{"id":7555,"date":"2026-07-16T01:28:00","date_gmt":"2026-07-15T23:28:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7555"},"modified":"2026-07-14T01:45:53","modified_gmt":"2026-07-13T23:45:53","slug":"wie-geht-es-dem-fortschritt-in-der-musik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2026\/07\/16\/wie-geht-es-dem-fortschritt-in-der-musik\/","title":{"rendered":"Wie geht es dem Fortschritt in der Musik?"},"content":{"rendered":"\n<p><em>[Anmerkung der Redaktion:] Wolfgang-Andreas Schultz (*1948 in Hamburg) ist als Komponist mit zahlreichen Werken verschiedenster Gattungen hervorgetreten, darunter vier Opern, vier Symphonien, Instrumentalkonzerte, Vokal- und Kammermusik. Er unterrichtete seit 1977 als Assistent seines Lehrers Gy\u00f6rgy Ligeti, seit 1988 als Professor f\u00fcr Musiktheorie und Komposition an der Hochschule f\u00fcr Musik und Theater Hamburg. Neben seiner kompositorischen T\u00e4tigkeit ist er auch als Autor musikphilosophischer Schriften hervorgetreten. Bei dem folgenden Text handelt es sich um einen Vortrag, den Schultz am 23. Mai 2026 in Berlin gehalten hat.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wie geht es dem Fortschritt? Wenn er sprechen k\u00f6nnte, w\u00fcrde er wahrscheinlich sagen: \u201eNicht so gut \u2013 Ich habe Angst vor einem Bedeutungsverlust\u2026 Ich sp\u00fcre, dass es nur noch eine Fassade ist, wenn die Menschen sich zu mir bekennen \u2013 dahinter steht viel Resignation und Gleichg\u00fcltigkeit, die F\u00f6rderung Neuer Musik ist zur Pflicht\u00fcbung verkommen\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In der Tat: Einst war der Fortschritt kraftvoll und m\u00e4chtig, er erschien als etwas, das wie eine Naturgewalt \u00fcber die Menschen hereinbricht, der man sich nicht entziehen kann \u2013 Widerstand w\u00e4re zwecklos\u2026 Erster Eindruck:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung mit der Folge dauernder \u00dcberforderung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Fortschritt ist in keinem Bereich eine Naturgewalt, sondern von Menschen gemacht, wenn auch auf sehr komplexe und oft schwer durchschaubare Art, aber dennoch kein unausweichliches Schicksal. Doch als solches wird er gerne inszeniert, vor allem, wenn es um Machtpositionen im Musikleben und ihre Legitimation geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Einflussreich war die <em>Philosophie der neuen Musik<\/em> von Theodor W. Adorno, einem Parteig\u00e4nger der Sch\u00f6nberg-Schule. Dort wird die Entwicklung von der Sp\u00e4tromantik \u00fcber den Expressionismus mit seiner noch freien Atonalit\u00e4t zur Zw\u00f6lftontechnik als zwangsl\u00e4ufige Entwicklung, als \u201eTendenzen des Materials\u201c dargestellt mit dem Ergebnis: Tonalit\u00e4t ist unwiderruflich verloren und geh\u00f6rt der Vergangenheit an. Sch\u00f6nberg ist der Fortschritt. Gn\u00e4dig wurde den Vertretern der sog. \u201egem\u00e4\u00dfigten Moderne\u201c zugestanden, zwar auf dem richtigen Weg zu sein, aber auf halber Strecke aufgegeben zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei war in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts noch gar nicht klar, wo der Fortschritt stattfand, weil damals der ironisch-tonale Neoklassizismus von Strawinsky viel erfolgreicher war. Erst um 1950 \u201ekl\u00e4rte\u201c sich die Lage, auch durch Adornos 1948 erschienenes Buch: Der Fortschritt liegt in der Atonalit\u00e4t und der Zw\u00f6lftontechnik und ihrer Weiterentwicklung durch Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen. Boulez schrieb 1952, dass \u201ejedweder Musiker, der noch nie die Notwendigkeit der dodekaphonen Sprache erlebt hat (\u2026) NUTZLOS ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Seitdem f\u00fchlt die Neue Musik sich gezwungen, immer etwas Neues hervorzubringen, neue Kl\u00e4nge zu erforschen, bis hinein in die Ger\u00e4usche, kann aber die Erwartung an permanente Innovation kaum noch erf\u00fcllen. B\u00f6se Zungen behaupten, da wird immer noch als neu angepriesen, was schon \u00fcber 50 Jahre alt ist&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Diagnose 1: ein gravierender Denkfehler<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Denkfehler liegt in der Vorstellung einer einzigen linearen Entwicklung, die von Innovation zu Innovation eilt und alles Alte hinter sich zur\u00fcckl\u00e4sst. Wenn man die Musikgeschichte genau betrachtet, merkt man, dass dies eine ganz einseitige Betrachtung ist. Schauen wir uns drei musikgeschichtliche Wendepunkte an:<\/p>\n\n\n\n<p>Um 1600 begannen die Komponisten nicht mehr, wie Jahrhunderte lang zuvor, in polyphon gef\u00fchrten Stimmen zu denken, sondern vertikal-harmonisch: man erfand den Generalbass, eine Kurzschrift f\u00fcr die Harmonien, und begleitete so einzelne S\u00e4nger, was die M\u00f6glichkeiten zum Ausdruck der Affekte ungeheuer erweiterte. Ja, das war ein Fortschritt, aber musste man daf\u00fcr die Vokalpolyphonie f\u00fcr immer aufgeben? Nat\u00fcrlich nicht, und schon bald wurde das Neue mit dem Alten kombiniert. Dar\u00fcber hinaus wurde das Alte, als \u201estile antico\u201c, zum satztechnischen Ger\u00fcst der sp\u00e4teren Barockmusik, ohne das Bach und H\u00e4ndel ihre Meisterwerke nicht h\u00e4tten schaffen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um 1750 wurde das polyphone Denken der sp\u00e4teren Barockzeit durch die Homophonie von Melodie und Harmonie-umschreibender Begleitung ersetzt. Fugen waren altmodisch, und dennoch wurde die Fugentechnik von Haydn und Mozart in die neu entstandene Sonatenform eingef\u00fcgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Muster dahinter l\u00e4sst sich so beschreiben: Etwas Neues entsteht, das im ersten \u00dcberschwang als das einzig Richtige gefeiert wird. Bald darauf entdeckt man, dass das Alte auch seine Qualit\u00e4ten hatte, und man versucht, beides zu verbinden. Im Idealfall stehen dann nicht mehr zwei Stile nebeneinander, sondern es kommt zu einer Integration durch eine neue Sprache, die sowohl das Alte als auch das Neue, aber beides verwandelt, in sich enth\u00e4lt. Das Modell w\u00e4re dann nicht mehr die Linie, sondern die Spirale: Man kommt zu \u00e4hnlichen Punkten zur\u00fcck, aber eine Drehung h\u00f6her, bereichert durch die inzwischen gemachten Erfahrungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch weitere 150 Jahre sp\u00e4ter, kurz nach 1900, \u00fcberschreiten etliche Komponisten die Grenzen der Tonalit\u00e4t, l\u00f6sen die Bindung an ein tonales Zentrum, an eine Tonart, an die Dur- und Moll-Skalen und an die Konsonanz-Dissonanz-Beziehungen. Das ist die Geburtsstunde der Atonalit\u00e4t, aber muss es auch die Todesstunde der Tonalit\u00e4t sein? Viele sagen ja, und halten das f\u00fcr den Fortschritt. Aber warum kommt es da nicht auch zu einer Integrationsbewegung?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein psychologisches Gutachten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es liegt ein Gutachten vor, das behauptet, die Traumata des Ersten Weltkriegs, die die Gesellschaften tief gepr\u00e4gt haben, h\u00e4tten dazu gef\u00fchrt, dass die Menschen ihre Trauer, ihre Schmerzen und all die furchtbaren Erfahrungen hinter einer Fassade aus K\u00e4lte, Distanz und Konstruktion verborgen haben: keine Gef\u00fchle zeigen, alles kontrollieren, Ordnung! Das betrifft in den 20er Jahren den ironisch-tonalen, aber sachlichen und distanzierten Neoklassizismus eines Strawinsky ebenso wie die Zw\u00f6lftonmusik der Sch\u00f6nberg-Schule. Nach dem Ersten Weltkrieg kam die Zw\u00f6lftontechnik, nach dem Zweiten die serielle Musik \u2013 da wird ein Zusammenhang behauptet. Was man damals f\u00fcr Fortschritt h\u00e4lt, sei, so die These, eine Folge der Kriegstraumata.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Therapie-Vorschlag: das Denken \u00e4ndern<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Schritt zu einem anderen Denken w\u00e4re der Schritt von der Linie zur Spirale. Aber man sollte weitergehen: Kann es nicht auch ganz andere Arten der Musikgeschichts-Erz\u00e4hlung geben, die sich nicht an der materiellen Ebene der verwendeten Kl\u00e4nge orientieren, sondern an der inneren Vielstimmigkeit, an Ausdrucksvielfalt und an stilistischer Breite?<\/p>\n\n\n\n<p>Claude Debussy schaute nicht nur nach vorne, zur Chromatisierung bis an die Grenze der Tonalit\u00e4t (aber nicht weiter!), sondern auch zur\u00fcck in die franz\u00f6sische Barockmusik und zum gregorianischen Choral. Gustav Mahler und sp\u00e4ter Dimitri Schostakowitsch benutzten viele stilistische Ebenen, auch vermeintlich \u201cbanale\u201c, und Alfred Schnittke schuf eine polystilistische Musik \u2013 und immer spielte dabei die totgesagte Tonalit\u00e4t eine Rolle. Denn die Tonalit\u00e4t war gar nicht tot, sondern hat sich parallel zur Atonalit\u00e4t weiter entwickelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Daraus l\u00e4sst sich ohne Weiteres eine alternative Erz\u00e4hlung der Musikgeschichte im 20. Jahrhundert ableiten, hin zu mehr innerer Vielfalt. Geschichten zu erz\u00e4hlen geh\u00f6rt zum Menschsein dazu, das ist gut so, aber man sollte sich immer dar\u00fcber klar sein, dass hinter einer Erz\u00e4hlung subjektive Entscheidungen stehen \u00fcber die Auswahl der Ereignisse und \u00fcber den roten Faden, der sie zu einer Entwicklung verbindet.<\/p>\n\n\n\n<p>So kann man sagen: Es gibt unterschiedliche Erz\u00e4hlungen der Musikgeschichte und damit auch unterschiedliche Vorstellungen davon, was Fortschritt sein k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Diagnose 2: Pathologisches Abgrenzungsbed\u00fcrfnis<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was ist aber mit all der Musik, die nicht fortschrittlich ist, sondern \u201er\u00fcckw\u00e4rtsgewandt\u201c und \u201enicht zukunftsweisend\u201c? Diese Musik wurde weitgehend ausgegrenzt, was in den 50er und 60er Jahren soweit ging, dass etliche Komponisten sich angepasst haben \u2013 oder verstummt sind, wie der j\u00fcdische Komponist Bertold Goldschmidt. Und diejenigen, die trotzdem tonal komponierten, Melodien erfanden und geschlossene, sich organische entfaltende Formen gestalteten, mussten sich anh\u00f6ren: \u201eSo kann man heute nicht mehr komponieren!\u201c Oder \u201eDas ist keine moderne Musik!\u201c Und damit waren fast alle T\u00fcren verschlossen, sie wurden kaum aufgef\u00fchrt. Man hielt sie f\u00fcr \u201ekonservativ\u201c \u2013 fast ein Todesurteil f\u00fcr ihre Musik!<\/p>\n\n\n\n<p>Aber gerade konservative Stimmen k\u00f6nnen von Bedeutung sein: Konservative mahnen die Verluste an, die jeder Fortschritt mit sich bringt, und provozieren damit den zweiten Schritt, hin zur Spirale: zur Integration von Alt und Neu. Insofern tragen sie genauso zur Entwicklung bei wie diejenigen, die etwas ganz Neues wagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das soll nicht als Verteidigung epigonaler Stilkopien verstanden werden. Wie immer und mit welchen Mittel immer komponiert wird: das Ergebnis sollte pers\u00f6nlich sein, ein pers\u00f6nliches Gesicht haben. Und wenn die Musik pers\u00f6nlich ist, dann ist sie in irgendeiner Hinsicht auch neu. Und dann k\u00f6nnten Andere an sie ankn\u00fcpfen und sie weiterentwickeln. Das kann ein Fortschritt sein, in welche Richtung auch immer, denn der Fortschritt hat viele Zweige, mal w\u00e4chst der eine, mal der andere. Vielleicht ist der Baum sogar ein noch besseres Bild als die Spirale&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht zuletzt sorgen die Konservativen f\u00fcr die sch\u00f6pferische Bewahrung von handwerklichen F\u00e4higkeiten, die man bei der ersten Begeisterung f\u00fcr das Neue nicht mehr glaubte zu brauchen. Und sie sind W\u00e4chter der Kontinuit\u00e4t der abendl\u00e4ndischen Musikkultur. Und deshalb d\u00fcrfen sie nicht ausgegrenzt werden!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Therapie: Integration<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Ausgrenzung zu \u00fcberwinden ist die Aufgabe nicht nur der Komponisten, sondern all derer, die im Musikbetrieb Verantwortung tragen. Wenn die zeitgen\u00f6ssische Musik sich mit ihren Wurzeln in der Tradition verbindet, sich \u00f6ffnet f\u00fcr all das, was als \u201ekonservativ\u201c entwertet wurde, k\u00f6nnen sich T\u00fcren f\u00fcr neue Entwicklungen auftun, aber nicht zu Collagen aus alten und neuen Stilen, sondern zu neuen Sprachen, die beides verwandelt, pers\u00f6nlich \u00fcberformt, in sich vereinigen. Vielleicht w\u00e4chst ein neuer Zweig, vielleicht wachsen bereits vorhandene weiter. Aber nur, wenn die Wurzeln des Baumes geachtet und gepflegt werden. Da liegt die Chance f\u00fcr eine Genesung unseres Patienten \u201eFortschritt\u201c&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Wolfgang-Andreas Schultz, Mai 2026]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[Anmerkung der Redaktion:] Wolfgang-Andreas Schultz (*1948 in Hamburg) ist als Komponist mit zahlreichen Werken verschiedenster Gattungen hervorgetreten, darunter vier Opern, vier Symphonien, Instrumentalkonzerte, Vokal- und Kammermusik. Er unterrichtete seit 1977 als Assistent seines Lehrers Gy\u00f6rgy Ligeti, seit 1988 als Professor f\u00fcr Musiktheorie und Komposition an der Hochschule f\u00fcr Musik und Theater Hamburg. 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