{"id":7534,"date":"2026-06-20T00:52:00","date_gmt":"2026-06-19T22:52:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7534"},"modified":"2026-06-18T16:55:57","modified_gmt":"2026-06-18T14:55:57","slug":"die-pianistin-beth-levin-tief-durchdrungenes-musizieren-mozart-tiessen-schubert","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2026\/06\/20\/die-pianistin-beth-levin-tief-durchdrungenes-musizieren-mozart-tiessen-schubert\/","title":{"rendered":"Die Pianistin Beth Levin \u2013 tief durchdrungenes Musizieren (Mozart, Tiessen, Schubert)"},"content":{"rendered":"\n<p>Aldil\u00e0 Records, ARCD 026, EAN: 9 003643 980266<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Levin-Blackbird.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Levin-Blackbird-1024x921.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7535\" width=\"484\" height=\"435\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Levin-Blackbird-1024x921.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Levin-Blackbird-300x270.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Levin-Blackbird-768x691.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Levin-Blackbird-1536x1382.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Levin-Blackbird.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 484px) 100vw, 484px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Im M\u00e4rz 2024 unternahm die amerikanische Pianistin Beth Levin eine kleine Europatournee mit den Stationen Berlin, M\u00fcnchen und Wien. Im Zentrum des Programms standen die erst k\u00fcrzlich wiederentdeckten F\u00fcnf Klavierst\u00fccke op. 21a von Heinz Tiessen, umrahmt von Wolfgang Amadeus Mozarts Klaviersonate a-moll KV&nbsp;310 sowie Franz Schuberts Klaviersonate G-Dur D&nbsp;894. Die vorliegende CD enth\u00e4lt den Mitschnitt des M\u00fcnchener Abends am 19.&nbsp;M\u00e4rz 2024.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es sind mit den Sonaten Mozarts und Schuberts nat\u00fcrlich zwei uneingeschr\u00e4nkte Klassiker des Repertoires, die die Eckpfeiler dieses Albums bilden. Umso bemerkenswerter ist, in welchem Ma\u00dfe Beth Levins Interpretationen auch in diesen wohlbekannten Werken die Ohren neu zu \u00f6ffnen verm\u00f6gen. Bereits die ersten Takte von Mozarts <em>Klaviersonate a-moll KV&nbsp;310<\/em> lassen nachdr\u00fccklich aufhorchen, lassen sie doch von Beginn an ein ganz eigenes, ebenso markantes wie unabh\u00e4ngiges, von tiefer Musikalit\u00e4t erf\u00fclltes Profil erkennen. Es ist ein Mozart mit Gewicht und mit entschiedenem Willen zum Ausdruck, dem der H\u00f6rer hier begegnet \u2013 weder mechanisch-emsig noch von plakativen \u00dcbertreibungen gepr\u00e4gt, und schon gar nicht irgendwelchen Moden folgend. Selten habe ich beim H\u00f6ren einer Mozart-Sonate so intensiv an den fr\u00fchen Beethoven denken m\u00fcssen, mit Blick auf das \u00fcbrige Album dann nat\u00fcrlich auch bis in die Romantik herein vorsto\u00dfend.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Vortragsanweisung <em>maestoso<\/em> im 1. Satz nimmt Levin ernst, versteht den Satz auch ein St\u00fcck weit heroisch (so etwa die Punktierungen gegen Ende der Exposition) und arbeitet die ihm innewohnenden Konflikte (gerade in der Durchf\u00fchrung) klar heraus. All dies geschieht im Rahmen eines v\u00f6llig organischen, souver\u00e4n gestaltenden Spiels mit Volumen, aber ohne Forcierungen, eine gewisse Freiheit atmend allein schon durch ein relativ gro\u00dfz\u00fcgiges, dabei stets den Puls der Musik im Blick behaltendes Rubato. Den 2. Satz nimmt Levin relativ langsam und mit gro\u00dfer Ruhe und lotet so seine weiten melodischen Linien expressiv aus. Nicht gehetzt, aber sehr wohl unruhig das Finale, mit gewissem Drama und einem durchaus im Sinne einer Zuspitzung verstandenen Schluss (obwohl die Schlussakkorde selbst dann wieder etwas zur\u00fcckgenommen werden). Im <em>Maggiore<\/em> nimmt Levin einen deutlichen Wechsel der Klangfarben vor hin zum Warmen, Verinnerlichten. Hier und nur hier spielt sie auch die Wiederholungen, was allein schon aus strukturellen Erw\u00e4gungen an dieser Stelle sehr viel Sinn ergibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Aura v\u00f6llig nat\u00fcrlichen Flusses ist es auch, die Schuberts <em>Klaviersonate G-Dur D&nbsp;894<\/em> in Levins H\u00e4nden auszeichnet, zumal den 1. Satz \u2013 alle Rubati, Kontraste, Dynamikunterschiede oder Z\u00e4suren stehen hier ganz im Dienste der Musik, dienen ihrer Entfaltung und ihrem Aufbau, dem Strom von Melos, B\u00f6gen und Linien. Feine klangliche Nuancierungen spielen unter anderem in den Sechzehntelketten dieses Satzes eine wesentliche Rolle, wie auch im 2. Satz, bei dem Levin die gesangliche Linie wunderbar im Fokus beh\u00e4lt. Sie beachtet die Kontraste dieser Musik, stellt sie sonor und mit Volumen dar, ohne aber in \u00dcbersteigerungen zu verfallen \u2013 zentral bleibt stets die Gesamtheit der Musik, das Integral.<\/p>\n\n\n\n<p>Viel von dem, was Levins Spiel generell auszeichnet, kann man im Menuett an dritter Stelle auf kleinem Raum exemplarisch nachvollziehen. Von einem eher gem\u00e4\u00dfigten Tempo ausgehend, legt Levin am Ende der ersten acht Takte ein kleines Ritardando ein, eine kurze Z\u00e4sur, und doch hat der H\u00f6rer hier keinesfalls den Eindruck des Blockhaften, denn Levin isoliert den Beginn dadurch nicht, sondern denkt weiter, l\u00e4sst die Musik im Fluss. Ganz \u00e4hnlich auch die \u00dcberleitung zum Trio, die sie verlangsamt, schwebend, ein wenig entr\u00fcckt versteht, aber eben doch auch als \u00dcbergang, als Br\u00fccke zum Trio. Ganz wie in der Mozart-Sonate ist es auch bei Schubert ausschlie\u00dflich dieses Trio, also wiederum sozusagen der Maggiore-Teil, bei dem Levin die Wiederholungen mit einschlie\u00dft. Im \u00dcbrigen bedeutet dreifaches Piano hier zwar eine Verringerung der Lautst\u00e4rke, aber kein Fl\u00fcstern am Rande der Unh\u00f6rbarkeit, sondern vielmehr insbesondere einen Wechsel der Klangfarbe, Verinnerlichung. Eine ganz und gar runde Sache der Finalsatz, in ganz nat\u00fcrlich erz\u00e4hlendem Tonfall gehalten, wunderbar poetisch sein Schluss im Sinne einer mild-verkl\u00e4rten Reminiszenz an das Finalthema, aber auch an den Beginn der Sonate.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Mitte des Programms steht mit den <em>F\u00fcnf Klavierst\u00fccken op.&nbsp;21a<\/em> von Heinz Tiessen (1887\u20131971) eine Ersteinspielung. Heinz Tiessen ist heutzutage zwar sicherlich kein g\u00e4nzlich unbeschriebenes Blatt: man begegnet seinem Namen u.a. als Lehrer speziell von Sergiu Celibidache, aber auch Eduard Erdmann oder Josef Tal; eine CD mit Orchesterwerken des l\u00e4ngst nicht mehr existierenden Labels Koch Schwann aus dem Jahre 2000 hat eine gewisse Verbreitung gefunden, daneben existiert eine Handvoll weiterer Ver\u00f6ffentlichungen von CDs mit Kammer- und Klaviermusik. Dennoch kann nach wie vor keine Rede davon sein, dass Tiessens Musik auch nur ann\u00e4hernd befriedigend diskographisch erfasst oder gar im Konzertleben pr\u00e4sent w\u00e4re \u2013 zumal es sich bei Tiessen um eine der interessantesten Stimmen aus der Riege der deutschen Komponisten seiner Generation handelt, grob dem Expressionismus zuzuordnen, bei n\u00e4herer Betrachtung viel breiter aufgestellt zwischen sp\u00e4tromantischer Tradition, Naturlyrik, klassizistischen Idealen und eben auch expressionistischem Drama (gerade als Komponist von Schauspielmusiken). Still geworden ist es um ihm bereits lange vor seinem Tode, zun\u00e4chst im Nationalsozialismus in der \u201einneren Emigration\u201c, nach dem Krieg als Lehrer und Organisator, sodass allerdings kaum Raum f\u00fcr die Komposition neuer Werke blieb, und letztlich als (jedenfalls als solcher wahrgenommener) Repr\u00e4sentant der Musik einer vergangenen Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit den hier vorgestellten F\u00fcnf Klavierst\u00fccken hat es seine eigene, besondere Bewandtnis: entstanden um 1915, uraufgef\u00fchrt als Tiessens Opus 21 am 11.&nbsp;Mai 1916 durch Eduard Erdmann und danach zwecks \u00dcberarbeitung zur\u00fcckgezogen; die Opusnummer 21 wurde schlie\u00dflich neu vergeben (die hier verwendete Nummer 21a ist insofern als Referenz an die urspr\u00fcngliche Nummerierung zu verstehen und stammt nicht von Tiessen selbst). Diese \u00dcberarbeitung erfolgte im Laufe der n\u00e4chsten Jahre zwar, jedoch nur in Teilen: Nr.&nbsp;4 findet sich (in revidierter Fassung) als zweites der <em>Drei Klavierst\u00fccke op.&nbsp;31<\/em> wieder, und bei den beiden <em>Phantasiest\u00fccken op.&nbsp;26<\/em> handelt es sich um Neufassungen von Nr.&nbsp;1 und Nr.&nbsp;5. Der urspr\u00fcngliche Zyklus dagegen geriet in jahrzehntelange Vergessenheit, bevor ihn der dem interessierten Musikfreund durchaus gel\u00e4ufige Tobias Br\u00f6ker, enzyklop\u00e4discher Sammler und Katalogisierer von Violinkonzerten des 20. Jahrhunderts und Online-Herausgeber von seltensten Manuskripten, 2019 ver\u00f6ffentlichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Beginn steht \u2013 gleichsam als eine Art Portal \u2013 ein von machtvoll-ernster Akkordik gepr\u00e4gtes Pr\u00e4ludium in g-moll. Verbl\u00fcffend, dass Tiessen dieses St\u00fcck in seiner revidierten Version als op.&nbsp;26 Nr.&nbsp;1 im Charakter v\u00f6llig ver\u00e4ndert hat, nun als nachsinnende <em>Erinnerung<\/em> gewisserma\u00dfen aus der Ferne. Die <em>Elegie<\/em> an zweiter Stelle kn\u00fcpft in Tonart und auch in ihrem eher herben Charakter direkt an das erste St\u00fcck an. Fanfarenartige Klangballungen wecken vermutlich nicht von ungef\u00e4hr Assoziationen vielleicht an Krieg, mindestens aber langsames (Trauer-) Marschieren; milder der ruhiger flie\u00dfende, in Ans\u00e4tzen sogar ein wenig wiegende Mittelteil. Eine Scharnierstellung in der Dramaturgie des Zyklus nimmt das von ruhigen Synkopen beherrschte dritte St\u00fcck ein, ein wenig wie ein Lied ohne Worte, einmal anschwellend und dann zur Ruhe des Beginns zur\u00fcckkehrend.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Gesang von V\u00f6geln, ganz besonders der Amsel, hat sich Tiessen sein Leben lang besch\u00e4ftigt. Ein fr\u00fches Beispiel hierf\u00fcr ist das vierte St\u00fcck, das hier als ein lichtes, durchaus auch humorvolles Intermezzo fungiert, gepr\u00e4gt von transparentem Klang und eher hohen Lagen \u2013 in der Tat ganz unmittelbar und gleichzeitig voller Raffinesse an die wohlbekannte Stimme der Amsel gemahnend. Dass die f\u00fcnf St\u00fccke tats\u00e4chlich als eine Art Zyklus zu verstehen sind, deutet sich zwar seit Beginn an, wird jedoch nirgends so deutlich wie im f\u00fcnften St\u00fcck, das ausgepr\u00e4gten Finalcharakter besitzt. In k\u00e4mpferischen, wuchtigen, leidenschaftlichen Kl\u00e4ngen wird hier ein gro\u00dfer Bogen vom passionierten Aufschrei des Beginns (nicht umsonst in der Revision als \u201eFlorestan\u201c bezeichnet) hin zur kr\u00f6nenden Schlussapotheose in D-Dur beschworen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein hochinteressanter, facettenreicher Zyklus, eine echte Bereicherung, und nat\u00fcrlich ist dieser ungemein positive Eindruck auch der einmal mehr kongenialen, spannungsvollen, inspirierten, die Charakteristika dieser Musik vorz\u00fcglich in Szene setzenden Interpretation Beth Levins zu verdanken. Im Beiheft widmet Christoph Schl\u00fcren Tiessens St\u00fccken (und ihrer Einordnung in Tiessens Gesamtwerk, zumal f\u00fcr Klavier) besondere (und selbstredend h\u00f6chst fundierte) Aufmerksamkeit; lesenswert, aber nur in englischer Sprache enthalten, auch die Kommentare zu den Sonaten Mozarts und Schuberts aus der Feder Max Derricksons. Alles in allem ein rundum gelungenes, in jeder Hinsicht empfehlenswertes Album.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Holger Sambale, Juni 2026]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aldil\u00e0 Records, ARCD 026, EAN: 9 003643 980266 Im M\u00e4rz 2024 unternahm die amerikanische Pianistin Beth Levin eine kleine Europatournee mit den Stationen Berlin, M\u00fcnchen und Wien. 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