{"id":7570,"date":"2026-09-04T23:33:02","date_gmt":"2026-09-04T21:33:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7570"},"modified":"2026-09-05T00:02:02","modified_gmt":"2026-09-04T22:02:02","slug":"40-jahre-festival-raritaeten-der-klaviermusik-im-schloss-vor-husum","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2026\/09\/04\/40-jahre-festival-raritaeten-der-klaviermusik-im-schloss-vor-husum\/","title":{"rendered":"40 Jahre Festival \u201eRarit\u00e4ten der Klaviermusik\u201c im Schloss vor Husum"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Das Husumer Festival <\/em>\u201eRarit\u00e4ten der Klaviermusik\u201c<em> feierte vom 22.\u201329. August 2026 sein 40-j\u00e4hriges Bestehen; eine h\u00f6chst bemerkenswerte Leistung f\u00fcr eine Veranstaltungsreihe, die sich ausschlie\u00dflich Repertoire widmet, das im \u201enormalen\u201c Konzertbetrieb sonst praktisch nie zu h\u00f6ren ist, sich jedoch gerade deshalb im internationalen Klavierzirkus l\u00e4ngst einen festen Platz erobert hat. Die acht so gut wie ausverkauften Konzerte gestalteten diesmal das <\/em>Klavierduo Ludmila Berlinskaya &amp; Arthur Ancelle, Emanuele Delucchi, Lukas Geniu\u0161as, Peter Froundjian, Claire Huangci, Artur Pizarro, Nadejda Vlaeva <em>und <\/em>Marc-Andr\u00e9 Hamelin.<em> Unser Rezensent Martin Blaumeiser war die ganze Woche dabei.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Emanuele-Delucchi-\u00a9Nicolai_Froundjian.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Emanuele-Delucchi-\u00a9Nicolai_Froundjian-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7571\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Emanuele-Delucchi-\u00a9Nicolai_Froundjian-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Emanuele-Delucchi-\u00a9Nicolai_Froundjian-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Emanuele-Delucchi-\u00a9Nicolai_Froundjian-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Emanuele-Delucchi-\u00a9Nicolai_Froundjian-1536x1024.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Emanuele-Delucchi-\u00a9Nicolai_Froundjian.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Emanuele Delucchi \/ \u00a9 Nicolai Froundjian<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Das <em>Duo Berlinskaya\/Ancelle <\/em>er\u00f6ffnet die Jubil\u00e4umsreihe mit Originalkompositionen f\u00fcr zwei Klaviere. Poulenc zu Beginn klingt etwas pauschal, und die <em>Three Fantasies on Old Themes <\/em>des geb\u00fcrtigen Moskauers Victor Babin (1908\u20131972), die leicht an Strawinsky ankn\u00fcpfen, erreichen nicht dessen Individualit\u00e4t. \u00dcberzeugender gelingen danach C\u00e9cile Chaminades elegant-virtuoser <em>Valse carnevalesque <\/em>und <em>Pas des Cymbales. <\/em>Der musikalische Fluss und die Agogik des Duos wirken stets stimmig und die beiden halten hervorragenden Kontakt zum Publikum. Bei schnellerem Laufwerk ist die haupts\u00e4chlich von Ancelle gesteuerte Synchronisation nicht absolut perfekt. Klanglich wird es h\u00e4ufig recht knallig und Crescendi beginnen meist schon auf zu hohem Niveau. Dies nivelliert leider dann die beiden Hauptwerke, Amy Beachs ausladende <em>Suite<\/em> <em>Founded upon Old Irish Melodies <\/em>und Anton Arenskys Suite Nr. 2 <em>\u201eSilhouettes\u201c. <\/em>Hier begeistern vor allem die wunderbar schr\u00e4gen Rubati im II. Satz <em>La coquette. <\/em>Insgesamt mangelt es dem Programm an echtem Tiefgang und man beschr\u00e4nkt sich in erster Linie auf quasi orchestrale Illusion; nur ein Aspekt der Literatur f\u00fcr zwei Klaviere.<\/p>\n\n\n\n<p>In die Fu\u00dfstapfen eines legend\u00e4ren Supervirtuosen unter den Composer-Pianists begibt sich der italienische Pianist <em>Emanuele Delucchi. <\/em>Von Leopold Godowskys ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten 53 Paraphrasen \u00fcber Chopins Et\u00fcden spielt er genau jene 16, mit denen dieser am 6.&nbsp;12.&nbsp;1900 im Berliner Beethoven-Saal f\u00fcr Furore gesorgt hatte und so in direkte Konkurrenz mit Ferruccio Busoni trat, der die neue Wirkungsst\u00e4tte der Philharmoniker zuvor er\u00f6ffnet hatte. Delucchi versteht genau Godowskys Intentionen einer weitgehenden Metamorphose und macht nicht den Fehler, das Material der urspr\u00fcnglichen Et\u00fcden zu sehr hervorzuheben, sondern den Zuh\u00f6rern die Transformation zu einer g\u00e4nzlich neuen musikalischen Idee zu vermitteln. Dies gelingt ihm faszinierend; seine ph\u00e4nomenale Technik erm\u00f6glicht nicht nur Durchsichtigkeit der komplexen polyphonen Stimmf\u00fchrung, sondern zugleich Wohlklang, der selbst im Fortissimo nie forciert erscheint. Mit der kontrapunktischen Godowsky-Bearbeitung von Webers <em>Aufforderung zum Tanz <\/em>setzt er am Schluss des offiziellen Programms sogar nochmal eins drauf. Doch die einzige, engagierte Klaviersonate Sergej Ljapunows sowie die eigenen h\u00fcbschen, mit verschiedenen historischen Situationen der Klaviermusik in gem\u00e4\u00dfigt moderner Tonsprache kommunizierenden St\u00fccke des Pianisten selbst werden gleicherma\u00dfen grandios dargeboten \u2013 verdient riesiger Beifall f\u00fcr einen manuell wie intellektuell hellwachen K\u00fcnstler.<\/p>\n\n\n\n<p>Der russisch-litauische Pianist <em>Lukas Geniu\u0161as <\/em>bringt zun\u00e4chst drei Vertreter der russischen Avantgarde zwischen 1910 und 1920. Er spielt Skrjabins letzte <em>5 Pr\u0117ludes op.&nbsp;74, <\/em>in denen dessen harmonische Sprache voll entwickelt erscheint und die Abkehr von der Tonalit\u00e4t fast an den Expressionismus von Sch\u00f6nbergs Op.&nbsp;11 heranreicht, das einmalige mixolydische Kanon-Experiment des mit nur 26 Jahren aus dem Leben geschiedenen Alexej Stantschinsky sowie Arthur Louri\u00e9s achtteiligen, ideenreichen Zyklus <em>rojal v detskoj<\/em>, den man auf Deutsch am ehesten mit \u201eFl\u00fcgel im Kinderzimmer\u201c \u00fcbersetzen k\u00f6nnte. Diesem stellt Geniu\u0161as dann als \u201eechte\u201c, ganz kurze Kinderst\u00fccke Ignaz Friedmans acht <em>Vignettes <\/em>op.&nbsp;76 gegen\u00fcber<em>. <\/em>Beide Sammlungen sind konzentrierte Kostbarkeiten, die es kennenzulernen lohnt und die Geniu\u0161as emotional und dynamisch fein abgestuft auslotet. Seine schn\u00f6rkellose, unmittelbar ber\u00fchrende Charakterisierungskunst bringt hingegen bei den St\u00fccken aus der Suite zu Strawinskys <em>Geschichte vom Soldaten <\/em>wenig. F\u00fcr diese Musik ist ein Soloklavier schlicht zu monochrom, um interessant zu bleiben. \u00dcber welche pianistischen F\u00e4higkeiten der K\u00fcnstler verf\u00fcgt, beweist er schlie\u00dflich in einer Auswahl aus Godowskys <em>Triakontameron <\/em>und drei vortrefflichen Bearbeitungen Rachmaninows von Mussorgskys <em>Hopak<\/em> und eigenen Liedern. Mit dessen Pr\u00e9lude op.&nbsp;32, Nr.&nbsp;13 als Zugabe k\u00f6nnte Geniu\u0161as immer kultivierter, runder Klavierklang freilich genauso gut riesige S\u00e4le f\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Peter Froundjian<\/em>, Gr\u00fcnder und k\u00fcnstlerischer Leiter des Husumer Festivals \u2013 siehe unser <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2025\/08\/12\/klavierfestival-husum-2025-beginnt-am-16-august-interview-mit-dem-kuenstlerischen-leiter-peter-froundjian\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2025\/08\/12\/klavierfestival-husum-2025-beginnt-am-16-august-interview-mit-dem-kuenstlerischen-leiter-peter-froundjian\/\" target=\"_blank\">Interview vom Vorjahr<\/a> \u2013 lie\u00df es sich nicht nehmen, zum 40-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um selbst einen Abend ausschlie\u00dflich seinem Herzensanliegen, der in Deutschland immer noch untersch\u00e4tzen nordischen Musik, zu widmen. Im inklusive Zugaben mit drei Stunden Netto-Spielzeit die Zuh\u00f6rer doch sichtlich erm\u00fcdendem Programm stellt Froundjian nicht weniger als 43 St\u00fccke von 17 verschiedenen Komponistinnen und Komponisten vor. Die vollst\u00e4ndige Liste findet der Leser im <a href=\"https:\/\/piano-festival-husum.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Raritaeten-der-Klaviermusik-Programm-2026.pdf\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/piano-festival-husum.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Raritaeten-der-Klaviermusik-Programm-2026.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Flyer des Festivals <\/a>(S. 14-15). Neben gel\u00e4ufigeren Namen wie Sibelius, Sinding oder Palmgren bringt der Pianist etliche teils \u00fcberraschend hochwertige Rarit\u00e4ten zu Geh\u00f6r. Pickt man ein paar Rosinen heraus, sind die erst k\u00fcrzlich im Druck erschienenen, tiefgr\u00fcndigen Klavierst\u00fccke der D\u00e4nin Hilda Sehested (1858\u20131936) von 1915\/16, die hochvirtuose Et\u00fcde op.&nbsp;17 Nr.&nbsp;2 des Norwegers Halfdan Cleve (1879\u20131951) oder die pianistisch gekonnt orchestral konzipierten <em>Lyrischen St\u00fccke <\/em>und das <em>Intermezzo <\/em>op.&nbsp;8 Nr.&nbsp;3 des Schweden Adolf Wiklund (1879\u20131950) zu erw\u00e4hnen. Die gesamte Darbietung ger\u00e4t emotional aufrichtig, zugleich unaufgeregt und klanglich sorgf\u00e4ltig austariert. Statt die Programmfolge im Wesentlichen nach den Nationalit\u00e4ten der Komponisten zu gruppieren, h\u00e4tte Froundjian vielleicht mit einer individuelleren Anordnung einige historische Verbindungen deutlicher machen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Peter-Froundjian_2-\u00a9Nicolai_Froundjian.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Peter-Froundjian_2-\u00a9Nicolai_Froundjian-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7572\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Peter-Froundjian_2-\u00a9Nicolai_Froundjian-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Peter-Froundjian_2-\u00a9Nicolai_Froundjian-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Peter-Froundjian_2-\u00a9Nicolai_Froundjian-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Peter-Froundjian_2-\u00a9Nicolai_Froundjian-1536x1024.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Peter-Froundjian_2-\u00a9Nicolai_Froundjian.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Peter Froundjian \/ \u00a9 Nicolai Froundjian<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die geb\u00fcrtige Amerikanerin <em>Claire Huangci<\/em> hat u.&nbsp;a. 2018 den Geza-Anda-Wettbewerb gewonnen und zeigt vier Komponistinnen \u2013 Clara Schumann, Fanny Hensel, Amy Beach und Florence Price \u2013 zun\u00e4chst jeweils von ihrer lyrischen Seite, dann mit einem mehr virtuosen St\u00fcck, wobei sich die Pianistin als geradezu explosives Energieb\u00fcndel mit Hang zu rekordverd\u00e4chtigen Tempi entpuppt. Dies gef\u00e4llt noch bei Hensels \u00fcberaus quirliger <em>Introduktion und Capriccio <\/em>H&nbsp;349 und Prices <em>Fantaisie negre Nr.&nbsp;2 <\/em>\u2013 eine sp\u00e4te Replik auf Liszts Ungarische Rhapsodien mit afroamerikanischem Material. Sp\u00e4ter gibt es exorbitant Schwieriges aus den USA. Bleibt Huangcis pianistische Farbpalette im Piano seltsam blass, erscheint ihr allzu drastischer Zugriff ab dem Forte dem t\u00e4glich bestens vorbereitetem Steinway D und der Akustik des Rittersaals v\u00f6llig unangemessen, was das Publikum bei John Coriglianos ziemlich merkw\u00fcrdigem, f\u00fcnfteiligem Hybrid <em>Etude Fantasy <\/em>von 1976 absolut nicht guthei\u00dft, obwohl die Pianistin hier der notierten Dynamik pr\u00e4zise folgt. Dies zeigt allerdings auch einmal mehr, dass man bereits mit nur halbwegs modernem Repertoire nur noch einen kleineren Teil der Husumer Stammg\u00e4ste erreicht. Huangcis spitzer Anschlag st\u00f6rt vor allem \u2013 anders als auf ihrer exzellenten CD-Einspielung von 2024 \u2013 bei der Sonate Samuel Barbers, wo das Changieren zwischen Trauer und w\u00fctender Fassungslosigkeit im 1. und 3. Satz nur aufgesetzt wirkt anstatt zu ber\u00fchren, der zweite Satz lediglich als nerv\u00f6ses Hirngespinst daherkommt. Die zu Recht gef\u00fcrchtete, geniale Schlussfuge bew\u00e4ltigt Huangci mit einer technischen Brillanz ohnegleichen, aber selbst dort scheint die Durchdringung der ernstgemeint strengen musikalischen Strukturen unsensibel und oberfl\u00e4chlich, denn Barber war zweifellos viel mehr Romantiker als die Pianistin ihm hier zugestehen m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Abend von <em>Artur Pizarro<\/em> \u2013 bereits mit drei Jahren auf dem Podium und sp\u00e4ter Sieger etwa beim Leeds International Piano Competition 1990 \u2013 wird f\u00fcr den Rezensenten zur eigentlichen \u00dcberraschung des diesj\u00e4hrigen Festivals. In Husum spielt der Portugiese allerdings schon zum sechsten Mal. Hier kommen alle positiven Qualit\u00e4ten hochkar\u00e4tiger Klavierkunst zusammen: eine wirklich unglaubliche Farbpalette, ideales Verst\u00e4ndnis von Harmonik, Agogik, hochdifferenzierte, dabei nie \u00fcbertriebene Dynamik und eine generell faszinierende, bis in die feinsten Nuancen kontrollierte Anschlagskultur. Emmanuel Chabriers <em>Dix Pi\u00e8ces pittoresques <\/em>(1881) sind als Charakterst\u00fccke ungemein lebendig, kontrastreich und immer pianistisch recht anspruchsvoll. Pizarro kostet diesen wegweisenden, aber kaum im Konzertsaal pr\u00e4senten Markstein hin zum musikalischen Impressionismus mit Delikatesse aus, nimmt die Zuh\u00f6rer ebenso bei Faur\u00e9s <em>Valse-Caprice Nr.&nbsp;3 <\/em>op.&nbsp;59 und den <em>Tr\u00eas Pe\u00e7as<\/em> von Armando Jos\u00e9 Fernandes (1906\u20131983) hundertprozentig mit. Die am Schluss vorgestellte, v\u00f6llig tonale vierte Klaviersonate (1954) von Enrico Tom\u00e1s de Lima \u2013 ebenso ein Landsmann des Pianisten \u2013 kann da nicht mithalten. Dies liegt jedoch einzig am St\u00fcck selbst, nicht am engagierten Vortrag. Der robuste Beginn des Kopfsatzes und auch das Seitenthema verlieren sich. Sp\u00e4ter erh\u00e4lt alles mehr Zug, bleibt dennoch zu eindimensional. De Limas Ostinati sind nur im langsamen zweiten Satz spannungsvoll, der au\u00dferdem die st\u00e4rkste Substanz und ernste, dunkel-impressionistische Farben bringt. Das Finale zelebriert selbstbewusste Folklore, freilich weitaus schlichter als manches Vergleichbare etwa aus S\u00fcdamerika. Die vollendet dargebotene Zugabe, vor der sich Pizarro scherzhaft bekreuzigt, Camille Chevillards intrikat schwere Bearbeitung von Chabriers ber\u00fchmtem <em>Espa\u00f1a<\/em>, endet in nicht enden wollendem Jubel.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht so erfreulich gelingt der Versuch der bulgarisch-st\u00e4mmigen Pianistin <em>Nadejda Vlaeva<\/em>, ausschlie\u00dflich Unbekanntes von zw\u00f6lf (!) Liszt-Sch\u00fclern aus der Versenkung hervorzuholen. Dies scheitert zun\u00e4chst daran, dass sich so manches Werk in der Tat als noch nicht einmal zweitrangig bezeichnen lie\u00dfe, so die geradezu l\u00e4cherlich uninspirierte \u2013 hei\u00dft: stinklangweilige \u2013 Konzertparaphrase (?) Julie Riv\u00e9-Kings (1854\u20131937) <em>Old Hundred <\/em>\u00fcber den Choral <em>Praise God, from whom all blessings flow<\/em>, der selbst blendende Technik nicht auf die Beine helfen kann. Auch einigen St\u00fccken bekannterer Namen, etwa Emil von Sauers hausbackenem Walzer <em>Echo de Vienne <\/em>oder dem einf\u00e4ltigen <em>An der Quelle<\/em> des sp\u00e4ter in die USA \u00fcbergesiedelten Ungarn Rafael Joseffy mangelt es komplett an eigener Pers\u00f6nlichkeit. Oft helfen sich die komponierenden Pianisten hier mit allzu offensichtlichen Wiederholungen, und Frau Vlaeva scheint kaum interessiert, mit leicht variierten musikalischen Parametern mehr Abwechslung hereinzubringen, setzt stattdessen auf K\u00fcrzungen. Bei der pianistisch eigentlich zun\u00e4chst vielversprechenden, sich dann bald festfressenden <em>Toccata chromatique <\/em>Giuseppe Ferratas ist dies eine absolute Notwendigkeit, beim ebenfalls zu langem <em>Alpengl\u00fchen der Jungfrau <\/em>aus Franz Bendels nettem Zyklus <em>Schweizer Bilder <\/em>aber formzerst\u00f6rend. Aus dieser Masse belangloser Petitessen ragen qualitativ lediglich die f\u00fcnf <em>Phantasiebilder <\/em>op.&nbsp;5 des sp\u00e4ter weltber\u00fchmten Dirigenten Felix Weingartner heraus: richtig gute Musik. Bei den absurd virtuosen <em>Variationen <\/em>Moriz Rosenthals \u00fcbersch\u00e4tzt Vlaeva dann ein wenig ihre technischen M\u00f6glichkeiten: ein eher entt\u00e4uschender Abend.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich kommt am 29.&nbsp;8. nach vierj\u00e4hriger Pause der f\u00fcr die Husumer \u201eRarit\u00e4ten\u201c vielleicht pr\u00e4gendste K\u00fcnstler wieder: <em>Marc-Andr\u00e9 Hamelin<\/em>. Nach zwei aufschlussreichen, schon auf Beethoven hinweisenden kurzen <em>Rondos <\/em>aus den Sammlungen <em>f\u00fcr Kenner und Liebhaber <\/em>von Carl Philipp Emanuel Bach und der \u00fcber Strecken ausged\u00fcnnt gesetzten, irgendwo im Niemandsland zwischen Schostakowitsch und Prokofjew anzusiedelnden <em>1. Klaviersonate <\/em>(1940) Mieczys\u0142aw Weinbergs, die er knackig pr\u00e4sentiert, spielt Hamelin zwei eigene St\u00fccke. Die dem Gedenken an den Schallplattenproduzenten Joe Patrych gewidmete d\u00fcstere <em>Mazurka <\/em>von 2024 sowie die nochmals minimal \u00fcberarbeitete, witzige und an Nikolai Kapustins auskomponierten Jazz ankn\u00fcpfende <em>Suite \u00e0 l\u2019ancienne <\/em>sind geistreiche, vielschichtige Klavierfinessen. F\u00fcr viele Besucher ist der Brasilianer Radam\u00e9s Gnattali (1906\u20131988) wohl die auffallendste Neuentdeckung der Konzertreihe 2026. Hamelin hat zwar 1996 einige k\u00fcrzere St\u00fccke des bienenflei\u00dfigen Arrangeurs s\u00fcdamerikanischer Popularmusik hier aufgef\u00fchrt, kann aber mit der teils heiklen Gratwanderung Gnattalis eigener Kompositionen zwischen Nationalismus \u2013 z.&nbsp;B. in der noch ganz in der Liszt-Nachfolge stehenden <em>Rapsodia brasileira<\/em> (1930) \u00fcber einige Kinderlieder \u2013, Jazz und individuell ausgepr\u00e4gter, beinahe reiner Unterhaltungsmusik erneut gl\u00e4nzen. Seine Auswahl demonstriert Gnattalis gro\u00dfe Bandbreite und der Kanadier trifft stets den richtigen Tonfall. Als Dank f\u00fcr ein begeistertes Publikum und anl\u00e4sslich des Jubil\u00e4ums gibt es dann als Ausklang des Festivals alle sieben <em>Virtuoso Etudes after Gershwin<\/em> Earl Wilds, unter Hamelins H\u00e4nden nat\u00fcrlich absolut hinrei\u00dfend.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man dem Festival und Peter Froundjian f\u00fcr das erneut durchg\u00e4ngig hohe Niveau gratulieren und weitere erfolgreiche Jahre w\u00fcnschen darf, sei an dieser Stelle doch vorsichtig daran erinnert, dass bei einer in n\u00e4chster Zeit zwangsl\u00e4ufigen Verj\u00fcngung des Publikums das bisherige Konzept zumindest weitergedacht werden sollte. Der Vorrat noch ungespielten Repertoires \u00fcberwiegend aus der Zeit zwischen 1860 und 1935 ist nicht wirklich endlos, so dass man neuere Bereiche erschlie\u00dfen m\u00fcsste, ohne die Zuh\u00f6rer unn\u00f6tig zu vergraulen. Motto-Abende nur mit ganz kurzen St\u00fccken erweisen sich als mindestens so anstrengend wie modernere Ans\u00e4tze. Dieses Jahr h\u00f6rte man definitiv zu wenig umfangreichere Werke \u2013 auch davon g\u00e4be es genug Interessantes selbst noch unter den Sp\u00e4tromantikern. Als Beispiele seien die vier Sonaten Rheinbergers oder die gro\u00dfe Sonate von Joseph Haas genannt; und von Anton Rubinstein erklang hier bislang nur die erste von vier Sonaten-Schwergewichten. Nur Mut!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 4. September 2026]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Husumer Festival \u201eRarit\u00e4ten der Klaviermusik\u201c feierte vom 22.\u201329. August 2026 sein 40-j\u00e4hriges Bestehen; eine h\u00f6chst bemerkenswerte Leistung f\u00fcr eine Veranstaltungsreihe, die sich ausschlie\u00dflich Repertoire widmet, das im \u201enormalen\u201c Konzertbetrieb sonst praktisch nie zu h\u00f6ren ist, sich jedoch gerade deshalb im internationalen Klavierzirkus l\u00e4ngst einen festen Platz erobert hat. 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