{"id":7447,"date":"2026-02-10T00:13:52","date_gmt":"2026-02-09T23:13:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7447"},"modified":"2026-02-14T19:46:42","modified_gmt":"2026-02-14T18:46:42","slug":"hans-werner-henzes-floss-der-medusa-bei-der-musica-viva","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2026\/02\/10\/hans-werner-henzes-floss-der-medusa-bei-der-musica-viva\/","title":{"rendered":"Hans Werner Henzes \u201eFlo\u00df der Medusa\u201c bei der musica viva"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Anl\u00e4sslich des bevorstehenden 100. Geburtstags <\/em>Hans Werner Henzes<em> dirigierte <\/em>Sir Simon Rattle<em> dessen gro\u00dfes Oratorium<\/em> Das Flo\u00df der Medusa<em> ausnahmsweise gleich zweimal in der M\u00fcnchner Isarphilharmonie \u2012 nur die bietet hier f\u00fcr das riesige Aufgebot an Musikern den n\u00f6tigen Platz. Zum <\/em>Symphonieorchester und Chor des Bayerischen Rundfunks<em> gesellten sich f\u00fcr dieses Werk der <\/em>WDR Rundfunkchor <em>sowie der<\/em> T\u00f6lzer Knabenchor. <em>Die Solisten waren<\/em> Kathrin Zukowski, Georg Nigl <em>und <\/em>Michael Rotschopf<em>. Zuvor gab es noch die Urauff\u00fchrung von <\/em>Zones of Blue <em>der \u00f6sterreichischen Komponistin <\/em>Olga Neuwirth<em>, mit<\/em> J\u00f6rg Widmann <em>an der Klarinette. Unser Rezensent besuchte das zweite Konzert am 7. Februar 2026.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/mv-06022026-Nigl-Rattle-Rotschopf-\u00a9BR-musicaviva-Astrid-Ackermann.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"732\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/mv-06022026-Nigl-Rattle-Rotschopf-\u00a9BR-musicaviva-Astrid-Ackermann-1024x732.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7448\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/mv-06022026-Nigl-Rattle-Rotschopf-\u00a9BR-musicaviva-Astrid-Ackermann-1024x732.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/mv-06022026-Nigl-Rattle-Rotschopf-\u00a9BR-musicaviva-Astrid-Ackermann-300x214.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/mv-06022026-Nigl-Rattle-Rotschopf-\u00a9BR-musicaviva-Astrid-Ackermann-768x549.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/mv-06022026-Nigl-Rattle-Rotschopf-\u00a9BR-musicaviva-Astrid-Ackermann-1536x1097.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/mv-06022026-Nigl-Rattle-Rotschopf-\u00a9BR-musicaviva-Astrid-Ackermann.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>\u00a9 BR musicaviva \/ Astrid Ackermann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Olga<\/em><em> Neuwirth<\/em>, 2022 Hauptpreistr\u00e4gerin des Siemens-Musikpreises, vollbringt in vielen ihrer Kompositionen eine nicht zwangsl\u00e4ufig erfolgreiche Gratwanderung zwischen klanglicher Provokation und inhaltlicher Tiefe. <em>Zones of Blue<\/em>, eine Rhapsodie f\u00fcr Klarinette mit Orchester, die als Hommage an ihren 2023 verstorbenen Vater Harald \u2012 \u201eArchitekt\u201c des Grazer Jazz-Instituts \u2012 entstand und dem Solisten der beiden Auff\u00fchrungen, <em>J\u00f6rg Widmann<\/em>, gewidmet ist, erweist sich allerdings als durchaus gereift. Trotz der f\u00fcr ein konzertantes Werk au\u00dfergew\u00f6hnlich gro\u00dfen Orchesterbesetzung, wirkt die abwechslungsreiche, zwischen unheimlicher Wehmut und grandios t\u00e4nzerischer Ekstase schwankende Musik weder \u00fcberinstrumentiert noch provokant im Sinne von \u201enervig\u201c. Zwar gehen gerade die leiseren, in sich gekehrten Abschnitte, die vor allem den einmal mehr ph\u00e4nomenal sensibel und eindringlich agierenden Solisten ins Zentrum stellen, emotional wie klanglich ins Extreme, ohne ins Exhibitionistische abzugleiten, bleiben aber dennoch verst\u00e4ndlich. Dazu braucht der H\u00f6rer weder die musikalischen Anspielungen noch das vorangestellte Gedicht <em>Blue <\/em><em>Song<\/em> von Tennessee Williams zu kennen. Neuwirth reizt wirklich alle technischen M\u00f6glichkeiten des modernen Klarinettenspiels aus und Widmann dringt beispielsweise in akustische H\u00f6hen vor, die man kaum glauben mag. Die farbliche Unterst\u00fctzung des Orchesters dabei ist ebenso faszinierend wie unkonventionell, was <em>Sir Simon Rattle<\/em> stets genauestens umsetzen l\u00e4sst. In den schnellen, rhythmisch stark an afrikanischen Modellen der marokkanischen Gnawa orientierten Abschnitten herrscht pure Lebensfreude, teils jazziger Drive, dem man sich nicht entziehen kann. Aber selbstverst\u00e4ndlich arbeitet Neuwirth mit ihren typischen Stilmitteln: mikrotonale Verfremdungen, nicht nur im Klavier, abrupte Abbr\u00fcche und Aufschreie. Da mag man ihrer Selbstbeschreibung als \u201e\u00f6sterreichische Depressionistin\u201c nur zustimmen. Das Publikum ist zu Recht angetan von dieser fein austarierten virtuosen H\u00f6chstleistung.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der ber\u00fchmten \u201euntergegangenen\u201c (so der Textdichter Ernst Schnabel) Hamburger Urauff\u00fchrung 1968 samt Mitschnitt von deren Generalprobe war es Jahrzehnte lang recht still um <em>Hans Werner Henzes<\/em> (1926\u20122012) gewaltiges Oratorium <em>Das Flo\u00df der Medusa<\/em>. Wom\u00f6glich die Koinzidenz zur Fl\u00fcchtlingskrise im Mittelmeer hat daf\u00fcr in den letzten 15 Jahren nicht nur dessen mehr denn je politische Aktualit\u00e4t bewiesen, sondern dem Werk nun ungeachtet des enormen Aufwands endg\u00fcltig ins Repertoire verholfen, zudem belegt durch zwei hochkar\u00e4tige Aufnahmen von 2017 (siehe unsere Kritiken zu <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/03\/10\/henzes-skandal-oratorium-aktueller-denn-je\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/03\/10\/henzes-skandal-oratorium-aktueller-denn-je\/\" target=\"_blank\">Peter E\u00f6tv\u00f6s<\/a>  bzw. <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/04\/12\/henzes-floss-der-medusa-mit-cornelius-meister-geht-unter-die-haut\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/04\/12\/henzes-floss-der-medusa-mit-cornelius-meister-geht-unter-die-haut\/\" target=\"_blank\">Cornelius Meister<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p>In M\u00fcnchen erklingt das Drama um den unmenschlichen Schiffbruch unter Simon Rattle wohl zum ersten Mal; erfreulich, dass diese Darbietungen an zwei Abenden f\u00fcr einen ausverkauften Saal sorgen, in dem offenkundig viel mehr Musikinteressierte sitzen als die \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen bei der <em>musica viva<\/em>. Und dem riesigen Ensemble gelingt eine echte Sternstunde. Von den drei Solisten hervorzuheben ist insbesondere die f\u00fcr die erkrankte Anna Prohaska kurzfristig eingesprungene Sopranistin <em>Kathrin Zukowski<\/em>, die <em>La Mort <\/em>bereits bei den letzten Salzburger Festspielen gesungen hat. Musikalisch und stimmtechnisch tadellos, verf\u00fcgt sie nicht nur \u00fcber den n\u00f6tigen Tonumfang, sondern vor allem \u00fcber das genau passende Timbre, das sich der Komponist hier vorgestellt haben mag. Selbst in den Extremlagen nie schrill oder schwachbr\u00fcstig, muss der Tod trotz seines Schreckens \u2012 wof\u00fcr die Orchesterbegleitung sorgt \u2012 hier wie eine Sirene wirken, deren Verf\u00fchrungs- bzw. Anziehungskraft angesichts des zunehmenden Grauens f\u00fcr die Schiffbr\u00fcchigen eine Erl\u00f6sung oder zumindest eine, freilich nicht selbstgew\u00e4hlte, Alternative darstellt. Das vermittelt Zukowski absolut hinrei\u00dfend, wenn auch ihre Platzierung oberhalb der B\u00fchne nicht wirklich optimal ist, was eine dezente Verst\u00e4rkung nur teilweise kaschieren kann. Diese fantastische S\u00e4ngerin h\u00e4tte man lieber noch direkter erlebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom immer bis in den letzten Winkel des Saals pr\u00e4senten <em>Georg Nigl<\/em> konnte man erwarten, dass er <em>Jean-Charles <\/em>nicht mit der ergreifenden W\u00e4rme von Fischer-Dieskau oder Dietrich Henschel geben w\u00fcrde. Er vermittelt ein H\u00f6chstma\u00df an Empathie f\u00fcr die zunehmende Zahl der Opfer der menschengemachten Katastrophe, aber steigert zugleich seine eigene Verzweiflung und Wut bis ins Unertr\u00e4gliche, \u00e4hnlich <em>Wozzeck<\/em> \u2012 dies sehr \u00fcberzeugend. <em>Michael Rotschopf<\/em> ist als Erz\u00e4hler (<em>Charon<\/em>) gro\u00dfartig glaubw\u00fcrdig, dabei niemals neutral und bei den rhythmisch gebundenen Passagen gleicherma\u00dfen perfekt wie die anderen Solisten. Nur h\u00e4tte f\u00fcr ihn etwas weniger Verst\u00e4rkung v\u00f6llig ausgereicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Am meisten begeistert an diesem Abend neben generell \u00fcberragender Textverst\u00e4ndlichkeit bei einem recht umf\u00e4nglichen Libretto jedoch die unglaublich souver\u00e4ne Realisierung der sehr komplexen und bis ins Solistische \u2012 etwa die 14 \u201e\u00dcberlebenden\u201c am Schluss \u2012 aufgef\u00e4cherten Ch\u00f6re des WDR und BR. Dies ist nicht nur ein Ergebnis guter Einstudierung, sondern gleicherma\u00dfen der umsichtigen und kaum zu \u00fcberbietenden Klangregie von Sir Simon, der mit einem seiner bisher engagiertesten Abende in M\u00fcnchen auftrumpfen kann. Und der T\u00f6lzer Knabenchor gibt ebenfalls sein Bestes, darf daf\u00fcr direkt an der \u201eRampe\u201c stehen bzw. sitzen. Bei den ausgefallenen und selbst f\u00fcr Henzes Verh\u00e4ltnisse verbl\u00fcffend differenzierten Orchesterfarben dieses dramatischen St\u00fcckes verdienen die Blechbl\u00e4ser und die gro\u00dfe Schlagzeug-Batterie des BRSO besonderes Lob. Einziger Kritikpunkt w\u00e4re, ob die nur rhythmisch im Schlagzeug (!) notierten \u201eHo-Ho-Ho-Tschi-Minh\u201c-Protestrufe wirklich vom Chor mitskandiert werden m\u00fcssen, was zwar eine spektakul\u00e4re Schlusswirkung bringt, dem Rezensenten jedoch reichlich plakativ vorkommt. Unterstellt man dem j\u00fcngeren Publikum, sonst nicht mehr den politischen Kontext zu begreifen? Danach gibt es langanhaltenden Jubel im HP 8 f\u00fcr eine ungemein vielschichtige und schon rein akustisch gewaltige Auff\u00fchrung eines schwierigen Meisterwerks, die sicher nachdenklich macht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 8. Februar 2026]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anl\u00e4sslich des bevorstehenden 100. Geburtstags Hans Werner Henzes dirigierte Sir Simon Rattle dessen gro\u00dfes Oratorium Das Flo\u00df der Medusa ausnahmsweise gleich zweimal in der M\u00fcnchner Isarphilharmonie \u2012 nur die bietet hier f\u00fcr das riesige Aufgebot an Musikern den n\u00f6tigen Platz. 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