{"id":7538,"date":"2026-07-05T23:15:00","date_gmt":"2026-07-05T21:15:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7538"},"modified":"2026-07-06T01:22:02","modified_gmt":"2026-07-05T23:22:02","slug":"richard-strauss-tage-2026-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2026\/07\/05\/richard-strauss-tage-2026-teil-1\/","title":{"rendered":"Richard-Strauss-Tage 2026 [Teil 1]"},"content":{"rendered":"\n<p>Wie aus den vergangenen Jahren gewohnt, konnte man sich als Besucher der Richard-Strauss-Tage in Garmisch-Partenkirchen auch 2026 wieder \u00fcber h\u00f6chst interessante Programme und qualitativ hochwertige Auff\u00fchrungen freuen. Der Verfasser dieser Zeilen hatte Gelegenheit, vier dieser Veranstaltungen zu verfolgen:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>12. Juni: Kammerkonzert III<\/strong>, Werke von Johann Sebastian Bach, Richard Strauss und Josef Gabriel Rheinberger (Ensemble Sinequanon Berlin)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>13. Juni: Sinfoniekonzert I<\/strong>, Werke von Hans von B\u00fclow, Richard Strauss und Johannes Brahms (Stuttgarter Philharmoniker, R\u00e9my Ballot)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>14. Juni: Sinfoniekonzert II<\/strong>, Werke von Richard Strauss und Wolfgang Amad\u00e9 Mozart (Liana Le\u00dfmann, Klarinette, Frank Lehmann, Fagott, Stuttgarter Philharmoniker, R\u00e9my Ballot)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>14. Juni: Richard Strauss: Salome<\/strong>, Bearbeitung f\u00fcr Kammerorchester von Klemens Vereno, konzertante Erstauff\u00fchrung (Angelika-Prokopp-Sommerakademie der Wiener Philharmoniker, Kai R\u00f6hrig)<\/p>\n\n\n\n<p>Zum ersten dieser Konzerte muss leider angemerkt werden, dass die Ausf\u00fchrung deutlich hinter der Idee zur\u00fcckblieb. Das Konzept war eigentlich h\u00f6chst interessant. Es handelte sich um die erstmalige \u00f6ffentliche Auff\u00fchrung einiger Fugen, die Richard Strauss w\u00e4hrend seiner Schulzeit komponiert hatte und die in Trenners Werkverzeichnis den Nummern 81, 91 und 130 zugeordnet sind. Eingerahmt wurden diese insgesamt neun St\u00fccke durch das dreistimmige Ricercar und die Triosonate aus Johann Sebastian Bachs Musikalischem Opfer BWV&nbsp;1079 und Josef Gabriel Rheinbergers Klavierquintett C-Dur op.&nbsp;114. Der Gro\u00dfmeister barocker Kontrapunktik trifft also auf den Lehrling Richard Strauss und den bedeutendsten Kontrapunktlehrer M\u00fcnchens w\u00e4hrend Straussens Jugendzeit. Das Ensemble SineQuaNon Berlin spielte in unterschiedlichen Besetzungen: Die Bach-St\u00fccke und drei Strauss-Fugen waren als Streichtrios zu h\u00f6ren, je eine weitere Strauss-Fuge als Streichquartett bzw. als Duo f\u00fcr Violine und Klavier, die \u00fcbrigen als Klavier-Soli. Das Programm war also darauf ausgerichtet, dass erst zum Schluss, in Rheinbergers Quintett, alle Mitwirkenden gemeinsam zu h\u00f6ren waren. Was nun die Ausf\u00fchrung betraf, so waren die Musiker bei Bach h\u00f6rbar darum bem\u00fcht, es mit betont zur\u00fcckgehaltenem, d\u00fcnnem Klang und abgerissen gespielten Seufzerfiguren den Manieren der \u201ehistorisch informierten Auff\u00fchrungspraxis\u201c zu entsprechen. Die Strauss-Fugen wurden zwar weniger ideologisch gehemmt vorgetragen, aber leider muss man sagen, dass sich die Musiker hier allzu sehr gehen lie\u00dfen. Namentlich muss man den Pianisten r\u00fcgen, der zwar einen sch\u00f6nen Anschlag hat, aber die ihm zugeteilten St\u00fccke derart buchstabierend, ohne Spannung, ohne Orientierung und ohne Aufbau vortrug, dass man h\u00e4tte meinen k\u00f6nnen, er versuche sich gerade zum ersten Mal daran. Wesentlich besser gelangen auch die Trio-Fugen nicht. Der Tiefpunkt war bei der Fuge f\u00fcr Violine und Klavier erreicht, in der der Geiger sich eine stellenweise sehr undeutliche Intonation leistete und der Pianist in der von den Solost\u00fccken bekannten Weise fortfuhr. Von Auff\u00fchrungen dieser Art musste man den Eindruck bekommen, es mit schwacher Musik zu tun zu haben. Dass es sich um solche handelt, m\u00f6chte ich aber bestreiten. Nun m\u00f6gen diese Schulfugen in erster Linie \u00dcbungen in satztechnischer Korrektheit sein, es l\u00e4sst sich, wenn man die St\u00fccke nacheinander h\u00f6rt, auch eine gewisse Monotonie in der formalen Gestaltung feststellen (regelm\u00e4\u00dfige einschneidende Halbschl\u00fcsse vor dem letzten Teil), und nichts deutet darauf hin dass aus dem Autor dieser Werke sp\u00e4ter der Richard Strauss wird, wie ihn die Nachwelt kennt, doch l\u00e4sst sich auch nicht abstreiten dass diese St\u00fccke schlicht gut geschrieben sind und den Freunden des gediegenen Handwerks Freude bereiten k\u00f6nnen. Selbst wenn es sich nur um Schularbeiten eines gro\u00dfen Komponisten handelt, haben doch auch diese St\u00fccke ein Recht darauf, nicht derart leichtfertig abgehandelt zu werden, wie es hier geschehen ist. Die Auff\u00fchrung des Rheinberger-Quintetts, eines gediegenen Werkes mit einem sehr sch\u00f6nen langsamen Satz, riss den Abend danach auch nicht mehr heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz andere Eindr\u00fccke boten die beiden Symphoniekonzerte an den folgenden Tagen! Mit den Stuttgarter Philharmonikern unter Leitung R\u00e9my Ballots fand sich ein hochmotiviertes Spitzenorchester mit jenem Dirigenten zusammen, dessen Stabf\u00fchrung bereits in den vergangenen Jahren f\u00fcr Glanzlichter musikalischer Darbietungskunst sorgte. Man durfte also hervorragende Leistungen erwarten, und wer das tat, wurde nicht entt\u00e4uscht. Im ersten Konzert setzte Ballot seine Erkundung der Strausschen Tondichtungen fort, die er seinerzeit mit <em>Macbeth<\/em> begonnen und dann mit <em>Don Juan<\/em>, <em>Ein Heldenleben<\/em> und im letzten Jahr mit <em>Aus Italien<\/em> fortgesetzt hatte. Nun war <em>Tod und Verkl\u00e4rung<\/em> an der Reihe. Das Werk wurde flankiert von einem sehr gegens\u00e4tzlichen St\u00fcck, der Vierten Symphonie von Johannes Brahms, sowie \u2013 als Er\u00f6ffnung des Abends \u2013 von einem, das durchaus einen Platz in seiner Ahnenreihe beanspruchen darf: Hans von B\u00fclows Orchesterfantasie <em>Nirvana<\/em>. An dieser Stelle sei zum wiederholten Male die Programmplanung der Strauss-Tage gelobt, der wir es verdanken, dass in den letzten Jahren eine Reihe wertvoller, viel zu selten gespielter Orchesterwerke (z.&nbsp;B. von Robert Volkmann und Heinrich G. Noren) in Garmisch-Partenkirchen erklungen sind! B\u00fclows <em>Nirvana<\/em>, 1854 komponiert, geh\u00f6rt zu den bemerkenswertesten symphonischen Dichtungen aus dem unmittelbaren Kreis um Liszt und Wagner. Das 20-min\u00fctige, aus wenigen Hauptmotiven dicht gearbeitete Werk, wartet mit chromatischen Linienf\u00fchrungen auf, die denen der zeitgleichen Musik Wagners nicht nachstehen, oft gesch\u00e4rft durch blechbl\u00e4serbetonte Instrumentation. Auch frappiert die Art und Weise, wie B\u00fclows Musik sich bewegt. In der langsamen Einleitung und dem Seitensatz findet sich bereits eine breite, dennoch geschmeidige und innerlich belebte Bewegung, die stark an das charakteristische Str\u00f6men erinnert, das die Musik des sp\u00e4teren Wagner pr\u00e4gt. Der Hauptsatz des Allegros mit seinen starken Anlehnungen an Beethovens Egmont und Coriolan erscheint demgegen\u00fcber als der konservativste Teil des St\u00fcckes, aber B\u00fclow vermag es, die \u00dcberg\u00e4nge zwischen dieser \u201e\u00e4lteren\u201c und der sie umgebenden \u201eneueren\u201c Musik fl\u00fcssig zu gestalten, sodass bei allem Kontrast kein innerer Bruch entsteht. Die Theorie, dass Wagner, der das Werk kritisch begutachtet hat, von den Orchesterschl\u00e4gen zu Beginn und am Ende zu den entsprechenden Kl\u00e4ngen in Siegfrieds Trauermarsch inspiriert wurde, scheint mir \u00fcbrigens glaubhaft. Man versteht jedenfalls, warum Richard Strauss noch viele Jahre nach B\u00fclows Tod f\u00fcr dieses St\u00fcck lobende Worte fand.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit B\u00fclows Tondichtung verbindet <em>Tod und Verkl\u00e4rung<\/em> ein sehr \u00e4hnlicher Aufbau, der sich von einer langsamen Einleitung \u00fcber ein Allegro zu einer langsamen Coda spannt, wobei Strauss am Ende zu hymnischen Kl\u00e4ngen und einem ruhigen, vers\u00f6hnten Ende findet, w\u00e4hrend f\u00fcr B\u00fclow, der nach melodisch angedeutetem Dur mit einem h-Moll-Akkord schlie\u00dft, das titelgebende Nirvana anscheinend unerreichbar bleibt. Und nat\u00fcrlich baut Strauss ganz auf der Weitr\u00e4umigkeit des sp\u00e4ten Wagner auf, w\u00e4hrend man B\u00fclows Werk musikgeschichtlich einer Vorstufe dazu zuordnen kann. Wie bei B\u00fclow, so zeigt sich auch bei Strauss, dass Ballots gr\u00f6\u00dfte St\u00e4rke seine innere Ruhe ist, die es ihm gestattet, die St\u00fccke planvoll vom Ausgangspunkt auf den H\u00f6hepunkt hin zu entwickeln und die Musik am Ende wieder in die Entspannung zu entlassen. So l\u00e4sst er Tod und Verkl\u00e4rung in vollkommener Ruhe beginnen, als k\u00f6nnte es immer so fortdauern, doch konsequent zieht eine musikalische Sinneinheit die n\u00e4chste hinter sich her, und das Drama wird mit sanfter Unerbittlichkeit vorangetrieben, bis das Allegro erreicht ist. Auch hier \u00fcberhastet Ballot nichts, statt emotionalisierender \u00dcberdramatisierung zeigt er, wie Strauss die Dramatik durch polyphone Verzahnung erzeugt. Sehr sch\u00f6n zeigte sich hier auch die F\u00e4higkeit des Orchesters, gleichsam als riesiges Kammerensemble zu agieren. Das Ineinandergreifen der Stimmen erinnerte an ein exzellentes Streichquartett. Wunderbar erhebend gelang das Aufsteigen der Musik aus den dunklen Tiefen der Coda bis hin zum Bl\u00e4serhymnus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wiedergabe der Vierten Symphonie von Brahms zeichnete sich durch fl\u00fcssige und stetige Tempi aus, die durch gelegentliche kleinere Verz\u00f6gerungen am Ende von Unterabschnitten modifiziert, aber nie gest\u00f6rt wurden. Kadenzbewegungen waren immer h\u00f6rbar nachzuvollziehen, auch konnte man deutlich die Basslinien vernehmen. Die gerade bei der weniger gl\u00e4nzenden Orchesterbehandlung von Brahms wichtige Kontrolle \u00fcber die Abstufung von Stimmen und Klangfarben lie\u00df Ballot nie aus der Hand, auch nicht in den st\u00fcrmischen Schlussteilen der letzten beiden S\u00e4tze. Das kammermusikalische Musizieren des Orchesters kam trefflich in den Dialogen am Ende der Durchf\u00fchrung des Kopfsatzes zur Geltung. Ballot inszenierte diesen Abschnitt wie ein immer tieferes Eindringen in eine Erdschicht, bis in Form der gedehnten Variante des Hauptmotivs das Gesuchte gefunden schien. Im langsamen Satz gelang das Ineinandergreifen der Bl\u00e4serstimmen im Hauptthema vorz\u00fcglich. Die Melodie des Seitenthemas erklang als Cantus Firmus mit deutlich hervortretenden Kontrapunkten. Die Steigerung zum H\u00f6hepunkt-Tutti wurde trefflich als die gro\u00dfe kontrapunktische Ballung dargeboten, die sie ist. Das Passacaglia-Finale erhielt seinen spezifisch t\u00e4nzerischen Charakter durch den deutlich wahrnehmbaren Sarabandenrhythmus mit betonter, leicht verl\u00e4ngerter zweiter Z\u00e4hlzeit. Auch das eine Feinheit, die man in diesem Werk nicht immer h\u00f6rt!<\/p>\n\n\n\n<p>(wird fortgesetzt)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Juli 2026]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie aus den vergangenen Jahren gewohnt, konnte man sich als Besucher der Richard-Strauss-Tage in Garmisch-Partenkirchen auch 2026 wieder \u00fcber h\u00f6chst interessante Programme und qualitativ hochwertige Auff\u00fchrungen freuen. Der Verfasser dieser Zeilen hatte Gelegenheit, vier dieser Veranstaltungen zu verfolgen: 12. 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