{"id":7474,"date":"2026-03-28T23:43:00","date_gmt":"2026-03-28T22:43:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7474"},"modified":"2026-03-29T03:52:24","modified_gmt":"2026-03-29T01:52:24","slug":"milhaud-symphonien-protokoll-eines-hoervergleichs","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2026\/03\/28\/milhaud-symphonien-protokoll-eines-hoervergleichs\/","title":{"rendered":"Milhaud-Symphonien \u2013 Protokoll eines H\u00f6rvergleichs"},"content":{"rendered":"\n<p>Ein H\u00f6rerlebnis, das mir vor kurzem widerfuhr, erscheint mir mitteilenswert, da es beispielhaft zeigt, wie sehr eine Auff\u00fchrung bzw. Einspielung den Eindruck bestimmt, den ein Werk beim H\u00f6rer hinterl\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich traf mich mit einem guten Freund zu einem unserer regelm\u00e4\u00dfigen musikalischen Abende. Fester Bestandteil dieser Sitzungen ist es, ohne weiteren Kommentar eine CD aufzulegen und den jeweils anderen erraten zu lassen, welche Musik gerade l\u00e4uft. So geschah es auch neulich wieder: Mein Freund legte Musik auf, und ich sollte raten. Was ich h\u00f6rte, war relativ schnell als Symphonie zu erkennen. Ich vermutete ein St\u00fcck aus dem mittleren 20.&nbsp;Jahrhundert; der Komponist schien mir in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg seine k\u00fcnstlerische Sozialisation erfahren zu haben. Das Werk begann mit einem Satz in raschem Tempo mit Themen marschartigen Charakters. Allerdings strahlte der Marsch eine gewisse Schwerf\u00e4lligkeit aus. Die Aufnahme litt unter einem dumpfen Klang, was der Tontechnik geschuldet sein d\u00fcrfte, doch schien mir auch das Werk selbst zur klanglichen H\u00e4rte und Kargheit zu neigen. Die Harmonik war sehr dissonant, wenn auch deutlich tonal zentriert; dennoch schien es dem St\u00fcck an Spannung zu mangeln, gerade in dem relativ langen langsamen Satz. Als die Symphonie aus war, musste ich zugeben, nicht weiter zu wissen. Ich legte dar, was wohl f\u00fcr dies, was wohl f\u00fcr jenes sprechen k\u00f6nnte \u2013 am ehesten schien mir das Werk von einem US-amerikanischen \u201eModern Traditionalist\u201c oder einem Komponisten aus der DDR zu stammen \u2013, nannte ins Blaue hinein ein paar Namen, die mir einfielen, und f\u00fcgte hinzu, dass ich einen franz\u00f6sischen Komponisten ausschlie\u00dfen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier wies mich mein Freund darauf hin, dass es sich um das Werk eines franz\u00f6sischen Komponisten handelte, und zwar eines Autors von nicht weniger als 12 Symphonien. 12 Symphonien? Da fiel mir nur Darius Milhaud ein. Und tats\u00e4chlich: Es war die Symphonie Nr.&nbsp;4 von Darius Milhaud in der bei cpo erschienenen Gesamtaufnahme mit dem RSO Basel unter Alun Francis!<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/0761203965625.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/0761203965625-1013x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7476\" width=\"337\" height=\"340\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/0761203965625-1013x1024.jpg 1013w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/0761203965625-297x300.jpg 297w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/0761203965625-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/0761203965625-768x776.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/0761203965625-1519x1536.jpg 1519w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/0761203965625.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 337px) 100vw, 337px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich wurde mir sofort mein gro\u00dfer Nachholbedarf in Sachen Milhaud schmerzlich bewusst, eine Bildungsl\u00fccke, die es zu schlie\u00dfen gilt! Aber abseits dessen faszinierte mich, wie falsch die F\u00e4hrte war, auf die ich mich beim H\u00f6ren der Aufnahme begeben hatte. Denn ich hatte zu unserer musikalischen Sitzung ebenfalls ein Werk von Milhaud mitgebracht, n\u00e4mlich dessen Symphonie Nr.&nbsp;1 in der Aufnahme des NBC Symphony Orchestra unter der Leitung Leopold Stokowskis, ein Mitschnitt der New Yorker Erstauff\u00fchrung des St\u00fcckes aus dem Jahr 1943. Diese Aufnahme (die CD hatte ich vor allem wegen der ebenfalls darauf enthaltenen Symphonie Nr.&nbsp;1 von Alan Hovhaness gekauft) hatte mir einen ganz anderen Eindruck vom Stil des Komponisten verschafft! Also schlug ich vor, zur Gegen\u00fcberstellung nun die Auff\u00fchrung der Ersten unter Stokowski zu h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/0795754234725.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/0795754234725-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7477\" width=\"344\" height=\"344\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/0795754234725-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/0795754234725-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/0795754234725-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/0795754234725-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/0795754234725-1536x1536.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/0795754234725.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 344px) 100vw, 344px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Rasch waren wir uns darin einig, dass diese Symphonie ein Meisterwerk ist und die Auff\u00fchrung die Vorz\u00fcge des St\u00fcckes aufs sch\u00f6nste vermittelt. Welch eine Biegsamkeit des Rhythmus, welch eine Sanglichkeit in der Melodik herrscht hier! Und trotz der historischen Aufnahmetechnik l\u00e4sst sich auch die orchestrale Farbenpracht gut erahnen. Mit ph\u00e4nomenalem Klanggesp\u00fcr hat Stokowski die Kontraste zwischen reinen und gemischten Farben und die vielen feinen Abstufungen der Orchestration Milhauds zum Leben erweckt, was nat\u00fcrlich engstens damit verkn\u00fcpft ist, dass er den mit Dissonanzen reich gespickten Tonsatz bis zu seinen einfachen diatonischen Grundlagen durchdrungen hat. Die Spannung, die in den Harmonien herrscht, schl\u00e4gt einem wie ein akustischer Funkenflug aus diesem historischen Tondokument entgegen!<\/p>\n\n\n\n<p>Da wir die Gesamtaufnahme zur Hand hatten, wollte ich nun auch die Erste Symphonie unter Francis h\u00f6ren. Wie h\u00e4tte ich das Werk wohl eingesch\u00e4tzt, w\u00e4re ich ihm zuerst in dieser Aufnahme begegnet? Dem Fortschritt der Tontechnik zum Trotz entfaltet die j\u00fcngere Einspielung nicht ann\u00e4hernd den Zauber der \u00e4lteren \u2013 und man merkt, dass die rein aufnahmetechnischen Aspekte f\u00fcr den Eindruck nicht ausschlaggebend sind. Vor allem stechen die Unterschiede des Musizierens selbst ins Auge bzw. ins Ohr: Wo Stokowski das Orchester zum Singen bringt, h\u00e4lt Francis es blo\u00df im Takt und sorgt daf\u00fcr, dass es t\u00fcchtig von einem Taktstrich zum n\u00e4chsten kommt. Stokowskis Musizieren dagegen bewirkt, dass man beim H\u00f6ren gar nicht an Taktstriche und dergleichen denkt! Zudem handelt es sich bei Stokowskis Aufnahme um eine echte Auff\u00fchrung des ganzen Werkes. Das St\u00fcck wurde im Rundfunk gespielt wie in einem Konzert und direkt \u00fcbertragen. Nun sind mir zu den Bedingungen, unter denen Francis&#8216; Studioaufnahmen entstanden, keine Einzelheiten bekannt. Die Musik klingt hier jedoch sehr danach, als sei sie abschnittsweise aufgenommen worden, ohne dass man die Werke, oder wenigstens einzelne S\u00e4tze, vollst\u00e4ndig in einem Zug gespielt h\u00e4tte. M\u00f6glicherweise ist es schlicht einem solchen Vorgehen geschuldet, dass die Musik so ziellos und schwerf\u00e4llig erscheint.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Abschluss unserer Sitzung bot mir mein Freund noch an, Milhauds eigene Aufnahme der Vierten aufzulegen. Gern nahm ich dieses Angebot an. Meine Hoffnung, dadurch einen g\u00fcnstigeren Eindruck von dem St\u00fcck zu erhalten, wurde nicht get\u00e4uscht. Ein Komponist ist nicht zwangsl\u00e4ufig der beste Dirigent seiner eigenen Werke \u2013 siehe etwa Strawinskij oder Walton \u2013, doch Milhaud \u00fcberzeugt in dieser Rolle vollkommen. Wie bei Francis handelt es sich um eine Studioproduktion, aber sie stand offensichtlich unter einem viel g\u00fcnstigeren Stern. Der einleitende Marsch ger\u00e4t unter der Leitung des Komponisten deutlich schwungvoller, die Orchestergruppen wirken besser aufeinander eingespielt (siehe schon zu Beginn die kontrapunktischen Gegens\u00e4tze!), die Harmonien vibrieren \u00e4hnlich wie in Stokowskis Aufnahme der Ersten, und der langsame Satz erscheint wesentlich kurzweiliger als unter Francis (was nicht in erster Linie am absolut rascheren Tempo Milhauds liegt).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/0809274998224.jpg.webp\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/0809274998224.jpg-1024x1024.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-7478\" width=\"348\" height=\"348\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/0809274998224.jpg-1024x1024.webp 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/0809274998224.jpg-300x300.webp 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/0809274998224.jpg-150x150.webp 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/0809274998224.jpg-768x768.webp 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/0809274998224.jpg.webp 1417w\" sizes=\"(max-width: 348px) 100vw, 348px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Es geht hier nicht darum, an Francis&#8216; Gesamtaufnahme herumzum\u00e4keln (zumal ich, wie gesagt, gar nicht alle Einspielungen dieser Reihe kenne). An sich ist es eine gute Idee, das Schaffen eines offensichtlich bedeutenden Symphonikers in seiner G\u00e4nze pr\u00e4sentieren zu wollen. Wenn in diesem Falle optimale Resultate nicht erreicht wurden, so m\u00f6gen \u00e4u\u00dfere Bedingungen wie Proben- und Aufnahmezeiten ihren Teil dazu beigetragen haben. Vielleicht war es den Verantwortlichen auch wichtiger, dass die Aufnahmen gemacht wurden, als wie dies geschah. Immerhin handelte es sich in manchen F\u00e4llen um Ersteinspielungen. Wenn dem so ist, wirft das nat\u00fcrlich die Frage auf, ob ein solches Vorgehen einem Werk tats\u00e4chlich n\u00fctzt. Der Moment, in welchem man als H\u00f6rer merkt, dass man ein Werk verkannt hat, weil man es nur in einer suboptimalen Auff\u00fchrung oder Aufnahme zu h\u00f6ren bekam, ist jedenfalls befreiend.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, M\u00e4rz 2026]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein H\u00f6rerlebnis, das mir vor kurzem widerfuhr, erscheint mir mitteilenswert, da es beispielhaft zeigt, wie sehr eine Auff\u00fchrung bzw. Einspielung den Eindruck bestimmt, den ein Werk beim H\u00f6rer hinterl\u00e4sst. Ich traf mich mit einem guten Freund zu einem unserer regelm\u00e4\u00dfigen musikalischen Abende. 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