abschnitt seines viel zu kurzen Lebens, in dem er seine bedeutendsten Werke schrieb, in Frankreich. R\u00e9my Ballot (Violine) und Anika Vavi\u0107 (Klavier) brachten an diesem Abend die Violinsonaten Francks und Lekeus zur Auff\u00fchrung, die beide f\u00fcr den dritten Komponisten des Programms geschrieben wurden, den gro\u00dfen Violinisten Eug\u00e8ne Ysa\u00ffe. Von diesem erklang zu Beginn das kurze Charakterst\u00fcck <em>R\u00e8ve d&#8217;enfant<\/em>. Zwischen den beiden Sonaten spielten R\u00e9my Ballot und seine Ehefrau Iris Ballot den langsamen Satz aus Ysa\u00ffes Sonate f\u00fcr zwei Violinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man h\u00f6rte also ein stilistisch sehr einheitliches Programm. Die Musik des Abends entf\u00fchrte die Zuh\u00f6rer in die Welt der Belle Epoque bzw. des Fin de Si\u00e8cle, deren musikalischer Stil ma\u00dfgeblich von C\u00e9sar Franck gepr\u00e4gt wurde. Es ist die Zeit der opulent angereicherten Funktionsharmonik mit ihren raffinierten Alterationsakkorden, chromatischen Zwischent\u00f6nen und Stellvertreterharmonien. Bei aller Modernit\u00e4t ihrer Musik haben sich die Komponisten der Franck-Schule, im Gegensatz zu den modernistischen Str\u00f6mungen seit den 1920er Jahren, nicht als B\u00fcrgerschrecks inszeniert. Ihre Musik ist eine Sp\u00e4tbl\u00fcte der Salon-Kultur des 19.&nbsp;Jahrhunderts. Die \u00c4sthetik ist konziliant, verbindend ausgerichtet: Leidenschaft und Eleganz sind keine Gegens\u00e4tze, Tiefgr\u00fcndigkeit und Schroffheit keine Synonyme; das Kunstfertige zeigt sich in anmutigster Gestalt (siehe den Kanon im Finale von Francks Sonate) und \u00fcberall, im Heftigen wie im Ruhigen, strahlt die Musik eine einladende W\u00e4rme aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu diesem Eindruck tr\u00e4gt nicht zuletzt bei, dass viele Gedanken bei Franck, Lekeu und Ysa\u00ffe vokal erfunden sind. R\u00e9my Ballot tr\u00e4gt dieser Gesanglichkeit Rechnung, indem er ausgiebig Vibrato anwendet. Was ihn dazu bewegt ist Kunstverstand und Eigenverantwortung des Ausf\u00fchrenden bei der Verlebendigung der Musik, nicht Manierismus und Mode. Nachdem das Vibrato einige Zeit in gewissen Kreisen ziemlich verp\u00f6nt gewesen ist, kommt es derzeit anscheinend als Mode und Manier wieder, mit der die Musik zugekleistert wird, ganz gleich, ob es passt oder nicht. F\u00fcr Ballot ist es schlicht ein Kunstmittel, kein Selbstzweck. Er nutzt es, um Schattierungen zu schaffen und Binnenkontraste zu setzen, was sich gerade in der 40-min\u00fctigen Sonate Lekeus als vorteilhaft erweist. Je nach Situation im musikalischen Geschehen wendet er es st\u00e4rker oder schw\u00e4cher an. Ganz fremd ist ihm die \u00fcbertriebene Emotionalisierung, der aufgesetzte Effekt, die Affektiertheit. Er entwickelt die Musik von innen her, dem Spannungsauf- und abbau der harmonischen Verh\u00e4ltnisse folgend. Ganz wunderbar gelingt ihm die allm\u00e4hliche Entfaltung des Kopfsatzes der Franck-Sonate aus der Stille heraus!<\/p>\n\n\n\n<p>Anika Vavi\u0107 ist zweifellos eine ausgezeichnete Pianistin. Das <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/03\/13\/wien-wuerdigt-kalevi-aho-zum-74-geburtstag\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/03\/13\/wien-wuerdigt-kalevi-aho-zum-74-geburtstag\/\">Geburtstagskonzert f\u00fcr Kalevi Aho<\/a>, das sie gemeinsam mit dem Ehepaar Ballot vor zwei Jahren in Wien gegeben hat, ist mir noch in guter Erinnerung. Leider war diesmal ihre Leistung nicht ganz so herausragend wie damals. Die Lekeu-Sonate wirkte nicht ausreichend durchdrungen, was anhand der ruhigeren Teile des Werkes deutlich wurde. Der aufgew\u00fchlte letzte Satz war nicht zu beanstanden. Diejenigen Abschnitte der beiden ersten S\u00e4tze, die im Klavier wenig figuriert sind, h\u00e4tten dagegen mehr melodische Ausrichtung vertragen. Hier wirkte manches eher aneinandergereiht denn als tonsprachliche Sinneinheit erfasst. Vavi\u0107s Vortrag der Franck-Sonate litt nicht unter dieser Schw\u00e4che. Hier fanden Violine und Klavier zu einer gelungenen Darbietung zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Den H\u00f6hepunkt des Abends markierte der zweite Satz aus Ysa\u00ffes Violinduo, ein 1915 entstandenes St\u00fcck, das stellenweise die Grenzen des Franckschen Idioms zum Impressionismus Debussys \u00fcberschreitet. Das Zusammenspiel von Iris und R\u00e9my Ballot ist in seiner makellosen Harmonie schlichtweg bewundernswert. Angesichts der Achtsamkeit, mit der sie einander die Motive hin- und herreichen und sich gegenseitig st\u00fctzen und erg\u00e4nzen, meint man, einen einzigen Menschen zugleich auf zwei Violinen spielen zu h\u00f6ren. Gern h\u00f6rte man von den beiden nun auch die \u00fcbrigen S\u00e4tze der Ysa\u00ffe-Sonate!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Oktober 2025]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter dem Motto Franz\u00f6sische Violin-Welten fand am 16. 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