{"id":7465,"date":"2026-02-17T00:30:23","date_gmt":"2026-02-16T23:30:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7465"},"modified":"2026-02-17T00:37:30","modified_gmt":"2026-02-16T23:37:30","slug":"das-hohelied-des-montmartre-gustave-charpentier-zum-70-todestag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2026\/02\/17\/das-hohelied-des-montmartre-gustave-charpentier-zum-70-todestag\/","title":{"rendered":"Das Hohelied des Montmartre \u2013 Gustave Charpentier zum 70.\u00a0Todestag"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Charpentier-Gustave.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Charpentier-Gustave-740x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7466\" width=\"375\" height=\"520\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Charpentier-Gustave-740x1024.jpg 740w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Charpentier-Gustave-217x300.jpg 217w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Charpentier-Gustave-768x1062.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Charpentier-Gustave.jpg 960w\" sizes=\"(max-width: 375px) 100vw, 375px\" \/><\/a><figcaption>Gustave Charpentier (um 1900)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Als sich am 2.&nbsp;Februar 1900 in der Pariser Op\u00e9ra-Comique erstmals der Vorhang f\u00fcr seine Oper <em>Louise<\/em> hob, hatte sich der 39-j\u00e4hrige Gustave Charpentier in seiner Heimat bereits mit einer Reihe von Werken einen Namen als Komponist gemacht. Mit dieser Oper sollte ihm nun ein Welterfolg gelingen. Von Anfang an als ein Meilenstein der franz\u00f6sischen Operngeschichte bewertet, gelangte <em>Louise<\/em> sehr bald \u00fcber die Grenzen Frankreichs hinaus: Bereits im Jahr der Urauff\u00fchrung h\u00f6rte man sie an der Metropolitan Opera in New York, 1902 wurde sie in Frankfurt am Main, Hamburg und K\u00f6ln gegeben, 1903 in Berlin und in Wien, wo Gustav Mahler sie an der Hofoper vorstellte; 1908 dirigierte Toscanini das Werk an der Mail\u00e4nder Scala, im n\u00e4chsten Jahr wurde sie erstmals am Royal Opera House in London gegeben. Ber\u00fchmte S\u00e4ngerinnen wie Mary Garden, Geraldine Farrar, Emmy Destinn, Marie Gutheil-Schoder und Grace Moore gl\u00e4nzten in der Titelrolle. Am 17. Januar 1921 sah man <em>Louise<\/em> an der Opera-Comique zum 500. Mal.<\/p>\n\n\n\n<p>Gustave Charpentier, Rompreistr\u00e4ger von 1887, war durch <em>Louise<\/em> endg\u00fcltig zu einer festen Gr\u00f6\u00dfe des franz\u00f6sischen Musiklebens geworden, der man \u00f6ffentlich Ehre erwies: Im Jahr der Urauff\u00fchrung ernannte man ihn zum Ritter der Ehrenlegion, 1912 wurde er in die Acad\u00e9mie des Beaux-Arts aufgenommen. Ein akademischer K\u00fcnstler ist Charpentier freilich zu keinem Zeitpunkt seines Lebens gewesen. Man schaue sich nur die Untertitel seiner Kompositionen an: Er nannte seine Symphonie <em>La Vie du po\u00e8te<\/em> ein \u201eDrama\u201c, seine erste Oper <em>Louise<\/em> einen \u201emusikalischen Roman\u201c und seine zweite Oper <em>Julien<\/em>, die zum gro\u00dfen Teil eine erweiterte Neufassung des erw\u00e4hnten Symphonie-Dramas ist, ein \u201elyrisches Gedicht\u201c. Hier zeigt sich ein K\u00fcnstler, der darauf pocht, seinen Gedanken einen ihrer Individualit\u00e4t entsprechenden Ausdruck zu verleihen und der sich nicht bereit findet, g\u00e4ngigen Gattungskonventionen Tribut zu erstatten. Wenn es eine Tradition gibt, in die sich Gustave Charpentier problemlos einreihen l\u00e4sst, dann ist es die spezifisch franz\u00f6sische Tradition der Gattungsmischung, wie sie von Hector Berlioz, namentlich in Werken wie <em>Rom\u00e9o et Juliette<\/em> oder <em>La damnation du Faust<\/em>, begr\u00fcndet wurde. Wie Berlioz stellt Charpentier die Musik stets in den Dienst einer poetischen Idee. Nicht ohne Grund taucht in seinem Schaffen wiederholt der Dichter als Identifikationsfigur auf \u2013 und zwar in einer ganz konkreten Gestalt: als Boh\u00e8mien aus dem Milieu des Montmartre, des Pariser K\u00fcnstlerviertels, dem sich Charpentier zeitlebens eng verbunden f\u00fchlte.<\/p>\n\n\n\n<p>Gustave Charpentier kam am 25.&nbsp;Juni 1860 im lothringischen Dieuze als Sohn eines B\u00e4ckers zur Welt. Ersten Musikunterricht erhielt er von seinem Vater, der als Amateur mehrere Instrumente spielte. Als er zehn Jahre alt war, floh die Familie in Folge des Deutsch-Franz\u00f6sischen Krieges nach Tourcoing nahe der Grenze zu Belgien. Hier erhielt Gustave erstmals Violinstunden von einem professionellen Geiger, woraufhin er schon bald im lokalen Orchester mitspielen konnte. Die knappen Eink\u00fcnfte seiner Eltern zwangen den F\u00fcnfzehnj\u00e4hrigen jedoch, einem Broterwerb in einer Spinnerei nachzugehen, wo er sich nach einiger Zeit vom Weber zum Buchhalter hocharbeiten konnte. Als Dank f\u00fcr erteilte Violinstunden erm\u00f6glichte ihm sein Arbeitgeber den Besuch des Konservatoriums in Lille und verhalf ihm schlie\u00dflich zu einem Stipendium der Stadt Tourcoing, das ihm erm\u00f6glichte, seine Studien am Pariser Konservatorium fortzusetzen. So siedelte Charpentier 1881 nach Paris \u00fcber und bezog auf dem Montmartre Quartier. Zwar scheiterte er mit seinem Plan, eine Laufbahn als Violinist einzuschlagen, doch erkannte Jules Massenet seine eigentliche Begabung und nahm ihn 1885 in seine Kompositionsklasse auf. Bereits zwei Jahre sp\u00e4ter trat Charpentier beim Wettbewerb um den Rompreis an, den er mit der Kantate <em>Didon<\/em> f\u00fcr sich entscheiden konnte. <em>Didon<\/em> ist, wie bei Rompreis-Kantaten \u00fcblich, auf einen vorgegebenen Text komponiert, also nicht, wie die sp\u00e4teren Hauptwerke des Komponisten, aus seinem eigenen Erleben geboren, doch zeugt das Werk bereits eindrucksvoll von seinem dramatischen Talent und seiner vollkommenen Beherrschung der Orchesterfarben. Eigentlich handelt es sich um eine einaktige Oper f\u00fcr den Konzertsaal.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der \u00dcbersiedelung nach Rom, wo er ab Januar 1888 zweieinhalb Jahre als Stipendiat in der Villa Medici wohnte, beginnt die gro\u00dfe Zeit des Komponisten Charpentier. Weit entfernt von Paris und dem geliebten Montmartre, findet er endg\u00fcltig zu sich selbst und gelangt zur Klarheit \u00fcber seine k\u00fcnstlerische Mission. Seine wichtigsten Werke entstehen hier oder werden zumindest hier begonnen: Im ersten Jahr seines Aufenthalts komponiert er die Symphonie <em>La Vie du po\u00e8te<\/em>, im folgenden die Orchestersuite <em>Impressions d&#8217;Italie<\/em>; auch das Konzept von <em>Louise<\/em> reicht in diese Zeit zur\u00fcck, doch entstand der Gro\u00dfteil der Oper erst nach Charpentiers R\u00fcckkehr in Paris.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Charpentier-Prix-de-Rome.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Charpentier-Prix-de-Rome-1024x914.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7467\" width=\"430\" height=\"383\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Charpentier-Prix-de-Rome-1024x914.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Charpentier-Prix-de-Rome-300x268.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Charpentier-Prix-de-Rome-768x685.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Charpentier-Prix-de-Rome-1536x1371.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Charpentier-Prix-de-Rome.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 430px) 100vw, 430px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>La Vie du po\u00e8te<\/em> ist eine der originellsten Vokalsymphonien, die es gibt. Die vier S\u00e4tze des Werkes entsprechen ann\u00e4hernd den vier S\u00e4tzen einer klassischen Symphonie. Zugleich sind sie als Stationen der Handlung eines Dramas gedacht. Entsprechend bezeichnet Charpentier sie als \u201eAkte\u201c, wobei der dritte Akt in zwei Bilder, den dritten und den vierten Satz, gegliedert ist. Auch findet sich in der Partitur des ausdr\u00fccklich \u201eSymphonie-Drame\u201c genannten Werkes ein Verzeichnis der handelnden Personen und der Handlungsorte. Letztere sind freilich als \u201evollkommen imagin\u00e4r\u201c zu verstehen. Jeder der vier S\u00e4tze steht unter einem bestimmten Motto: \u201eEnthusiasmus\u201c, \u201eZweifel\u201c, \u201eOhnmacht\u201c und \u201eRausch\u201c. Es sind die Zust\u00e4nde, die der Held des St\u00fcckes, der nur \u201eder Dichter\u201c genannt wird, im Laufe der Handlung durchlebt. Der erste Satz hebt mit feurigem Schwung an. Der Chor tritt erst mit dem lyrischen Seitenthema ein, wo er die \u201einneren Stimmen\u201c des Dichters verk\u00f6rpert, die ein Gebet an das \u201ereine Licht\u201c senden. Der Dichter f\u00fchlt sich von Visionen ergriffen, und der Satz endet orgiastisch mit einem Lobpreis der \u201eimmensen Flamme\u201c sch\u00f6pferischer Kraft. Im zweiten Satz finden wir den Dichter von den \u201eStimmen der Nacht\u201c umgeben, die z\u00e4rtlich zu ihm sprechen, aber die Selbstzweifel nicht zerstreuen k\u00f6nnen, die ihn in der Dunkelheit und Stille \u00fcberkommen. Da erfasst ihn im dritten Satz die \u201eOhnmacht\u201c, verdeutlicht durch ein brodelndes Orchesterst\u00fcck voller Chromatik, das wild herum moduliert, kurze Motive hin und her hetzt, Melodien mit langem Atem auszuspinnen versucht, aber immer wieder daran scheitert, Steigerungen in Gang zu bringen&#8230; Wann wurde je eine Schreibblockade unterhaltsamer in Musik gesetzt? Der vokale zweite Teil des Satzes ist langsamer und bringt in musikalischer Hinsicht Beruhigung, schwingt sich aber mehrfach zu gottesl\u00e4sterlichen Fl\u00fcchen auf, die den \u00c4rger des Dichters zum Ausdruck bringen. Schlie\u00dflich findet der Dichter im letzten Satz den inspirierenden Rausch durch ein Fest auf dem Montmartre, wo er ein M\u00e4dchen trifft, das f\u00fcr ihn tanzt, juchzt und Vokalisen tr\u00e4llert \u2013 und das, \u201eschurkisch lachend\u201c (!), den Betrunkenen schlie\u00dflich zur\u00fcckl\u00e4sst, woraufhin die inneren Stimmen mit drei leisen \u201eAh\u201c das Drama beenden. Kein gl\u00fccklicher, aber auch kein eigentlich tragischer Ausgang! Der Dichter, unschwer als Alter Ego Charpentiers zu erkennen, hat jetzt jedenfalls die Erfahrungen gesammelt, die er braucht, um sein Werk zu schaffen, das nichts anderes ist als eben das Symphonie-Drama <em>La Vie du po\u00e8te<\/em>&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Charpentier hat sp\u00e4ter bekannt, dass er kein Werk schreiben k\u00f6nne, das er nicht selbst zuvor durchlebt habe. Verarbeitete er in <em>La Vie du po\u00e8te<\/em> eigene Erlebnisse als junger K\u00fcnstler im Montmarte-Milieu, so sind die <em>Impressions d&#8217;Italie<\/em> das Produkt seiner Reisen durch Italien w\u00e4hrend seiner Zeit als Rompreis-Stipendiat. In der Suite, urspr\u00fcnglich als \u201eSymphonie sentimentale et pittoresque\u201c bezeichnet, fehlt bezeichnenderweise das historische Italien v\u00f6llig. Anders als wenige Jahre zuvor Richard Strauss in seiner Symphonischen Fantasie <em>Aus Italien<\/em> hat Charpentier \u201eRoms Ruinen\u201c keinen Satz gewidmet und sich ausschlie\u00dflich von Landschaftsbildern und Szenen aus dem Volksleben inspirieren lassen. Das Werk erw\u00e4chst aus der Ruhe: Ganze zwei Minuten lang sind nur die Violoncelli zu h\u00f6ren, die eine einfache, leicht beschwingte Melodie spielen. Mit geringstem Aufwand gelingt dem Komponisten die Schilderung einer gel\u00f6sten Grundstimmung: Der Italienreisende entspannt sich und genie\u00dft, was an sein Ohr gelangt. Mit feinem Gesp\u00fcr f\u00fcr atmosph\u00e4rische Wirkungen \u00fcbertr\u00e4gt Charpentier akustische Ph\u00e4nomene des Alltags aufs Orchester: die Gitarrenkl\u00e4nge der Serenade, die Schellen der Maultiere, die Glocken, die man vom Gipfel des Berges aus dem Tal empor klingen h\u00f6rt&#8230; Diese Musik spielt sich durchweg unter freiem Himmel ab und bietet prachtvolle Panoramablicke. Befand man sich in den ersten vier S\u00e4tzen im l\u00e4ndlichen Italien, so schildert der letzte und weitaus umfangreichste Satz die Gro\u00dfstadt Neapel. \u00c4hnlich wie im Finale von <em>La Vie du po\u00e8te<\/em>, wo man Blaskapellen aus verschiedenen Stra\u00dfen zu h\u00f6ren meint, entlockt Charpentier dem Orchester eine Vielzahl r\u00e4umlicher Effekte, um den gro\u00dfst\u00e4dtischen Trubel ad\u00e4quat umzusetzen. Die Themen basieren teils auf originalen Lied- und Tanzmelodien, die der Komponist in Neapel und Umgebung notierte. Der Satz beginnt mit einer Tarantella. Im weiteren Verlauf tritt ein Liedthema, das im ersten Teil nur kurz anklang, immer dominanter auf: zun\u00e4chst als serenadenhaftes Cellosolo, schlie\u00dflich als schmetternde Trompetenmelodie. Im Schlussteil \u2013 m\u00f6glicherweise die Darstellung des anbrechenden Morgens nach der Nachtmusik des Mittelteils \u2013 werden alle zuvor pr\u00e4sentierten Elemente durcheinander gewirbelt. Aus den Themen abgeleitete Bl\u00e4sersignale scheinen von Stra\u00dfe zu Stra\u00dfe, von Haus zu Haus fort zu klingen, bis die ganze Stadt in grellem Sonnenschein pulsiert.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Charpentier-Louise.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Charpentier-Louise-761x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7468\" width=\"430\" height=\"578\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Charpentier-Louise-761x1024.jpg 761w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Charpentier-Louise-223x300.jpg 223w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Charpentier-Louise-768x1034.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Charpentier-Louise.jpg 960w\" sizes=\"(max-width: 430px) 100vw, 430px\" \/><\/a><figcaption>Theaterplakat zur Urauff\u00fchrung von Louise (Georges-Antoine Rochegrosse)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Aus Italien zur\u00fcckgekehrt, widmete sich Charpentier jenem Werk, das sein ber\u00fchmtestes werden sollte: der Oper <em>Louise<\/em>. Sein in den beiden symphonischen Werken bewiesenes Talent zur feinen Wiedergabe menschlicher Seelenzust\u00e4nde wie zur naturalistischen Milieuschilderung stellte er hier in den Dienst eines mitten aus dem Leben gegriffenen Stoffes. In Louise treffen zwei Welten aufeinander, die Charpentier aus eigenem Erleben kannte: die der Arbeiter und die der K\u00fcnstler. Vor dem Hintergrund des Montmartre-Viertels schildert die Handlung die Liebe der N\u00e4herin Louise zu dem Dichter Julien und den sich sich dadurch ergebenden Konflikt mit ihren Eltern. Charpentier hatte wahrlich nicht vor, eine konventionelle Oper zu schreiben. Schon die Bezeichnung des Werkes als \u201eRoman musical\u201c deutet an, dass sich das St\u00fcck radikal von der stark formalisierten franz\u00f6sischen Operntradition abhebt. Tats\u00e4chlich haben wir weniger ein Drama als eine erz\u00e4hlerisch angelegte Bilderfolge vor uns. So wird der Gegensatz zwischen Kleinb\u00fcrgern und Boh\u00e8miens nicht zum Ausgangspunkt eines tragischen Konflikts, sondern zum Anlass ausf\u00fchrlicher Schilderung. Das St\u00fcck endet dort, wo ein klassischer Dramatiker es vielleicht h\u00e4tte beginnen lassen. Es ist auch gar nicht schlimm, dass man nicht erf\u00e4hrt, ob Louise mit Julien gl\u00fccklich wird oder sich mit ihren Eltern wieder vers\u00f6hnt. Sie verschwindet am Ende in den Stra\u00dfen des Montmartre und gibt damit zu verstehen, dass die eigentliche Hauptperson des St\u00fcckes jenes Paris ist, das ihr Vater in den letzten Worten der Oper verflucht. \u00c4hnlich wie <em>La Vie du po\u00e8te<\/em> in einer Art Katerstimmung schlie\u00dft, kommt auch <em>Louise<\/em> ohne eine echte L\u00f6sung aus, da die Handlung weniger ins Gewicht f\u00e4llt als die Darstellung. Mit viel Liebe hat Charpentier die \u201ekleinen Leute\u201c gezeichnet: als sein eigener Librettist in der Verwendung dialektal eingef\u00e4rbter Sprache, als Komponist, indem er die Atmosph\u00e4re der Gro\u00dfstadt Paris eingefangen hat wie kaum ein anderer. Besonders stechen die Volksszenen der beiden mittleren Akte heraus, die in der Kr\u00f6nung Louises zur Muse des Montmarte durch die Boh\u00e8miens gipfeln \u2013 bezeichnenderweise baute Charpentier an dieser Stelle sein bereits zuvor separat komponiertes \u201eCantate-ballet\u201c <em>Le Couronnement de la muse<\/em> ein, ein ausdr\u00fccklich als Freiluftmusik f\u00fcr Massenveranstaltungen konzipiertes Werk.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurze Zeit nach der Urauff\u00fchrung von <em>Louise<\/em> war Gustave Charpentier weltber\u00fchmt. Er geh\u00f6rte nun zu jenen K\u00fcnstlern, die damit rechnen konnten, dass jedes neue Werk von ihnen im internationalen Musikleben auf gro\u00dfes Interesse sto\u00dfen w\u00fcrde. Allerdings blieben diese neuen Werke weitgehend aus. Erst 1913 trat er wieder mit einer umfangreichen Arbeit hervor: der Oper <em>Julien ou La vie du po\u00e8te<\/em>. Wie im Untertitel des Werkes bereits angedeutet, handelt es sich um eine Neufassung von <em>La Vie du po\u00e8te<\/em>. H\u00e4lt man die Noten der Symphonie und der Oper nebeneinander, so zeigt sich, dass die Musik des \u00e4lteren Werkes \u00fcber weite Strecken nahezu unver\u00e4ndert \u00fcbernommen wurde, freilich erg\u00e4nzt um zahlreiche neue Episoden, um die Abschnitte der Symphonies\u00e4tze zu ausgewachsenen Opernszenen zu erweitern. <em>Julien<\/em> ist als Fortsetzung von <em>Louise<\/em> gedacht. Beide Hauptfiguren der ersten Oper treten hier wieder auf, wobei Louise im Verlauf der Handlung stirbt und anschlie\u00dfend nur noch als Traumbild Juliens in verschiedenen Gestalten pr\u00e4sent ist. Das Publikum nahm die Oper, deren musikalische Qualit\u00e4t au\u00dfer Zweifel steht, freundlich auf, zeigte sich aber von der kaum zu entwirrenden Verschmelzung von Traum und Wirklichkeit irritiert. So erreichte Charpentier mit diesem Versuch, die Handlung seiner Symphonie, die sich zum gro\u00dfen Teil in der Phantasie des Helden abspielt, auf die Opernb\u00fchne zu \u00fcbertragen, nur noch einen Achtungserfolg, und konnte nicht an die Triumphe seiner <em>Louise<\/em> ankn\u00fcpfen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Literatur liest man noch von einigen weiteren Projekten: so von einer Oper <em>L&#8217;amour au faubourg<\/em>, oder von einer Symphonischen Dichtung <em>Munich<\/em>, die als erstes St\u00fcck einer neuen Reihe orchestraler Reisebilder gedacht gewesen sein soll. Wann genau der Tondichter Gustave Charpentier verstummte, l\u00e4sst sich nicht genau sagen, doch steht fest, dass er nach <em>Julien<\/em> kein neues Werk mehr ver\u00f6ffentlichte. Er musste alles selbst erlebt haben, was er in Musik setzte. Nachdem er dem Montmartre mit <em>Louise<\/em> das Hohelied gesungen und dem Dichterleben der Boh\u00e8miens in Symphonie und Oper Denkm\u00e4ler errichtet hatte, scheint er zu dem Schluss gekommen zu sein, dass er als sch\u00f6pferischer K\u00fcnstler seinen Kreis durchschritten hatte. Zum haupts\u00e4chlichen Lebensinhalt wurde ihm nun die p\u00e4dagogische T\u00e4tigkeit, wobei er auch hier pers\u00f6nliche Akzente setzte: Dem einfachen Volk stets eng verbunden, gr\u00fcndete er 1902 das Conservatoire Populaire Mimi Pinson. Benannt nach einer literarischen Figur, die im allgemeinen Sprachgebrauch zur typischen Verk\u00f6rperung der Pariser Arbeiterin wurde, setzte sich dieses Konservatorium zum Ziel, Arbeiterinnen zu h\u00f6herer musikalischer Bildung zu verhelfen. Charpentier konnte eine Reihe angesehener Musiker dazu gewinnen, dort unentgeltlich Unterricht zu erteilen. Die Erfolge seines Bildungswerks pr\u00e4sentierte er in regelm\u00e4\u00dfigen Wohlt\u00e4tigkeitskonzerten, die er mit seinen Sch\u00fclerinnen in Paris wie in der franz\u00f6sischen Provinz veranstaltete. So wurde das musikerzieherische Wirken im Dienste der einfachen Frauen zum eigentlichen Sp\u00e4twerk Gustave Charpentiers, das er bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs fortf\u00fchrte. Daneben verfolgte er aufmerksam die Entwicklung moderner Medien, erstellte Kurzfassungen von<em> Impressions d&#8217;Italie<\/em>, <em>La Vie du po\u00e8te<\/em> und <em>Louise<\/em> f\u00fcr die Schallplatte und nahm einige seiner Werke als Dirigent selbst auf. 1939 betreute er die Verfilmung von <em>Louise<\/em> durch den Regisseur Abel Gance. Zu seiner besonderen Freude konnte er erleben, wie die Op\u00e9ra-Comique 1950 den 50. Jahrestag der Premiere seines Erfolgsst\u00fccks mit einer festlichen Jubil\u00e4umsveranstaltung beging. Vor 70 Jahren, am 18. Februar 1956, starb Gustave Charpentier im 96. Lebensjahr.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Februar 2026]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als sich am 2.&nbsp;Februar 1900 in der Pariser Op\u00e9ra-Comique erstmals der Vorhang f\u00fcr seine Oper Louise hob, hatte sich der 39-j\u00e4hrige Gustave Charpentier in seiner Heimat bereits mit einer Reihe von Werken einen Namen als Komponist gemacht. Mit dieser Oper sollte ihm nun ein Welterfolg gelingen. 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