{"id":7504,"date":"2026-04-28T20:28:26","date_gmt":"2026-04-28T18:28:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7504"},"modified":"2026-04-28T23:33:22","modified_gmt":"2026-04-28T21:33:22","slug":"enno-poppe-dirigiert-bei-der-musica-viva-drei-konzertante-werke","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2026\/04\/28\/enno-poppe-dirigiert-bei-der-musica-viva-drei-konzertante-werke\/","title":{"rendered":"Enno Poppe dirigiert bei der musica viva drei konzertante Werke"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Am 24. April 2026 deb\u00fctierte der als Komponist schon mehrfach bei der musica viva pr\u00e4sente <\/em>Enno Poppe<em> als Dirigent des <\/em>Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks<em> und leitete neben der Urauff\u00fchrung seines eigenen Werkes \u201eWhat I Feel\u201c, mit den S\u00e4ngerinnen <\/em>Keren Motseri <em>und<\/em> Noa Frenkel, <em>die deutsche Erstauff\u00fchrung von<\/em> Beat Furrers <em>\u201eKlavierkonzert Nr. 2\u201c<\/em> <em>(Solist:<\/em> Francesco Piemontesi<em>) sowie <\/em>Lisa Streichs <em>Trompetenkonzert<\/em><em> \u201eMeduse\u201c mit dem Solotrompeter des <\/em>BRSO<em>, <\/em>Martin Angerer<em>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/mv-20260424-Poppe-Streich-Angerer-\u00a9BR-Astrid-Ackermann.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"732\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/mv-20260424-Poppe-Streich-Angerer-\u00a9BR-Astrid-Ackermann-1024x732.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7505\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/mv-20260424-Poppe-Streich-Angerer-\u00a9BR-Astrid-Ackermann-1024x732.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/mv-20260424-Poppe-Streich-Angerer-\u00a9BR-Astrid-Ackermann-300x214.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/mv-20260424-Poppe-Streich-Angerer-\u00a9BR-Astrid-Ackermann-768x549.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/mv-20260424-Poppe-Streich-Angerer-\u00a9BR-Astrid-Ackermann-1536x1097.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/mv-20260424-Poppe-Streich-Angerer-\u00a9BR-Astrid-Ackermann.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Poppe, Streich, Angerer \/ \u00a9 BR-Astrid Ackermann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Komponist <em>Enno Poppe <\/em>(Jahrgang 1969) tritt wie sein Kollege Matthias Pintscher bereits l\u00e4nger ebenso als Dirigent nicht nur eigener Musik auf, deb\u00fctiert aber erst jetzt in dieser Funktion mit drei konzertanten Werken beim BRSO im M\u00fcnchner Herkulessaal. Der Abend beginnt mit der deutschen Erstauff\u00fchrung des <em>Klavierkonzerts Nr. 2 <\/em>(2025) des schweizerischen Ernst von Siemens Musikpreistr\u00e4gers von 2018, <em>Beat Furrer<\/em>. Der aus Locarno stammende Pianist <em>Francesco Piemontesi <\/em>hat sich in den letzten Jahren zu einem weltweit beachteten Interpreten hochvirtuoser Klaviermusik, insbesondere Franz Liszts, entwickelt. Seine exzellente Einspielung des Sch\u00f6nberg-Konzerts zeigt jedoch, dass er gleichwertig modernes Repertoire beherrscht, und Furrer hat ihm seinen neuen Gattungsbeitrag sozusagen auf den Leib geschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die extremen technischen Anforderungen, etwa die unz\u00e4hligen, sich chromatisch hochschraubenden kleinen Cluster des mit zun\u00e4chst nur sp\u00e4rlichen, ger\u00e4uschhaften Einw\u00fcrfen reagierenden Orchesters, bew\u00e4ltigt Piemontesi scheinbar m\u00fchelos, bleibt das gesamte St\u00fcck hindurch klangsch\u00f6n und gestaltet den Solopart differenziert und mit enormer dynamischer Bandbreite. Orchester und Solist agieren \u00fcber weite Strecken antagonistisch. Lange klingt das Konzert hell timbriert und in seinen mikrotonal fluktuierenden Schattierungen abwechslungsreich. Es gibt mehrere, mit ihren gegenl\u00e4ufigen, sequenzierten Bewegungsmustern freilich recht vorhersehbare, dennoch wirkungsvolle Steigerungen. Neben einer \u00e4u\u00dferst zarten Passage mit irisierenden \u00e4therischen Kl\u00e4ngen bei\u00dft sich allerdings eine vom Solisten initiierte, lyrische Phase fast bis zum Stillstand fest, was ziemlich fade wirkt. Ein monstr\u00f6ses Aufschrecken des Orchesters f\u00fchrt zur nun aggressiveren Anfangskonstellation zur\u00fcck; schlie\u00dflich verebbt die Musik wenig zielgerichtet im Nichts. Das Werk ist durchaus beeindruckend, aber doch schw\u00e4cher als Furrers 1. Klavierkonzert, das hier beim musica viva Festival 2008 zu h\u00f6ren war. Wieso Piemontesi mit innigstem Tonfall als Zugabe ausgerechnet den langsamen Satz aus Mozarts Klaviersonate KV 332 zelebriert, bleibt schleierhaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00fcberwiegend in Deutschland aufgewachsene und ausgebildete Schwedin Lisa Streich erhielt bereits 2017 den F\u00f6rderpreis f\u00fcr Komposition der EvS Musikstiftung und bindet oft Allusionen an Versatzst\u00fccke der Musikgeschichte in eine hochgradig durch Mikrotonalit\u00e4t und ungew\u00f6hnliche Spieltechniken verfremdete, dabei durchaus an gel\u00e4ufige Modelle ankn\u00fcpfende harmonische Entwicklungen ein. Ihr Trompetenkonzert <em>Meduse <\/em>(2024) wurde von H\u00e9l\u00e8ne Cixous\u2019 Schrift \u201eDas Lachen der Medusa\u201c inspiriert und betrachtet die mythologische Figur vielschichtiger als nur als m\u00e4nnermordendes Ungeheuer. Streich stellt die urspr\u00fcnglich noch unbefangene Freude an ihrer Sch\u00f6nheit ins Zentrum und Medusa zugleich als Opfer m\u00e4nnlicher Gewalt dar. Diese wird offenkundig durch bewusst primitive R\u00fcckgriffe auf Marsch- bzw. Walzermusiken im Stile sp\u00e4tstalinistischer Heroisierungen repr\u00e4sentiert, mit l\u00e4cherlich \u201edominantischen\u201c B\u00e4ssen. Martin Angerer, der Solotrompeter des BRSO, musiziert ph\u00e4nomenal und hat quasi ununterbrochen zu tun. Wie er mit D\u00e4mpfern und nahe der H\u00f6rbarkeitsgrenze lange T\u00f6ne h\u00e4lt, um dann abrupt zu fanfarenartigen Bekundungen auszubrechen, gelingt gro\u00dfartig und erweckt im Saal offenbar die angestrebte Empathie mit der gespaltenen Medusa-Figur. Am Schluss wechselt er zu einem Gartenschlauch, bleibt dabei klanglich gleicherma\u00dfen flexibel. Im Detail ist die Vielfalt der mikrointervallischen Zersplitterungen im Orchester bald erm\u00fcdend. Alles erscheint gebrochen, so wie der Versuch, ohne Taucherbrille im Wasser klar sehen zu wollen. Auch kann die allm\u00e4hliche Entwicklung des St\u00fccks zu einer Art Lamento-Kondukt \u00fcber l\u00e4ngst abgedroschenen Harmonieschemata des Barock nicht \u00fcberzeugen: pseudo-affirmativ verspielter Unsinn, der gegen Ende langweilig auf der Stelle tritt und emotional so nicht funktioniert. Durch ein paar kleinere K\u00fcrzungen w\u00e4re diese Musik wohl immerhin zu retten. Angerer, der mit einem Kollegen eine k\u00f6stlich humorvolle Zugabe f\u00fcr zwei Fl\u00fcgelh\u00f6rner spielt, hat den gro\u00dfen Applaus jedenfalls redlich verdient. Man darf umso mehr auf Streichs <em>Black Swan <\/em>f\u00fcr Klavier und Orchester gespannt sein \u2012 schon im n\u00e4chsten musica viva Konzert.<\/p>\n\n\n\n<p>Enno Poppe leitet das BRSO, das sich einmal mehr akribisch der vielen auff\u00fchrungspraktischen Gimmicks der drei neuen Werke angenommen hat, souver\u00e4n, jedoch \u00e4u\u00dferlich ziemlich unbeteiligt. Irritierend wirkt lediglich, wie er \u00f6fters den linken Arm irgendwo mittig fast krampfhaft arretiert, was man sich freilich abgew\u00f6hnen k\u00f6nnte. Bei seinem eigenen vokalen Doppelkonzert <em>\u201eWhat I Feel\u201c<\/em>, der durchlaufenden Vertonung dreier witziger Prosatexte der amerikanischen Autorin Lydia Davis, ist Poppe dann absolut fokussiert, begleitet die beiden sich stimmlich und in ihrer Textgestaltung ideal erg\u00e4nzenden S\u00e4ngerinnen <em>Keren Motseri<\/em> und <em>Noa Frenkel <\/em>einf\u00fchlsam, h\u00e4lt das bereits entsprechend geschickt instrumentierte Orchester durchsichtig, ohne den Gesang zuzudecken. Was f\u00fcr die hochklassigen Protagonistinnen, die sich teilweise bei jedem Wort abwechseln m\u00fcssen, aber auch f\u00fcr einige Momente h\u00fcbsch duettieren d\u00fcrfen, enorme Konzentration verlangt, erweist sich f\u00fcr die H\u00f6rer bereits im ersten Abschnitt \u201eA Second Chance\u201c als vergn\u00fcglich, zugleich tiefgr\u00fcndig, und Poppes Vertonung legt die Doppeldeutigkeit von Davis\u2019 Gedankenspielen bei perfekter Verst\u00e4ndlichkeit offen. Dies erinnert in der Tat an \u00e4hnliche Qualit\u00e4ten Leonard Bernsteins. S\u00e4ngerisch d\u00fcrfen Motseri mit ihrem beweglichen, hohen Sopran und Frenkel \u2012 endlich mal wieder eine echte Altstimme \u2012 in Poppes Komposition jeweils ihre Schokoladenseiten demonstrieren, was zu einer reinen Freude wird. Am interessantesten an <em>What I Feel <\/em>ist, wie der Komponist, der als einer der ganz wenigen auch Mikrotonalit\u00e4t in eine konsistente Harmonik integrieren kann, hier anscheinend seine Melodik vom Grundsatz her im \u00fcblichen Tonsystem von 12 Halbt\u00f6nen bel\u00e4sst. Die sehr pr\u00e4zise notierten Abweichungen davon kommen eher als rein klangfarbliche Abstimmungen zum Einsatz. Bei den Vokalpartien erh\u00f6hen sie im Sinne au\u00dfereurop\u00e4ischer Gesangstraditionen die Emotionalit\u00e4t, beim Orchester sorgen sie f\u00fcr eine faszinierende, oft ebenfalls mit den Nuancen der Texte korrespondierende Beleuchtung, an ein paar Stellen mittels ansprechender spektraler Auff\u00e4cherung. Eine gewisse Einheit des Materials \u00fcber die drei durch \u00dcberleitungen miteinander verbundenen \u201eS\u00e4tze\u201c wird insbesondere durch die weiterlaufende Grundierung mit perkussiven, rhythmischen Pattern von \u201eNew Year\u2019s Resolution\u201c zum abschlie\u00dfenden, titelgebenden \u201eWhat I Feel\u201c deutlich. Das gesamte Werk \u00fcberzeugt von Beginn an bis zum dramatischen H\u00f6hepunkt im letzten Teil und erf\u00e4hrt hier eine exemplarische Urauff\u00fchrung, die das am Ende des Konzerts leider bereits ein wenig m\u00fcde Publikum gleichfalls begeistert: ein sehr inspirierender Abend.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 26. April 2026]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 24. April 2026 deb\u00fctierte der als Komponist schon mehrfach bei der musica viva pr\u00e4sente Enno Poppe als Dirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks und leitete neben der Urauff\u00fchrung seines eigenen Werkes \u201eWhat I Feel\u201c, mit den S\u00e4ngerinnen Keren Motseri und Noa Frenkel, die deutsche Erstauff\u00fchrung von Beat Furrers \u201eKlavierkonzert Nr. 2\u201c (Solist: Francesco Piemontesi) &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2026\/04\/28\/enno-poppe-dirigiert-bei-der-musica-viva-drei-konzertante-werke\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Enno Poppe dirigiert bei der musica viva drei konzertante Werke<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[2549,1194,2157,728,4654,1981,5473,507,2202,5474,243],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7504"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7504"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7504\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7507,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7504\/revisions\/7507"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7504"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7504"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7504"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}