{"id":7519,"date":"2026-06-14T02:58:00","date_gmt":"2026-06-14T00:58:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7519"},"modified":"2026-06-12T03:06:23","modified_gmt":"2026-06-12T01:06:23","slug":"raffs-dornroeschen-aus-dem-schlaf-gekuesst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2026\/06\/14\/raffs-dornroeschen-aus-dem-schlaf-gekuesst\/","title":{"rendered":"Raffs Dornr\u00f6schen aus dem Schlaf gek\u00fcsst"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/20260607_214112-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/20260607_214112-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7520\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/20260607_214112-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/20260607_214112-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/20260607_214112-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/20260607_214112-1536x1152.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/20260607_214112-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Die W\u00fcrttembergische Philharmonie Reutlingen und der Stuttgarter Bachchor musizieren unter J\u00f6rg-Hannes Hahn in der Martin-Luther-Kirche Stuttgart-Bad Cannstatt<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Wiederauff\u00fchrung eines gro\u00dfen romantischen Werkes nach 170 Jahren ist, obwohl sich \u00e4hnliche Gelegenheiten in den vergangenen Jahren wohltuend geh\u00e4uft haben, immer noch eine absolute Seltenheit. So ganz stimmt es im Falle von Joachim Raffs M\u00e4rchenepos <em>Dornr\u00f6schen<\/em> auch nicht. Denn nach der Weimarer Urauff\u00fchrung im Jahr 1856 erlebte das Werk immerhin noch zwei weitere Darbietungen: 1858 in Wiesbaden und 1884, zwei Jahre nach dem Tod des Komponisten, in Jena. Dass das Werk nun am 7. Juni 2026 erstmals wieder in voller L\u00e4nge \u00f6ffentlich zu Geh\u00f6r gebracht wurde, ist in erster Linie dem Verleger Volker Tosta (Edition Nordstern) zu verdanken, der bereits 2009 das Vorspiel f\u00fcr eine CD-Produktion ediert hatte und nun auch das Auff\u00fchrungsmaterial inkl. professionellem Klavierauszug f\u00fcr das gesamte Werk erarbeitet hat (die Partitur soll 2027 erscheinen). Die Auff\u00fchrung durch die W\u00fcrttembergische Philharmonie Reutlingen und den Stuttgarter Bachchor mit h\u00f6chst talentierten Nachwuchss\u00e4ngerinnen und -s\u00e4ngern unter der Leitung von J\u00f6rg-Hannes Hahn in der Martin-Luther-Kirche Stuttgart-Bad Cannstatt war Abschluss einer Studioproduktion des SWR, die in einer CD-Produktion beim allseits bekannten und beliebten Osnabr\u00fccker Rarit\u00e4tenlabel cpo m\u00fcnden wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Entstehungsgeschichte f\u00fchrt uns tief in die Bl\u00fctezeit des Weimarer Kreises um Franz Liszt, dessen Assistent Raff von 1849 bis 1856 war. Manchen klassizistischen Idealen Mendelssohns anh\u00e4ngend und zugleich dem Reformeifer der Neudeutschen Schule verpflichtet, rang der in Lachen am Z\u00fcrichsee geborene Komponist w\u00e4hrend dieser Zeit mit seiner eigenen \u00e4sthetischen Positionsbestimmung, die sich in zahlreichen Aufs\u00e4tzen und seiner ebenfalls 1854 erschienenen Schrift <em>Die Wagnerfrage<\/em> niederschlug. Darin setzt er sich kritisch mit Wagners <em>letzter k\u00fcnstlerischer Kundgebung im \u201eLohengrin\u201c<\/em> \u2013 so der Untertitel dieser ersten Wagner-Monographie \u00fcberhaupt \u2013 auseinander und wirft dem Musikdramatiker mangelnde kontrapunktische Arbeit vor, die f\u00fcr Raff zum Erbgut deutscher Kompositionstradition geh\u00f6re, einen inflation\u00e4ren Gebrauch von Leitmotiven und ganz generell die Verwendung metaphysischer Stoffe, die f\u00fcr Raff nicht auf die Opernb\u00fchne geh\u00f6ren. Direkter kompositorischer Reflex auf den <em>Lohengrin<\/em> ist Raffs Musikdrama <em>Samson<\/em>, das erst 2022 am Deutsche Nationaltheater Weimar seine sp\u00e4te Urauff\u00fchrung erlebte.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem gattungsgeschichtlich schwierig einzuordnenden M\u00e4rchenepos <em>Dornr\u00f6schen<\/em> \u2013 halb weltliches Oratorium, halb Musikdrama, das lediglich durch sog. <em>Tableau vivants<\/em>, lebende Bilder, eine Inszenierung erfuhr \u2013 spiegelt sich zugleich die famili\u00e4re Verflechtung Raffs in die Weimarer Theaterwelt. Denn bei dem Librettisten Wilhelm Genast handelt es sich um den Sohn des Schauspielers und Regisseurs Eduard Genast, der noch unter Goethe am Theater wirkte, und zugleich um Raffs sp\u00e4teren Schwager, da dieser 1856 seine Schwester Doris \u2013 ebenfalls eine erfolgreiche Schauspielerin \u2013 heiratete. Auch mit Schwester Emilie war Raff eine Zeitlang fest verbandelt.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Handlung griff Genast nicht etwa auf die archetypisch angelegte \u00dcberlieferung der Gebr\u00fcder Grimm zur\u00fcck, sondern schuf eine eigene Interpretation des Stoffes mit neuem Personentableau, das dem Geschehen ungekannte psychologische und gesellschaftspolitische Dimensionen hinzuf\u00fcgt: Der greise K\u00f6nig tritt an den See und ruft die Wasserfee hervor, die den Fluten entsteigt. Dornr\u00f6schen ist ihr gemeinsames Kind. Er verk\u00fcndet ihr, dass Dornr\u00f6schen bald einen m\u00e4chtigen K\u00f6nig heiraten werde, damit sein K\u00f6nigreich Bestand haben werde. Die Wasserfee ist erbost \u00fcber diesen Plan und verk\u00fcndet, dass noch nicht einmal der Gro\u00dfvater des Dornr\u00f6schen zugedachten Br\u00e4utigams geboren sei. Der K\u00f6nig bleibt mit Unverstand zur\u00fcck und wird von den Elfen bet\u00f6rt, sich der Vorsehung der Wasserfee zu beugen. Der Konflikt ist damit klar umrissen und der aufmerksame Zuh\u00f6rer begreift schon hier die Notwendigkeit eines hundertj\u00e4hrigen Schlafes, um die f\u00fcreinander Bestimmten zueinander bringen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite Teil hebt mit mehreren musikalischen Genrebildern aus dem Schloss an, in dem sich die Dienerschaft emsig auf die bevorstehende Hochzeit vorbereitet. Der K\u00fcchenmeister treibt die M\u00e4gde an, die ihn mit ihren neckischen Nachfragen schier um den Verstand bringen. Der Kellermeister und die K\u00fcfer preisen derweil die Sch\u00e4tze des Weinkellers. Dornr\u00f6schen jedoch sitzt mit ihrem Spinnrad im Turm, f\u00fcrchtet sich vor dem fremden Br\u00e4utigam und bittet die Naturgeister um Hilfe. Die Elfen raten ihr, die Spindel als Schutzmittel nicht aus der Hand zu geben. Der K\u00f6nig und der Freier betreten das Zimmer. Als sich Dornr\u00f6schen weigert, die Spindel aus der Hand zu legen, um sie gegen die Krone einzutauschen, zerbricht der Vater sie im Zorn in ihrer Hand. Die Spindel sticht dabei Dornr\u00f6schen in den Finger, woraufhin ein Grollen aus dem See steigt, das den fremden K\u00f6nig und sein Gefolge vertreibt. Wie wir es aus der Grimmschen Fassung kennen, sinkt Dornr\u00f6schen daraufhin mit den \u00fcbrigen Schlossbewohnern in einen tiefen Schlaf, w\u00e4hrend das Schloss von einer undurchdringlichen Dornhecke eingeschlossen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Der dritte Teil ist gewisserma\u00dfen dem hundertj\u00e4hrigen Schlaf gewidmet, w\u00e4hrend dessen die Wasserfee am Bette Dornr\u00f6schen wacht und sie im Traum das Bild des Verhei\u00dfenen schauen l\u00e4sst, dessen Kommen die schon das Hochzeitskleid webenden Elfen schlie\u00dflich verk\u00fcnden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die hundert Jahre sind im vierten Teil verstrichen, als sich ein J\u00e4gerchor dem Schloss n\u00e4hert und die Freuden der Jagd besingt. Der Graf sondert sich von der J\u00e4gerschar ab, um sich auf die Suche nach dem Schloss Dornr\u00f6schens zu begeben, die er ebenfalls im Traum gesehen hat. Der Graf dringt ungest\u00fcm ins Dickicht, das vor ihm zur\u00fcckweicht, und findet Dornr\u00f6schen im Turmzimmer. Sie glaubt zun\u00e4chst noch zu tr\u00e4umen, als der Graf sie wachgek\u00fcsst hat, doch dann erkennen beide, das Traumbild des jeweils anderen nun leibhaftig vor sich zu sehen, und versprechen sich einander. Ein retardierendes Element f\u00fcgt der nun ebenfalls von Dornr\u00f6schen wachgek\u00fcsste K\u00f6nig der Handlung hinzu, der den erbetenen Segen zun\u00e4chst verweigert und den kecken Freier zur\u00fcckweist. Doch abermals greift die Wasserfee ein und verk\u00fcndet die Erf\u00fcllung ihrer Verhei\u00dfung. Der K\u00f6nig gibt sich geschlagen und erteilt seinen Segen. Unter R\u00fcckbezug auf die Genrebilder im ersten Teil erwacht nun auch der \u00fcbrige Hofstaat, dem der K\u00f6nig das Brautpaar vorstellt. Mit der zuletzt anr\u00fcckenden J\u00e4gerschar des Grafen wird schlie\u00dflich Hochzeit gefeiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem Raff-Kenner begegnet in der musikalischen Umsetzung Bekanntes und Unbekanntes. Pr\u00e4gend f\u00fcr die Gesamtkonzeption sind wie bei anderen musikdramatischen und oratorischen Werken wie dem <em>Samson<\/em> oder dem sp\u00e4ten Offenbarungsoratorium <em>Welt-Ende \u2013 Gericht \u2013 Neue Welt<\/em> die orchestralen Intermezzi. Au\u00dferordentlich illustrativ beschreibt Raff mit einem solchen Orchester-Zwischenspiel, wie die Dornenhecke das Schloss umrankt und es schlie\u00dflich in einer packenden Schlusssteigerung geradezu hermetisch abriegelt. Hier wie in den Intermezzi <em>Elfenwalten<\/em>, <em>Auszug zur Jagd<\/em> und <em>Der Graf und die Dornhecke<\/em> findet Raff eindrucksvolle charakteristische Klanggesten, um das Geschehen zu illustrieren, sodass \u00fcberhaupt nicht auff\u00e4llt, dass praktisch jeder dieser S\u00e4tze kunstvoll kontrapunktisch gestaltet ist, wie er es in der <em>Wagnerfrage<\/em> gefordert hatte. Bekannt kommt einem auch Raffs Verweigerung eines triumphalen Schlussfinales vor. Wie etwa in den Epilogen zur <em>Waldsinfonie<\/em> und zur <em>Lenore<\/em> schlie\u00dft Raff das M\u00e4rchenepos nicht mit dem imposanten Schlusschor, sondern f\u00fcgt ihm ein sanft verklingendes Orchesternachspiel an. Das weibliche, naturhafte Element beh\u00e4lt das letzte Wort, wie Volker Tosta im Einf\u00fchrungsvortrag treffend festhielt. Schlie\u00dflich erinnert die klangliche Gesamtkomposition ebenfalls an seine sp\u00e4tere Sinfonik. Erinnert der erste Teil noch an die lichte Feenwelt aus Mendelssohns Sommernachtstraum, so endet das Werk in nahezu Berliozschem Furor. Eine weite stilistische Reise, die dennoch von Raffs eigent\u00fcmlichem Klangidiom und seiner einzigartigen Verquickung von ergreifender Melodik, farbenreichster Instrumentationstechnik und kontrapunktischer Kunstfertigkeit zusammengehalten wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Ungew\u00f6hnlich ist dagegen die Dichte an kleinen musikalischen Elementen, die den Text illustrieren. Genast lieferte hier eine dankbare Vorlage, um noch das kleinste Element der Erz\u00e4hlung in einer klanglichen Geste abzubilden. Was da im Orchester gedroht, gezecht, gezwitschert, geweht und gesonnen wird, l\u00e4sst sich mit einem Male h\u00f6ren kaum erfassen. Trotz aller Kritik an der Leitmotivtechnik bei Wagner ist sie hier omnipr\u00e4sent. \u00dcberhaupt sagt das Werk viel \u00fcber Raffs bislang nur l\u00fcckenhaft erforschte Gesamtentwicklung seines kompositorischen Schaffens hinaus, zeigt es doch eigent\u00fcmlich, wie viel Idiomatisches seiner sp\u00e4teren Orchesterwerke bereits hier im Keim angelegt und beeindruckend kunstvoll umgesetzt ist. Hat er das brillante Werk sp\u00e4ter nicht wieder auf die B\u00fchne zu bringen versucht, weil er sich im tobenden Parteienstreit als Sinfoniker sui generis nicht an einem \u201eneudeutschen\u201c Musikdrama messen lassen wollte?<\/p>\n\n\n\n<p>Die W\u00fcrttembergische Philharmonie Reutlingen spielte auf h\u00f6chstem Niveau und war den enormen spieltechnischen Anforderungen vollauf gewachsen. Rasende L\u00e4ufe aller Streichergruppen, perlendes Kolorit in den Holzbl\u00e4sern und markigste Einlagen der Blechbl\u00e4ser wurden souver\u00e4n und mit sp\u00fcrbarer Spielfreude pr\u00e4sentiert. Schlagwerk und Harfe punkteten durch ihren gezielten Einsatz in der Raffschen Partitur mit besonderen \u00dcberraschungsmomenten. Der Stuttgarter Bachchor schl\u00fcpfte m\u00fchelos und lustvoll in die unterschiedlichen Rollen als M\u00e4gde, Elfen, J\u00e4ger und wusste in jeder Formation, als gemischter, M\u00e4nner- und Frauenchor, f\u00fcr deren eigenen Reiz uns heute leider der Sinn vergangen ist, klanglich zu \u00fcberzeugen. Unter den Solisten stach Lars Tappert (Tenor) als Erz\u00e4hler hervor, der die anspruchsvolle Partie mit etlichen exponierten Spitzent\u00f6nen souver\u00e4n beherrschte und zugleich lebendig durch die Handlung f\u00fchrte. Dagegen fiel Linda Bennett als Wasserfee deutlich zur\u00fcck, die ihrem lyrischen Sopran wenig Farbenreichtum noch Textverst\u00e4ndlichkeit zu entlocken vermochte, ihre Rolle aber mit gediegener Klangsch\u00f6nheit ausgestaltete. Lukas Krimmel (Bass) wusste mit gro\u00dfer Flexibilit\u00e4t in den Rollen als K\u00fcchenmeister, Kellermeister und Freier zu \u00fcberzeugen, der auf kleinstem Raum den n\u00f6tigen Ausdruck der unterschiedlichen Situationen darzustellen vermochte. Als alternder K\u00f6nig hatte Matthias Lika (Bariton) die psychologisch anspruchsvollste Aufgabe, den patriarchalen Herrschaftsanspruch einzufordern, ihm aber schlie\u00dflich notgedrungen zu entsagen und sich vers\u00f6hnt in das naturgegebene Schicksal einzuf\u00fcgen \u2013 eine packende Gratwanderung, bei der man ihm f\u00f6rmlich an den Lippen kleben wollte. Als der Handlung entsprechend braves Dornr\u00f6schen blieb Katinka Bohse-Meyer (Sopran) etwas im Hintergrund, konnte aber mit einigen emotionalen Momenten ihr Potenzial zeigen. Eine neue Farbe brachte Gustav Wenzel-Most (Tenor) in das Ensemble, der den Grafen als kraftvollen Heldentenor darstellte. Wohltuend brachte er seine Rolle auch leicht spielerisch in Szene und konnte seine Ensemblekollegen damit immerhin in gewissem Rahmen zu leichter Aktion mitrei\u00dfen. Ein bisschen mehr Probenzeit h\u00e4tte der Auff\u00fchrung in diesem Punkt gut getan. Dass die Studioaufnahme \u00fcberdies die Zeit f\u00fcr eine Generalprobe \u201eaufgefressen\u201c hatte, machte sich auch in der unausgewogenen klanglichen Balance bemerkbar, da das Orchester in dem \u00fcberakustischen Kirchenraum regelm\u00e4\u00dfig Chor und Solisten \u00fcberdeckte. Angesichts der \u00fcberragenden Bedeutung des Orchestersatzes bei allen Raffschen Werken ist aber selbst das verzeihlich. Zusammengehalten wurde das komplette Ensemble von dem Leiter des Bachchores KMD J\u00f6rg-Hannes Hahn, dem f\u00fcr die sorgf\u00e4ltige Einstudierung, insbesondere die dramaturgische Umsetzung der Partitur und das pr\u00e4zise wie inspirierende Dirigat h\u00f6chstes Lob geb\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Publikum lauschte der Darbietung mit sp\u00fcrbarer Spannung, zollte dem Chor der K\u00fcfer sogar Szenenapplaus (den Dirigent Hahn leider sp\u00e4ter zu unterbinden wusste \u2013 der J\u00e4gerchor h\u00e4tte auch solchen verdient!) und brachte seine Begeisterung mit Standing Ovations zum Ausdruck. Wieder einmal ging die Frage um, warum man den Namen dieses Komponisten so selten h\u00f6rt. Ich erspare mir an dieser Stelle musikgeschichtliche Exkurse oder Kommentare zur Programmpolitik heutiger Kulturinstitutionen. Viel lieber verweise ich darauf, dass nicht erst seit dem Jubil\u00e4umsjahr zur Raffs 200. Geburtstag 2022 seine Werke vermehrt auf den Kulturwellen der \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zu h\u00f6ren sind und auf Konzertprogrammen erscheinen. Eine herausragende Gelegenheit wird etwa die Auff\u00fchrung der Sinfonie Nr. 3 <em>Im Walde<\/em> durch das MDR-Sinfonieorchester im Rahmen des MDR-Musiksommers am 30. August 2026 am Meininger Staatstheater sein. Auch der CD-Markt verzeichnet kontinuierlich Zuw\u00e4chse mit Werken Raffs. Auf die Ver\u00f6ffentlichung von <em>Dornr\u00f6schen<\/em> bei cpo darf man daher sehr gespannt sein!<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende des Abends bleibt der Eindruck von einem Werk, dass bei n\u00e4herer Betrachtung \u00fcberraschend modern wirkt. Normalerweise scheue ich mich davor, historische Ph\u00e4nomene kurzschl\u00fcssig durch die Brille der Gegenwart zu betrachten. Aber Genast erz\u00e4hlt hier eine eindeutig antipatriarchale Geschichte, in der der K\u00f6nig versucht, seine Tochter gegen ihren Willen zu verheiraten, und sich schlie\u00dflich der Macht ihrer Mutter f\u00fcgt, die zugleich die Naturgewalt wie die Macht des Schicksals verk\u00f6rpert. \u00dcberdies wirbt das Werk f\u00fcr eine morganatische Ehe \u2013 statt K\u00f6nig gibt es Graf! Aber so revolution\u00e4r, dass auch ein Nicht-Adeliger gereicht h\u00e4tte, ist das Libretto dann doch nicht. In jedem Fall erweist es sich als Produkt des liberalen Weimar aus der Regierungszeit des Gro\u00dfherzogs Carl Alexander, der durch die Berufung Liszts zum \u201eHofkapellmeister in au\u00dferordentlichen Diensten\u201c die zweite kulturelle Bl\u00fcte Weimars eingel\u00e4utet hatte. Einen letzten Schritt geht das Libretto jedoch nicht, wie Volker Tosta zutreffend feststellte: Emanzipiert hat sich Dornr\u00f6schen in der Handlung nicht. Denn ihr Schicksal nimmt sie letztlich nicht selbst in die Hand.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Simon Kannenberg, Juni 2026]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wiederauff\u00fchrung eines gro\u00dfen romantischen Werkes nach 170 Jahren ist, obwohl sich \u00e4hnliche Gelegenheiten in den vergangenen Jahren wohltuend geh\u00e4uft haben, immer noch eine absolute Seltenheit. So ganz stimmt es im Falle von Joachim Raffs M\u00e4rchenepos Dornr\u00f6schen auch nicht. 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