{"id":7597,"date":"2026-09-09T21:05:29","date_gmt":"2026-09-09T19:05:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7597"},"modified":"2026-09-09T21:05:33","modified_gmt":"2026-09-09T19:05:33","slug":"orchester-der-grausamkeiten-rihms-tutuguri-in-der-isarphilharmonie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2026\/09\/09\/orchester-der-grausamkeiten-rihms-tutuguri-in-der-isarphilharmonie\/","title":{"rendered":"Orchester der Grausamkeiten \u2013 Rihms \u201eTutuguri\u201c in der Isarphilharmonie"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Zum Saisonstart der <\/em>musica viva lud <em>die <\/em>Ernst von Siemens Musikstiftung<em> am 6. September 2026<\/em> <em>zu ihrem<\/em> r\u00e4sonanz<em> Stifterkonzert in die M\u00fcnchner Isarphilharmonie ein. Das <\/em>Lucerne Festival Contemporary Orchestra <em>unter der Leitung von<\/em> J\u00f6rg Widmann<em> spielte <\/em>Wolfgang Rihms <em>gewaltiges Po\u00e8me dans\u00e9<\/em> \u201eTutuguri\u201c.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Tutuguri-6.9.26a-LFCO-Engelhardt-Widmann-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"731\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Tutuguri-6.9.26a-LFCO-Engelhardt-Widmann-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR-1024x731.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7598\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Tutuguri-6.9.26a-LFCO-Engelhardt-Widmann-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR-1024x731.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Tutuguri-6.9.26a-LFCO-Engelhardt-Widmann-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR-300x214.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Tutuguri-6.9.26a-LFCO-Engelhardt-Widmann-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR-768x549.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Tutuguri-6.9.26a-LFCO-Engelhardt-Widmann-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR-1536x1097.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Tutuguri-6.9.26a-LFCO-Engelhardt-Widmann-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR-2048x1463.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>\u00a9 Astrid Ackermann \/ BR<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die diesj\u00e4hrige Saison der <em>musica viva<\/em> des Bayerischen Rundfunks startete angesichts der r\u00e4umlichen und klanglichen Anforderungen von <em>Wolfgang Rihms <\/em>(1952\u20132024) riesig besetztem, schlagzeuglastigen Tanzpoem <em>Tutuguri <\/em>(1980\u201382) mal wieder in der Isarphilharmonie statt im Herkulessaal. Die <em>Ernst von Siemens Musikstiftung<\/em> demonstrierte mit der Einladung des erst seit 2021 bestehenden <em>Lucerne Festival Contemporary Orchestra<\/em> zum M\u00fcnchner <em>r\u00e4sonanz<\/em> Stifterkonzert, dass heute auch zu Akademien \u2013 hier die 2004 von Pierre Boulez ins Leben gerufene Lucerne Festival Academy \u2013 geh\u00f6rige Orchester den Leistungsstandard gro\u00dfer, fester Profi-Klangk\u00f6rper erreichen und extrem aufw\u00e4ndige Werke der Neuen Musik perfekt auff\u00fchren k\u00f6nnen. Boulez und Rihm folgend, leitet seit 2026 der M\u00fcnchner Komponist <em>J\u00f6rg Widmann <\/em>die Luzerner Akademie und stellte sich an diesem Abend auch als Dirigent der anspruchsvollen Aufgabe; nach Luzern und Berlin die dritte Auff\u00fchrung mit dem teils sehr jungen Ensemble. Selten hat man eine derart neugierig machende Einf\u00fchrung \u2013 Mark Sattler im Gespr\u00e4ch mit Widmann und <em>Michael Engelhardt<\/em> \u2013 geh\u00f6rt wie vor diesem Konzert.<\/p>\n\n\n\n<p>Rihms fast 140-min\u00fctige, zweiteilige Komposition in vier \u201eBildern\u201c wurde durch das Gedicht \u201e<em>Tutuguri<\/em> \u2013 Der Ritus der schwarzen Sonne\u201c aus dem H\u00f6rspiel <em>Pour en finir avec le jugement de dieu<\/em> des franz\u00f6sischen Dramatikers, Schauspielers und Theater-Theoretikers <em>Antonin Artaud <\/em>(1896\u20131948) angeregt. Das Werk ist aber weder eine \u201eVertonung\u201c des Gedichts, schon gar nicht ein Handlungsballett, obwohl Rihm einzelne Sprachfetzen eines zentralen, die angestrebte Utopie erkl\u00e4renden, paradox anmutenden Satzes \u2013 ebenfalls aus besagtem H\u00f6rspiel \u2013 dem an wenigen, k\u00fcrzeren Stellen vom Tonband eingespieltem Chor (SWR Vokalensemble, Einstudierung: Rupert Huber) zuweist; \u00fcbersetzt: <em>\u201eAlles muss haargenau in eine tobende Ordnung gebracht werden.\u201c<\/em> Gegen ein \u00fcber 90 Musiker starkes Orchester mit sechs gewaltigen Schlagzeug-Batterien h\u00e4tte ein Live-Chor ohne Verst\u00e4rkung keine Chancen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schauspieler und Dramaturg Michael Engelhardt rezitiert zu Beginn in Kost\u00fcm und eindringlicher K\u00f6rperhaltung eines v\u00f6llig \u201eabgerissenen\u201c, verst\u00f6rten Individuums Artauds Gedicht als Ganzes, vor den einzelnen Bildern nochmals die entsprechenden Abschnitte. Zusammen mit Sarah M\u00fcller hat er <em>Tutuguri <\/em>neu ins Deutsche \u00fcbersetzt, besonders um der Mehrdeutigkeit des Wortes \u201ecruaut\u00e9\u201c \u2013 eben nicht nur \u201eGrausamkeit\u201c, sondern auch \u201eNacktheit\u201c bzw. \u201eRohsein\u201c \u2013 gerecht zu werden. Trotzdem darf man in Anlehnung an den von Artaud gepr\u00e4gten Begriff des \u201eTheaters der Grausamkeit\u201c bei Rihms St\u00fcck durchaus von einem Orchester der Grausamkeit sprechen, vor allem wegen der \u00fcber weiten Strecken vorherrschenden, geradezu infernalischen Lautst\u00e4rke.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Orchester \u2013 50 Streicher, nur dreifach besetzte Bl\u00e4ser, Klavier, Harfe, Pauken sowie 6 Solo-Schlagzeuger \u2013 ist nat\u00fcrlich trotzdem hochdifferenziert notiert und technisch absolut herausfordernd f\u00fcr alle Musikerinnen und Musiker, die mit unglaublichem Engagement an Rihms Werk herangehen. Widmann hat die nie langweilige, vielschichtige Partitur minuti\u00f6s mit seinem Orchester erarbeitet und agiert als Dirigent ungemein energetisch, erreicht eine immer \u00fcberzeugende Dynamik und Klangschichtung, t\u00e4nzelt und springt manchmal auf dem Podium, wird so dem Untertitel schon \u00e4u\u00dferlich gerecht. Nur der erste Teil (Bilder I-III) dauert quasi non-stop 90 Minuten. Immer wieder gibt es bereits hier Abschnitte, die exzessiv vom Schlagwerk dominiert werden, das nach einem Aufschrei des Sprechers noch von vier in den Ecken des HP8 platzierten Tam-Tams und weiteren zehn nun auf verschiedene Klangk\u00f6rper eindreschenden Spielern aus dem Orchester verst\u00e4rkt wird. Artaud hatte 1936 den Peyote-Kult des mexikanischen Tarahumara-Stammes miterlebt. Als H\u00f6rer muss man sich schon sehr offen auf den dies reflektierenden musikalischen Ritus einlassen, um eine Art Befreiung erleben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Tutuguri-6.9.26b-Schlagzeuger-des-LFCO-Widmann-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"731\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Tutuguri-6.9.26b-Schlagzeuger-des-LFCO-Widmann-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR-1024x731.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7599\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Tutuguri-6.9.26b-Schlagzeuger-des-LFCO-Widmann-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR-1024x731.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Tutuguri-6.9.26b-Schlagzeuger-des-LFCO-Widmann-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR-300x214.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Tutuguri-6.9.26b-Schlagzeuger-des-LFCO-Widmann-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR-768x549.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Tutuguri-6.9.26b-Schlagzeuger-des-LFCO-Widmann-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR-1536x1097.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Tutuguri-6.9.26b-Schlagzeuger-des-LFCO-Widmann-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR-2048x1463.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>\u00a9 Astrid Ackermann \/ BR<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im 2. Teil bleiben nur noch sechs Solo-Schlagzeuger (siehe Tags; insgesamt zehn Spieler teilen sich die schwei\u00dftreibende Arbeit der beiden Teile untereinander auf) auf der B\u00fchne, jetzt auch lediglich mit Instrumentarium ohne definierte Tonh\u00f6hen, also verschiedenste Trommeln, Becken und Tam-Tams. Diese scheinbare Reduktion f\u00fchrt jedoch geplant zu noch st\u00e4rkerer Konzentration und wohl auch objektiv zu einem im Schnitt viel h\u00f6herem Schalldruckpegel als im ersten Teil. Selbst in der 11. Reihe mit dem Rezensenten ger\u00e4t diese stetige Zwerchfellmassage zu einem 45-min\u00fctigen Exerzitium nahe an der Schmerzgrenze. Dagegen sind japanische Taiko-Ensembles ein laues L\u00fcftchen. Die hochvirtuose, ununterbrochene Raserei der Solisten wird von Widmann erneut \u00fcberragend und mit musikalisch subtiler Unterst\u00fctzung koordiniert \u2013 was f\u00fcr eine phantastische Leistung aller Beteiligten! Wie vorher das gesamte Orchester erh\u00e4lt die Schlagzeuggruppe langanhaltenden, begeisterten Applaus eines begl\u00fcckt-\u00fcberw\u00e4ltigten Publikums. <em>Tutuguri <\/em>muss man einmal erlebt haben \u2013 aber das d\u00fcrfte dann wieder f\u00fcr etliche Jahre reichen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 8.9.2026]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Saisonstart der musica viva lud die Ernst von Siemens Musikstiftung am 6. September 2026 zu ihrem r\u00e4sonanz Stifterkonzert in die M\u00fcnchner Isarphilharmonie ein. Das Lucerne Festival Contemporary Orchestra unter der Leitung von J\u00f6rg Widmann spielte Wolfgang Rihms gewaltiges Po\u00e8me dans\u00e9 \u201eTutuguri\u201c. 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