{"id":7541,"date":"2026-07-06T20:10:02","date_gmt":"2026-07-06T18:10:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7541"},"modified":"2026-07-06T23:33:49","modified_gmt":"2026-07-06T21:33:49","slug":"henzes-requiem-mit-dem-muenchner-rundfunkorchester","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2026\/07\/06\/henzes-requiem-mit-dem-muenchner-rundfunkorchester\/","title":{"rendered":"Henzes Requiem mit dem M\u00fcnchner Rundfunkorchester"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Im Rahmen seiner Reihe <\/em>Paradisi gloria <em>spielte das <\/em>M\u00fcnchner Rundfunkorchester <em>am 3. Juli 2026 in der Herz-Jesu-Kirche <\/em><em>unter der Leitung von<\/em> Patrick Hahn <em>anl\u00e4sslich des 100. Geburtstags von <\/em>Hans Werner Henze (1926\u20132012) <em>dessen <\/em>Requiem<em>. Die Solisten der \u201eneun geistlichen Konzerte\u201c waren <\/em>Tamara Stefanovich (<em>Klavier<\/em>) <em>und <\/em>Mario Martos Nieto (<em>Trompete<\/em>)<em>. Aufgelockert wurde die Auff\u00fchrung von <\/em>Maren Ulrich<em>, die Ausschnitte aus dem Briefwechsel zwischen dem Komponisten und Ingeborg Bachmann und eines ihrer Gedichte rezitierte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Stefanovitch-Hahn-Nieto-Muenchner-Rundfunkorch.-\u00a9BR-Raphael-Kast.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Stefanovitch-Hahn-Nieto-Muenchner-Rundfunkorch.-\u00a9BR-Raphael-Kast-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7542\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Stefanovitch-Hahn-Nieto-Muenchner-Rundfunkorch.-\u00a9BR-Raphael-Kast-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Stefanovitch-Hahn-Nieto-Muenchner-Rundfunkorch.-\u00a9BR-Raphael-Kast-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Stefanovitch-Hahn-Nieto-Muenchner-Rundfunkorch.-\u00a9BR-Raphael-Kast-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Stefanovitch-Hahn-Nieto-Muenchner-Rundfunkorch.-\u00a9BR-Raphael-Kast-1536x1024.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Stefanovitch-Hahn-Nieto-Muenchner-Rundfunkorch.-\u00a9BR-Raphael-Kast.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Tamara Stefanovich, Patrick Hahn, Mario Martos Nieto, M\u00fcnchner Rundfunkorchester \/ \u00a9 BR-Raphael Kast<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Hans Werner Henzes 100. Geburtstag am 1.7.2026 wurde ja in diesem Jahr von allen bedeutenden M\u00fcnchner Klangk\u00f6rpern geb\u00fchrend gefeiert. Da fehlte nur noch das <em>M\u00fcnchner Rundfunkorchester<\/em>, das sich im Rahmen seiner stets gut besuchten Reihe <em>Paradisi gloria<\/em> in der M\u00fcnchner Herz-Jesu-Kirche zwei Tage sp\u00e4ter an das <em>Requiem<\/em> von 1990\u20131992 herantraute. Das <em>in memoriam Michael Vyner<\/em>, Henzes langj\u00e4hrigem k\u00fcnstlerischem Weggef\u00e4hrten und Leiter der London Sinfonietta, zugleich unter dem Eindruck der Kuwait-Krise und des nachfolgenden 2. Golfkriegs (1991) entstandene <em>Requiem<\/em> ist, anders als der Titel vermuten l\u00e4sst, eine rein instrumentale Komposition. Sie besteht aus <em>neun geistlichen Konzerten<\/em> f\u00fcr Klavier solo bzw. konzertierende Trompete und gro\u00dfes Kammerorchester \u2013 Henze-Kenner wissen, dass das dann bereits ein Riesen-Apparat ist \u2013, die ausdr\u00fccklich auch einzeln aufgef\u00fchrt werden d\u00fcrfen. So tragen die St\u00fccke (oder S\u00e4tze) zwar die bekannten Titel aus der lateinischen Totenmesse, sind allerdings davon abweichend aneinandergereiht und verfolgen somit eine etwas eigenwilligere Teleologie.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst f\u00fcr Henze-Verh\u00e4ltnisse ist sein <em>Requiem<\/em>, das nicht nur in seiner Satzfolge, noch st\u00e4rker innerhalb der einzelnen St\u00fccke, von extremen Kontrasten gepr\u00e4gt wird, vor allem rhythmisch ungemein komplex; die Partitur des ca. 70-min\u00fctigen Werkes umfasst 374 Seiten. Da selbst die nur elf Streicher oft komplett divisi spielen, muss so jeder Musiker fast die gesamte Zeit auf technisch anspruchsvollstem Niveau solistisch agieren. Da wird schon der Celesta-Part streckenweise zum kleinen Klavierkonzert. Die Mitglieder des Rundfunkorchesters \u2013 anders als das BRSO nicht durchg\u00e4ngig auch mit \u201eNeuer Musik\u201c befasst \u2013 m\u00fcssen sich bei nur vier Tagen Probezeit absolut willig und begeistert vorbereitet haben, denn deren Engagement und Konzentration an diesem Abend l\u00e4sst keine W\u00fcnsche offen. Wie er schon im Einf\u00fchrungsgespr\u00e4ch anmerkte, kommt dem fabelhaften <em>Patrick Hahn <\/em>bei dieser Tour de force als Dirigent haupts\u00e4chlich die Rolle eines aufmerksam eingreifenden Verkehrspolizisten zu, der die oft bis zum Bersten aggressiven, hochenergetischen Ausbr\u00fcche und die Momente nur vermeintlich, nie real gleichf\u00f6rmiger Klangfl\u00e4chen zusammenhalten muss. Dies ist in der halligen Akustik von Herz Jesu eine fast unl\u00f6sbare Aufgabe, die Hahn schon schlagtechnisch souver\u00e4n, mit offenkundiger \u00dcbersicht \u00fcber die mal abrupt, mal mehr organisch ablaufenden musikalischen Spannungsb\u00f6gen und feinem Gesp\u00fcr f\u00fcr wichtige Details meistert. So gehen hier trotz der insgesamt hervorragenden dynamischen Abstimmung innerhalb des Orchesters insbesondere die vielen ungemein wuseligen Aktionen der tiefen Holz- und Blechbl\u00e4ser ziemlich unter, wo hingegen manche Bass-Tiefschl\u00e4ge, etwa von Pauken und gro\u00dfer Trommel, kaum ertr\u00e4glich sind, was freilich von Henze durchaus intendiert sein mag.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden \u201eechten\u201c Solisten zeigen fraglos Weltklasse-Niveau: <em>Tamara Stefanovich<\/em>, die erst vor drei Wochen bei der <em>musica viva<\/em> Lisa Streichs Klavierkonzert <em>Black Swan <\/em>aus der Taufe gehoben hat, ben\u00f6tigt an vielen lauten Stellen den vollen K\u00f6rpereinsatz. Eigentlich steht das Klavier bei Henze, gerade in seinen Opern wie etwa <em>The English Cat<\/em> oder <em>Das verratene Meer<\/em>, eher f\u00fcr kleinb\u00fcrgerliche Dekadenz. Im <em>Requiem<\/em> ist der Solo-Klavierpart wegen seines polyphonen Stimmengeflechts oder der Trennung unterschiedlicher Klangterassen \u00f6fters auf drei Systemen notiert, verlangt irrwitzige Beweglichkeit bei komplizierten, rasend schnellen Passagen und enorme physische Kraft f\u00fcr das meist perkussive Akkordwerk, wobei den Schlagzeugern Paroli geboten werden muss. Zum Gl\u00fcck gibt es auch wenige Stellen, an denen das Klavier rein solistisch kontemplative Momente des Innehaltens erm\u00f6glicht. Hier kann Stefanovich ihre ungemein differenzierte Anschlagskunst und die feine Lyrik Henzes voll zur Geltung bringen. Und selbst in den drei Abschnitten mit konzertierender Trompete (<em>Rex tremendae, Lacrimosa <\/em>und <em>Sanctus<\/em>), wo sie eher in begleitende Funktion zur\u00fccktritt, hat die Pianistin stets alle H\u00e4nde voll zu tun \u2013 eine ph\u00e4nomenale Leistung.<\/p>\n\n\n\n<p>Mario Martos Nieto, seit 10 Jahren Solotrompeter des Rundfunkorchesters, steht dem mit seinem vielleicht ein wenig dankbarerem, dabei nicht weniger anstrengenden und hochvirtuosen Part in nichts nach. Es gibt viele lang ausgehaltene T\u00f6ne, immer wieder in unmittelbarem Wechsel mit extrem raschen, bizarr-jazzigen Passagen. Diese erinnern sofort an Bernd Alois Zimmermanns ber\u00fchmtes Trompetenkonzert <em>Nobody knows de trouble I see<\/em>; dabei dringt Henze allerdings noch unerbittlicher bis in die Extremlagen des Instruments vor. Besonders ergreifend wirkt die Solo-Trompete dann im abschlie\u00dfenden <em>Sanctus<\/em>, wo sie mit den beiden anderen Trompetern, nun an den gegen\u00fcber liegenden Seiten der Kirche positioniert, in einen auch mal kanonartigen r\u00e4umlichen Dialog tritt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als eine Wohltat erweisen sich die an drei Stellen zwischen den ebenso f\u00fcr die Zuh\u00f6rer emotionale Grenzen auslotenden, so gar nicht exerzitienhaften S\u00e4tzen die von Maren Ulrich empathisch, dennoch dezent vorgetragenen Zitate aus dem immer literarisch hochwertig anmutenden Briefwechsel zwischen Henze und der Dichterin Ingeborg Bachmann. Wie armselig sind dagegen unsere heutigen Emails! Interessanterweise beschw\u00f6rt Henze in seinem Brief vom April 1965 die \u201eFreuden der Pflicht\u201c, wie es sp\u00e4ter Siegfried Lenz in seinem Roman <em>Deutschstunde <\/em>nannte \u2013 eben die Vorz\u00fcge und Dringlichkeit kreativer Arbeit. Dass der Komponist wohl zeitlebens ein besessener Workaholic war, durfte der Rezensent 1990 in Montepulciano miterleben, wo der Meister noch bis um halb vier Uhr morgens in Beleuchtungsproben Anweisungen gab. Ganz anders hingegen Bachmanns Brief und ihr lebensbejahendes Gedicht <em>An die Sonne<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr das M\u00fcnchner Rundfunkorchester und die Solisten ist dieser Abend eine kompakte, herausfordernde Gro\u00dftat, der man absolut gerecht wurde und sich durchaus mit Darbietungen spezialisierter Ensembles messen konnte. Daf\u00fcr gibt es verdient heftigen Applaus. Eine solch sorgf\u00e4ltige Einstudierung h\u00e4tte jedoch durchaus eine Wiederholung in einem akustisch g\u00fcnstigeren Umfeld verdient.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 5. Juli 2026]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rahmen seiner Reihe Paradisi gloria spielte das M\u00fcnchner Rundfunkorchester am 3. 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