{"id":7415,"date":"2025-12-14T23:29:37","date_gmt":"2025-12-14T22:29:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7415"},"modified":"2025-12-24T12:45:49","modified_gmt":"2025-12-24T11:45:49","slug":"dunkle-farben-sensibel-gestaltet-george-benjamin-bei-der-musica-viva","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2025\/12\/14\/dunkle-farben-sensibel-gestaltet-george-benjamin-bei-der-musica-viva\/","title":{"rendered":"Dunkle Farben sensibel gestaltet: George Benjamin bei der musica viva"},"content":{"rendered":"\n<p>Sir George Benjamin<em> trat im Symphoniekonzert der musica viva am 12. Dezember 2025 gleich in Doppelrolle als Dirigent und Komponist mit einem vielschichtigen Programm auf. Neben dem neuen Klavierkonzert \u201eThe purple fuchsia bled upon the ground\u201c der Italienerin <\/em>Clara Iannotta<em> \u2013 Solist: <\/em>Pierre-Laurent Aimard<em> \u2013 erklangen drei Kompositionen aus Gro\u00dfbritannien: <\/em>Oliver Knussens<em> \u201eChoral\u201c, <\/em>Harrison Birtwistles<em> \u201eDeep Time\u201c und Benjamins eigenes \u201eConcerto for Orchestra\u201c.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/mv251212-Iannotta-Aimard-Benjamin-\u00a9BRmusicaviva-Astrid-Ackermann.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"731\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/mv251212-Iannotta-Aimard-Benjamin-\u00a9BRmusicaviva-Astrid-Ackermann-1024x731.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7416\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/mv251212-Iannotta-Aimard-Benjamin-\u00a9BRmusicaviva-Astrid-Ackermann-1024x731.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/mv251212-Iannotta-Aimard-Benjamin-\u00a9BRmusicaviva-Astrid-Ackermann-300x214.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/mv251212-Iannotta-Aimard-Benjamin-\u00a9BRmusicaviva-Astrid-Ackermann-768x548.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/mv251212-Iannotta-Aimard-Benjamin-\u00a9BRmusicaviva-Astrid-Ackermann.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Clara Iannotta, Pierre-Laurent Aimard, George Benjamin \u00a9 BRmusicaviva\/Astrid Ackermann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im recht gut besuchten Herkulessaal konnte man am Freitag ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Konzert der <em>musica viva<\/em> genie\u00dfen. Bei vier auf den ersten Blick h\u00f6chst unterschiedlichen St\u00fccken lie\u00df eine Gemeinsamkeit die Zuh\u00f6rer mal wohlig, mal unheimlich erschauern: Der britische Komponist und Dirigent <em>Sir George Benjamin<\/em>, u.&nbsp;a. Tr\u00e4ger des Ernst von Siemens Musikpreises 2023, zelebrierte mit dem <em>Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks<\/em> geradezu ein Fest der dunklen Farben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur f\u00fcr Bl\u00e4ser, Kontrab\u00e4sse und Schlagzeug geschrieben, stimmt das knapp 10-min\u00fctige <em>Choral <\/em>des damals erst 19-j\u00e4hrigen, erstaunlich fr\u00fchreifen <em>Oliver Knussen <\/em>(1952\u20132018) fast wie eine Ouvert\u00fcre auf die Klangwelt des Abends ein. Die Musik fu\u00dft auf einer Folge aus vier Akkorden; einer davon ist der ber\u00fchmte <em>mystische Akkord<\/em> Sabanejews, den Skrjabin in seiner Tondichtung <em>Prometh\u00e9e<\/em> verwendete. Dies beginnt schon sehr basslastig (Tuben, Kontrafagotte, Kontrabassklarinette etc.). Die hohen Bl\u00e4ser treten dem als zwitschernde Naturlaute entgegen, die sich aus Ravels <em>Daphnis et Chlo\u00e9 <\/em>verirrt haben k\u00f6nnten. Ziemlich fr\u00fch gibt es R\u00f6hrenglocken, die vor allem eine zus\u00e4tzliche r\u00e4umliche Dimension liefern sowie eine Steigerungswelle; sp\u00e4ter einen dramatischen Moment, wo die Piccolofl\u00f6ten sich einem unheimlichen Schlund von wiederum tiefsten B\u00e4ssen entziehen m\u00fcssen. Wenn der mystische Akkord sich endlich in seiner bekannten Gestalt Bahn bricht, erwartet man eigentlich eine weitere Entwicklung, aber alles f\u00e4llt pl\u00f6tzlich schnell zusammen, als ob eine Skizze absichtlich beiseitegelegt worden w\u00e4re. Benjamin dirigiert wie immer sehr einfach, dabei absolut effektiv. Nie dr\u00e4ngt er seine Person durch gro\u00dfe Gesten irgendwie in den Vordergrund: Vornehme Bescheidenheit, die vielleicht genau deswegen hervorragende Durchsichtigkeit und enorme klangliche Sensibilit\u00e4t beim Orchester erreicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die R\u00f6merin <em>Clara Iannotta <\/em>(*1983) erhielt 2017 einen der F\u00f6rderpreise der Ernst von Siemens Musikstiftung und lie\u00df schon immer mit ihren faszinierenden Einf\u00e4llen zur Erweiterung der orchestralen Klangpalette aufhorchen: Einerseits mit vielf\u00e4ltigen Objekten, nicht nur aus der Musikhandlung, die einige Spieler zus\u00e4tzlich bedienen m\u00fcssen, andererseits ungew\u00f6hnlichen Pr\u00e4parationen ihrer eigentlichen Instrumente, die nicht originell sein wollen, sondern einzig dem Zweck dienen, konkrete und im Fall Iannottas glaubw\u00fcrdig bereits zuvor imaginierte Kl\u00e4nge zu erzeugen. Im 2024 uraufgef\u00fchrten <em>The purple fuchsia bled upon the ground<\/em> \u2013 der Titel ein Zitat aus dem Gedicht <em>Burial<\/em> der Irin Dorothy Molloy \u2013 verarbeitet die Komponistin die Traumata des Krebstodes ihrer Mutter sowie ihrer inzwischen \u00fcberwundenen eigenen Erkrankung. Daher beginnt das Werk sofort mit einem bedrohlich fatalen Riss durchs gesamte Orchester. \u00c4hnliche Effekte, freilich weniger subtil, kennt man optisch (!) und dramaturgisch aus manchen Horrorfilmen. Das Soloklavier ist ausnahmsweise bis auf die beiden tiefsten Saiten von der Pr\u00e4paration ausgenommen. Der fabelhafte, einmal mehr hochkonzentriert agierende <em>Pierre-Laurent Aimard <\/em>begeistert hier nie mit konventioneller Virtuosit\u00e4t, sondern pr\u00e4ziser Integration seines dennoch ungemein anspruchsvollen Parts in das Gesamtgeschehen \u2013 samt durchg\u00e4ngigem \u201eSchattenklavier\u201c, einer klanglich-r\u00e4umlichen H\u00fcllkurve um das Soloinstrument aus E-Gitarre, MIDI-Piano und Akkordeon.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele der \u2013 auf Spielerebene \u2013 v\u00f6llig ungew\u00f6hnlichen Kl\u00e4nge Iannottas erinnern immerhin sehr an manches, was bei Orchestermusik der 1970er bis 1990er Jahre als Tonband-Zuspielung oder Live-Elektronik zu h\u00f6ren war: insofern doch ein wenig vertraut. Es zeugt jedoch von enormem Durchsetzungswillen, all dies sozusagen real und \u201enat\u00fcrlich\u201c zu erzeugen. Trotzdem ist Iannottas Konzert keineswegs \u00fcberinstrumentiert, nervt nicht \u2013 wie etwa zuletzt der Gattungsbeitrag Alberto Posadas (<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2025\/10\/26\/80-jahre-musica-viva-k-a-hartmann-alberto-posadas-und-ein-hinreissendes-cellokonzert-von-benjamin-attahir\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2025\/10\/26\/80-jahre-musica-viva-k-a-hartmann-alberto-posadas-und-ein-hinreissendes-cellokonzert-von-benjamin-attahir\/\" target=\"_blank\">wir berichteten<\/a>) \u2013 mit einer Unzahl isolierter Einzelereignisse. Vielmehr wohnt dem sehr differenzierten und zerbrechlich-instabilen Klangkosmos Iannottas eine erstaunliche Konsistenz inne, die vor allem tats\u00e4chlich emotional ber\u00fchrt. Allein das entsch\u00e4digt f\u00fcr die, zumindest beim ersten H\u00f6ren, nicht erkennbare Form. F\u00fcr die exzellente Auff\u00fchrung gibt es verdient langen Applaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Merkw\u00fcrdigerweise bleibt das als Reaktion auf den unerwarteten Tod des eng befreundeten \u201eOlly\u201c Knussen entstandene, kleiner besetzte <em>Concerto for Orchestra <\/em>(2021) Benjamins etwas blass. Zwar tr\u00e4gt es den Titel zu Recht, da hier typische Charakteristika einzelner Soloinstrumente- bzw. Orchestergruppen teils durchaus humorvoll \u2013 die Pers\u00f6nlichkeit Knussens widerspiegelnd \u2013 pr\u00e4sentiert werden: allen voran die Solo-Tuba als trauriger Clown; so ist Benjamins Werk keine \u00fcbliche Trauermusik <em>\u201ein memoriam\u2026\u201c<\/em>. Jedoch wirkt das \u00fcber 17 Minuten durchgehende Tempo ein wenig fade \u2013 trotz unterschiedlicher dar\u00fcber gelegter Zeitschichten: an der Oberfl\u00e4che teils \u00e4u\u00dferst nerv\u00f6se Streicher, im Untergrund der erneut sehr dunklen Bassregion ein sich langsam bewegendes Fundament, vielleicht an die riesige Gestalt des Verstorbenen erinnernd. Der immer auffallend sensible Komponist Benjamin hatte hier nicht unbedingt seine st\u00e4rksten \u201efarblichen\u201c Eingebungen und bleibt auch in seiner Darbietung an diesem Abend emotional wenig mitrei\u00dfend.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz anders <em>Deep Time <\/em>(2016), das letzte Werk von Altmeister Harrison Birtwistle (1934\u20132022) f\u00fcr ganz gro\u00dfes Orchester: Der Titel soll \u201egeologische Zeit\u201c versinnbildlichen, also die extrem langsame, dabei stetige und ph\u00e4nomenale Ver\u00e4nderung unseres Planeten \u2013 musikalisch allenfalls als Idee im Hintergrund umsetzbar. Wieder beginnt es ruhig und quasi unterirdisch pulsierend mit Tuba, Kontrabasstuba und gro\u00dfen Trommeln. Im Laufe der Musik begegnet man erwartbaren, heftigen Eruptionen: Derlei Gewaltakte hatte Birtwistle zeitlebens \u00fcberzeugend in seinem Repertoire. Dies wird aber nie zur oberfl\u00e4chlichen Klangorgie: Die abschlie\u00dfenden R\u00f6hrenglocken mit Vibraphon und Glockenspiel verhallen wie ein Hinweis auf die unbegreifbare Ewigkeit. Das BRSO unter seinem alle verbl\u00fcffenden Details umsichtig einfordernden Dirigenten realisiert dies v\u00f6llig begeisternd. Insgesamt ein wunderbar gelungenes Konzert, f\u00fcr das sich Publikum und demonstrativ George Benjamin beim Orchester bedanken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 13. Dezember 2025]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sir George Benjamin trat im Symphoniekonzert der musica viva am 12. 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