{"id":7498,"date":"2026-04-19T22:13:10","date_gmt":"2026-04-19T20:13:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7498"},"modified":"2026-04-19T22:20:58","modified_gmt":"2026-04-19T20:20:58","slug":"oedipus-mit-dem-holzhammer-zur-weimarer-inszenierung-von-korngolds-die-tote-stadt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2026\/04\/19\/oedipus-mit-dem-holzhammer-zur-weimarer-inszenierung-von-korngolds-die-tote-stadt\/","title":{"rendered":"\u00d6dipus mit dem Holzhammer \u2013 Zur Weimarer Inszenierung von Korngolds \u201eDie\u00a0tote\u00a0Stadt\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Eigentlich sollte man es begr\u00fc\u00dfen, dass Erich Wolfgang Korngolds Oper <em>Die tote Stadt<\/em> nach \u00fcber 100 Jahren wieder in Weimar zu sehen ist, denn es handelt sich um ein ausgezeichnetes St\u00fcck, an dem man schlichtweg alles loben muss: Es ist kompositorisch hervorragend gearbeitet, gl\u00e4nzend instrumentiert und folgt einer spannenden Handlung um interessant gezeichnete Hauptfiguren. Letzteres macht sie durchaus zu einem dankbaren St\u00fcck f\u00fcr Regisseure. Genauer gesagt: f\u00fcr Regisseure, die begreifen, worum es geht. Und da w\u00e4ren wir beim grundlegenden Fehler der Weimarer Inszenierung. Musikalisch hat hier alles Hand und Fu\u00df, diesbez\u00fcglich gibt es keine Probleme. Aber was n\u00fctzen die guten Leistungen der S\u00e4nger und Musiker, wenn sie ihre Kr\u00e4fte in den Dienst eines Konzepts stellen m\u00fcssen, das einfach nicht aufgeht?<\/p>\n\n\n\n<p>Noch vor einigen Jahren glaubten selbstherrliche Regisseure, dass sie die Zuschauer um jeden Preis schockieren und absto\u00dfen m\u00fcssten. In der Regel begn\u00fcgten sie sich aber damit, auf der B\u00fchne allerlei unfl\u00e4tigen Unfug zu zeigen, ohne das St\u00fcck textlich anzutasten. Dieses Vorgehen hat sich abgenutzt. In der Weimarer <em>Toten Stadt<\/em> sah man kein Blut, keinen M\u00fcll, keine nackten Leiber \u2013 nun gut, einmal wurde im Hintergrund eine nackte Frau von einem mit Pestarztmaske verkleideten Kardinal gefoltert, aber das war eine Ausnahme. Stattdessen konnte man in der Regel sch\u00f6n gekleidete Menschen sehen, die sich in einem sparsamen, nicht unangenehm ausgestatteten B\u00fchnenbild bewegten. Die Verhunzung des St\u00fcckes geschah auf andere, schlimmere Weise.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die tote Stadt<\/em> ist eine Pygmalion-Trag\u00f6die. In der mittelalterlich gepr\u00e4gten Stadt Br\u00fcgge, in der die Zeit stehen geblieben scheint, betreibt Paul einen grotesken Kult um seine tote Ehefrau Marie. Ein Gem\u00e4lde an der Wand und eine Haarlocke Maries sollen ihm dabei helfen, die Tote in seiner Phantasie lebendig zu erhalten. Da trifft er auf die T\u00e4nzerin Marietta, die Marie verbl\u00fcffend \u00e4hnelt. Da sich die lebende Marietta weigert, sich von Paul in das Ebenbild Maries verwandeln zu lassen, bleibt ihm schlie\u00dflich nur \u00fcbrig, sie zu t\u00f6ten, damit sie wenigstens der Toten gleicht. Korngold und sein Vater, die gemeinsam das Libretto nach Georges Rodenbachs Roman <em>Das tote Br\u00fcgge<\/em> schrieben, hatten offensichtlich Mitleid mit Paul und fanden f\u00fcr ihn einen Ausweg, indem sie am Schluss die Marietta-Handlung und den Mord als einen Albtraum darstellten, durch den Paul eine Katharsis erf\u00e4hrt und zum Leben zur\u00fcckfindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Was man am Deutschen Nationaltheater vorgesetzt bekam, war der Versuch, aus dieser Handlung eine \u00d6dipus-Geschichte zu machen. Marie wurde kurzerhand von Pauls Frau zu seiner Mutter. Entsprechend wurde auch an mehreren Stellen der Text ge\u00e4ndert, sodass nun ausdr\u00fccklich von Marie als \u201eMutter\u201c die Rede ist. Durch Pantomimen im Hintergrund wurde au\u00dferdem angedeutet, dass Paul seine Mutter einst ermordet hat, als er sie mit einem Liebhaber erwischte. So erkl\u00e4rt sich auch, dass Paul hier nicht blo\u00df eine Haarlocke Maries im Schrank aufbewahrt, sondern einen ganzen Zopf, an dem noch der Sch\u00e4del h\u00e4ngt. Diese Reliquie holt er mehrfach im Laufe der Handlung heraus, um sie innig zu herzen. Da ein gutes Ende heutzutage nicht mehr schick ist, endet das St\u00fcck in der Weimarer Inszenierung damit, dass sich Paul die Haare seiner Mutter selbst auf den Kopf setzt, offensichtlich besessen vom Wunsch, mit ihr zu verschmelzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne Zweifel ist Paul auch in der urspr\u00fcnglichen Handlung ein pathologischer Charakter. Ein guter Regisseur w\u00fcrde die Figur nehmen, wie sie uns von Korngold geboten wird, und ihre Vorgeschichte durch Andeutungen vertiefen. Wer wei\u00df, was diesen Menschen dazu bringt, sich in einen solchen lebensfeindlichen Kult hineinzusteigern? Der Regisseur kann ja gern eine gest\u00f6rte Mutter-Kind Beziehung andeuten, indem er z.&nbsp;B. Pauls Zimmer au\u00dfer mit den Marie-Reliquien noch mit Familienbildern aus Pauls Kindheit ausstattet und ihn vor diesen Bildern auf eine Weise gestikulieren l\u00e4sst, durch die seine Traumata deutlich werden. Aber es muss bei subtilen Andeutungen bleiben, die sich nicht in den Vordergrund dr\u00e4ngen! Siegmund Freud ist letztlich sowieso in dem St\u00fcck auf hintergr\u00fcndige Weise pr\u00e4sent, ohne dass das ausgesprochen werden m\u00fcsste. Ein intelligentes Publikum merkt das. Und ein verantwortungsvoller Regisseur achtet sein Publikum, indem er ihm bei der Umsetzung dieses Werkes nicht den \u00d6dipus-Komplex wie einen Holzhammer um die Ohren haut!<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nein: Auf Biegen und Brechen muss Pygmalion in \u00d6dipus verwandelt werden. Dazu h\u00e4tte es mehr gebraucht als nur den Austausch von \u201eMarie\u201c und \u201eMutter\u201c an gewissen Textstellen. Angesichts der Umgestaltung f\u00e4llt umso mehr auf, wie sehr sich das St\u00fcck gegen diese Verzerrung str\u00e4ubt. Paul redet immer noch meistens von \u201eMarie\u201c, nur selten von \u201eMutter\u201c, und er spricht von ihr wie von einer Geliebten. Der entscheidende Unterschied zu \u00d6dipus besteht darin, dass dieser ja gerade nicht wei\u00df, dass Iokaste seine Mutter ist! Nur deswegen kann sie f\u00fcr ihn die Rolle der Geliebten einnehmen. Das urspr\u00fcngliche Konzept ist also zerst\u00f6rt, und kein neues wird an seine Stelle gesetzt (wie auch!). \u00dcbrig bleibt nur haarstr\u00e4ubender Unsinn. Dieser wird am Anfang jedes Aktes aufs neue zementiert, indem ein Sprecher wie in einem schlechten Fernsehfilm einen kurzen Prolog \u00fcber Paul und seine Beziehung zu seiner Mutter vortr\u00e4gt. Von Anfang an also wird das Werk in eine Bahn gelenkt, die ihm nicht gem\u00e4\u00df ist, und werden die Zuschauer \u00fcber den Inhalt des Werkes get\u00e4uscht.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die tote Stadt<\/em> ist solch ein gutes St\u00fcck, in jeder Hinsicht ein Meisterwerk und eine Bereicherung f\u00fcr jeden B\u00fchnenspielplan! Unsere Theater t\u00e4ten gut daran, es h\u00e4ufiger zu spielen, aber bitte ohne die Mitwirkung von Regisseuren, die Pygmalion und \u00d6dipus nicht auseinanderzuhalten wissen!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, April 2026]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich sollte man es begr\u00fc\u00dfen, dass Erich Wolfgang Korngolds Oper Die tote Stadt nach \u00fcber 100 Jahren wieder in Weimar zu sehen ist, denn es handelt sich um ein ausgezeichnetes St\u00fcck, an dem man schlichtweg alles loben muss: Es ist kompositorisch hervorragend gearbeitet, gl\u00e4nzend instrumentiert und folgt einer spannenden Handlung um interessant gezeichnete Hauptfiguren. 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