{"id":7524,"date":"2026-06-16T23:10:30","date_gmt":"2026-06-16T21:10:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7524"},"modified":"2026-06-16T23:10:33","modified_gmt":"2026-06-16T21:10:33","slug":"streich-reinvere-und-henze-bei-der-musica-viva","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2026\/06\/16\/streich-reinvere-und-henze-bei-der-musica-viva\/","title":{"rendered":"Streich, Reinvere und Henze bei der musica viva"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Im letzten Konzert der musica viva Saison 2025\/26 am 12. Juni im M\u00fcnchner Herkulessaal brachte Matthias Pintscher als Dirigent mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks Lisa Streichs Klavierkonzert <\/em>Black Swan<em> (Solistin: Tamara Stefanovich), J\u00fcri Reinveres <\/em>Lied von den zwei Erden<em> (Solistinnen: Au\u0161rin\u0117 Stundyt\u0117 und Kristi M\u00fchling) und Hans Werner Henzes <\/em>Heliogabalus Imperator<em> zur Auff\u00fchrung.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Schwedin Lisa Streich ist dem musica viva Stammpublikum noch aus dem letzten Konzert mit ihrem Trompetenkonzert <em>Meduse<\/em> bekannt. In ihrem neuen Klavierkonzert <em>Black Swan<\/em> arbeitet sie noch st\u00e4rker als in anderen St\u00fccken mit lange liegenden Akkorden und Klangfl\u00e4chen. Dass sich der Dirigent am Ende des St\u00fcckes w\u00e4hrend einer solchen Fl\u00e4che zur Pianistin ans Klavier setzten kann und mit ihr spielt, spricht f\u00fcr sich. Das Wesen des St\u00fccks ist das Abwechseln dieser leisen, meist deutlich tonalen Akkordfl\u00e4chen, \u00fcber die sich kleine Klaviermotive schl\u00e4ngeln, mit riesigen Tutti-Klangwellen, die in Kaskaden gipfeln. Diese verfehlen ihre Wirkung nicht und sind mitrei\u00dfend. Da es aber kaum andere gliedernde und pr\u00e4gende Elemente gibt, wirkt das St\u00fcck oft statisch und hat L\u00e4ngen. Die Abbr\u00fcche und das Neuansetzten dieses jedoch gleich bleibenden Prinzips sind unvorbereitet. Tamara Stefanovich, die als sehr vielseitige Interpretin nicht nur von Musik des 20. Jahrhunderts zu Recht sehr gesch\u00e4tzt wird, bew\u00e4ltigt den Klavierpart bravour\u00f6s und versteht es, sich \u00fcberzeugend in den Tutti-Klangwellen als Klangfarbe in das Orchester zu integrieren und andererseits an den wenigen, leider immer recht \u00e4hnlich gestalteten herausgehobenen Klavierpassagen mit Differenziertheit und Kantabilit\u00e4t zu brillieren und so die Idee das Werkes, Klang(sch\u00f6nheit) zu zelebrieren, gut zu vermitteln. Streich beschreibt im Interview des Programmhefts selbst: \u201eF\u00fcr mich ist dieses St\u00fcck sehr organisch \u2013 ein geradezu romantisches St\u00fcck! \u2026 Klanglich rauschhaft, voll, s\u00fcffig. Der ganze Ausdruck ist relativ weit weg von dem, was ich sonst mache.\u201c Das trifft es recht gut. Ein besonderes, wirkungsvolles Klangresultat ergibt die Kopplung des Klaviers mit einem heulenden geschwungenen Schlauch, die beide ein interessant sich mischendes Glissando spielen. Ein eher minimalistisches St\u00fcck, in dem man sich, positiv gemeint, leicht verlieren und hinwegtr\u00e4umen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>J\u00fcri Reinveres <em>Lied von den zwei Erden<\/em> ist auf der Ebene des klanglichen Resultats \u00e4hnlich gestaltet. Der Este Reinvere lebt seit 2005 in Deutschland und wurde vor allem in seinem Heimatland mehrfach ausgezeichnet, in Deutschland unter anderem mit dem OPUS KLASSIK 2025. Er schreibt einen gro\u00dfen wirkm\u00e4chtigen Orchestergesang in der Nachfolge von Strauss und Mahler. Nicht nur die Anlehnung an den Titel und der Hang zum Dystopisch-Nachdenklichen sind Ankn\u00fcpfungen an Mahler. Reinvere, der neben dem Komponieren auch Essayist und Autor ist, hat den Text selbst geschrieben und sich dabei von einem Aufenthalt in Spitzbergen inspirieren lassen Das Werk wirkt sehr plastisch und lautmalerisch-naturnah. Wind, Atmen, Grollen, Tropfen&#8230; Das St\u00fcck lebt vom (teilweise abrupten) Gegensatz des klanggewaltigen Orchesters, das ebenfalls viele oszillierende Klangfl\u00e4chen und Klangwellen \u00fcbernimmt, den Gesangspartien der Sopranistin Au\u0161rin\u0117 Stundyt\u0117 und den melodi\u00f6sen Soli der intimen estnischen Brettzither Kannel. Kristi M\u00fchling meistert die unterschiedlichen geforderten Spielarten virtuos. Der Gesang ist durchaus expressiv aber traditionell. In den nicht selten syllabischen, zum Deklamieren tendierenden Vortrag legt Stundyt\u0117 viel Ausdruck und Schattierung. Weil oft ausgedehnt bei einem Klangelement verweilt wird, hat das St\u00fcck L\u00e4ngen. Dem von Reinvere als Ausgangspunkt genannten Text Jesaja 66: \u201aDenn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird\u2018 wird das Werk aber gerecht und erschafft tats\u00e4chlich eine ganz eigene besondere Klangwelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Werner Henzes Orchesterwerk <em>Heliogablus Imperator<\/em> wirkt, obwohl es schon \u00fcber 50 Jahre alt ist, weiterhin avanciert und modern; vielleicht sogar mehr als die anderen Werke des Abends. Das viel zu selten gespielte St\u00fcck beschreibt den Einzug von Marcus Aurelius Antoninus als Kaiser im alten Rom und den von ihm initiierten Baal-Kult. Das Changieren zwischen kammermusikalischen und solistischen Episoden und Orchestertutti funktioniert perfekt. Das Gegen\u00fcberstellen der unterschiedlichen Instrumentengruppen verfehlt seine Wirkung nicht. Die Ekstase \u00fcbertr\u00e4gt sich beeindruckend. Es ist das Werk, das an diesem Abend wohl am meisten \u00fcberzeugt. Matthias Pintschers zupackendes, schwungvolles, sehr genaues aber teilweise ein wenig hektisch-zackiges Dirigat greift dieses St\u00fcck am besten. Mit gro\u00dfem Elan und Einsatz leitet er das Orchester souver\u00e4n. Pintscher arbeitet mit dem Orchester zusammen und l\u00e4sst an klein besetzten Passagen dem auch in diesem Konzert gewohnt brillanten Orchester Freiraum, was sehr \u00fcberzeugend wirkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Klangrausch w\u00e4re wohl eine passende \u00dcberschrift f\u00fcr diesen grandiosen Abend.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Johanna Bulitta, 15.6.2026]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im letzten Konzert der musica viva Saison 2025\/26 am 12. 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