{"id":760,"date":"2016-04-26T00:31:12","date_gmt":"2016-04-25T22:31:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=760"},"modified":"2016-04-26T00:31:22","modified_gmt":"2016-04-25T22:31:22","slug":"rezensionen-im-vergleich-9-hochdramatische-feuertaufe-und-quintettorchester","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/04\/26\/rezensionen-im-vergleich-9-hochdramatische-feuertaufe-und-quintettorchester\/","title":{"rendered":"[Rezensionen im Vergleich] Hochdramatische Feuertaufe und Quintettorchester"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Im britischen Klassikmagazin Gramophone gab es eine Rubrik, in welcher Kritikernestor Robert Layton Kritiken j\u00fcngerer Kollegen nachtr\u00e4glich kritisch unter die Lupe nahm und sozusagen Kritik an der Kritik \u00fcbte. Das ist sicher eine originelle Idee, und mehr Kritik an der Kritik w\u00e4re dringend allgemein vonn\u00f6ten. Nun haben wir zwar nicht vor, dergleichen bei The New Listener einzuf\u00fchren, doch mit dem Eklat um die Kritik von Josef Rottweiler zum Konzert im Freien Musikzentrum M\u00fcnchen am 22. April liegt ein Fall vor, dem weitere Klarstellung gut tut. Da der Verfasser dieser Zeilen im Konzert auch zugegen war, m\u00f6chte er nunmehr eine dritte Stimme hinzuf\u00fcgen, um das Spektrum des Wahrgenommenen zu erweitern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Konzert, in dessen erster H\u00e4lfte der in M\u00fcnchen lebende peruanische Meisterpianist Juan Jos\u00e9 Chuquisengo erstmals als Komponist vor die deutsche \u00d6ffentlichkeit trat, begann mit einem Arrangement Chuquisengos von Mariano Mores\u2019 (1918-2016) popul\u00e4rer Milonga \u201aTaquito militar\u2019 f\u00fcr Violine und Klavier, vortrefflich im spielerischen Charakter erfasst von Rebekka Hartmann und Ottavia Maceratini. Danach spielte Frau Maceratini eine rauschhafte Klavierfantasie von Chuquisengo, die sie elf Tage zuvor in Z\u00fcrich zur sehr erfolgreichen Urauff\u00fchrung gebracht hatte (siehe die entsprechende Z\u00fcrcher <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/04\/13\/arabesken-fantasien-andenkrieger-2\/\">Kritik bei The New Listener<\/a>) \u2013 und die sie hier noch differenzierter und souver\u00e4ner zu gestalten verstand: \u201aGuerrero Andino\u2019, ein technisch \u00e4u\u00dferst herausforderndes, ungeheuer klangsch\u00f6nes Werk, das eine immense Stilbreite quasi indigener Stilelemente vorstellt, ohne je Volksweisen zu zitieren, und nach Ansicht vieler pr\u00e4destiniert, ein erfolgreiches Repertoirest\u00fcck zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dem folgte die Urauff\u00fchrung der 2014 entstandenen und 2015 \u00fcberarbeiteten \u201aTango-Metamorphosen\u2019 von Chuquisengo f\u00fcr Streichquintett unter der sehr musikalischen Leitung des Komponisten. Er erwies sich darin auch als durchaus begabter Dirigent, der sicher noch das rechte durchgehende Ma\u00df zwischen Aktion und Geschehenlassen finden muss \u2013 ein paar Mal hatte man den Eindruck, dass er so sehr beim Zuh\u00f6ren war, dass er fast das Dirigieren vergessen h\u00e4tte. Umso inniger gl\u00fcckte vieles in dieser Auff\u00fchrung. An einigen besonders komplexen Stellen in diesem so \u00fcberreichen, hochdramatischen, wahrhaft symphonisch gebauten gro\u00dfen eins\u00e4tzigen Werk, das urspr\u00fcnglich als Hommage an Astor Piazzolla betitelt war, kam es zu kleineren Unf\u00e4llen, und einmal stieg eine Beteiligte f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit aus und spielte trotzdem weiter, was f\u00fcr ein paar Takte harmonisches Chaos sorgte. So etwas ist bei Urauff\u00fchrungen immer wieder passiert, es geh\u00f6rt sozusagen zum Abenteuer der Feuertaufe dazu, und doch kann man den Musikern, die in k\u00fcrzester Zeit (bedingt durch Erkrankung zun\u00e4chst zur Mitwirkung vorgesehener Kollegen) das kontrapunktisch und rhythmisch sehr komplexe Werk erstaunlich gut umzusetzen verstanden, nur hohen Respekt zollen, und das Publikum war zutiefst ergriffen und begeistert von dieser so wild ungest\u00fcmen wie z\u00e4rtlich gesangvollen Musik, die organisch zielsicher unterschiedlichste Aggregatzust\u00e4nde durchwandelt. Chuquisengo hat das Zeug zu ganz Gro\u00dfem und d\u00fcrfte als Komponist bald zu hohen Ehren kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nach der Pause spielten zun\u00e4chst Rebekka Hartmann und Shasta Ellenbogen drei wundersch\u00f6n einfache Canzonettas vom gro\u00dfen neuseel\u00e4ndischen Meister Douglas Lilburn (1915-2001), wobei die so einfache Pizzicato-Begleitung der Bratsche in der ersten Canzonetta rhythmisch sehr unstet ausfiel. Ansonsten war der Vortrag sehr ausdrucksvoll und fesselnd. Im folgenden Duo f\u00fcr zwei Violinen, im Zusammenspiel nicht ganz so begl\u00fcckend, konnte man Lilburns gro\u00dfe Kunst freier kontrapunktischer Gestaltung bewundern. Wer nicht ideologiebelastet an diese Musik herangeht, also sich nicht damit aufhalten muss, dass zu dieser Zeit Boulez, Nono oder Xenakis viel \u201emodernere\u201c Musik geschrieben haben, kann erfahren, welch gro\u00dfe Kunst in vollendeter Einfachheit und auch erf\u00fcllter Sparsamkeit der Mittel liegen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Gestalterischer H\u00f6hepunkt des Konzerts war zweifellos das erste Klavierkonzert in C-Dur von Beethoven in der Streicherfassung Vinzenz Lachners. Ja, es war wirklich erstaunlich, wie orchestral das Quintett erklang, und man kann von Ottavia Maria Maceratini nur sagen, dass man lange herumreisen muss, um jemanden zu h\u00f6ren, der dieses Konzert heute \u00e4hnlich \u00fcberzeugend darbieten k\u00f6nnte. Wenn viele Zuh\u00f6rer hier von Weltklasse sprachen, kann man ihnen nur gelassen beipflichten. Sicher, der langsame Satz vertr\u00fcge mehr Ruhe und eine tiefere Erforschung der introvertierten Dimension, der Schattenanteile der Musik; und das Finale war an der absoluten Tempoobergrenze orientiert, das war kein Allegro mehr, sondern ein Presto \u2013 aber so gespielt, so artikuliert war es einfach bezwingend. Schwierig allerdings f\u00fcr die Streicher, in dem rasanten Tempo zu entsprechendem Klang zu finden, da m\u00fcsste man es wohl noch ein paar Mal spielen. Ganz besonders gelungen war auf jeden Fall der Kopfsatz, und insgesamt war das alles von einer frappierenden Musikalit\u00e4t und organisch entwickelten Logik des Aufbaus, eine echte Freude. Wir sind sehr gespannt, was wir von diesen Musikern noch h\u00f6ren werden.<\/p>\n<p><strong>[Lucien-Efflam Queyras de Flonzaley, April 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im britischen Klassikmagazin Gramophone gab es eine Rubrik, in welcher Kritikernestor Robert Layton Kritiken j\u00fcngerer Kollegen nachtr\u00e4glich kritisch unter die Lupe nahm und sozusagen Kritik an der Kritik \u00fcbte. Das ist sicher eine originelle Idee, und mehr Kritik an der Kritik w\u00e4re dringend allgemein vonn\u00f6ten. 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